Die Unglaublichen 2 Poster

„Die Unglaublichen 2“-Kritik: Witzig statt originell

Sebastian Werner  

Der 2004 erschienene Pixar-Film „Die Unglaublichen“ erhielt einen Oscar als Bester Animationsfilm und eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch. Nun hat Regisseur und Autor Brad Bird eine späte Fortsetzung inszeniert, die witziger ist als das Original. Aber ist „Die Unglaublichen 2“ deshalb automatisch besser?

„Die Unglaublichen 2“ – Teaser-Trailer

Make Superheroes great again

Wir erinnern uns: Nachdem Familie Parr/Die Unglaublichen die Stadt Municiberg am Ende des ersten Teils vor dem Omnidroid gerettet hatte, dachte die Regierung darüber nach, die Superhelden wieder zu legalisieren. In der letzten Szene des Films krachte dann der Tunnelgräber durch das Erdreich und die Parrs stürzten sich mit siegessicherer Miene in den Kampf. Die Handlung von „Die Unglaublichen 2“ setzt genau an dieser Stelle wieder ein. In einer wilden Verfolgungsjagd versuchen die vier Superhelden mit der Hilfe von Frozone, das gigantische Gefährt des Schurken zu stoppen, bevor es das Ratsgebäude zerstört.

Am Ende gelingt ihnen das zwar, doch der Schaden an der Stadt ist unübersehbar. Außerdem konnte der Tunnelgräber in dem Tumult mitsamt der Beute eines Bankraubs entkommen. Die Regierung reagiert entsprechend unwirsch und besteht deshalb weiterhin auf das Superheldenverbot. Dass die Parrs nach ihren Heldentaten wieder in ihr trostloses Undercover-Dasein zurückkehren müssen, sorgt schnell für familiäre Streitigkeiten. Wie gut, dass der Boss des Telekommunikations-Unternehmens DEVTECH ein riesiger Superheldenfan ist und schon einen Plan für deren Rehabilitation hat.

Der reiche Industrielle möchte Mutter Helen aka Elastigirl in die Stadt New Urbrem schicken und dort ihre Heldentaten durchgehend filmen. So erfährt die Bevölkerung aus erster Hand, was ihre Beschützer tagtäglich leisten könnten, wenn man sie nur ließe. Vater Bob muss derweil in der DEVTECH-Villa bleiben und die Kinder hüten. Lange kann das nicht gut gehen. Als besonders schwierig erweisen sich die Superkräfte von Baby Jack-Jack, die sich zunehmend Bahn brechen und für Chaos sorgen. Währenddessen bekommt es Elastigirl mit dem Schurken Screenslaver (ein Wortspiel mit Screensaver) zu tun. Der hypnotisiert via Bildschirm die Menschen und wird bald eine Bedrohung für die gesamte Familie.

Jack-Jack: Die Show

In puncto Humor kann „Die Unglaublichen 2“ seinen Vorgänger locker toppen. Das liegt vor allem an Jack-Jack, dessen abgefahrenen Fähigkeiten schon im ersten Teil und im Kurzfilm „Jack-Jack Attack“ zu sehen waren: Der Kleine geht in Flammen auf, wird zum beißwütigen Monster, schießt Laserstrahlen aus den Augen, kann durch die Dimensionen reisen und noch einiges mehr. Im Film kommen diese Fähigkeiten noch einmal „neu“ zum Vorschein und sorgen für zahlreiche irrwitzige Situationen, zum Beispiel, wenn sich das Superbaby mit einem Waschbären prügelt oder später auf urkomische Weise unter echten Gegnern aufräumt. Ein großer Spaß, der für viele Lachsalven im Kino sorgt.

Doch für den Film erweist sich das witzige Baby als Segen und Fluch zugleich. Da der Kleine bis zum Showdown die komplette Aufmerksamkeit auf sich zieht, sind die anderen Familienmitglieder fast durchgehend dazu verdammt, zu reagieren, statt selbständig zu agieren. Deren Rollen beschränken sich darauf, den Kleinen aufzufangen, zu verfolgen oder irgendwo in dem neuen Zuhause der Parrs aufzuspüren. Dadurch bleiben die großartigen Figuren diesmal deutlich blasser und haben kaum Platz, ihr volles Potenzial auszuschöpfen, geschweige denn, sich irgendwie weiterzuentwickeln.

Dashs Renn-Fähigkeit kommt zum Beispiel kaum zum Tragen und dem scheinbar unendlich dehnbaren Elastigirl wurde nicht eine einzige skurrile Situation spendiert. Durch den neuen Fokus auf Slapstick legt sich „Die Unglaublichen 2“ erzählerisch selbst die Zügel an und schafft es nicht, die Stärken auszuspielen, die den Vorgänger so einzigartig gemacht haben.

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Kein Kinderkram

Wie „Der Gigant aus dem All“ und dem oscarprämierten „Ratatouille“ war auch Brad Birds Animationsfilm „Die Unglaublichen“ aufregend anders. Das ausgefallene 60er-Jahre-Setting, der swingende Soundtrack von Michael Giacchino und das fantastische „James Bond“-Flair bewegten sich so weitab der üblichen Kinder-Zielgruppe, dass der ein oder andere Studio-Boss im Vorfeld zweifellos ins Schwitzen geraten ist. Doch mehr noch: Bird baute im Laufe seines Films ein Drohszenario auf, dass in Filmen unter dem Disney-Label nicht selbstverständlich ist.

Im ersten Teil findet Mr. Incredible nämlich heraus, dass Bösewicht Syndrome für seine Forschung zahlreiche Superhelden getötet hat. Nicht gefangen genommen oder in ein Teeservice verwandelt — sondern tatsächlich getötet hat. Als Elastigirl später mit Dash und Violetta auf Nomanisan strandet, warnt Mutter Parr ihre Kinder davor, dass dies hier nicht wie in einem ihrer Samstagvormittags-Trickfilme sei. Syndromes Handlanger werden keinerlei Rücksicht auf Kinder nehmen und sie töten, sobald sie die Chance dazu haben. So eine Aussage fällt in einem Animationsfilm wirklich nicht alle Tage.

Doch aus eben dieser realen Gefahr zog „Die Unglaublichen“ einen ganz besonderen Effekt. Wenn Dash dann in einer wahnwitzigen Szene durch den Dschungel prescht und dabei seine Verfolger ausschaltet, wenn es Violetta im letzten Moment gelingt, mit ihrem Schutzschirm das Gewehrfeuer abzuwehren, dann erzeugte das im Zuschauer ein einzigartiges Triumph-Gefühl, von dem andere Blockbuster oft meilenweit entfernt sind. Kein Wunder also, dass das Drehbuch von Brad Bird als Oscar-Favorit galt.

Helden im Weichspüler

In „Die Unglaublichen 2“ kehren der swingende Soundtrack und das Sixties-Flair zwar zurück, doch diesmal setzt das Ganze keine neuen Akzente, sondern gehört einfach zur Ausstattung. Da keiner der Helden in der Basis eines Bösewichts unterwegs ist, fehlt außerdem das spezielle Bond-Feeling im Film. Das wäre prinzipiell kein Problem, hätte Bird es nicht verpasst, einen anderen Stil an dessen Stelle treten zu lassen. Als Elastigirl in der Mitte des Films durch zahlreiche dunkle Gassen hetzt, keimt kurz die Hoffnung auf, der Regisseur würde den düsteren Film Noir aufgreifen. Doch die stilvolle Dunkelheit verschwindet bald wieder sang- und klanglos aufgrund einer von Jack-Jacks (zweifellos witzigen) Eskapaden.

Mit einer echten Bedrohung kann der Film ebenfalls nicht dienen. Obwohl es bald einen (recht vorhersehbaren) Twist gibt und einige Superhelden böse werden, haben diese in keiner Sekunde den Bedrohungsgrad von Syndromes Schergen. Auch der Screenslaver selbst ist nicht gefährlich genug, um den Film über das Level eines witzigen Animationsabenteuers à la „Ich – Einfach unverbesserlich 3“ zu heben. Da die Handlung des Films nun in beschaulichen Bahnen verläuft, kann das Geschehen nicht mehr in einer entfesselten zweiten Filmhälfte gipfeln und bleibt insgesamt recht unspektakulär.

So fehlt es der Fortsetzung an Energie, Inspiration, Originalität und Grimmigkeit, um letztlich aus dem großen Angebot an Animationsfilmen hervorzustechen. Für einen so großen Geschichtenerzähler wie Brad Bird ist das leider enttäuschend. Da es der Filmemacher zudem verpasst, dem allgegenwärtigen Superheldengenre ein paar gezielte Seitenhiebe zu verpassen, wird der Eindruck zusätzlich verstärkt, dass der Meister hier zu viel Potential liegen gelassen hat.

Fazit:

„Die Unglaublichen 2“ ist ein äußerst witziges und gut gelauntes Animationsabenteuer, das deutlich familienfreundlicher daherkommt als sein Vorgänger. Für den erhöhten Spaßfaktor opfert Filmemacher Brad Bird allerdings die erzählerische und stilistische Einzigartigkeit seines oscarprämierten Vorgängers. Erwachsene Filmfans dürfte das enttäuschen.

„Die Unglaublichen 2“ startet am 15. Juni 2018 in den USA und am 27. September in Deutschland.

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