Death Wish Poster

„Death Wish“-Filmkritik: Donald Trump wird diesen Film lieben!

Johannes Spengler  

Als „Ein Mann sieht rot“ (OT: „Death Wish“) 1974 in Deutschland erscheint, heißt es, der Film verherrliche Selbstjustiz und sei aufgrund seiner bösen Einstellung gefährlich. Mit Eli Roth hat sich nun ein Regisseur, der ohnehin im Verdacht steht, böse und gefährliche Filme zu produzieren, darangemacht, ein Remake mit Bruce Willis in der Hauptrolle zu drehen. Auch „Death Wish“ 2018 dürfte einen ähnlichen Skandal provozieren — die Filmkritik zum deutschen Kinostart von „Death Wish“ (Spoiler!).

Dass es einfach ist, in den USA Waffen zu kaufen, weiß inzwischen wohl jeder. Wie einfach es ist, zeigt „Death Wish“ in einer exemplarischen Szene, in der Bruce Willis als Paul Kersey das erste Mal in einem Waffengeschäft steht. Natürlich hat er nie eine Waffe besessen. Paul Kersey ist Arzt, liberal, gebildet, das Klischee einer verweichlichten Ostküsten-Elite, die den Kontakt zum Mann auf der Straße verloren hat. Um den Papierkram müsse er sich keine Gedanken machen, sagt eine dralle Blondine, den würde man im Laden erledigen. Dann müsse er einen Sicherheitskurs absolvieren, der sei aber idiotensicher. Und schon kann er sich ein kriegstaugliches Sturmgewehr kaufen.

„Death Wish“ Trailer

Kersey greift zur Waffe, weil er alles verloren hat. Wieder einmal muss die Familie herhalten, die Keimzelle Amerikas, die im Kino regelmäßig das Opferlamm gibt. Ehefrau (Elisabeth Shue) und Tochter (Camila Morrone) werden durch Einbrecher angegriffen, die Frau stirbt, die Tochter liegt danach im Koma. „Ich habe immer alles richtig gemacht“, sagt Kersey, er hat gearbeitet, sich ans Gesetz gehalten, der Gesellschaft vertraut, doch was bringt das, wenn man die eigene Familie nicht beschützen kann?

Wie die Mittelstandsangst die Waffengewalt nährt

Schon das Original „Ein Mann sieht rot“ von 1974 war skandalös, weil der Film Selbstjustiz nicht nur verklärte, sondern legitimierte. Heute ist die Motivation „Familie-Tod-Tochter-vergewaltigt“ zwar so abgegriffen, dass sie endlich in den Giftschrank gehört, trotzdem gelingt es auch Eli Roth („Cabin Fever“, „Hostel“), die Angst nutzbar zu machen. Oberflächlich betrachtet ist das Remake „Death Wish“ ein Home-Invasion-Thriller, der sich zum Revenge-Actioner verkehrt. Doch Eli fügt im Gegensatz zum Original noch eine Ebene hinzu.

Als Detective Raines (Dean Norris) zusammen mit seiner Partnerin Jackson (Kimberly Elise) die Daten aufnimmt, fragt er zuerst, ob Waffen im Haus waren. Nicht, weil Kersey sich damit hätte schützen können. Die Waffen seien einfach zu verkaufen, erklärt Raines. Die Angst der weißen Mittelschicht befeuert so direkt die Waffengewalt in den USA: Aus Angst vor Übergriffen kaufen Menschen wie Kersey Waffen und werden dann wiederum mit denselben Waffen ausgeraubt, die Menschen wie er gekauft haben — die Spirale ist perfekt.

„Death Wish“-Kritik: Eli Roths Plädoyer für die Selbstjustiz

Weil die überforderte Polizei mit handfesten Ergebnissen auf sich warten lässt, greift Kersey schließlich selbst zum Gesetz. Via YouTube durchläuft er einen Amokläufer-Schnellkurs und zieht nachts auf der Suche nach einer guten Gelegenheit, sich als Helden zu beweisen, durch die Straßen. Seine Rachephantasien sind pubertäres Wunschdenken. Kersey ist ein Dilettant, kein Superheld. Er hat einfach Glück. Die erste Schießerei verläuft glimpflich. Durch das Social-Media-Video einer Zeugin wird er trotzdem zum Helden.

Danach entwickelt sich „Death Wish“ immer mehr zum zynischen Plädoyer der Selbstjustiz. Kersey beginnt, das Morden richtig zu genießen. „Was auch immer sie gerade machen, hören sie nicht auf damit“, rät seine Psychologin und Kersey grinst verschmitzt. In Radio, Fernsehen und Internet werden seine neuesten Taten gefeiert. In Chicago, wo Gewaltverbrechen zum Alltag gehören, ist Kerseys Amoklauf wie eine Selbstermächtigung. Endlich tut einer das Richtige!

„Death Wish“ kommt zum derart unpassenden Zeitpunkt, nur Wochen nach dem Massaker von Parkland, dass man als Zuschauer nicht anders kann, als den Film in Bezug auf die aktuelle Debatte zu betrachten. Roth allerdings weiß um diese Bezüge: Eine Schießerei im Club erinnert an den Orlando-Anschlag von 2016 und wenn Kersey von Zeugen als „white guy with hoodie“ beschrieben wird, schwingt darin der Mord an dem Schüler Trayvon Martin mit, der 2012 erschossen wurde, weil er einen Kapuzenpullover trug und dem selbsternannten Nachbarschaftswächter George Zimmerman deshalb gefährlich erschien. Dass diese Bezüge auf eine weiße Hauptfigur übertragen werden, zeigt dass Roth nicht ganz unbeholfen ist. Trayvon Martin war ungefährlich. Währenddessen läuft der „white guy with hoodie“ ganz ungestört Amok auf den Straßen.

Bruce Willis, der Amokläufer von nebenan

„Death Wish“ ist ein zweischneidiges Schwert: Skandalträchtig ist der Film, weil wir Kerseys Perspektive einnehmen. Die Prämisse im Action-Film lautet, dass der Protagonist sich in einem Zustand permanenter Selbstverteidigung befindet — so akzeptieren wir das Morden. Eli Roth aber zeigt den Helden als willkürlichen Aggressor. Kersey ist eigentlich der Böse. Aus der Perspektive von seinem Bruder Frank (Vincent D’Onofrio), aus der Perspektive der Polizei wird Kersey plötzlich zum Amokläufer, zum Lone Wolf, der sich in seinem versifften Keller verschanzt und ein krudes Western-Weltbild zusammenzimmert.

In Kontext gesetzt werden Kerseys „Heldentaten“ außerdem durch Radio-Moderatoren, die im Film ständig über die Morde in Chicago berichten. Diese Moderatoren stellen die moralischen Fragen, die man auch als Zuschauer hat. Wo kommt eine Gesellschaft hin, wenn jeder über Leben und Tod entscheiden darf? Aus dieser Perspektive sind Kerseys süffisanten Verteidigungen blanker Wahnsinn. Jeder Amokläufer hat eine Rechtfertigung parat, auch Anders Breivik hat ein Manifest verfasst. Gerechtigkeit aber darf nicht vom Gutdünken eines Mannes abhängen.

Ist „Death Wish“ Propaganda für die Alt-Right?

Eli Roths „Death Wish“ wird polarisieren. Beide Seiten finden darin eine Perspektive, die ihre Weltsicht unterstützt. Roth zeigt die Mechanismen, die zur Waffengewalt in den USA führen. Dafür nimmt der Film aber die Perspektive ausgerechnet der Schusswaffen-Verteidiger ein. Vor allem das Ende, das Kersey nachträglich freispricht und seine Handlungen legitimiert, dürfte sich als Wasser auf den Mühlen der NRA entpuppen. Aus dieser Sicht ist „Death Wish“ in Hinblick auf das Parkland-Massaker ein anstößiger Film.

Ob man erkennt, dass Roth diese Perspektive immer wieder unterminiert, hängt auch damit zusammen, ob man bereit ist, ironische Distanz zum Geschehen einzunehmen. Bei „Death Wish“ ist man als Zuschauer gefragt, sich zum Film zu verhalten. Leicht wird es einem dabei nicht gemacht. Die amerikanische Alt-Right wird „Death Wish“ bereitwillig umarmen. Sie werden nicht merken, dass sie damit ihren eigenen Wahnsinn entlarven.

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Fazit: „Death Wish“ von Eli Roth kommt zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt. Nur wenige Wochen nach dem Parkland-Schulmassaker muss man sich als Zuschauer zu dem Selbstjustiz-Thriller verhalten. Der Film nimmt die Perspektive eines Mannes ein, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt, und verklärt das Geschehen. Nur wer genau hinschaut, erkennt auch die kritischen Untertöne. Die FSK-Altersfreigabe ab 18 ist deshalb durchaus gerechtfertigt.

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