Detroit Poster

Kritik zu „Detroit“: Die eiternde Wunde der USA

Andreas Engelhardt  

Fünf Jahre nach „Zero Dark Thirty“ kehrt die zweifache Oscar-Gewinnerin Kathryn Bigelow ins Kino zurück. Mit „Detroit“ inszeniert sie erneut ein historisches Ereignis, das jedoch erschreckend aktuell wirkt. Wer sich „Detroit“ nicht entgehen lassen darf und wer darum lieber einen Bogen macht, verraten wir euch in unserer Kritik. 

Ein nahendes Dröhnen weckt das Mädchen von ihrem Cartoon auf. Auf der Suche nach der Quelle eilt sie zum Fenster, durch das sie unten auf der Straße einen Armee-Konvoi erblickt. Das Mädchen will die Jalousie öffnen, um mehr zu sehen, wobei sie unabsichtlich einige Sonnenstrahlen reflektiert. Ein Soldat auf einem Panzer wird von den Lichtstrahlen getroffen und brüllt panisch „Scharfschütze“. Sofort entbrennt ein Hölleninferno in Richtung des Fensters, hinter dem das kleine Mädchen steht.

Wenige Stunden zuvor ist die angespannte Stimmung in der Stadt explodiert. Menschen zünden ihre eigenen Häuser aus Protest an, die gerufenen Feuerwehrleute werden von ihnen mit Steinen und Tritten davongejagt. Bis auf den Grund soll alles niederbrennen. Die Regierung hat längst den Notstand ausgerufen, eine Ausgangssperre verhängt und das Militär herbeigerufen. Dadurch eskaliert die Lage erst richtig.

Der Trailer zu „Detroit“ gibt euch einen Vorgeschmack des Chaos

Auch 50 Jahre später ist „Detroit“ erschreckend aktuell

Wohlgemerkt ist hier nicht von einem Bürgerkrieg in einem Dritte-Welt-Land die Rede. Die Szenerie ereignete sich in Detroit, USA im Jahre 1967. Eine Polizeirazzia in einem von Afro-Amerikanern bewohnten Viertel führte damals zu einem Aufstand. Darin entlud sich all die angestaute Wut der Schwarzen über den Rassismus und die Polizeigewalt, die sie in den Jahren zuvor erdulden mussten. Die Folgen: Über 40 Tote, 7.000 Verhaftungen und 2.000 zerstörte Gebäude.

2017 jähren sich die Unruhen von Detroit zum 50. Mal. Das Gespann aus Kathryn Bigelow und Mark Boal setzt dem Ereignis passend zum traurigen Jubiläum ein filmisches Mahnmal. Nach „Tödliches Kommando – Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“ ließen sie sich erneut von historischen Ereignissen inspirieren. Diesmal ging es allerdings weit in die Vergangenheit. Die erscheint trotz der Distanz greifbar.

Die USA konnten ihre Wunde namens Rassismus niemals schließen, seit Jahrzehnten brodeln die Unruhen unter der Oberfläche, die sich wiederholt entladen. Polizeigewalt gegen Schwarze führt regelmäßig zu Protesten und Aufschreien, die Spaltung der Gesellschaft hat sich im Trumpschen Amerika wenig überraschend verstärkt.

Kathryn Bigelow legt den Finger in die Wunde

Aus der Geschichte lernen, heißt folglich das Motto von „Detroit“. Ein solch erschreckendes Ereignis wie die Unruhen von 1967 bringt man den Zuschauern am besten mit einem Einzelbeispiel näher. Bigelow und Boal haben sich für den Vorfall im Algiers Motel entschieden. Auch wenn es sich um ein historisches Ereignis handelt, wollen wir an dieser Stelle nicht auf die genauen Details eingehen, um etwaige Spoiler zu vermeiden. Nur so viel: Der Vorfall eignet sich hervorragend als abschreckendes Beispiel gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Kathryn Bigelow ist sich dessen bewusst. Ihre Inszenierung erspart dem Zuschauer kaum eines der grausamen Details. Alles ist dem Ziel untergeordnet, den psychologischen und physischen Terror auf das Publikum zu übertragen. Von Anfang an bannt die Regisseurin mit ihrem unruhigen Stil die gesamte Anspannung einer Stadt auf die Leinwand. Bei dem Motel-Vorfall kommt dies zur vollen Entfaltung, jede Sekunde droht die Lage endgültig zu eskalieren – und der Zuschauer ist in seinem Kinosessel mittendrin.

„Detroit“ ist kein angenehmer Film, den man beim Verlassen des Kinos einfach abschüttelt. Darin liegt aber auch seine größte Leistung. Wer unangenehme Werke mit Nachhall nicht scheut, ist hier an der richtigen Adresse. Was man daraus macht, bleibt jedem selbst überlassen. Nachdem einem über zwei Stunden gezeigt wurde, was wir einander antun können, sind pessimistische Gedanken kaum zu vermeiden. Genau daraus entsteht aber hoffentlich der Wunsch, es selbst besser zu machen.

Belastend, aber leider nicht fordernd

Bei alledem schwingt ein Hauch des wenig verlockenden Etiketts „pädagogisch wertvoll“ mit. Wer eher dem zynischen Lager angehört und auf den erhobenen Zeigefinger dankend verzichtet, der dürfte mit „Detroit“ seine Probleme haben. Über die spannungsgeladene Inszenierung, die schauspielerische Leistung (allen voran Will Poulter als widerlicher Polizist) und eben die Moral hinaus hat der Film wenig zu bieten.

Auf einer emotionalen Ebene funktioniert „Detroit“ lediglich, wenn man sich der Botschaft hingibt. Zu den Charakteren selbst wird das Publikum kaum eine Bindung aufbauen können, dafür haben sie zu wenig Raum. Trotz der Überlänge müssen zu viele Figuren vorgestellt und zusammengeführt werden, Komplexität bleiben mit wenige Ausnahmen auf der Strecke.

Und genau in den fehlenden Grautönen lauert die größte Schwäche von „Detroit“. Die Polizisten sind fast ausnahmslos rassistische Monster, die ihren Hass dank der Unruhen ungehemmt gegen Schwarze richten können. Die Täter-Opfer-Einteilung kann der Film lediglich ansatzweise überwinden, was aufgrund der historischen Vorlage aber zugegebenermaßen kaum zu vermeiden war. Für eine überzeugende Geschichte, die über die Moral hinausgeht, wären mehr Nuancen allerdings nötig gewesen. So wird „Detroit“ zu einem von Anfang an berechenbaren Lehrbeispiel, das sich sonst jedoch wenige Vorwürfe gefallen lassen muss.

Fazit: Kathryn Bigelow gelingt mit „Detroit“ ein flammender, mitreißender Appell gegen Rassismus und Polizeigewalt. Die unangenehme Thematik wandelt sie stilsicher in einen spannungsgeladenen Thriller um, der allerdings auch seine Probleme hat. Die fehlende Komplexität wird jedoch größtenteils durch die wichtige Moral und die gekonnte Inszenierung ausgeglichen.