Sully Poster

„Sully“ – die Kritik

Alexander Jodl |

Großes Kino: Clint Eastwood lässt Tom Hanks die Großtat von Airbus-Pilot Chelsey „Sully“ Sullenberger nacherleben – des Helden vom Hudson River, der mit seiner fliegerische Glanzleistung 155 Leben rettete.

859208 und 155 – diese drei Zahlen waren es, die am 15. Januar 2009 darüber entscheiden sollten, ob New York einen weiteren rabenschwarzen Tag in seiner Geschichte erlebt. 859 Meter hoch war der Airbus A320 erst gestiegen, als ein Vogelschwarm beide Triebwerke des Passagierflugzeugs lahmlegte. 208 Sekunden blieben dem Flugkapitän Chelsey B. Sullenberger, genannt „Sully“, die Maschine zu landen und damit 155 Menschenleben zu retten – das seine eingeschlossen.

Der überaus erfahrene Pilot spürte: Zurück zum Flughafen LaGuardia würde er es nicht mehr schaffen. Er entschied sich für einen Variante, die so abwegig war, dass der Fluglotse zunächst nicht einmal darauf einging, mit dem er über Funk in Kontakt stand. Die Notwasserung im Hudson River. Ein verzweifeltes Manöver: Fast immer zerbrechen Flugzeuge bei solchen Versuchen. Doch auch eventuellen Überlebenden blieben bestenfalls wenige Minuten: Die Wassertemperatur betrug an dem Tag lediglich 5 °C – selbst für gute Schwimmer innerhalb kürzester Zeit tödlich.

Das Ergebnis seiner fliegerischen Glanzleistung ist längst ein Fall für Geschichtsbücher und Piloten-Lehrbücher gleichermaßen: Nicht ein Menschenleben sollte der Defekt kosten. New York hat seitdem einen Helden mehr – und Regisseur Clint Eastwood setzt ihm jetzt mit „Sully“ das verdiente filmische Denkmal. Dabei schafft der vierfache Oscar-Preisträger erneut, wozu nur die ganz Großen in der Lage sind: Sein Publikum völlig vergessen zu lassen, dass es den Ausgang des höchst riskanten Manövers kennt – und es mit schweißnassen Händen bis zuletzt mitfiebern zu lassen.

Doch die Notwasserung, die sofort anlaufenden Rettungsaktionen – all das ist keinesfalls der Abschluss des optisch grandios gemachten Meisterwerks: Hierzulande wenig bekannt, gerieten Kapitän Sullenberger und sein Co-Pilot Jeff Skiles unverzüglich nach dem Beinahe-Crash in die Mühlen der Flugaufsicht. Die glaubte, bei Untersuchungen herausgefunden zu haben, dass eine Rückkehr zu LaGuardia rein zeitlich durchaus möglich gewesen wäre – und Sully seine Passagiere somit grundlos in Gefahr gebracht habe.

Parallel zu einem unglaublichen Medienrummel, der ihn und seine Familie extrem belastete, begannen harte Ermittlungen gegen den zurückhaltenden Piloten – völlig ungeachtet der Tatsache, dass über 150 Menschen ihm ganz offensichtlich ihr Leben verdankten. Die Opfer nicht mit eingerechnet, die ein Absturz in eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt darüber hinaus noch gefordert hätte.

Virtuos verschachtelt Eastwood mehrere Zeit- und Handlungsebenen, um damit ein so umfassendes wie packendes Bild von den Ereignissen zu erzeugen. Von denen, die dazu geführt haben – von den wenigen Minuten, die über Leben und Tod entscheiden sollten – und denen, die darüber befinden würden, ob Kapitän Sullenberger im Licht der Öffentlichkeit als Held oder Hasardeur enden würde. Tom Hanks spielt den Piloten dabei mit souveräner Zurückhaltung, die dem Wesen des stillen „Hero of the Hudson“ wohl auch gerecht wird. „Mein ganzes bisheriges Leben hat einfach zu dieser Landung geführt“, würde der später bescheiden versichern. Als Held sah er sich nie – nur als sehr erfahrener Pilot, der in Notfall und Zweifel lieber auf sein Näschen als auf widersprüchliche Checklisten vertraut.

Und Zweifel sollte er viele haben: 208 Sekunden lang, ob ihm und seinen Passagiere überhaupt eine Chance blieb. Und dann Tage lang, ob die Untersuchung der Behörden sein Leben ruinieren würde. Zweifel, die ein Veteran wie Tom Hanks jede Minute überzeugend auf die Leinwand bringt. Doch auch Laura Linney, als seine Ehefrau Lorraine zwischen Himmel und Hölle, liefert eine überzeugende Vorstellung  – ebenso wie sein Aaron Eckhart als sein Kopilot. Alle drei agieren dabei so virtuos wie unspektakulär, was ihre vom ganzen Rummel heillos überforderten Charaktere umso menschlicher und greifbarer erscheinen lässt.

Man muss kein Held sein: Auf welche Werte es im Leben ankommt“ heißt das Buch, das Kapitän Sullenberger später schreiben wird – und auf dem Clint Eastwoods Film letztlich auch basiert. Die Frage ist, ob darin die Vertreter der ermittelnden Behörden ebenso eindimensional schlecht wegkommen, wie in der Verfilmung – einer der wenigen Schwachpunkte eines ansonsten durchgehend gelungenen Films. Sollte der Autor seine Geschichte jedoch genauso packend erzählen können, wie jetzt der mehrfach preisgekrönte Regisseur, muss man seinem literarischen Werk unbedingt eine Chance geben. Oder einfach im Kino 96 Minuten lang einen Flug miterleben, der insgesamt nur fünf Minuten und acht Sekunden dauerte. Jede einzelne davon packend, berührend – oder nervenzerfetzend spannend.

Der Trailer zu „Sully“

 

 

 

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