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Fakten und Hintergründe zum Film "Willkommen bei den Sch?tis"

Fakten und Hintergründe zum Film "Willkommen bei den Sch?tis"

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Interview mit Dany Boon

Wie kamen Sie auf die Idee zu WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS?

Die Idee zu WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS hatte ich schon, bevor ich 2006 meinen ersten Film „La Maison du Bonheur“ drehte. Aber ich wollte erst einmal sehen, ob ich das mit dem Filmemachen überhaupt kann, damit ich nicht am Ende eine Geschichte, die mir sehr viel bedeutet, in den Sand setze. Natürlich ist jede Geschichte wichtig, aber diese handelt von meiner Kindheit, der Region, aus der ich stamme, den Leuten dort. Das ist meine Familie! Sie zählen auf mich. Ausgangspunkt war das schlechte Bild, das diejenigen im Kopf mit sich herumtragen, die die Region gar nicht kennen. Die Franzosen haben eine sehr negative Sicht auf diese Gegend und denken immer nur an Armut, Verzweiflung und Arbeitslosigkeit, wenn sie Nord-Pas-de-Calais hören. Und gerade weil sie so eine verzerrte Sicht haben, bekam ich Lust, eine Komödie zu drehen, die die Menschen berührt und ihnen die Augen öffnet. Die Zuschauer sollten diese Region zusammen mit der Hauptfigur, die in den Norden kommt, kennenlernen, mit allem, was dazugehört: die ganze Sch’ti-Kultur, die Landschaft, die Mentalität der Leute, ihre Gastfreundschaft, ihren Gerechtigkeitssinn, ihre Großzügigkeit. Alles, was in folgendem Sprichwort zusammengefasst ist: „Ein Fremder, der in den Norden kommt, weint zweimal: wenn er ankommt und wenn er wieder fährt.“ Ich wusste, dass ich nur einen solchen Film über die Essenz dessen, was mich ausmacht, drehen würde. Von daher habe ich diesen Film auch für mich gemacht, und er ist mir sehr, sehr wichtig. Ein volkstümlicher Autorenfilm.

Wie ging das Schreiben des Drehbuchs vonstatten?

Ich habe ein Jahr lang allein daran geschrieben und hatte die Geschichte, die Figuren und auch schon viele der Szenen fertig angelegt, die in den Film Eingang gefunden haben. Aber an einem bestimmten Punkt hatte ich Lust, andere Autoren mit einzubeziehen, in diesem Fall Franck Magnier und Alexandre Charlot. Franck Magnier kenne ich schon lange. Früher hat er Sketche geschrieben, und ich erinnere mich noch, dass ich zu ihm nach Hause in die Banlieue gefahren bin, um sie mir von ihm vorführen zu lassen. Mein Umfeld wunderte sich, warum ich mir wegen eines Unbekannten so eine Mühe mache. Aber ich fand ihn sehr nett und lustig. Außerdem ist Franck aus dem Norden, und er stellte mir Alexandre Charlot vor, der zwar nicht von dort stammt, aber mit einer Sch’ti verheiratet ist. Die beiden sind sehr gute Drehbuchautoren, und unsere Zusammenarbeit war äußerst konstruktiv. Wir haben drei Monate gebraucht, um eine endgültige Fassung zu erstellen, die wir dann bis zur letzten Minute immer wieder überarbeitet haben.

Wo lagen die Probleme beim Schreiben?

Das Schwierigste war, eine Komödie aus all dem zu machen. Darüber habe ich ein Jahr lang am meisten geschwitzt! Wenn ich in einer meiner Shows Figuren aus dieser Region darstelle, ist es einfacher, weil ich mich dann quasi selbst durch den Kakao ziehe. Ich überzeichne die Figuren, karikiere sie; das ist eine Konvention und die Leute lachen darüber. Im Kino ist das viel komplizierter, weil man eine ganze Welt für die Charaktere erschaffen muss, eine fiktive Realität, durch die sie sich bewegen und die unbedingt glaubwürdig wirken muss. Nun habe ich eine Hauptfigur in den Mittelpunkt meines Films gestellt, die eine geradezu apokalyptische Vorstellung vom Norden hat: Und das entspricht genau der Sichtweise der Menschen, denen ich in 15 Jahren Stand-up-Comedy begegnet bin, sobald ich irgendwo südlich von Paris war!

Hat Ihre Zusammenarbeit mit Francis Veber – Autor von Erfolgskomödien wie „Mein Vater, der Held“ (1994) und „Ein Käfig voller Narren“ (1978) – Ihre eigene Arbeit beeinflusst?

Das hat mir ganz sicher sehr viel gegeben. Wenn man mit einem Genie wie Francis Veber in Kontakt steht, kann man da sehr viel für sich selbst rausziehen. Ich habe den gleichen Anspruch wie er. Aus diesem Grund hat Kad mich bei den Dreharbeiten immer „Dany Veber“ genannt!

Haben Sie selbst nicht die Hauptrolle übernommen, damit Sie sich besser auf die Regie konzentrieren konnten? Und wäre es für Sie auch in Frage gekommen, „nur“ Regie zu führen?

Oh, nein, ich wollte dabei sein! Aber auch wenn meine Figur, Antoine Bailleul, einen Namen trägt, der in meiner Familie vorkommt, habe ich beim Schreiben überhaupt nicht darüber nachgedacht, welcher Schauspieler welche Rolle spielen könnte. Und ich habe auch zu keinem Zeitpunkt des ganzen Projekts gedacht: „Mensch, jetzt hab ich ja die weniger große Rolle.“ Es war tatsächlich so, dass Kad im Endeffekt an 52 von insgesamt 53 Drehtagen vor der Kamera stand und ich nur an 30 – was trotzdem noch sehr viel ist. Und es stimmt, dass ich dadurch mehr Zeit hatte, mich um die Regie zu kümmern. Es waren eher die Produzenten, denen es Sorge bereitet hat, dass ich nicht die Hauptrolle spielte. Sie meinten: „Deine Figur tritt ja erst auf Seite 15 zum ersten Mal auf. Das ist aber spät. Willst du nicht lieber die andere Rolle spielen?“ Und ich hab geantwortet: „Nein, ich muss den Sch’ti spielen. Ich kann nicht der Typ sein, der aus dem Süden kommt, das ist unmöglich.“ Und die Szenen am Anfang sind wichtig, um die Situation zu etablieren und zu zeigen, was die Leute dort über den Norden denken.

Wie sind Sie auf Kad Merad gekommen?

Anfangs hatte ich überhaupt nicht an ihn gedacht. Es gab viele Darsteller, die diese Rolle hätten spielen können. Wir haben eine Liste angelegt, und irgendwann hat Richard Pezet von Pathé dann Kad vorgeschlagen. Und ich habe gesagt: „Ja, natürlich!“ Ich mag ihn sehr. Ich mochte ihn auch in „Keine Sorge, mir geht’s gut“ sehr. Aber bei der Vergabe der Césars war ich trotzdem nicht für ihn. Ich gestehe: Ich habe für mich selbst gestimmt! Aber das hat offensichtlich nicht ausgereicht (lacht)! Kurz und gut, Richard gab ihm das Drehbuch zu lesen, und am nächsten Tag, als er es sich angesehen hatte, rief Kad mich an, um mir zu sagen: „Das ist eine großartige Geschichte, sie ist witzig, ganz toll.“ Was mich natürlich sehr gefreut hat. Wir haben über die Rolle diskutiert und darüber, wie ich mir den Film vorstellte, und dann ging’s auch schon los. Kad hat sich diese Figur ganz wunderbar angeeignet, sie mit viel menschlicher Wärme und Tiefe ausgestattet. Er hat sich in dieses Projekt hineingeworfen, wie man sich in ein großes Abenteuer wirft. Er war zu hundert Prozent dabei, und wenn ich wollte, dass er zweihundertprozentig dabei ist, dann hat er zweihundert Prozent gegeben und manchmal sogar noch mehr! Wie in dieser Szene mit dem rollenden Sessel, die sehr heikel war. Diese Szene ist komisch, visuell und körperlich. Aber es war wichtig, dass er sich ganz auf sie einlässt, und in dem Punkt hat Kad mich verblüfft. Er hat sich komplett in diese Szene hineingegeben und spielt sie ganz wunderbar. Ich bin überaus zufrieden mit seiner Arbeit. Kad ist ein wirklich feinfühliger Mensch. Er ist sehr schamhaft und versteckt seine Gefühle sehr geschickt. Dennoch war er am letzten Drehtag äußerst bewegt. Und am Ende lagen wir uns beide weinend in den Armen. Wir haben diesen Sinnspruch quasi gelebt, dass man, wenn man in den Norden kommt, zweimal weint, bei der Ankunft und bei der Abreise. Am Ende dieses Abenteuers haben wir alle geweint!

Line Renaud, die Lady von Armentières, in diesem Film zu besetzen, war ja geradezu ein Muss …

Ja, Line war sehr glücklich. Sie hat total

gelacht, als ich ihr erzählte, dass sie meine Mutter spielt. Aber meine eigene Mutter ist nicht so übergriffig (lacht)! Line hat diesen Dialekt wieder neu lernen müssen und war überrascht, wie schnell sie wieder drin war. Sie sagte zu mir: „Das ist jetzt wirklich komisch, ich hab mich jahrelang abgemüht, um meinen Akzent loszuwerden, und du bittest mich, ihn mir wieder anzueignen.“ Sie ist eine außergewöhnliche Frau und eine große Künstlerin.

Und die Postler-Crew?

Anne Marivin, die meine Frau spielt, ist eine Riesenentdeckung. Ich hatte sie vorher in einigen kleineren Rollen gesehen. Sie stammt aus der Picardie, ist voller Energie und besitzt sehr viel Charme. Sie kann urkomisch sein und ist als Schauspielerin der Wahnsinn, genial. Außerdem ist sie sehr uneitel. Ich habe ihr schäbige Kleider verpasst, und sie sollte mit fettigen Haaren rumlaufen. Sie sah furchtbar aus, sehr verunstaltet, aber sie hat ihre Rolle trotzdem mit Begeisterung gespielt! Guy Lecluyse, der den Yann spielt, kenne ich, seit ich nach Paris gekommen bin; damals hatte er eine One-Man-Show. Er ist ein toller Schauspieler. Fabelhaft. Philippe Duquesne ist ein rares Talent. Wie er sich den Text aneignet, ist immer wieder überraschend, unerwartet, so etwas liebe ich.

Aber das sind nicht die einzigen Leute im Film, die aus dem Norden stammen?

Nein, wir haben natürlich ganz viele Leute aus der Gegend angeworben, aus Bergues. Wir haben ein Casting für die Komparserie gemacht und für die kleinen Rollen. Üblicherweise sieht man sich bei so was 200 Bewerber an. Wir hatten dort mehr als 1.000! Das war ein ganz schöner Wahnsinn, der uns einen kompletten Tag gekostet hat! An irgendeinem Punkt mussten wir einfach aufhören, sonst hätte das nie ein Ende genommen. Das besagt aber auch, dass mir alle Rollen wichtig sind, Hauptrollen, Nebenrollen, kurze Auftritte. Die Frau, die aufs Postamt kommt und bei mir Briefmarken kaufen will, als ich besoffen bin, ist zum Beispiel großartig. Diese Frau ist genial, die habe ich persönlich ausgesucht. Mir ist es wichtig, dass das Ensemble eine Einheit bildet.

Wie liefen die Dreharbeiten in Ihrer Region dann ab?

Was soll ich sagen? Wenn ich durch Lille spaziere und dabei nicht meine Kappe trage, brauche ich eine halbe Stunde für einen einzigen Block. Bei den Dreharbeiten in Bergues gab es also riesige Menschenaufläufe. Aber diese Leute aus dem Norden waren absolut fantastisch. Wenn dort Aberhunderte Leute zusammenstanden, um bei den Dreharbeiten zuzusehen, herrschte, wenn wir um Ruhe gebeten haben, auch wirklich Ruhe. So etwas ist wirklich selten. Andererseits habe ich jeden Abend nach dem Dreh mehr als eine Stunde damit verbracht, Autogramme zu geben. Aber es war toll. Und ich sage immer Ja, wenn Leute meine Zeit in Anspruch nehmen, weil ich finde, dass das einfach zu meinem Beruf gehört. Man macht diesen Job schließlich für die Leute und dank dieser Leute. Ohne Publikum sind wir gar nichts. Dann sitzen wir zu Hause, allein.

Wie haben Sie Ihre zweite Regiearbeit erlebt?

Das Regieführen hat mich nach wie vor sehr beeindruckt und berührt. Ich war Teil eines großartigen Abenteuers und musste es leiten. Wir haben alle an einem Strang gezogen, und jeder hat sein ganzes Talent hineingegeben, damit es perfekt wird. Für mich ist das die ureigene Definition von Kino. Aber ich hatte natürlich auch Angst; man hat immer Angst, wenn man mit den Dreharbeiten beginnt. Diesmal war es allerdings etwas leichter für mich; ich hatte schon eine größere Sicherheit und habe meine Entscheidungen schneller getroffen, und es waren gute Entscheidungen, glaube ich. Ich hatte das Ensemble besser im Griff, und das sieht man dem Film an, er ist sehr homogen. Er hat genau die Form, die ich ihm geben wollte.

Gab es, als WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS fertig war, Aspekte daran, mit denen sie so nicht gerechnet hatten?

Nein, schließlich hab ich diesen Film geschrieben, gedreht und geschnitten. Ich habe wesentlich zum Entstehen des Ganzen beigetragen und hatte so nie die Chance, ihn unvoreingenommen zu sehen. Das Einzige, womit ich nicht gerechnet hatte, war, wie sehr die Leute bei den Testvorführungen gelacht haben, und die emotionale Wucht, die das Ende des Films entwickelt. Als ich sah, wie die Leute lachten, hat mich der Film umgeworfen, aber erst durch die Reaktion des Publikums. Das ist so, wie wenn meine Mutter zu meinen Shows kommt – sie lacht nicht, wenn sie mich sieht, sie lacht, wenn sie das lachende Publikum sieht. Als ich sah, wie das Publikum über WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS lachte, dachte ich: „Wow, mein Film ist lustig.“ Und am Ende war ich sehr gerührt. Es hat mich enorm glücklich gemacht, stellvertretend für alle, die mit mir an diesem Film gearbeitet haben, für meine Heimatregion und für mich selbst. Ich habe den Film gemacht, den ich machen wollte, unabhängig davon, ob er ein Erfolg oder ein Misserfolg wird – okay, ein Erfolg war mir natürlich lieber. Ich freue mich sehr. Es ist ein Film geworden, der die Menschen berührt, und ich hoffe, dass er dauerhaft einen positiveren Eindruck von meiner Heimat, dem Nord-Pas-de-Calais, schafft und hinterlässt.

Überrascht es Sie, dass das Ausland großes Interesse an Ihrem Film zeigt?

Nein, überhaupt nicht. Die Themen Entwurzelung und Aufeinanderprall der Kulturen sind, glaube ich, universell.

Interview mit Kad Merad

Kannten Sie Dany Boon bereits vor den Dreharbeiten?

Nein, eigentlich nicht. Möglicherweise haben sich unsere Wege mal bei irgendwelchen Dreharbeiten fürs Fernsehen gekreuzt, aber ich weiß es nicht genau… Allerdings hatte ich seine Show im Olympia gesehen. Ich weiß nicht mal, ob er wusste, dass ich im Publikum war. Dany gehört zu den Menschen, denen man gern begegnet. Wir sind Kollegen, wir haben die gleiche Arbeit, wir unterhalten die Leute.

Was gefiel Ihnen an seiner Arbeit als Comedian?

Er deckt eine große Bandbreite ab – er kann burlesk sein, aber auch zärtlich, er ist Musiker, Sänger … Dany ist ein Allround-Talent, und davon gibt es nicht viele. Jedenfalls nicht in Frankreich. Seine Show im Olympia hat mich sehr beeindruckt. Er ist ein großer Künstler. Ich mag es, einen Freund zu haben, der Künstler ist, und zugleich ein Fan dieses Künstlers zu sein. Das ist superangenehm.

Was hat er Ihnen beim ersten Treffen über WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS erzählt?

Er war nicht der Erste, der mit mir darüber gesprochen hat. Ich scheue mich nicht zu sagen, dass ich nicht Dany Boons erste Wahl war. Er hatte mich nicht von Beginn an im Auge für diese Rolle. Eigentlich sollte Daniel Auteuil sie spielen, doch der hatte keine Zeit. Es war Richard Pezet von Pathé, der mich ins Gespräch brachte. Er rief mich in Marseille an und fragte, was ich den nächsten Wochen so vorhätte. Das muss ungefähr einen Monat vor Beginn der Dreharbeiten gewesen sein. Ich sagte ihm, dass ich eigentlich in einem Film mitwirken sollte – ich hatte dem Regisseur mein grundsätzliches Okay gegeben, die Verträge waren aber noch nicht unterschrieben, und es war nichts entschieden. Im Filmbusiness ist es ja so, dass vor dem ersten Drehtag und bevor man nicht wirklich angefangen hat zu drehen, nichts definitiv ist. Richard Pezet kam dann auf Dany Boons zweiten Film zu sprechen. Er schickte mir das Drehbuch, und ich las es sehr schnell und stellte fest, dass man mir die Hauptrolle anbot. Ich wusste, dass ich mich schnell entscheiden musste, und es war klar, dass ich das nicht ablehnen konnte. Nachdem ich fertig war mit Lesen, rief ich Dany an und sagte: „Ich bin gerade mit deinem Buch durch und ich finde es fabelhaft. Ich bin interessiert. Ich finde es richtig toll.“ Ich war total begeistert. Und er hat sich sehr gefreut. Dieser Film erschien mir wie ein Geschenk. Dann haben Dany und ich eine Leseprobe gemacht, und ich hatte das Gefühl, dass er sehr zufrieden war, er lächelte. Ich glaube, in dem Moment hatte ich die Rolle.

Erzählen Sie uns von Philippe Abrams, Ihrer Figur. Wer ist das?

Er ist ein Durchschnittsfranzose, er leitet ein Postamt, aber er ist auch ein verliebter Mann. Aus meiner Sicht ist dieser Film in erster Linie eine Liebesgeschichte. Aus Liebe macht er all diesen Unsinn, um weiter in den Süden versetzt zu werden, aber dann landet er ganz im Norden, bei den Sch’tis. Das könnte ich sein. Er ist ein Mann, der ein normales Leben mit seiner Frau und seinem Sohn lebt und eigentlich nichts anderes möchte, als seine Frau glücklich zu machen, indem er ihr ständig Liebesbeweise erbringt.

Was macht die Qualität dieser Figur und überhaupt aller Figuren von Dany Boon aus?

Dass sie so menschlich sind! Dany liebt seine Figuren, er liebt sie einfach und das sieht man. Er nimmt einen mit seinen Figuren, auch wenn sie unaufrichtig sind, an die Hand und sagt: „Kommt mal und seht euch das an, setzt euch hin, ich werde euch eine Geschichte erzählen, aber das könnte auch eure eigene Geschichte sein. Wir werden zusammen lachen.“ Und das funktioniert hervorragend.

Hat Dany Boon Sie als Regisseur überrascht?

Ich habe ihn während der Dreharbeiten immer „Dany Veber“ genannt! Ich glaube, dass er vorher mit Francis Veber gearbeitet hat, hat ihn beeinflusst. Er ist absolut präzise beim Inszenieren und in der Schauspielerführung. Ein paar Mal konnte ich ihm auch etwas vorschlagen, das ihn überzeugte, aber meistens weiß er ganz genau, was er will. Und er hat mich an meine Grenzen geführt, um genau das auch zu bekommen. Ich halte das für eine besondere Qualität. Er hat einen hohen Anspruch als Regisseur, wie Francis Veber oder Patrice Leconte.

Können Sie uns dafür ein Beispiel nennen?

Er ist absolut textbesessen. Ich lerne meinen Text vor dem Dreh nie auswendig, ich lerne ihn während der Arbeit. Und es gibt Momente, in denen mir ein falsches Wort rausrutscht oder einfach ein anderes. Aber ich sage Ihnen, das gab eine Diskussion! Dany akzeptiert es nicht, wenn man seinen Text nicht ganz genau kennt. Und er hat recht. Einmal hat er mich sogar in meiner Garderobe gerüffelt deswegen. Und ich habe zurückgerüffelt! Ich habe ihm gesagt: „Bist du zufrieden mit mir oder nicht?“ Als er das bejahte, sagte ich: „Dann lass mir hin und wieder mal ein paar Freiheiten in Bezug auf den Text, das hilft mir.“ Das war eine klärende Aussprache unter Menschen, die sich gegenseitig sehr schätzen und die zusammen etwas Tolles auf die Beine stellen wollen.

Und wie ist Dany Boon als Schauspielerkollege?

Genial. Und er lacht viel! Sehr viel! Dany bekam in manchen Szenen, in denen er mit dem Rücken zur Kamera stand, regelrechte Lachanfälle. Und ich durfte keine Miene verziehen, während er vor mir stand und ihm die Tränen übers Gesicht liefen! Das war genial. Es ist wirklich superangenehm, mit solchen Leuten zu spielen.

Sprechen wir über Zoé Félix, die Ihre Frau spielt, und andere Mitwirkende …

Die Begegnung mit Zoé war wunderbar: Sie ist schön, hat ein gutes Rhythmusgefühl, ist eine gute Komödiantin und eine sehr angenehme Kollegin. Sie hat die Rolle der anstrengenden Ehefrau, wegen der diese ganze Geschichte ins Rollen kommt, und sie spielt sie mit sehr viel Charme. Ich glaube, dass die Leute sich weiter in sie verlieben werden, so wie sie es von Beginn an getan haben. Anne Marivin, die die Verlobte von Dany spielt, ist ebenfalls großartig. Sie ist eine junge Darstellerin, mit der ich bereits in „Pur week-end“ zusammen gespielt habe. Sie ist superwitzig, eine tolle Komödiantin und eine fantastische Kollegin.

Kannten Sie den Norden bereits, oder erging es Ihnen wie Ihrer Figur und Sie wurden für die Dreharbeiten zum ersten Mal dort hingebracht?

Nein, ich habe gelebt wie meine Rollenfigur. Lille kannte ich vorher, aber das war’s auch schon. Ich lebe in Marseille, also ist das ein kleines bisschen auch meine Geschichte. Marseille hat eine eigenständige Kultur, und die Leute dort brauchen Paris nicht. Sie haben ihre eigene Identität, ihren eigenen Lebensstil. Und im Norden verhält es sich ganz genauso. Das sind nette Menschen dort. Und sie haben das Herz auf dem rechten Fleck! Wir haben mitten auf dem größten Platz der Stadt Bergues gedreht. Dort liefen bis zu 20.000 Menschen zusammen, um Dany bei der Arbeit zuzusehen. Und wenn man sie um Ruhe bat, hörte man keinen Mucks mehr. Eines Tages hat jemand aus dem Stab eine Frau gefragt, ob er einen Teil der Ausrüstung in ihrem Laden abstellen dürfe. Und sie sagte: „Kein Problem. Ich gebe Ihnen den Ladenschlüssel mit und morgen früh können Sie aufschließen und sich Ihre Ausrüstung holen.“ So etwas erlebt man in Paris nicht!

Und die Sprache des Nordens?

Da liegt der Hase im Pfeffer (lacht). Das ist eine richtige eigene Sprache mit eigenem Vokabular. Ein Franzose, der dort aufkreuzt und sich mit einem echten Sch’ti unterhält, versteht nichts.

Haben Sie, wie es in dem Film heißt, zweimal geweint: einmal, als sie im Norden ankamen, und einmal, als sie wieder abreisten?

Das Problem ist, dass wir die Dreharbeiten nicht im Norden beendet haben. Wir haben im Studio zu Ende gedreht. Aber ich habe trotzdem geweint. Ich mochte den Norden. Ich hatte ein kleines Haus in der Nähe von Dünkirchen und hatte dort mein Leben, meine kleine Familie. Ja, ich war gerührt, als ich wieder fuhr. Der Norden ist etwas Besonderes. Ich wollte möglichst schnell wieder dorthin und den Leuten den Film zeigen. Er wurde ja für sie gemacht. Natürlich ist das nicht nur ein Film für die Menschen aus Nordfrankreich, aber sie werden sich besonders darüber freuen.

Vorurteile über die Heimat der Sch’tis

Furchtbar schlechtes Wetter?

Nun ja, okay, das Wetter ist nicht immer toll. Aber so schlimm, wie die Leute glauben, ist es auch wieder nicht. Der französische Wetterdienst Metéo-France verzeichnet durchschnittlich 126 Regentage pro Jahr im gesamten Norden des Landes und 128 in Pas-de-Calais, verglichen mit 56 in der südlichen Region Bouches-du-Rhône. Aber in der im äußersten Westen gelegenen Region Finistère ist es noch schlimmer, und – das wissen die Wenigsten – in der Gironde (der Region, aus der die Bordeaux-Weine kommen) ist es mit 128 Sonnentagen auch nicht besser. Was die Temperaturen angeht, so steht der Norden durchschnittlich mit 10,38 °C da und die Region Pas-de-Calais mit 10,5 °C. Das ist sicherlich weit von der Durchschnittstemperatur in Var (16,27 °C) an der französischen Mittelmeerküste entfernt, aber immer noch besser als Vosges (9,5 °C) in den Vogesen und sehr viel besser als Lozère (7,8 °C) in den Cevennen. SO kalt ist es also auch wieder nicht!

Ein Hang zur Trunksucht?

Natürlich sind nicht alle Sch’tis Alkoholiker, aber sie trinken mehr als der Durchschnittsfranzose. Dünkirchen ist von allen Städten Kontinentalfrankreichs diejenige, in der am meisten Bier konsumiert wird. Lille und Valenciennes – beide ebenfalls in der Region Nord-Pas-de-Calais gelegen – folgen jedoch nur knapp dahinter.

Eine Region, in der sich kein Staatsbeamter blicken lässt?

So ganz kann man das nicht stehen lassen, aber die Gegend ist unter Staatsbeamten auf jeden Fall nicht gut gelitten. Nach Nord-Pas-de-Calais gibt es die wenigstens Versetzungsgesuche überhaupt in Frankreich. Wer jedoch einmal dort hingeschickt wird, der bleibt in der Regel auch. Zumindest ist es nicht so wie in der bevölkerungsreichsten Region Île-de-France (zu der der Ballungsraum Paris gehört), wo bei Weitem die höchste Fluktuation in ganz Frankreich herrscht!

Großzügige Menschen?

JA, ABSOLUT! Nun ja, so ganz einfach ist die Antwort darauf auch wieder nicht. Die Fondation de France, die der Förderung des Mäzenatentums in den Bereichen Kultur, Gesundheitsvorsorge und solidarische Wirtschaft dient, platziert den Norden an 57. und Pas-de-Calais an 77. Stelle auf der Liste der Spender. Erklärung? Statistisch gesehen, sind die, die ihren Wohlstand teilen, katholisch, reich und älter. Die Region Nord-Pas-de-Calais ist zwar ziemlich religiös, aber sehr arm, und die Bevölkerung ist recht jung. Doch das Bild des altruistischen Nordens ist nicht völlig falsch. Nach Auskunft der örtlichen Wohlfahrtsorganisationen ist das Geld zwar knapp, aber dafür stellen die Leute sehr großzügig ihre Zeit und Waren zur Verfügung.

Arme Bevölkerung?

Darüber besteht kein Zweifel. Nord-Pas-de-Calais steht auf der Liste der französischen Einkommen an zweiundzwanzigster von 22 möglichen Stellen. Die Leute verdienen dort nach Angaben des Finanzamts 16 Prozent weniger als der Durchschnitt und 38 Prozent weniger als die Bewohner der Region Île-de-France. Das heißt nicht, dass es nicht auch dort einige wenige isolierte Flecken gibt, an denen Menschen mit einem beträchtlichen Vermögen leben – in Croix zum Beispiel, wo die höchste „Impôt de Solidarité sur la Fortune“, eine französische Reichensteuer, gezahlt wird.

Eine Industrieregion?

Natürlich ist seit Emile Zolas Roman „Germinal“ (1885) viel Zeit vergangen, die Dörfer der Bergarbeiter sind verschwunden und einige Abraumhalden in Skipisten verwandelt worden. Der Dienstleistungssektor gewinnt in Nord-Pas-de-Calais seit einigen Jahrzehnten erheblich an Bedeutung. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten bleibt diese Region dennoch die viertgrößte Industrieregion Frankreichs, wozu die Automobil- und Metallindustrie und auch die kunststoffverarbeitende Industrie wesentlich beitragen.

Hintergrund: Ein kleines Glossar

Bergues

Das Örtchen Bergues hat zirka 4.300 Einwohner und ist Verwaltungssitz des gleichnamigen Kantons Bergues im Arrondissement Dunkerque. Die Stadt ist rundum von mittelalterlichen Schutzmauern umschlossen und durch einen Kanal mit der zehn Kilometer entfernten Hafenstadt Dunkerque (Dünkirchen) verbunden. Bergues besitzt einen der schönsten Glockentürme Frankreichs, der von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Sch’ti

Der regionale Dialekt heißt Sch’ti, wohl weil er aus vielen „S“-Lauten einen „Sch“-Laut macht, und klingt für fremde Ohren recht derb – was nachvollziehbar wird, wenn man das im Deutschen mal nachbildet: aus „Sonne“ wird dann „Schonne“, aus „süß“ „schüß“ und aus „besuchen“ „beschuchen“; wer so spräche, dem wäre auch bei uns so mancher schräge Blick und so manche Unterstellung („Ist der betrunken?“ „Kriegt der die Zähne nicht auseinander?“) gewiss. Außerdem beenden die Sprecher dieses Dialekts ihre Sätze gern mit einem „heiiiin“, was wohl so viel bedeutet wie bei uns „ne?“, „ne wa?“ oder „gell?“ Der picardische Dialekt, und zu diesem gehört das Sch’ti, hat sich aus einer Mischung verschiedener Sprachen – unter anderem dem Flämischen – entwickelt. Nicht nur der Wortschatz unterscheidet sich teilweise stark vom Französischen, sondern auch die Aussprache, was es Außenstehenden schwer macht, diesen Dialekt zu verstehen.

Fußball

Während die Lieblingssportarten der Franzosen früher Boule, Pétanque und Radrennen hießen, hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch bei unseren Nachbarn neben Rugby das Fußballspiel zu einer der populärsten Sportarten gemausert. Das ehemalige Kohlerevier in Nord-Pas-de-Calais, wo viele aus England stammende Menschen wohnten und wohnen, gehörte jedoch schon vorher zu den ganz frühen Fußballhochburgen und verteidigt diese Position – insbesondere mit dem Spitzenverein RC Lens – bis heute. Die Vereinsfarben des RC Lens sind Gelb und Rot, gespielt wird im Stade Félix-Bollaert, in dem knapp 42.000 Zuschauer Platz finden. 1998 wurde die Mannschaft Französischer Meister. Im selben Jahr erlangte der kleine Ort traurige Berühmtheit, weil deutsche Hooligans während der WM einen französischen Polizisten halbtot prügelten.

Glockentürme

Die schlanken, auch „Belfriede“ genannten Glockentürme finden sich vor allem in zahlreichen flämischen Städten und entstanden im Mittelalter als Symbole bürgerlicher Macht. Die Glockentürme haben keine religiöse Funktion, sondern sind – meist an die städtischen Rathäuser angegliederte – Profanbauten. Früher dienten sie als Stadtarchive, Gefängnisse und Wachtürme. Die Stadtglocke – seit dem 16. Jahrhundert vielerorts durch ein ganzes Glockenspiel, das Carillon, ersetzt – erklang, um den Beginn und das Ende der Arbeitszeit zu verkünden, um zum Öffnen und Schließen der Stadttore aufzurufen oder um Feste einzuläuten.

Der Glockenturm von Bergues wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1961 wiederaufgebaut. Noch heute setzt der Glöckner sich sonntags zwischen 11.00 und 12.00 Uhr an seinen Spieltisch, um mit Fäusten und Pedalen die Glocken erklingen zu lassen. Da es in so einem Glockenturm zu eng ist, als dass man darin drehen könnte, ließ Boon ihn für seinen Film in einem Pariser Studio nachbauen. Er hatte übrigens einen Großonkel, der Glöckner war, und dem er als Kind beim Spielen zusehen konnte.

Hauptstadt

der Region und des französischen Flanderns ist Lille. Die Stadt mit gut 225.000 Einwohnern verfügt über einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Studenten und war im Jahr 2004 Kulturhauptstadt Europas. Weitere große Städte der Region sind Arras, Calais, Dünkirchen und Valenciennes.

Klima

Das Klima in Nord-Pas-de-Calais ist ozeanisch und gemäßigt. Im Winter ist es frisch, von extremer Kälte kann jedoch keine Rede sein. Es bildet sich häufig Nebel, und es regnet oft. Meistens handelt es sich aber eher um einen feinen Sprühregen.

La Poste

Die Postgeschichte Frankreichs ist lang und wechselvoll. Anfänge finden sich bereits zur Zeit des Römischen Reiches. Aus den traditionellen Botendiensten entwickelte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts ein landesweit operierendes Postsystem; berittene Boten versahen auf festgelegten Routen ihren Dienst, die Kundschaft bestand aus Adligen und dem König. Unter Ludwig XIV. entstand die Pariser Stadtpost, die Briefe innerhalb eines Tages zustellte. Mit der weiteren postalischen Erschließung des Landes im 18. Jahrhundert kamen Dinge wie Briefumschläge, Briefmarken, Poststempel, ein einheitliches Preissystem – und Postämter. Unter Napoleon wurden die ersten eigenen französischen Briefmarken entwickelt. Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 wurde die Post teilweise mit Hilfe von Ballons und Brieftauben verschickt. 1873 führte Frankreich die Postkarte ein, in 1920er Jahren die Flugpost. Einen wesentlichen Beitrag zum Funktionieren des Systems leisten von jeher die Zusteller, in Frankreich „facteur“ genannt. Zu ihren Aufgaben gehört es, die eingegangene Post zu sortieren und bei Wind und Wetter auf einem genau festgelegten Weg zu verteilen. Der Beruf ist am besten für Frühaufsteher geeignet. Zu den von der „Groupe La Poste“, der französischen Post, geforderten Eigenschaften gehören: Diskretion, Pünktlichkeit, Kontaktfreude, Teamgeist, Serviceorientiertheit. Während die Postler in Frankreich früher häufig auf Stelzen über Land und durch sumpfige Gebiete zogen, sind unter ihnen heute – wie bei uns – Fahrräder die verbreitetesten Fortbewegungsmittel.

Maroilles-Käse

Im Nord-Pas-de-Calais werden seit Jahrhunderten berühmte Käse wie der Maroilles, der Dauphin oder der Boulette d’Avesnes hergestellt. Der Maroilles zeichnet sich durch seine rötlich-gelbe Kruste aus, die er im Laufe monatelanger Lagerung bekommt, während derer er regelmäßig gebürstet wird. Der stark riechende Maroilles wird – wie Philippe Abrams bei seinem ersten Frühstück in Bergues feststellen muss – zum Frühstück auf eine Scheibe Toast gestrichen und in Chicoree-Kaffee getunkt. Vielleicht, weil er dann nicht mehr so streng riecht und schmeckt.

Nord-Pas-de-Calais

Die Region, die sich aus den Départements Nord und Pas-de-Calais zusammensetzt, liegt auf dem historischen Territorium der einst mächtigen Grafschaft Flandern und gehört erst seit 1678 zu Frankreich. Beide Départements kommen zusammen auf vier Millionen Einwohner; das sind 7 Prozent der französischen Bevölkerung. Seit 1994 ist die Region durch den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal mit England verbunden. Die Reisezeit zwischen beiden Länden beträgt nur noch anderthalb Stunden. Nord-Pas-de-Calais empfindet sich seither als „Kreuzung Europas“.

Regionale Küche

Die regionale Küche ist nicht unbedingt raffiniert, aber schmackhaft und robust. Wie man im Film gut beobachten kann, sind Pommes, ebenso wie Frikadellen und Bier, Teil des Alltags. Anders als bei uns gehören dort Pommes frites aber durchaus auch auf eine feine Festtafel, woran man erkennt, dass die regionale Küche in Nord-Pas-de-Calais vor allem flämisch geprägt, also der belgischen verwandt ist. Außer den bereits genannten sind wichtige Zutaten: Endivien, Lauch, Chicoree und Knoblauch, Rindfleisch, Schweinefleisch, Hase und Truthahn – und in den Küstenregionen natürlich Fisch. Wo andere mit Wein kochen, wird in Nord-Pas-de-Calais Bier verwendet, zum Beispiel beim flämischen Bier-Gulasch. Und das hat gute Gründe: Denn erstens verfügt die Gegend über eine lange Brautradition – ihr Bier ist das „Gold der Region“ und wird international geschätzt –, und zweitens wurde hier früher im Bergbau schwere körperliche Arbeit geleistet, und die erforderte und begünstigte reichhaltige Speisen und Getränke.

Strandsegeln

Das Strandsegeln ist in Nordfrankreich eine Art Volkssport. Wer ihn betreiben will, braucht einen speziellen Führerschein für Land- und Strandsegler, harten Sand, von dem es am Ärmelkanal reichlich gibt, eine gute Portion Wind und Mut: Denn man erreicht bei diesem Sport eine Geschwindigkeit von bis zu 150 Stundenkilometern.

Wirtschaft

Nord-Pas-de-Calais blickt auf eine lange Industriegeschichte zurück. Während die Region früher für ihren Kohlebergbau sowie eine florierende Textilindustrie bekannt war, hat sich die wirtschaftliche Struktur seit den 70er Jahren stark verändert. Die Bergwerke wurden geschlossen, und die Textilindustrie geriet unter den Druck der Globalisierung. Viele Einwohner verloren ihre Arbeit. Heute gehört Nord-Pas-de-Calais zu den größten französischen Stahllieferanten; auch große Automobilhersteller wie Renault und Toyota haben sich seit den 70er Jahren dort angesiedelt. Seither ist die Zahl der Arbeitslosen deutlich zurückgegangen. Der Dienstleistungssektor wird für die Region immer bedeutender.

Picardisch

Picardisch ist eine dem Französischen näher verwandte romanische Sprache. Sie wird in Frankreich in der Picardie, dem Artois, in Französisch-Flandern sowie in Belgien im Westen Walloniens gesprochen. In der Region Picardie spricht man von Picardisch. Hingegen werden in Flandern und Artois die Bezeichnungen Scht´i und Scht’imi und im Raum Lille und Valenciennes Rouchi verwandt. Die verschiedenen Formen sind untereinander verständlich.

Hintergrund: Zur Renaissance der Dialekte

Die Franzosen sind für ihre Sprachpflege bekannt. Bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde die berühmte Académie Francaise mit der Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache betraut. Und das wirkt bis heute nach; mit einer Mischung aus Staunen und Belustigung (und manchmal auch ein bisschen Neid) blicken die Deutschen auf die dauerhaften Bestrebungen der Franzosen, den weltweit immer stärker werdenden Einfluss der englischen Sprache durch gezielte Maßnahmen zurückzudrängen und den Wortschatz der französischen Hochsprache – wenn es sein muss, auch durch Neuschöpfungen und Nachbildungen – möglichst frei von fremden Einflüssen zu halten. Ganz anders als bei uns gilt dies zum Beispiel auch für die Sprache der Werbung. Dass an französischen Theatern, in der Literatur und meist auch im Kino ein möglichst „reines“, hochsprachliches Französisch gepflegt wird, versteht sich da quasi schon von selbst. Diverse – zum Teil auch mit staatlichen Geldern geförderte – Initiativen wachen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dadurch, dass insbesondere der Einfluss des Amerikanischen möglichst klein gehalten wird. Doch dieser Protektionismus bezieht sich nicht nur auf ausländische Sprachen, auch die Regionalsprachen, wie zum Beispiel das Picardische, sind als solche vom französischen Staat offiziell nicht anerkannt – und bei der intellektuellen Elite verpönt.

Die wachsende europäische Integration führt jedoch ebenso wie die Globalisierung dazu, dass jedes Land, jede Region, jedes Örtchen und jeder Einzelne sich wieder stärker auf alte Traditionen und Rituale besinnt. Regionalismen aller Art gewinnen an Bedeutung. Dazu zählen nicht nur volkstümliche Traditionen und regionale Produkte, auch die Dialekte rücken stärker in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Und siehe da: Im Juni dieses Jahres votierte die französische Nationalversammlung dafür, die Regionalsprachen in der Verfassung zu verankern und sie somit zu schützen, weil sie schließlich zum „französischen Kulturgut“ gehörten. (Was allerdings sofort die ehrwürdigen Mitglieder der Académie auf den Plan rief, die diese Initiative scharf kritisierten und als eine überflüssige Schwächung der staatlichen Einheit und der französischen Demokratie geißelten.)

Dass Dialekte – ebenso wie im größeren Rahmen jede Landessprache – eine identitätsstiftende Funktion haben, ihren Sprechern ein Zusammengehörigkeitsgefühl und das klare Gefühl, „zu Hause“ zu sein, vermitteln, ist leicht nachzuvollziehen. Ebenso, dass sie auch der Identifizierung und Ausgrenzung von Fremden dienen (können). Interessanterweise gibt es auch unter den Dialekten jedes Landes bestimmte nationale Beliebtheitsgrade. Wie eine Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 1998 ergab, ist Bayerisch der beliebteste deutsche Dialekt, dicht gefolgt vom norddeutschen Platt. Andere Dialekte, wie das Sächsische oder das Schwäbische, stoßen bei vielen Deutschen dagegen eher auf eine belustigte oder gar ablehnende Reaktion. Dass es dasselbe Phänomen auch in Frankreich gibt, zeigt der Erfolg von WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS sehr eindrucksvoll. Wenn die Franzosen sich kinosaalweise ausschütten vor Lachen, weil Philippe Abrams nach den ersten Sätzen des von Dany Boon gespielten Antoine glaubt, dieser habe sich den Kiefer gebrochen, da er so „undeutlich“ spricht, dann steckt da sicherlich eine gute Portion Schadenfreude dahinter. Sch’ti gehörte bis vor Kurzem mit Sicherheit nicht zu den beliebteren Dialekten in Frankreich. Dass Nord-Pas-de-Calais sich seit dem Filmstart von WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS bei französischen Touristen jedoch plötzlich großer Beliebtheit erfreut, beweist auch, dass Dany Boon sein Ziel, für seine landauf, landab oft verspottete Heimat zu werben, aufs Beeindruckendste erreicht hat.

Es überrascht weniger, dass es ihm tatsächlich gelungen ist, das Herz seiner Landsleute für den sonst dauergeschmähten Norden zu gewinnen, als dass diese schwierige Mission ausgerechnet einem Komiker geglückt ist. Ebenso, wie es bei uns ein Gerd Dudenhöffer, ein Hape Kerkeling oder ein Matthias Richling tun, oder wie es ein Hanns-Dieter Hüsch zu seinem Markenzeichen machte, bedienen sich auch in Frankreich viele Kabarettkünstler und Comedians der Dialekte ihres Landes, um die regionalen Eigenarten der Menschen stärker – und mit komischem Effekt – herauszuarbeiten. Dabei bedienen sie sich bestehender Klischees und Vorurteile über die Mentalität der jeweiligen Dialektsprecher, spielen mit ihnen und bekräftigen sie bisweilen durchaus. Auch Dany Boon füllt seit vielen Jahren französische Theatersäle mit seinen Soloprogrammen, in denen er den netten Proleten aus dem Norden gibt. Dass seine große Stärke darin liegt, sich auf sympathische Weise nicht nur über die Vorurteile anderer, sondern auch über die eigene Herkunft lustig zu machen, beweist zum Beispiel sein Programm „Vacance dans le Nord“ (in Ausschnitten zugänglich auf YouTube).

Dass Dany Boon gerade durch das Herausstreichen seiner einfachen Herkunft und durch das intelligente Spiel mit seinem Heimatdialekt in Frankreich der große Durchbruch geglückt ist, hat etwas von ausgleichender Gerechtigkeit. In einem Interview mit dem französischen Magazin „Studio“ bekannte er, dass er, weil bei ihm zu Hause Dialekt gesprochen wurde, in seiner Schulzeit stets durch sein schlechtes Französisch auffiel und entsprechend gehänselt wurde. Um nicht weiter ausgegrenzt zu werden, hat er hart daran gearbeitet, seinen Akzent loszuwerden – was wiederum dazu führte, dass man seine neue Sprechweise im Elternhaus argwöhnisch betrachtete. Er hat früh begonnen, diese Erfahrungen künstlerisch zu verwerten, zunächst jedoch mit mäßiger Anerkennung. Seinen Film WILLKOMMEN BEI SCH’TIS möchte er als Wiedergutmachung an den Norden verstanden wissen.