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Dir gefällt Horror: Wie das Internet den Horrorfilm verändert


Der Horrorfilm braucht echte Angst. Seit seinem Bestehen reflektiert das Genre unsere realen Erfahrungen von Gewalt, Ekel und Tod. Wir fürchten uns alle – der Horrorfilm übernimmt die Mission, diese Furcht zu vermessen und im Kino erfahrbar zu machen. Doch wie spürt man die Angst der Menschen eigentlich auf? Wo findet man sie? Lange Zeit war die Suche nach dem, was den Menschen besonders große Angst macht ein sehr intimer oder rechercheintensiver Vorgang. Die wahren Meister des Horrors psychologisierten sich entweder selbst oder sie durchsuchten die Wirklichkeit mühsam nach interessanten Ängsten. Heute ist das anders. Das Internet hat auf alles eine Antwort - auch auf die Frage, was den Menschen Angst macht. Frag sich nur, ob uns diese Antwort überhaupt gefällt.

Unfriend

Quelle- Internet (1)
Horror und Internet. Am Anfang passte da nichts. Die ersten Versuche der Filmindustrie, das digitale Zeitalter zu thematisieren, gingen gewaltig in die Hose. Mal unbeholfen, oft krude, dafür immer schlecht recherchiert, so waren sie, die frühen Bestrebungen, die die neue, digitale Lebenswelt in Horrorfilmen abzubilden gedachten. In Filmen wie „FearDotCom“, „Untraceable“ oder „Dot.Kill“ wurde gestriger Horror mit verkürzt dargestellten Aspekten des Internets vermengt, damit man das Ganze dann als „innovativ“ verkaufen konnte. Vor allem der gute, alte Serienmörder machte um die Jahrtausendwende herum plötzlich mit Hilfe des Internets Jagd auf seine Opfer. In vielen Filmen aus dieser Zeit wurden die Gewaltverbrechen nun „ins Internet gestellt“. Dort wurden sie dann meist von klischeehaft gezeichneten Nerds, Hackern oder Gamern entdeckt, deren primäre Aufgabe es war, am Ende des ersten Aktes vom Killer ermordet zu werden. Das galt damals als modern. Der Puls der neuen Internetzeit, er schlug zunächst sehr schwach im Horrorfilm.

Bis du schon drin: Internet und Horror in der Frühphase

Die Filme aus dieser Frühphase taten sich an den Kinokassen schwer und waren noch schwerer zu ertragen, stellten sie das Internet und dessen Nutzer doch oftmals erstaunlich negativ dar. So griffen die ersten „Internet“-Horrorfilme vor allem die Ängste älterer Menschen auf, die sich vor dem unbekannten, neuen Medium diffus fürchteten. Folgerichtig bedienten sich diese Filme gerne auch einer eher konservativen, oftmals überraschend rigiden Moralvorstellung.

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Mit dem Siegeszug der Sozialen Medien veränderte sich diese dürftige Lage rasant. Wenngleich es auch hier einige eher schlichte Einträge zu bedauern gab, so ließen Filme wie „Megan Is Missing“ (2011), „Smiley“ (2012), „Antisocial“ (2013), „The Den“ (2014) oder #Horror“ (2015) doch immerhin einen interessanten Trend erkennen. Erstmals behandelten Horrorfilme ganz reale Ängste und Probleme von Menschen, die viel Zeit im Internet verbringen. Daraus ergab sich quasi automatisch ein Mehr an Authentizität, was dann wiederum im Umkehrschluss auch die Effektivität der „Internet“-Horrorfilme deutlich steigerte. Mit Hilfe von tatsächlich existierenden Anwendungen wie Zum Beispiel Chat Rooms, Chatroulette, Craigslist, Instagram, Skype, Spotify und Facebook wurden die problematischen Aspekte des Mediums – etwa Eitelkeit, Konkurrenz, Anonymität, Suchtverhalten oder Cyberbullying – erstmals auf glaubwürdige Weise thematisiert. Ein Trend, der im vergangene Jahr mit „Unknown User“ von Lewan Rewasowitsch Gabriadse seinen vorläufigen Höhepunkt fand und der sich aufgrund seines Erfolgs sicherlich fortsetzen dürfte. So konnte der vergleichsweise billig produzierte Film insgesamt über 60 Millionen Dollar weltweit einspielen. Es dürfte also in naher Zukunft eine ganze Welle von „Social“-Horrorfilmen über uns hereinbrechen.

Zielgruppengerechte Vermarktung von Horror

Während die gelungene Thematisierung der Sozialen Medien im Horrorfilm also nur erstaunlich langsam vom Fleck kommt, ist seine Vermarktung über Facebook und Twitter bereits im vollen Gange. Hollywood hat viel in digitale Werbemaßnahmen investiert und das Potential einer zielgruppengerechten Vermarktung von Horrorfilmen erkannt. So ist etwa der überraschende Erfolg von Filmen wie „Paranormal Activity“ oder „The Last Exorcism“ auch auf die enorme Reichweite ihrer viralen Kampagnen zurückzuführen. Auch am „Killerclown“-Phänomen hat Hollywood mächtig mitgebastelt, wenngleich das aktuell niemand mehr zugeben würde.

Horror, das wird in der Filmindustrie derzeit immer mehr Verantwortlichen bewusst, Horror passt hervorragend in die Welt der sozialen Medien. Seine brachialen Bilderwelten wecken Neugierde, sein Ekel evoziert emotionale Reaktionen und seine Schreckgespenster lassen sich prima als Mutproben im Freundeskreis teilen. Zudem sind Horrorfans in Bezug auf ihr Verhalten in sozialen Netzen erstaunlich berechenbar. Blut ist eben dicker als manch anderer Stoff.

Die Zukunft des Horrors: Bessere Werbung, schlechtere Filme?

Das Auslesen von Zielgruppen und Userdaten spielt aber nicht nur mittels Werbung eine zentrale Rolle für die Zukunft des Horrorfilms. Die Tür der Sozialen Medien schwingt nämlich in beide Richtungen. So ließ sich 2016 ein weiterer Trend beobachten: Virale Bilder, populäre Memes und im Internet geführte Diskussionen bestimmen langsam aber sicher immer mehr auch die konkreten Inhalte des Horrorfilms.

Wer zum Beispiel regelmäßig den „creepy“-Thread auf Reddit besucht, dem wird das dort Gepostete immer häufiger noch ein zweites Mal im Kino begegnen. Zwei besonders eindrucksvolle Beispiele dieser fragwürdigen Praxis ließen sich in James Wans „Conjuring 2“ und Jaume Collet-Serra’s „The Shallows“ beobachten. In beiden Fällen verwursteten die Regisseure ehemals virale Fotos ein zweites Mal in ihren Filmen. In beiden Fällen geschah dies in einer überraschend unkreative Weise. Nämlich als direkte Kopie. Und ohne Quellenangabe. Was im Internet funktioniert, funktioniert bestimmt auch in einem Horrorfilm. So die versteckte Überzeugung hinter diesem Verfahren. Das Risiko soll minimiert, der digitale Erfolg reproduziert werden. Wovor haben die Leute gerade Angst: Vor genau diesem Bild.

Geben also sogenannte Virals bald den Ton im Horrorfilm an? Lassen sich Produzenten schon bald den Horrorfilm zum populärem Meme bauen? Bekommt jeder Million-fach geklickte Horror-Clip, jeder blöde Prank, jeder kurzlebige Killerclown demnächst seinen eigenen Schocker verpasst? Es stimmt schon, dank gläserner User wissen Produzenten heute tatsächlich ganz genau, wovor die Menschen Angst haben. Wer wissen möchte, was ihnen Angst macht, muss demnach nur ihre Nutzerdaten kaufen. Vorausgesetzt natürlich, dass das was die Menschen auf Facebook & Co so alles über sich und ihre Ängste behaupten, auch tatsächlich der Wahrheit entspricht. Tut es das nicht, sagen die viralen Hits am Ende also rein gar nichts über unsere realen, verborgenen, unappetitlichen und unbequemen Ängste aus, dann haben wir ein Problem. Das würde nämlich bedeuten, dass wir uns in Horrorfilmen bald nur noch vor Dingen fürchten sollen, vor denen in Wirklichkeit niemand wrikliche Angst hat. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für das Genre.