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„Tschick“ – die Kritik

„Tschick“ – die Kritik

Regisseur Fatih Akin verwandelt die literarische Vorlage von Wolfgang Herrndorf mit viel dramaturgischem Geschick und tollen Schauspielern in ein so mitreißendes wie ergreifendes Roadmovie, das dem Roman stets gerecht wird – aber auch völlig alleine stehen kann.

Mit seinem preisgekrönten Jugendroman „Tschick“ hat der 2003 verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf ein wundervolles literarisches Vermächtnis hinterlassen, für das etliche Filmemacher ihren Hut in den Ring geworfen hatten. Regisseur Fatih Akin („Soul Kitchen“, „Gegen die Wand“) durfte sich schließlich an dem so vielgelesenen wie vielgeliebten Stoff versuchen. Und tatsächlich schafft es der Regisseur, die Magie der literarischen Vorlage – ein Konglomerat aus Härte, Leichtigkeit, viel Witz und Authentizität – kongenial auf die Leinwand zu bringen. Und zwar so, dass auch Fans der gedruckten Vorlage das Ergebnis genießen können, ohne postfilmisches Meucheln ihrer Fantasie befürchten zu müssen.

Denn viel näher am Geist des Buches kann man die Geschichte um Maik Klingenberg und seinen Kumpel Andrej Tschichatschow nicht inszenieren. In dieser freundet sich der 14-jährige Maik – gefangen in einer bürgerlichen Hölle aus alkoholkranker Mutter und pseudoerfolgreichem Vater – mit dem russischen Spätaussiedler „Tschick“ an, der plötzlich in seiner Klasse aufschlägt. Klar, ein Voll-Assi durch und durch: abgerissen, stinkend, mit ungesundem Hang zu Wodka am Vormittag. Aber immer noch besser als gar kein Kumpel. Als der noch dazu wenig später mit einem geklauten Auto vor der Tür steht, das er sogar leidlich fahren kann, gibt es für beide kein Halten mehr: Einfach weg von der ganzen Scheiße. Richtung Süden. Tschicks Herkunftsland Walachei ist als Fernziel so gut wie jedes andere – Hauptsache, in Bewegung bleiben.

Das müssen die beiden aber auch. Ist ja nicht so, dass zwei 14-Jährige in einem geklauten Lada kaum auffallen würden. Doch bei allen kuriosen Begegnungen, mit denen die beiden auf ihrem tagelangen Trip konfrontiert sind – aufhalten kann sie letztlich niemand. Weder spendable Öko-Bildungsbürger, elitäre Vertreter vom „Adel auf dem Radel“ – noch die Polizei, der die Jungs immer wieder durch die Finger gleiten. Meist ist es dabei Tschicks Kombination aus Street-Smartness und rettungsloser Naivität, die den Ausreißern die Hintern rettet. Doch auch Maik gewinnt während des anarchistischen Trips immer mehr an Selbstsicherheit.

Wie auch im Buch, betrachtet das Publikum die Reise der beiden durch seine jugendlichen Augen. Diesem Blickwinkel – samt den verwunderten Kommentaren und geteilte Gedanken der Freunde – ist es auch zu verdanken, dass die Welt, der sie hier begegnen, sich fast surreal präsentiert. Für die Jugendlichen ähnelt der Outlaw-Trip einer Reise auf fremde Planeten: Bevölkert von bizarren Wesen, deren Handlungen oft völlig rätselhaft bleiben – allen voran natürlich das andere Geschlecht. Irgendwie surreal. „Ohne Sinn“, wie Tschick wohl sagen würde.

Beiden ist klar: Sowas geht auf Dauer nicht gut. Dafür sorgt schon der erhebliche Flurschaden, den sie hinterlassen. Aber ihre geliehene Freiheit fühlt sich zu gut an, um jetzt eine vernünftige Exit-Strategie zu wählen. Irgendwann wird schon was passieren, das sie in die Realität zurückbefördert. Und nachdem die Landung so oder so hart wird, kann man auch sehen, wie weit man sie hinauszögern kann…

Großes Kino der besonderen Art: Von der ersten Minute an gelingt es dem Regisseur durch tolles filmisches Handwerk sein Publikum sowohl ins Geschehen zu ziehen, als auch ein Herz für seine Protagonisten finden zu lassen. Großen Anteil daran tragen natürlich nicht zuletzt die beiden jungen Stars Tristan Göbel (Maik) und Anand Batbileg (Tschick), denen man ihre Rollen jede Sekunde abnimmt. Auch die Musik – bei Fatih Akin schon immer ein wichtiges Stilmittel – bringt das Roadmovie stets auf die richtige Spur.

Das mitreißende Resultat ist ein Genuss für jeden, der Qualität abseits konformen US-Einerleis eine Chance geben möchte. Für Jugendliche, um sich wenigstens einmal verstanden zu fühlen. Für deren Eltern, um sie wenigstens ein Stück weit zu verstehen. Für „Tschick“-Leser um ihr Kopfkino ins Rennen mit echtem Kino zu schicken. Und für alle anderen, um einfach eineinhalb Stunden berührende Unterhaltung made in Germany zu genießen.

Der Trailer zu „Tschick“

Tschick - Trailer

 

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