Es wird mal wieder gehasst. Ziel des Hasses ist das Musical „La La Land“, welches mit vierzehn Nominierungen in dreizehn Kategorien als haushoher Favorit ins diesjährige Oscar-Rennen geht. Der digitale Backlash aus filmischer Geringschätzung und politischer Verachtung, der gleich nach Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen über den Film des 32-jährigen Regisseurs Damien Chazelle hereinbrach, fiel überraschend heftig aus. Vor allem die Giftigkeit der Kommentare überrascht und sucht filmhistorisch Ihresgleichen. Parallelen finden sich dabei vor allem in den ähnlich unverträglich geführten Diskussionen um Zack Snyders „Batman V Superman“ und Paul Feigs „Ghostbusters“. Warum machten zuletzt gerade diese drei Filme die Menschen so unglaublich wütend? Eine Spurensuche.

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Drei Filme, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier die von Zweifeln geplagten Superhelden im grimmigen Kampf mit sich selbst („Batman V Superman“), dort die freigeistige Liebesgeschichte zweier Künstler, die um jeden Preis ihre Lebensträume verwirklichen wollen („La La Land“), dazwischen die Neuauflage einer beliebten 80er-Komödie, deren einst männliche Hauptrollen im Reboot mit Frauen besetzt wurden („Ghostbusters“). Was diese denkbar differenten Filme eint, sind, so scheint es zumindest, nur die kolossal entgleisten Diskussionen, die das Publikum um sie geführt hat.

Selten war der Umgangston rüder, selten standen sich die Teilnehmer der Diskussionen unversöhnlicher gegenüber, nie waren vorgetragene Argumente abstruser. Was eigentlich eine vergnügliche Auseinandersetzung mit einem gemeinsamen Hobby sein sollte, eskalierte in allen drei Fällen in ein brutales Schlachtfeld aus Pöbeleien, Schuldzuweisungen und Diffamierungen. Was war passiert? Warum wurde das Publikum ausgerechnet bei diesen Filmen so unglaublich wütend?

La La Land ist abgebrannt

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Ähnlich wie seinerzeit bei „Batman V Superman“ und „Ghostbusters“ richtet sich nun auch bei „La La Land“ ein Großteil der überraschend harschen Kritik gegen die Medien, denen, so der grobe Vorwurf der Empörten, bei der Einschätzung des Werkes eklatante Fehler unterlaufen seien.

Überbewertet, unglaubwürdig, oberflächlich, viel zu brav und unerträglich kitschig sei das mies geschriebene Machwerk, dessen schwelgerische Musikeinlagen viele Kommentatoren sogar zum Verlassen des Kinosaals bewogen haben sollen. Besonders am Begriff des „Musicals“ entzünden sich die entrüsteten Geister, die „La La Land“ im Vergleich zu den klassischen Genrevertretern „West Side Story“ oder „Singin‘ in the Rain“ ein miserables Zeugnis ausstellen. Schlechte Lieder, schlechter Tanz – „La La Land“ ist keine Hommage, sondern geheuchelter Oscar-Bait Schund!

Auch Emma Stone und Ryan Gosling, die angeblich völlig untalentierten Stars des Films, bekommen natürlich ihr Fett weg. Wobei der Blick in die Kommentarsektionen der Sozialen Medien das Übergießen mit heißem Fett bei lebendigem Leibe als die deutlich passendere Metapher nahelegt, so drastisch und unappetitlich formuliert sich bisweilen der Unmut gegen Stone und Gosling.

Doch damit nicht genug. Der Film, auch das konnte man vielerorts lesen, propagiere in unseren von Krisen geplagten Zeiten einen gefährlichen Eskapismus, der das aktuell so dringend benötigte Bewusstsein der Zuschauer mit seiner klebrig-liberalen, letztlich aber komplett apolitischen Wohlfühl-Haltung knallbunt verneble. Schale Schonkost für die weiße Mittelschicht, kapitulierendes Kuschelkino für das bei Ikea gekaufte Pärchen-Sofa des Spätkapitalismus, so das krachige Credo der Kritik. „La La Land“ weckt also große Gefühle. Und zwar erstaunlich negative.

Vollends ins Toxische kippte die Diskussion schließlich, als Damien Chazelles Film im Zuge der auf den schwelenden Rassismus in Hollywood abzielenden #OscarsSoWhite-Debatte etwa eine fehlende Diversität bei der Besetzung und die systemische Bevorteilung im Oscar-Rennen attestiert wurde. Der Siegeszug durch das weichgespülte, wohlig weiße „La La Land“ sei gerade im direkten Vergleich mit den dezidiert politischen Stoffen aus „Moonlight“, „Loving“, „Hidden Figures“ und „Fences“ oder „Birth of a Nation“ der erneute Beweis für den diskriminierenden Bias der Academy.

Ausnahmezustand statt Augenmaß

Kurz: „La La Land“ wurde auf jede erdenkliche Weise geteert und gefedert. Ein digitaler Spießrutenlauf, der das niedliche Filmchen schlussendlich als dilettantisch gemachten, zutiefst unsympathischen, gefährlich apolitischen, latent rassistischen und in der Hölle des Neoliberalismus geschmiedeten Propagandaschund in die Annalen der Filmgeschichte entließ.

Wirklich? Wie auch immer man zu den einzelnen Kritikpunkten stehen mag, spätestens hier sollten die Parallelen zu den Diskussionen um „Batman V Superman“ und „Ghostbusters“ deutlich werden.

Was diese Debatten eint, ist zunächst einmal das vollständige Verschwinden von Augenmaß. „Voll scheiße“ oder „voll schön“ – dazwischen klafft gewaltige Leere. Die Positionen sind ins Extreme gedriftet. Kein „So lala“ im „La La Land“ - nur Hass oder Liebe. Kein Pro, kein Contra – nur dafür oder dagegen. Kurz: Für Ausgewogenheit und differenzierte Meinungen scheint es im Zeitalter der Sozialen Medien keinen Platz mehr zu geben.

Auch „Batman V Superman“ und „Ghostbusters“ hatten mit dieser anti-argumentativen Blockbildung zu kämpfen. So war etwa unter vielen Comic-Lesern die Ablehnung von Zack Snyders düsteren Interpretation des DC Universums so stark, dass man sich mit den gelungeneren Aspekten des Filmes überhaupt nicht mehr auseinandersetzen wollte. Das Ergebnis war eine lautstarke Diffamierungskampagne gegen Zack Snyder. Auf der anderen Seite bewog das schlechte Abschneiden des Films bei den Kritikern viele vom Virus des blinden „Fandom“ infizierte Zuschauer, kurzerhand das gesamte Feld der Filmkritik unter Generalverdacht zu stellen. Alle gekauft! Die „Lügenpresse“ lässt grüßen.

Heute, beinahe ein Jahr nach Erscheinen des Filmes, sind die Lager längst geräumt. „Batman V Superman“ gilt weder als Meisterwerk, noch wird der Film als einer der schlechtesten Filme des vergangenen Jahres verstanden. Die ausgewogene Mitte ist plötzlich wieder da. Bei „Ghostbusters“ verhielt es sich ähnlich. Aus der anti-feministischen Schlammschlacht, die einige Hassprediger auf den Trümmern ihrer verklärten Vergangenheit führen mussten, ging ein in jeder Hinsicht mittelprächtiges, lasches Remake hervor, das die ganze Welt schon längst wieder vergessen hat.

Es tobt ein Krieg im Kino

Und auch „La La Land“ wird die Kriegswirren überleben und als handwerklich gut gemachte Romantic Comedy seine verdiente Oscar-Geschichte schreiben. Doch auch wenn am Ende die Vernunft siegt, wenn die Zeit alle Wunden heilt und die Streitenden die Fähigkeit zurückerlangen, eine ausgewogene Meinung zu formulieren, bleibt immer noch die Frage nach dem Warum.

Warum musste es bei diesen drei Filmen überhaupt erst einmal knallen? Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand. Und doch tun wir uns erstaunlich schwer, sie zu erkennen. Filme wie „Batman V Superman“,„Ghostbusters“ oder „La La Land“ sind Schlachtfelder im Krieg der Weltanschauungen. Dieser Krieg tobt zwar schon immer und auch überall, doch in Zeiten eines rasanten Kulturwandels, in Zeiten, in denen wir quasi täglich auf die globale Zerreißprobe gestellt werden, tobt er eben deutlich heftiger. Und eben immer mehr gerade auch im Kino.

So gesehen, kommt es dann auch nicht von ungefähr, dass Zack Snyders zynische, nihilistische Darstellung von Superman auch im Kino zur ideologischen Lagerbildung führte. Superman, einer der wichtigsten fiktiven Fürsprecher für das Gute und die Würde des Menschen, plötzlich im Dreck, hier unten bei uns. Das stört das Werteempfinden hoffnungsvoller Humanisten natürlich ganz empfindlich. Also sofort hinein ins Kampfgetümmel und lautstark für die eigene moralische Überzeugung gestritten.

Die andere Seite, die Seite also, die sich mit dem Glauben an Weltfrieden, zivilisatorischen Fortschritt und absolute Wahrheit eher schwertut, sah Superman dort, im weltlichen Dreck, indes schon immer. Für sie ist das Streichen des Gottgleichen aus Supermans narrativem Repertoire, das Ende seiner quasi religiösen Verklärung als Super-Messias eine lange überfällige Korrektur gewesen. Schluss mit dem liberalen Optimismus! Wir lassen uns die schmutzige Wahrhaftigkeit nicht verbieten. Und Boom!

Dass auch das fluffige „La La Land“ zu einem kulturellen Kampfplatz geworden ist, wird gerade im Vergleich mit „Batman V Superman“ sehr schön deutlich. Hier kämpfen nämlich noch immer die gleichen Kriegsparteien. Dieses Mal ist es allerdings nicht die nihilistische, zynische Sicht der Dinge, sondern die ungeheure Sentimentalität des Films, seine ernsthafte Naivität und vor allem die Abwesenheit jeglicher Ironie beim Portraitieren von romantischer Liebe, die vielen Zuschauern ein echter Dorn im Auge ist. Als realitätsferne Schönwetterfront ohne jedweden Wahrheitsgehalt befindet sich das „La La Land“ in einer viel zu heilen Welt, die im Kontrast zu unserer zur lächerlichen Karikatur gerät.

Das kann man natürlich nicht so stehen lassen. Also runter mit der Feststelltaste und erstmal Randale machen im liberalen Schlaraffenland. Dort warten dann auch schon die selbsternannten „hoffnungslosen Romantiker“ mit ihren gespitzten Federn auf die barbarischen Horden, die es mit ihrer „hippen, zynischen Transzendenz des Gefühls“ auf die so dringend notwendige Pause vom Alltagshorror abgesehen haben. Fight!

Filme als Verrat an den persönlichen Überzeugungen?

Und so weiter. Sparen wir uns für unser aller Seelenheil die grauenhaft fehlgeleitete Gender-Debatte um „Ghostbusters“ und halten kurzerhand fest: Seitdem unsere Lebenswelten, Grundwerte und Ansichten in der Zentrifuge des beschleunigten Weltgeschehens immer mehr auseinanderdriften, entfernen wir uns auch im Kino mehr und mehr voneinander. Vom Menschenbild über Geschlecht bis hin zu Hautfarbe und sozialer Herkunft  - die fachliche Diskussion über die handwerkliche Qualität eines Films geriet zuletzt immer häufiger in die Geiselhaft von ideologisch gefärbten Kulturkämpfen.

Keine besonders weltbewegende Erkenntnis, doch immerhin eine, die uns das lustvolle Streiten über Filme wieder zurückgeben könnte. Wie? Indem wir nicht jeden zweiten Film als persönlichen Angriff auf unser Weltbild auslegen, sondern als kostbaren Einblick ins Gegenüber. Niemand hat behauptet, dass uns dieses Gegenüber gefallen muss, die Existenzberechtigung sollten wir ihm aber dennoch nicht absprechen. Im Gegenteil. Wir sollten dankbar sein, dass Hollywood in seinen Filmen eine bunte Vielzahl konkurrierender Weltanschauungen fabriziert! Alles andere wäre nämlich stinklangweilig.

Filme sind politisch, das waren sie schon immer. Wie jedes Kunstwerk repräsentieren sie – offen oder verdeckt – die moralischen und politischen Anschauungen ihrer Macher und ihrer Zeit. Doch nur weil ein Film sich mit den von ihm vermittelten Werten von den eigenen unterscheidet, stellt er noch lange keinen verächtlichen Hochverrat an den persönlichen Überzeugungen dar. Kino stellt weder eine Gefahr für die Unabhängigkeit im eigenen Denken dar, noch schmälert es den Wert der eigenen Wahrheiten. Wir können uns also alle wieder entspannen und Filme als das genießen, was sie sind. Denkanstöße, Einblicke, Angebote.

Wer sich und seine Werte durch Hollywood permanent und vor allem persönlich bedroht sieht, wer sich nur noch als Opfer eines ideologischen Anschlags sieht, der zieht mit wehenden Fahnen in einen Krieg, aus welchem er garantiert als Verlierer heimkehren wird.

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