Wind River Poster

„Wind River“ Kritik: Nieder mit den Indianerreservaten

Andreas Engelhardt  

Nach den gefeierten Werken „Sicario“ und „Hell or High Water“ komplettiert Taylor Sheridan seine Frontier-Trilogie. „Wind River“ bietet euch eine Grenzerfahrung voller Rassismus, Mord, Wahnsinn und Schnee. Und zeigt außerdem, dass Marvel-Star Jeremy Renner tatsächlich schauspielern kann. Wer hätte das gedacht?

Wenn die Hölle zufriert, sieht sie vermutlich aus wie das Wind River Indianerreservat in Wyoming, USA. Scheinbar trostlose, unendliche Weiten aus Schnee, Eis und Nichts. Wen die Kälte nicht zugrunde richtet, den erwischt die Einsamkeit. Die Luft ist dort so kalt, dass einem beim Rennen das Wasser in der Lunge gefriert. Anschließend platzen die vereisten Kapillaren auf und man ertrinkt an seinem eigenen Blut.

Dieses grausame Schicksal ereilte die 18-Jährige Natalie Hanson (Kelsey Asbille) im Krimi-Drama „Wind River“. Gefunden wird ihre erfrorene Leiche am nächsten Tag vom Wildhüter des Reservates, Cory Lambert (Jeremy Renner). Diese ohnehin nicht leichte Entdeckung wiegt beim Jäger besonders schwer. Cory verlor vor drei Jahren seine Tochter, die beste Freundin von Natalie. Auch sie wurde tot aufgefunden, nachdem sie bei sich zu Hause eine Party ohne ihre Eltern schmiss. Wer seine Tochter umgebracht hat, erfuhr Cory nie. Letztlich zerbrach seine Ehe an dem Verlust.

Ein Unfall kann bei Natalie schnell ausgeschlossen werden. Sie wurde ohne Winterkleidung aufgefunden und muss barfuß mehrere Kilometer gerannt sein. Ihre Kopfverletzung untermauert zusätzlich, dass Natalie vor jemandem floh und den ziemlich sicheren Tod in der Eiseskälte ihrem Peiniger vorzog.

Mit der Auflösung des Falls wird die FBI-Anfängerin Jane Banner (Elizabeth Olsen) beauftragt. Sie ist allerdings nicht nur beim FBI unten in der Hierarchie, das Wind River Reservat ist für sie eine völlig unvertraute Welt. Um ihre geringen Chancen auf eine erfolgreiche Aufklärung zu steigern, holt sich Jane kurzerhand Cory als Berater ins Team. Der folgt allerdings seiner eigenen Agenda. Denn der mit ihm befreundete Vater von Natalie hat Cory darum gebeten, mit dem Mörder das zu tun, was der Jäger am besten kann.

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Ein enttäuschender Krimi, aber ein gelungenes Drama

Aufgrund seiner Handlung wird „Wind River“ meist als Krimi oder Mystery-Thriller eingeordnet. Dies ist sicherlich nicht falsch, es geht hier schließlich um einen Mord und Ermittler versuchen mit Schlussfolgerungen, den oder die Täter zu fassen. Allerdings könnte dieses Etikett zu Enttäuschung bei Fans des Genres führen, denn „Wind River“ versagt leider als fesselnder Krimi.

Der Film hat keinen interessanten Bösewicht à la Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“ zu bieten. Eine thematisch einmalige Note wie in „Sieben“ vermisst der Zuschauer hier wohl ebenfalls. Letztlich überzeugt der Fall selbst leider nicht, dafür ist er schlicht zu simpel und generisch. Nein, „Wind River“ hat seine Stärken in einem anderen Bereich: Dem des persönlichen Dramas mit einem guten Schwenk Sozialkritik.

Wind River“ komplettiert die sogenannte Frontier-Trilogie von Taylor Sheridan. Nach der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze in „Sicario“ und dem Mittleren Westen in „Hell or High Water“ wandte sich Sheridan diesmal dem Indianerreservat zu. Der Drehbuchautor, der mit „Wind River“ zusätzlich sein Regiedebüt gab, hat persönliche Kontakte in solche Reservate und setzt den dortigen Lebensbedingungen ein filmischen Denkmal.

Von „Indianerreservaten“ und dem ganz alltäglichen Rassismus

Wobei: Eher Mahnmal. Sheridan bezeichnet die Institution Indianerreservat als eines der größten Verbrechen der USA. Der Blick auf die Bezeichnung selbst genügt schon, um ihm hier zuzustimmen. Weiterhin wird offiziell von „Indianern“ gesprochen, was die ganze Ignoranz, die den amerikanischen Ureinwohner entgegenschlägt, erahnen lässt. Von den sozialen Zuständen in den Reservaten ganz zu schweigen.

Wind River“ zeichnet ein hässliches Bild, das einen fragen lässt, wie solche Bedingungen in den USA des 21. Jahrhunderts noch geduldet werden können. Die öffentliche Versorgung im Reservat ist kaum gewährleistet, die Polizei heillos überfordert. Zusätzlich kommen juristische Geplänkel um Zuständigkeiten, weswegen viele Morde überhaupt nicht aufgeklärt werden können. Eine Statistik für verschwundene Frauen in den Reservaten existiert nicht. Die alten Bewohner wie Natalies Vater haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Die Jüngeren wie ihr Bruder suchen die Flucht in Drogen. Perspektiven gibt es hier kaum. Lediglich die allumfassende Kälte, die einen ständig töten will.

Die vermeintliche Freiheit der amerikanischen Ureinwohner in den Gebieten, die ihnen ohne ihre Mitsprache zugewiesen wurden, kann einem da nur wie blanker Hohn vorkommen. Zumal die Freiheit trotz all der aufgezählten Kosten nicht gewährleistet ist. Die Bodenschätze der Reservate möchten große Firmen natürlich gerne ausbeuten, stellvertretend dafür steht eine Ölbohranlage in „Wind River“.

Jeremy Renner liefert seine vielleicht beste Leistung in „Wind River“

Neben seiner Sozialkritik und seiner buchstäblich atemberaubenden Landschaft hat „Wind River“ eine weitere Entschädigung für verprellte Krimifans: Das persönliche Drama. Im Zentrum der Handlung steht mit Cory Lambert ein Mensch, der sich fragen muss, wie man eigentlich trauern soll, wenn man nie abschließen kann. Cory hat den Tod seiner Tochter nie verarbeiten können und will das auch gar nicht. Dem Vater der verstorbenen Natalie sagt er deutlich, dass er den Schmerz zulassen müsse. Sonst würde er mit ihr sämtliche Erinnerungen an seine Tochter auslöschen, auch die schönen.

Jeremy Renner, der sonst als Schauspieler zuweilen etwas bieder und steif wirken kann, trägt „Wind River“ mit einer zwiespältigen Darbietung. Das Leid seines Charakters ist ihm stets anzumerken und doch schafft er es, Wärme auszustrahlen. Selbst in hektischen Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, kann er mit einem einzigen Lächeln die Szenerie beruhigen. Trotz seiner Leistung drängt sich allerdings die Frage auf, warum mit Jeremy Renner ausgerechnet ein weißer Mann in einem Hollywoodfilm den Wildhüter eines Reservates spielen muss.

Ihm gegenüber spielt die weiße Frau Elizabeth Olsen. Ihr gelingt es nur bedingt, das Klischee der jungen Ermittlerin, die sich beweisen will, zu brechen. Taylor Sheridan, der bei „Wind River“ neben der Regie das Drehbuch beisteuerte, vermeidet es zumindest, die von Olsen gespielte Jane als unfähig darzustellen. Sie mag unerfahren sein und die Welt des Reservates ist ihr genau wie uns neu. Doch sie verfügt zweifellos über einen analytischen Verstand, mit dem sie gezielt kombiniert und fast immer weiß, wie sie auf eine Entwicklung reagieren muss.

Das paradoxe Talent des Taylor Sheridan

Jane leidet allerdings genau wie fast alle Charaktere in „Wind River“ unter mangelnder Tiefe. Gerade deswegen wird jedoch ersichtlich, wie gezielt Sheridan Sprache einsetzen kann. Obwohl er seine Figuren mit der Ausnahme von Cory nicht ausleuchtet, gelingt es ihm dennoch, uns schnell ein Gefühl für sie zu vermitteln. Wenige prägnante Sätze und Dialogwechsel reichen ihm dafür bereits.

Bestes Beispiel dafür ist Jane. Kurz nach ihrer Ankunft im Reservat legt sie sich mit dem zuständigen Gerichtsmediziner an, um Natalies Tod als Mord einstufen zu lassen. Wenn dies nicht gelingt, wird es aufgrund der komplizierten Zuständigkeit bei Ermittlungen schwierig, den Fall zu lösen. In dieser Szenen und vielen weiteren belegt Jane durch ihren Einsatz, dass sie Natalies Familie helfen will und sich dafür einsetzt, den Täter zu finden. „Show, don’t tell“ lautet eine der wichtigsten Regeln für Autoren. Anstatt uns zu sagen, dass Jane engagiert ist, zeigt es uns Taylor Sheridan durch ihre Aktionen.

Wie zuvor „Sicario“ und „Hell or High Water“ glänzt „Wind River“ nicht durch eine komplexe, beeindruckende Handlung. Erneut stehen die Figuren und ihre Interaktionen im Vordergrund. Leider reicht Sheridans neuester Streich auch in dieser Hinsicht nicht an seine beiden Vorgänger heran. Das ist aber zum Glück Jammern auf einem hohen Niveau.

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Fazit: „Wind River“ ist ein Krimi, der auf ganz anderen Gebieten überzeugt. Tat und Auflösung rücken in diesem entschleunigten Drama in den Hintergrund. Stattdessen geht es um Verlust, Rassismus und Einsamkeit. Taylor Sheridan gelingt es, diese abstrakten Themen mit präzisen Dialogen und wunderschönen Landschaftsaufnahmen zum Leben zu erwecken.

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