Filmhandlung und Hintergrund

Nach "Der Soldat von Oranien" erzählt Paul Verhoeven in seinem ersten europäischen Film seit 21 Jahren erneut eine kompromisslose Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die in Berlin gefeierte jüdische Revuesängerin Rachel Stein (Carice van Houten) findet in Holland Zuflucht vor den Nazis. Beim Versuch, sich in den sicheren Süden zu retten, gerät ihre Familie in einen Hinterhalt und wird bis auf Rachel ermordet. Um sich an denen zu rächen, die ihre Angehörigen verraten haben, schließt sie sich dem Widerstand an. Sie lässt sich als Spionin Ellis de Vries bei den Nazis einschleusen. Der deutsche Offizier Müntze (Sebastian Koch) fasst Vertrauen zu ihr, und als eine Befreiungsaktion brutal scheitert, taucht sie mit ihm unter.

Hollands Regie-Export Paul Verhoeven („Starship Troopers„) kehrt nach Europa zurück und widmet sich 30 Jahre nach „Der Soldat von Oranien“ wieder dem Zweiten Weltkrieg. Sein actionreicher Thriller in opulenten Bildern bietet eine emotionale Tour de Force.

Nach der Ermordung ihrer Eltern bei deren Versuch, sich während des Zweiten Weltkriegs in den sicheren Süden der Niederlande zu retten, schließt sich die jüdische Revuesängerin Rachel dem Widerstand an. Sie will Rache an denen üben, die ihre Familie verraten haben. Schnell entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem nicht nur den Nazis die Schurkenrolle zufällt. Ausgerechnet auf deutscher Seite findet Rachel einen ihrer größten Unterstützer.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Fast 18 Millionen Euro hat die paneuropäische Produktion von „Black Book“ gekostet, das wird mehrmals im Presseheft erwähnt; „rein faktisch und von den Finanzen her ist ‚Black Book’ strengenommen eine majorativ deutsche Produktion“, erklärt Jens Meurer, der deutsche CO-Produzent, und das hört sich ein bisschen so an, als wolle man den Filmfinanzierer VIP Medienfonds juristisch entlasten. Schließlich sitzt deren Geschäftsführer gerade in U-Haft wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung im großen Stil: Er soll die Gelder der Anleger statt als Risikokapital für Filme lieber in sichere Kapitalanlagen gesteckt und damit den Fiskus betrogen haben: Hier der Beweis, dass eben doch Filme finanziert wurden…

      Eine Menge Geld aus Deutschland also in diesem Film, der die Rückkehr von Paul Verhoeven in die niederländische Filmlandschaft markiert, der zuvor in den USA mit Edeltrash wie „Basic Instinct“ oder „Starship Troopers“ Erfolg hatte. Sein „Black Book“ nun schwankt zwischen anspruchsvollem Thriller und klischeehaftem Nazifilm (und vice versa), es ist ein Film über die chaotischen letzten Kriegstage in Den Haag, einer Art Insel abseits der Kampfhandlungen 1945, aber gerade deshalb in steter Erwartung der Befreiung durch die Engländer. Widerstandskämpfer, versteckte Juden, Gestapo und SS, Verräter und rachedurstiger Pöbel, opportunistische Anbiederung an die Nazis und das Bemühen, unnötiges Blutvergießen zu vermeiden: Viele komplementäre Pole hat der Film, viele Ansatzpunkte für die Auslotung von Charakter- und Plottiefen. Doch gleichzeitig, als Thriller, muss er auch schnell sein, und so stolpert er über vieles, das eine nähere Betrachtung nötig gehabt hätte.

      Plotpoint folgt auf Wendepunkt, Drehbuchtwist auf Handlungsvolte: Dass ständig etwas passiert, und meist das Gegenteil dessen, was die Figuren erwarten, ist Prinzip des Films, soll wohl die grundsätzliche Unsicherheit der Widerstandskämpfer im feindlichen Klima des nazibesetzten Hollands veranschaulichen, die nötige ständige Alarmbereitschaft, weil jederzeit aus dem Nichts Razzien und Kontrollen, Verrat und tödliche Fallen drohen. Andererseits wird für dieses Tempo einiges an potentieller emotionaler Kraft verschenkt; denn wirklich mit den Filmfiguren beschäftigen kann man sich nicht, wenn die verfilmten Drehbuchseiten nur so an einem vorberflattern.

      Irgendwann wird diese ständige Unberechenbarkeit berechenbar: Der Zuschauer erkennt das Prinzip, weiß, dass nichts so ist, wie es scheint, dass er dem Film nie trauen kann; und deshalb können die vielen Überraschungen nicht mehr funktionieren, das Spiel mit dem Auf und Ab des Spannungsbogens wird regelmäßig und damit uninteressant. Immer wieder sind da hübsche Ideen: Wenn fliehende Juden sich als Gefangenentransport der Gestapo verkleiden und so durch die Straßensperren kommen; wenn Rachel, die Hauptfigur des Films, als Leiche getarnt im Sarg durch eine Kontrolle geschleust wird. Doch stets weiß man, wann der nächste Twist kommen wird, manchmal gar mit Ankündigung: Wenn die Familie sich schwört, von jetzt ab nie mehr getrennt zu sein, ist klar, dass der Tod nur noch zwei Filmminuten weg ist.

      Das Spiel mit Verrat, mit dem Konflikt zwischen Widerstand und Nazikollaboration, mit dem Infiltrieren des SS-Hauptquartiers durch Rachel/Ellis de Vries, die sich an den Hauptsturmführer Müntze ranmacht, seine Geliebte wird, sich also für die Resistance prostituiert: Das ist durchaus spannend; wird aber durch viele Nebenhandlungen und (zu) viele Figuren zeitweise verwässert. Und immer wieder geht’s Richtung Klischee, oder es wird ganz hanebüchen: Da ist die reiche Jüdin, die ihre Juwelen unterm Pelzmantel versteckt und damit ganz antisemitischen Karikaturen entspricht; SS-Mann Müntze erkennt, dass seine neue Geliebte Jüdin ist, weil sie ihre schwarzen Haare blond gefärbt hat (!); der superreligiöse Widerständler kann erst dann einen erschießen, als der gotteslästerlich flucht; die Musik sagt uns überdeutlich, was zu fühlen ist; und den meisten Figuren ist schon am Gesicht ihre Gesinnung anzusehen, vor allem bei der SS…

      Und dann auch immer wieder Nachlässigkeiten: Da kotzt Ellis ins Klo und spült sich hinterher nicht mal den Mund aus, nimmt nur ein Schlückchen Champagner, das war’s an Mundpflege, alles ist wieder gut; da öffnet ein Arzt die Chloroformflasche, indem er den Korken mit den Zähnen herauszieht.

      Das sind Momente, in denen der Film das mit den Händen Aufgebaute mit dem Arsch wieder einreißt. Dabei ist das Drehbuch genau konstruiert, wie Zahnräder greift eins ins andere: ein böser SS-Mann lockt reiche Juden in die Falle, erschießt sie und raubt sie aus; der Widerstand erschießt den Verräter, der als Lockvogel dient; dafür will die SS Geiseln erschießen; die müssen befreit werden, und dafür verkleiden sich die Kämpfer eben als Gefangene, die zur Hinrichtung ins SS-Hauptquartzier transportiert werden; die Aktion scheitert, ein SS-Spitzel hat alles verraten: doch wer? Eines führt elegant zum anderen, und zwischendurch schöne Seitenblicke auf Sekretärinnen, die erfolterte Geständnissen tippen müssen, oder auf die Feiern der SS-Granden, die regelmäßig in fröhlichen Geschlechtsverkehr für alle münden.

      Das Schwarze Buch des Titels ist ein Relikt der Realität in diesem Film. Das Notizbuch eines Den Haager Anwalts, der zwischen Widerstand und NS-Sicherheitsdienst verhandelte, um weitere Tote zu vermeiden, ist legendär, es enthielt Namen von Verrätern und Kollaborateuren – doch es wurde nie gefunden. So ähnlich ist auch der Film. Er reißt vieles an, beschreibt in mitunter spannender Thrillerdramaturgie den Widerstand gegen die Nazi-Besatzer – doch auf den Punkt kommt er nicht, huscht über Relevantes hinweg und sagt damit letztendlich viel zu wenig. Am Ende bleibt nichts übrig.

      Fazit: Der Thriller über den Widerstand gegen die NS-Besatzung ist zwiespältig: einerseits flott und durchaus spannend, stolpert er andererseits über diverse Fallen von zu vielen Plottwists, Klischees und hanebüchenen Volten der Logik.
    2. Black Book: Nach "Der Soldat von Oranien" erzählt Paul Verhoeven in seinem ersten europäischen Film seit 21 Jahren erneut eine kompromisslose Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg.

      Mit seinem groß angelegten Epos über menschliche Tragödien im Holland während des Zweiten Weltkrieges vermag Hollywoods unbequemster Blockbuster-Regisseur Paul Verhoeven im Wettbewerbsprogramm der 63. Biennale inhaltlich, emotional und stilistisch zu überzeugen.

      Zurück zu den Wurzeln heißt es für den niederländischen Filmemacher Paul Verhoeven. Nach zwei aufregenden Jahrzehnten Hollywood, in der er die Kinowelt mit künstlerisch bemerkenswerten Kassenschlagern wie „Total Recall“ oder „Basic Instinct“ bereichert hat, ist er in seine Heimat zurückgekehrt, um „Zwartboek“ zu realisieren. Auf den ersten Blick nicht unbedingt eine Verhoeven-typische Geschichte - sieht man mal von seinem packenden Zeitpanorama „Der Soldat von Oranien“ (1977) ab -, handelt es sich doch um die während des Zweiten Weltkrieges angesiedelte Leidensgeschichte der Jüdin Rachel Stein, die - einst in Berlin gefeierte Sängerin - nun in Holland Unterschlupf vor den Nazis gefunden hat. Was folgt, ist eine einzige Tour de Force, eine Aneinanderreihung menschlicher Tragödien, die Rachel durchzustehen, aber auch unbewusst mitzuverantworten und vor allem zu überleben hat. Zunächst verliert die Tochter aus gutem Hause bei einem Hinterhalt sämtliche Familienmitglieder. Dann lässt sich Rachel, die sich inzwischen Ellis de Vries nennt, als Spionin des holländischen Widerstands bei den Nazis einschleusen. Doch der Plan, sich an den verhassten Besatzern und Mördern ihrer Eltern zu rächen, missglückt. Ein Doppelspion hat die Sache an den Feind verraten, der ein Blutbad unter den Nazi-Gegnern anrichtet. Und schließlich verliert Ellis kurz nach Kriegsende auch noch den einzigen Menschen, für den sie etwas empfindet - durch die Dummheit eines Rückgrat-losen kanadischen Offiziers.

      Mit „Zwartboek“ ist Verhoeven wahrhaft Großes gelungen. Das beginnt schon bei der Annäherung an dieses brisante Thema. Denn bei ihm wird nicht schwarz-weiß gezeichnet. Jeder hat Dreck am Stecken, egal zu welcher Seite er gehört. Da gibt es den ehrenwerten Freiheitskämpfer, der gleichzeitig mit den Nazis kollaboriert und diesen reiche Juden ans Messer liefert. Aber auch den ranghohen SS-Offizier namens Müntze, der begriffen hat, dass der Krieg längst verloren ist. Um noch mehr Blutvergießen zu vermeiden, arbeitet er mit dem holländischen Untergrund zusammen, was ihm letztlich zum Verhängnis wird. Dieser Müntze wird verkörpert von Sebastian Koch, der nach seiner feinen Hauptrolle in „Das Leben der Anderen“ hier erneut eine vielschichtige Figur meistert. Dennoch steht er im Schatten eines weiteren Deutschen, Waldemar Kobus, hierzulande vielbeschäftigter TV-Darsteller, von Verhoeven für die große Leinwand entdeckt. Seine Performance des überheblichen, eiskalten und gefühllosen Nazi-Schergen Franken stellt selbst Ralph Fiennes‘ Figur des Amon Goeth aus „Schindlers Liste“ in den Schatten. Und ihm gegenüber steht die umwerfende Carice van Houten, Heldin, Hure, Heilige in Personalunion, eine Mata Hari, die nichts mehr zu verlieren hat und daher Tag für Tag alles riskieren kann. Van Houten, bei uns bisher nur durch eine Rolle in dem beachtenswerten Kinderfilm „Lepel“ in Erscheinung getreten, erinnert mit ihrem unbekümmerten und freizügigen Spiel an Monique van de Ven, Heldin der Verhoeven-Filme „Türkische Früchte“ und „Das Mädchen Keetje Tippel“.

      Wie man es hier überhaupt mit einem typischen Verhoeven-Film zu tun hat. So färbt sich van Houten, bevor sie zu den Nazis geht, nach dem Motto „wenn schon, dann perfekt“ die Schamhaare blond, was Erinnerungen an die Verhörszene aus „Basic Instinct“ wachruft. Dann wieder zeigt der Filmemacher - schonungslos und in Nahaufnahme wie zu besten „Flesh & Blood“-Zeiten - das von einer Kugel zerfetzte Gesicht jenes Anwalts, dessen titelgebendes „schwarze Buch“ auch den letzten Verräter offenbaren wird. So ist Verhoevens erste Arbeit seit sechs Jahren nicht nur aus handwerklicher Sicht - von Karl Walter Lindenlaubs kompromissloser Kamera bis hin zu Wilbert van Dorps Setdesign - geglückt, sondern auch inhaltlich. Denn der Holländer geht nicht nur mit seinen Landsleuten, vor allem in ihrem unreflektierten Umgang mit vermeintlichen Nazi-Kollaborateuren, hart ins Gericht, sondern hält auch noch eine Botschaft bereit, die heute gültiger denn je ist: Das Kriegsende bedeutet noch lange nicht das Ende des Krieges. lasso.
    3. „Wertvoll”

        Der Film beginnt mit einem konventionellen dramaturgischen Effekt: In einer kurzen Rahmenhandlung lernt der Zuschauer die Protagonistin Ellis de Vries/Rachel Stein in einem Kibuz in Israel kennen, wo überraschend eine Freundin aus früheren Tagen auftaucht. Dann springt der Film unmittelbar in seine Geschichte, später erst erschließt sich der Grund für dieses filmische Mittel. Die Story des Films, authentisch dem titelgebenden schwarzen Buch eines Zeitzeugen entnommen, entwickelt sich um die Hauptfigur Ellis, eine junge Sängerin und Jüdin. Der Film folgt ihrer Flucht durch Holland. Zunächst nur vereinzelt, dann immer stärker werden kriegerische Zustände dargestellt - Gefechte, Bomben, Flucht. Exekutionen durch Verrat von Kollaborateuren, aber auch einige erotische Szenen vermitteln einen Eindruck der Kriegsjahre in Holland.

        Der Film folgt als Genrefilm seinen Gesetzen. Er wirkt routiniert, spannend, perfekt, gelegentlich kolportagehaft. Er schildert die Moral dieser Jahre kurz vor und nach Ende des Krieges im besetzten Holland. Während ein Jurymitglied die holzschnittartige Vorgehensweise als undifferenziert empfand, sahen andere positiv, dass hier nicht eine Moral gezeigt wird, die nirgends mehr vorhanden war in diesen Jahren. Jeder sorgte für sich und die Seinen. Juden, Christen, Stalinisten - jeder traute nur seinen Leuten. Der Widerstand wird nicht nur als moralische Unternehmung geschildert, sondern dient im Film auch dem Suspense, was ihn nicht weniger anspruchsvoll und für einen als Thriller angelegten Film überraschend tiefgründig erscheinen lässt.

        In zahlreichen Wendungen erlebt der Zuschauer, wie wenig irgendeinem der Protagonisten zu trauen ist. Diese Tatsache legt er auch dem Recht und Gerechtigkeit vertretenden Anwalt Smaal in den Mund, der einmal zu Ellis sagt: „Trau keinem in diesen Zeiten.“ Der großen Zahl der Menschen, die in diesem vermutlich derart moralisch ambivalent vor zehn Jahren nicht realisierbaren Film auf verschiedenen Seiten um ihr Leben kämpfen, wird angemessene Aufmerksamkeit in der Charakterisierung zu Teil. Der Film arbeitet geschickt mit unterschiedlichen Ebenen und setzt die genretypischen Klischees gekonnt zum Verständnis der Geschichte ein. Damit geht er über den Anspruch eines Thrillers hinaus, was auch die FBW-Jury veranlasste das höchste Prädikat zu vergeben.

        Die grundsätzliche Frage im Rahmen der Diskussion, ob ein Thriller dem Thema Holocaust, Krieg und Vernichtung gerecht werden kann, war auch dieses Mal nicht endgültig zu beantworten. Sie wird umstritten bleiben und wohl nur individuell zu beantworten sein.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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