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Große Freiheit

Kinostart: 18.11.2021

Filmhandlung und Hintergrund

Epischer Gefängnisfilm über einen Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholt wegen seiner homosexuellen Neigungen in den Knast geschickt wird.

Darsteller und Crew

Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • Große Freiheit: Epischer Gefängnisfilm über einen Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholt wegen seiner homosexuellen Neigungen in den Knast geschickt wird.

    Epischer Gefängnisfilm über einen Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholt wegen seiner homosexuellen Neigungen in den Knast geschickt wird.

    „Große Freiheit“ beginnt mit schwulem, harten Sex auf dem Männerklo, festgehalten von einer versteckten Super-8-Kamera, also körnige, etwas zu helle Bilder, die einfach nur zeigen was passiert: Immer wieder derselbe Mann, Hans Hoffmann, wie wir gleich erfahren werden, der sich anderen Männern nähert, sie masturbiert, Oral- oder Analverkehr mit ihnen hat, so offenkundig, dass man meinen möchte, er wird gern dabei gefilmt, wenn er etwas tut, was 1968 in West-Deutschland noch strafbar war und mit bis zu sechs Jahren Gefängnis geahndet werden konnte, gemäß Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs, der so genannte Schwulenparagraph, der im Dritten Reich noch einmal verschärft worden war und im westlichen Nachkriegsdeutschland in dieser Fassung und unverändert 24 weitere Jahre gegolten hatte. Nach Ansicht der Filmaufnahmen vor Gericht ist die Beweislage klar: Hans muss ins Gefängnis, 24 Monate. Wie er seine Haft antritt, jeder Aufforderung Folge leistet, bevor sie überhaupt ausgesprochen werden kann, wie er im Nähraum von einem anderen Häftling, dem bulligen, tätowierten Viktor, mit einem erstaunten Blick des Erkennens registriert wird, legt die Vermutung nahe, dass er nicht zum ersten Mal eingebuchtet wird.

    Man liegt richtig mit dieser Annahme: Nachdem Hans einem anderen „175er“, wie die Männer, die wegen homosexueller Vergehen einsitzen, von den anderen Sträflingen verächtlich genannt werden, harte Hunde, die teilweise bestialische Verbrechen begangen haben, aber nichts mit den „Perversen“ zu tun haben wollen, Hackordnung im Knast, auf dem Hof zur Hilfe eilt, wird er ins Loch gesteckt - Einzelhaft, vollkommen nackt und in absoluter Dunkelheit. Als das Licht wieder angeht und Hans abgeholt wird, schreiben wir das Jahr 1945. Jetzt sitzt Hoffmann zum ersten Mal ein, ist direkt vom Konzentrationslager, aus dem er gerettet wurde, ins Gefängnis gewandert, durfte kein einziges Mal über Los gehen, und sitzt nun die letzten vier Monate einer 14-monatigen Strafe ab. Hier begegnet er erstmals Viktor Bix, von dem wir zwar nicht wissen, was er gemacht hat, der sich aber keinen Illusionen hingibt, so schnell wieder in Freiheit entlassen zu werden. Sie sind Zellengenossen, und Viktor macht keinen Hehl aus seinem Abscheu für Hans und dessen Neigungen. Erst als er die Zahlen-Tätowierung auf seinem Arm sieht, wird er milder. KZ, das hat keiner verdient. Und er bietet Hans an, ihm eine größere Tätowierung über die alte zu stechen. Als sie dabei geschnappt werden, wandern beide ins Loch. Als Hans diesmal herauskommt, ist es 1957: Er ist mit seiner großen Liebe geschnappt und wieder eingebuchtet worden. Obwohl zwölf Jahre vergangen sind, hat sich für ihn als homosexueller Mann nichts geändert. Und auch 1968 ist für ihn die Welt noch, wie sie 1945 gewesen war: geächtet, gebrandmarkt, ausgestoßen. Und immer noch ist er, der gespielt wird von Franz Rogowski in seiner bislang besten Darstellung, ein Geheimnis, ein Enigma, ein Fragezeichen, weil man sich nicht erklären kann, warum ihn das Schicksal nicht gebrochen, warum er immer noch Kraft besitzt und Optimismus hinter seinen wachen, immer aufmerksam beobachtenden Augen.

    Eines ist schließlich anders 1968. Diesmal muss Viktor nicht Hans helfen, Hans muss Viktor helfen, der nach mehr als 20 Jahren Knastaufenthalt drogenabhängig geworden ist, Heroin, und kurz vor seiner dritten Anhörung steht, vielleicht endlich doch noch entlassen zu werden. Man merkt es kaum, aber jetzt wechselt der Film seinen Fokus. Erzählte er bisher von Hans und dessen Schicksal in einem Land, das ihn nicht anerkennt, wie er ist, wird nun Viktor die zentrale Figur. Georg Friedrich ist wunderbar als dieser Bulle von Mann, der sich in sein Schicksal gefügt hat, aber gerade in seiner Extremsituation lernt, was Deutschland auch mehr als zwei Jahrzehnte nach den Nazis noch nicht gelungen ist: Er springt über seinen riesigen Schatten, er akzeptiert Hans. Doch damit ist „Große Freiheit“, so heißt ein Schwulenclub, den Hans nach seiner letzten Entlassung im letzten Akt des Films besucht, noch nicht zu Ende. Was begonnen hat als unerbittlicher Knastfilm, als Geschichte des Überlebens in einer feindseligen Umwelt, in der man Kompromisse machen muss, will man nicht untergehen, offenbart sich als Jahrzehnte überspannendes Epos einer Sehnsucht, kein Stück weniger atemberaubend als ein „Der englische Patient“ oder „Jenseits von Afrika“ oder wie sie sonst heißen mögen, die großen Liebesgeschichten der Filmgeschichte. Dem Österreicher Sebastian Meise ist mit seinem zweiten Spielfilm nach „Stillleben“ vor zehn Jahren ein kleines Wunder gelungen, ein Männerfilm über eine exklusive Männerwelt, der so zärtlich und zerbrechlich ist, so genau beobachtet und virtuos erzählt, dass man nicht glauben kann, dass er nur in einer Nebenreihe der Sélection officielle des Festival de Cannes gelandet ist. Die ganz große Leinwand im Salle Lumière wäre gerade groß genug gewesen.

    Thomas Schultze.
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