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Berlinale 2019: Jonah Hills „Mid90s“ – Blessuren und Befreiung

Author: Susan EngelsSusan Engels |

© MFA+ Filmdistribution

Im Rahmen der 69. Internationalen Filmfestspiele von Berlin feierte Jonah Hills Regiedebüt „Mid90s“ in der Sektion Panorama seine Premiere.

Mit voller Wucht wird Stevie (Sunny Suljic) von seinem großen Bruder gegen die Wand geschleudert. Am Boden wird weiter geprügelt, geschlagen und gerangelt. Der Große auf dem Kleinen. Später untersucht der 13-Jährige seinen geschundenen kleinen Körper im Spiegel und fügt sich mit geballter Faust weitere Schmerzen zu. Es werden nicht die einzigen bleiben. Doch wer skatet, darf nicht zimperlich sein – das weiß auch Stevie und duldet tapfer, dass er als Ventil für Ians (Lucas Hedges) Aggressionen herhalten muss. Und trotzdem vergöttert er den Älteren, bestaunt heimlich dessen mit Kappen und Mixtapes tapeziertes Zimmer und notiert sich gewissenhaft die musikalischen Vorlieben seines Bruders. 

Eine Hommage an die Neunziger

Schauspieler Jonah Hill („Superbad“, „The Wolf of Wall Street“) hat mit seinem Regiedebüt ein sensibles Porträt einer ganzen Generation geschaffen, die die Skater-Kultur als Hochzeit erlebte. Der auf 16 mm gedrehte Coming-of-Age-Film ist eine kluge Hommage an die Neunziger – in „Mid90s“ verhandelt Hill die Gefühlsblessuren einer Gruppe von Teenagern, die im Skaten Freiheit und zu Hause wenig Rückhalt finden. 

Auch Stevie kennt dieses Freiheitsgefühl und verbringt seine Zeit lieber im Skatepark, als sich daheim verprügeln zu lassen. Die Jungs-Gang witzelt anfangs über den naiven Neuzugang, doch mit der Zeit schafft es Stevie, Hierarchien aufzubrechen und die eingesessene Gruppendynamik ins Wanken zu bringen. Gratulationen nach der ersten sexuellen Erfahrung auf einer Hausparty schüren bei dem kleinen Skater Stolz, sorgen aber auch für Missgunst bei demjenigen, dessen Platz Stevie in der Gruppe längst eingenommen hat. Riskante Manöver katapultieren ihn in der Rangordnung ganz nach vorne, denn wer sich was traut, wird belohnt. Neben dem wachsenden Ansehen in der Gruppe verebbt plötzlich auch das brüderliche Dominanzverhalten und selbst Stevies autoaggressive Zwänge scheinen sich aufzulösen.

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Auf den Straßen L.A.‘s

„Mid90s“ ist nicht nur wunderschön fotografiert, sondern steckt auch voller Empathie für seine Figuren und deren Biographien. Das Skaten, gegenseitiger Zuspruch, Zusammenhalt, aber auch Rivalitäten formen den Alltag der fünf Teenager, die die eine Leidenschaft teilen und sich durch sie zugehörig fühlen. Die Schwierigkeit, im Gruppengefüge Platz und bei den Gleichaltrigen Anerkennung zu finden, manifestiert sich in derben Sprüchen und nahezu bescheidenen Gefühlsausbrüchen, die Hill seine Charaktere erfahren lässt. Doch auch dem Skateboard schreibt der Regisseur eine kathartische Wirkung zu: Die verräterischen Requisiten wecken nicht nur permanente Nostalgiegefühle, sondern bedeuten auch emotionale Befreiung: Spätestens, wenn die Skatertruppe auf dem ewig breiten Asphalt L.A.s der Unbekümmertheit entgegensurft, scheint das Jungsein für immer auf der Leinwand konserviert. 

Auch wenn das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe zum Ende etwas zu wohlwollend auf die Spitze getrieben wird, stimmt die Schlusssequenz versöhnlich, denn hier führt Hill das Erlebte der Figuren – aber auch der Schauspieler – in Form eines laienhaft produzierten Skate-Videos zusammen und schafft damit ein Bild-im-Bild als selbstreflexives Moment, in dem wir noch ein letztes Mal spüren dürfen, was es heißt, in einem Jahrzehnt aufgewachsen zu sein, in dem Skateboards und HipHop für viele Teenager zur rettenden Zuflucht wurde.

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