The House that Jack Built

  1. Ø 5
   2018
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Kritikerrezensionen

  • Cannes war immer das bevorzugte Festival von Lars von Trier, dem bedeutsamsten dänischen Filmemacher seit Dreyer. Hier begann seine internationale Karriere, mit „Spuren eines Verbrechens“. Hier feierte er seine größten Triumphe mit dem Großen Preis der Jury für „Breaking the Waves“ im Jahr 1996 und schließlich der Goldenen Palme für „Dancer in the Dark“ im Jahr 2000. Hier holte er in „Anti-Christ“ das Böse auf die Erde, hier ließ er die Welt in „Melancholia“ zu Ende kommen. Da ist es ein logischer Schritt, dass er bei seiner Rückkehr nach Cannes, sieben Jahre nach seiner Verbannung nach einer dummen Bemerkung während der Pressekonferenz, die Türen zur Hölle aufstößt. Buchstäblich. Denn was in den zwei Stunden davor kommt in „The House That Jack Built“ (deutsche Koproduzentin: Bettina Brokemper), das ist rückblickend Ouvertüre, die in fünf Segmente aufgeteilte Geschichte des von Matt Dillon gespielten Serienmörders Jack, der nach eigenem Bekunden in den Siebzigerjahren mehr als 60 Menschen auf dem Gewissen hat.

    Seinen ersten Mord sehen wir, mit dem er zunächst einfach nur Uma Thurman zum Schweigen bringen will. Seine Entwicklung zum Könner seiner, wie er es selbst sieht, Kunst. Seine Vervollkommnung seines Handwerks durch die Ermordung einer Mutter und ihrer zwei Söhne. Seinen einen Moment der Schwäche, als er sich in eines seiner Opfer verliebt. Und sein vermeintliches Meisterwerk, die erhoffte Fertigstellung seines Hauses, ein Akt des kompletten Wahnsinns. Begleitet werden diese Segmente allerdings von einem langen Dialog aus dem Off, in dem Jack mit einer Figur, die sich Verge nennt und von Bruno Ganz gesprochen wird, über die Welt und wie er sie sieht spricht. Darum geht es eigentlich, denn ganz offenbar ist es ein Diskurs, der vom Herzen kommt: über Kunst und ihre Aufgabe, über Schönheit und Liebe, über Gut und Böse, über Mord, Wahnsinn und Absolution wird gesprochen und dabei eine Vielzahl von Themen gestreift, von der Perfektion Goethes über Hitler und die Vernichtungslager der Nazis hin zu den großen Werken der Kunstgeschichte und von Triers eigenen Filmen, aus denen er ganz bewusst Momente des größten Schmerzes gewählt hat. Der Regisseur spricht damit ähnlich offen zum Publikum: Er erklärt sich. Die Filmhandlung soll die nötige Distanz schaffen, die Serienkillergeschichte ist kein Thriller, sondern eine Art dämonisches Crescendo, das seine beiden Hauptfiguren tatsächlich in die Tiefen der Hölle schickt, mit Ganz als Fährmann und Dillon im roten Kapuzenmantel und dem Gesicht eines Totenkopfes.

    Der Film, der – es ist eine Film von Lars von Trier! – immer etwas größenwahnsinnig, frech, anmaßend und over the top ist, ist aber immer auch faszinierend. Die Gewaltszenen sind hart und abstoßend, wie es angemessen ist, aber nicht so explizit, wie man es aus anderen Filmen kennt, die man auch hier in Cannes schon gesehen hat. Aber sie sind ein weiteres Mittel, um Distanz zu schaffen und das Publikum eben nicht in die Handlung eintauchen zu lassen, sondern in seine Betrachtungen einzubeziehen. Ob von Trier mit seinem Konstrukt scheitert, muss jeder für sich selbst entscheiden: Von der Weltpremiere wird von vielen Menschen berichtet, für die das Gezeigte zuviel war. Bei der Pressevorführung erhielt von Trier viel Applaus. Verdient. Weil er eben alles auf eine Karte setzt und auch hier wieder einen Film geschaffen hat, dem etwas gelingt, was nicht so vielen Filmen gelingt: Man will danach unbedingt darüber reden. Gut gemacht, Lars. ts.

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