No Country for Old Men (2007)

No Country for Old Men Poster
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Filmhandlung und Hintergrund

No Country for Old Men: Knochentrockene Verfilmung des Romans von Cormac McCarthy über einen Mann, der auf der Jagd in der texanischen Einöde Leichen und Geld entdeckt und danach Ziel einer erbarmungslosen Hatz wird.

Als der Kriegsveteran Llewelyn Moss (Josh Brolin) eher zufällig Zeuge eines Drogenhandels wird, bei dem die Gangster einander fast gänzlich töten, suchen eine Warenladung Heroin und zwei Millionen Dollar in bar einen neuen Besitzer. Doch Moss ahnt nicht, dass das Geld mit einem Peilsender versehen ist. So kommt es, dass er in eine Schießerei gerät, als er an den Schauplatz des Verbrechens zurückkehrt, um einem der Überlebenden Wasser zu bringen. Das Geld hatte er zuvor seiner Frau Carla (Kelly Macdonald) nach Hause gebracht. In der Folge wird Moss nun zum Spielball zwischen den Mexikanern, dem Auftragskiller Chigurh (Javier Bardem) und dem örtlichen Sheriff Bell (Tommy Lee Jones), der ihn und seine Frau zu beschützen versucht. Die undurchsichtigste Person in all diesem Durcheinander ist Chigurh, der für mehrere, untereinander befeindete mexikanische Kartelle und  das amerikanische, organisierte Verbrechen gleichzeitig arbeitet. Alles läuft auf ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem nihilistischen und brutalen Chigurh und Protagonist Moss heraus. Der Neo-Noir-Western aus dem Jahr 2007 ist die erste Literaturverfilmung der Gebrüder Coen. Viermal wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet; für die wichtigen Kategorien bester Film, beste Regie, bestes adaptiertes Drehbuch und als bester  Nebendarsteller Javier Bardem. Mit den Coens wurde zum erst zweiten Mal in der Oscar-Historie der Regiepreis an zwei Personen vergeben. Zuvor hatten sich lediglich Jerome Robbins und Robert Wise für „West Side Story“ einen der begehrten Academy Awards geteilt. Der Film verzichtet fast gänzlich auf Filmmusik, um die unterkühlte Atmosphäre zu unterstreichen. Der Score von Carter Burwell hat dementsprechend auch nur eine Laufzeit von 16 Minuten.

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Kritiken und Bewertungen

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    Die Faszination am Bizarren des Todes - der schwarze Humor sowie das fatale Verwechseln von Asthma-Spray und Pistole im unmöglichen Härtefall - verschmilzt hier mit der texanischen Landschaft und der Seele seiner Bewohner, transzendiert ins Jenseits von Gut und Böse. Vor und hinter der Kamera stimmt einfach alles. Vorangetrieben wird diese aberwitzige und spannend erzählte Geschichte von einem Schauspieler-Ensemble der allerersten Garde, von denen jeder für sich preiswürdig erscheint. Die Coen-Brüder sind mit dieser Regie-Leistung und ihrem selbst verfassten Drehbuch auf dem Gipfel ihres kinematographischen Könnens angelangt. Ein ganz großer Film: eindrucksvoll und fulminant. Chapeau.

    Jurybegründung:

    Ein Jäger auf der Pirsch findet irgendwo im Südwesten von Texas zwischen vielen Leichen, die offensichtlich einer wilden Schießerei zum Opfer gefallen sind, Wagenladungen von Drogen und unweit davon einen zum Rand mit Geldscheinen gefüllten Koffer, mit dem offensichtlich die Drogen millionenschwer bezahlt wurden oder vielmehr bezahlt werden sollten. Er nimmt den Koffer an sich und flieht. Die Drogenbarone registrieren dies unwirsch und setzen den stets in Schwarz gewandeten Killer Anton auf den Flüchtigen an, um zeitnah aus ihrer Sicht einen stimmigen Kassenabschluss vollziehen zu können. Anton verkörpert das Böse schlechthin und macht keinen Unterschied zwischen Beteiligten und Unbeteiligten, zwischen Schuldigen und Unschuldigen. Er wirkt wie ein Racheengel aus einer anderen Welt mit menschlichem Antlitz mit der Entschlossenheit zum Töten mit seiner Bolzen-Pumpgun, die wohl zum Rindertöten aus einem Schlachthof zu stammen scheint.

    Ein tief pessimistischer, aber durchaus lakonischer Film. Während die einen Zuschauer tief betroffen nach dem Ausweg, der Botschaft oder dem Grund für so konsequent Böses suchen, feixen die anderen Schenkel klopfend über ein herausragendes Stück Kino-Unterhaltung mit Tiefgang, Witz und Ironie und dabei handwerklich meisterhaft umgesetzt.

    Vor und hinter der Kamera stimmt einfach alles: das Drehbuch, die stimmigen Dialoge, der einfühlsame Soundtrack, die kinogerechten Bilder, wunderbare Sets und liebenswerte Details - alles passt zueinander.

    Vorangetrieben wird diese aberwitzige und spannend erzählte Geschichte von einem Schauspieler-Ensemble der allerersten Garde, von denen jeder für sich preiswürdig erscheint. Die Coen-Brüder sind mit dieser Regie-Leistung und mit ihrem selbst verfassten Drehbuch auf dem Gipfel ihres cinematographischen Könnens angelangt. Hut ab.

    Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

Kritikerrezensionen

  • „No Country for Old Men“ ist ein Roman von Cormac McCarthy, den die Brüder Joel und Ethan Coen verfilmt haben. Herausgekommen ist ein moderner Western, der gleichzeitig auch Komödie ist, eine dieser Improvisationen zu Genrevorbildern, für die die beiden Regisseure, Produzenten und Drehbuchautoren berühmt sind. Der Film ist vor allem cool, witzig und gut gespielt, wie man das von einem Coen-Film erwartet. Und dennoch scheint etwas zu fehlen bei all der Konzentration auf die Form, die Virtuosität, das Spiel: eine emotionale Tiefe.

    Javier Bardem spielt den mysteriösen Killer, der auf die Leute, die ihm begegnen, den Eindruck eines Psychopathen macht. Er benutzt ungewöhnliche Mordinstrumente, er lässt nicht mit sich handeln. Llewelyn, der einheimische junge Mann, gespielt von Josh Brolin, ist im Grunde ein guter, einfacher Kerl. Doch das Geld weckt in ihm eine andere Seite, und er entwickelt praktisch aus dem Stand eine Menge Fähigkeiten, um seine Verfolger auszutricksen.

    Sheriff Bell, gespielt von Tommy Lee Jones, ist der Gesetzeshüter, der langsam zu alt für den Job wird. Er versteht die Welt nicht mehr mit ihrer verheerenden Brutalität. Tommy Lee Jones ist neben dem stillen, derangierten Killer, den Bardem spielt, der Witzegarant des Films. Er hat in fast jeder Szene einen Spruch, aus dem der staubtrockene Humor bröselt.

    Tommy Lee Jones kann seinen Sheriff auch nach Herzenslust jammern lassen: Er tut das auf so mehrdeutige Art und Weise, dass Bell auch in seinem Selbstmitleid nicht schwach wirkt, sondern geschmeidig und präsent bleibt. Die Verfolgungsjagd durch Motels, über die mexikanische Grenze und wieder zurück ist blutdurchtränkt und doch auch voller kleiner Sketche, wie dem mit dem Grenzer und Llewelyn, der in einem Krankenhaus-Nachthemd wieder in die Staaten zurückwill.

    Auch mit den Westernklischees wird ein bisschen gespielt. Ausgerechnet der Killer fragt den Mann mit dem Cowboyhut, welchen Sinn denn das Gesetz macht, für das er ins Verderben gezogen ist. Der Mann mit dem Cowboyhut, gespielt von Woody Harrelson, hat eine erfrischend komödiantische, leider viel zu kleine Nebenrolle. Es ist aber insgesamt ein bisschen wie beim Feuerwerk: Verzieht sich der ganze Rauch, sieht alles wieder aus wie vorher. Die hervorragende Kamera verzichtet auf eine atmosphärische Sonderbeleuchtung. Mal ist es dunkel, mal ist das Wetter über der texanischen Weite so schön, dass auch in Sheriff Bells Wohnzimmer eine für düstere Handlungen ungewöhnliche Helligkeit dringt.

    Fazit: Ein Killer, ein Sheriff und ein Mann, der sein Glück versucht: Cooler, von Kugeln durchsiebter Westernspaß von Joel und Ethan Coen.
  • Elektrisierend schwarzhumoriges Meisterwerk der Coen-Brüder mit Javier Bardem als todsicherer Killer im Crime-and-Western-Country von Sergio Leone, Sam Peckinpah und John Woo.

    Nach den launigen “Ladykillers” und dem verzeihlichen “Härtefall” für George Clooney und Catherine Zeta-Jones, sind die Coen-Brüder wieder auf der Höhe ihrer inszenatorischen Meisterschaft mit dieser so aufregenden wie lakonischen, von schockblutigen Explosionen wie knochentrocken schwarzhumorigem Witz getränkten Expedition ins Crime-and-Western-Country von Sergio Leone, Sam Peckinpah und John Woo, deren Arten, Türen zu öffnen, auf originelle Weise variiert wird. Geerdet mit der Roman-Vorlage von Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy, dessen Neo-Western “All die schönen Pferde” Billy Bob Thornton nicht restlos überzeugend anging, adaptieren die Coens das West-Texas von 1980 als absurde philosophische Landschaft, filmisches Gold wie ihr “Fargo”. Spielten dort Loser auf dem Grat zwischen Grauen und blutiger Posse, Gewalt und idyllischen Schneewüsten, so geht in “No Country For Old Men” ein begnadeter Profikiller mit grotesker Mireille-Mathieu-Frisur und Stoneface seinem Handwerk nach und spielt auf cooler Menschenjagd Graf Zaroffs “The Most Dangerous Game”.

    Wegen seines Muts, einen blutvollen, vollkommen humorlosen und gerade dadurch zu Lachen, das im Hals stecken bleibt, reizenden Killer zu spielen, hätte Bardem den Darstellerpreis in Cannes verdient, aber das ist so fern, als würde Chow Yun-Fat für seine epochalen Woo-Killer den Ehren-Oscar gewinnen. Als Anton Chigurh, der mit Münzwurf über Leben und Tod entscheidet, verfolgt Bardem Vietnam-Veteran Llewelyn Moss. Josh Brolin verkörpert ihn in der Tradition von Nick Nolte aus Karel Reisz’ unterschätztem Drogen-Chase-Thriller “Dreckige Hunde” (1978). Moss, in einer überragenden Sequenz eingeführt, die das Jagdmotiv des Films etabliert, stößt mitten in der Wüste auf eine mit Leichen gepflasterte Wagenburg, Drogen und einen Koffer mit zwei Millionen Dollar. Den versuchen ihm erst ein furchterregend verbissener Hund bei einer atemberaubenden Flucht durch einen Fluss und dann der Anton aus Texas, mit Peilsender und einem Bolzenschießer, mit dem er seine Opfer wie Vieh tötet, abzujagen. Die Jagd variiert in der den Coens eigenen Slow-Burn-Dramaturgie berühmte Vorgänger, die Hotelszene mit Clint Eastwood in Leones “Zwei glorreiche Halunken”, den Hotel-Showdown von Steve McQueen in Peckinpahs “The Getaway” und den Treppen-Shootout von Chow Yun-Fat in Woos “A Better Tomorrow II” und ist in ihrer originellen Unvorhersehbarkeit purer audiovisueller Genuss.

    Dritter im Bund der Coen-Charakterköpfe ist Tommy Lee Jones, der als desillusionierter Sheriff seinen Mitbürger Moss vor Chigurh beschützen will und stets zu spät kommt. Jones wird dem Titel gerecht, wenn er mit Erzählungen à la Ambrose Bierce (der unglaubliche Todeskampf einer Kuh) und moralischen Reflexionen, von denen nichts als Träume bleiben, verlorene Integrität und Würde beklagt und den Film so lakonisch beschließt, wie Brolin und Bardem ihn verlassen. Roger Deakins’ makellose Scope-Kameraarbeit, der Schnitt (die Coens unter ihrem Pseudonym Roderick Jaynes), Tonschnitt und die bis auf die Knochen reduzierte Storyline erhöhen die nachwirkende Intensität des fabelhaften Neo-Noir-Crime-Western. Yep! ger.

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