Filmhandlung und Hintergrund

Kompromissloses Drama um einen jungen Jesusfreak, das in der Sektion Un Certain Regard in Cannes Begeisterung und Buhrufe erntete.

Der schüchterne Tore ist ein selbsternannter „Jesuskrieger“ und lebt demonstrativ in Friedfertigkeit und Keuschheit. Er landet bei einer White-Trash-Familie im Schrebergarten vor den Toren Hamburgs, darf im Zelt übernachten und sich kurzfristig als Mitglied der Patchworkfamilie fühlen. Seine Opferhaltung fordert die Erwachsenen, allen voran den Familienvater Benno, zu immer größeren Aggressionen heraus. Auf Faustschläge folgen sadistische Spielchen.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Katrin Grebbes Cannes-Beitrag "Tore tanzt" entpuppt sich als harter Tobak zur Leidensfähigkeit eines Menschen und der Eskalation von Gewaltspiralen. Eingeteilt in drei Kapitel ("Glaube", "Liebe", "Hoffnung"), entwickelt der drastische Leidensweg eines auf Nächstenliebe schwörenden Jugendlichen eine starke Sogwirkung. Manche drastischen Sequenzen lassen Grebbes auf einer wahren Begebenheit beruhendes Langfilmdebüt mitunter schwer erträglich erscheinen. Deshalb verwundert es kaum, dass sich die Cannes-Reaktionen in Beifall und Buhrufe spalteten, wobei die radikale Passionsparabel hierzulande ebenfalls die Gemüter entzweien dürfte.

      Als Drehbuchberater fungierte Matthias Glasner ("Der freie Wille"), der häufig selbst kontroverse Stoffe anpackt und sich zuletzt mit "Gnade" in Richtung skandinavisches Kino bewegte. Daran erinnert gleichsam "Tore tanzt" sowohl in seiner realistischen, harschen Grundstimmung als auch der stilistischen Verbindung aus ruhigen Totalen und beweglicher Handkamera. Allerdings liegt das Manko des Werks darin, dass die digitalen Scopebilder noch düsterer ausfielen als die Story selbst. Häufig beschränkt Kameramann Moritz Schultheiß ("Rammbock") die Lichtquellen auf ein Minimum, was die zahlreichen Nachtszenen in ein alles verhüllendes Dunkel taucht.

      Zunächst startet die Begegnung der beiden Antagonisten noch reichlich freundschaftlich. Nachdem Tore mangels einer bleibenden Unterkunft in Bennos Gartenlaube unterkommen darf, zeichnen sich erste Risse in der Idylle bei gelegentlichen Attacken seines dominanten Gastgebers gegenüber der pubertierenden Tochter ab. In dem anfangs verschlossenen, abweisenden Mädchen erkennt der blonde Jugendliche in zerschlissenen Jeans bald eine Gleichgesinnte, wobei sich zwischen ihnen eine tastende Annäherung entspinnt. Doch als echter Jesus-Freak handelt Tore streng nach dem Motto "Kein Sex vor der Ehe!". Zudem besitzt ihre Beziehung angesichts der gewalttätigen Atmosphäre um sie herum keine Zukunft.

      Innerhalb der Familie dokumentiert Regisseurin Grebbe schonungslos das sich zementierende Machtgefüge. Während der pazifistische Tore nach dem Zielspruch agiert "Wieso soll man leben, wenn man nicht an das Gute glauben kann?", übt sein Gastgeber Benno stets Druck und Kontrolle auf seine Umwelt aus. Die erlittene Gewalt gibt besonders Mutter Astrid an Tore weiter. Zunächst erduldet sie Bennos Ausbrüche gegen sie und die Kinder aus Angst, ihn wieder verlieren zu können. Später beteiligt sie sich aus Hörigkeit aktiv an den Quälereien. Es trägt zur Authentizität der harten Geschichte bei, dass Grebbe auf wenig bekannte Darsteller setzt, denen man die polarisierenden Charaktere abnimmt.

      Natürlich kommt die Frage auf, warum sich Tore ganz der Märtyrerfunktion hingibt – selbst in den Momenten, als die Möglichkeit besteht, der Vorstadthölle zu entkommen. Ganz nachvollziehbar ist diese fast schon masochistische Reaktion zwar nicht, doch es wirkt letztlich konsequent in der Anlage dieser naiven Figur. Ob er damit letztlich der Erlöserrolle in der Tradition Jesus gerecht wird, bleibt offen. Ebenso konsequent wirkt Katrin Grebbes schonungslose Inszenierung, in der zahlreiche Verweise wie ein "Teach me Lord"-Tatoo über ein symbolhaft heranziehende Unwetter bis zu kommentierenden Songs wie Tina Maries "I Love to Love" Tores verstörenden Leidensweg begleiten.

      Fazit: Radikal und düster erzählt "Tore tanzt" von einem Fall moderner Sklaverei, wobei sich das dichte, packend inszenierte Werk deutlich von Stil und Inhalt deutscher Sozialdramen abhebt.
    2. Tore tanzt: Kompromissloses Drama um einen jungen Jesusfreak, das in der Sektion Un Certain Regard in Cannes Begeisterung und Buhrufe erntete.

      Kompromissloses Drama um einen jungen Jesusfreak, das in der Sektion Un Certain Regard in Cannes Begeisterung und Buhrufe erntete.

      Die kontroversen Reaktionen waren vorhersehbar, die Passionsgeschichte eines jungen und sehr gläubigen Mannes provoziert und weckt Abwehr. In Katrin Gebbes Regiedebüt hält Tore, ein ziemlich naiver Jesusfreak, wie in der Bibel seinen Peinigern nicht nur die eine, sondern auch die andere Wange hin. Der schüchterne „Jesuskrieger“ wie er sich nennt (Julius Feldmeier), lebt demonstrativ in Friedfertigkeit und Keuschheit. Er landet bei einer White-Trash-Familie in der nicht mehr heilen Schrebergartenwelt vor den Toren Hamburgs, darf im Zelt übernachten und sich kurzfristig als Mitglied einer Patchworkfamilie fühlen, bei Benno (Sascha Alexander Gersak), dessen Lebensgefährtin, deren Teenage-Tochter und dem kleinen Sohn. Durch seine demütige Opferhaltung fordert Tore die Erwachsenen, allen voran den Mann, zu immer größeren Aggressionen heraus. Das reicht von ein paar Boxschlägen zu Missbrauch im Stricherclub bis hin zu sadistischen Spielchen, die in einer Gewaltorgie enden, in dem auch Frauen nach einem feuchtfröhlichen Abend kräftig mitmischen.

      Das Drehbuch zu der Tragödie, die die Schmerzgrenze weit überschreitet, schrieb die Absolventin der Hamburg Media School selbst. Inspiriert wurde sie von einer Zeitungsnotiz über einen Jungen, der von einer Familie wie ein Sklave gehalten wurde und von Dostojewskis „Idiot“, einer Figur reinen Herzens. Die religiöse Dimension manifestiert sich in der Kapitelaufteilung in Glaube, Liebe, Hoffnung, in denen sich der Außenseiter und Märtyrer auf einen Kreuzweg bis zum bitteren Ende begibt, sich für andere aufopfert und einen Menschen rettet. Gebbe vermeidet in dieser erbarmungslosen Versuchsanordnung eine billige Täter-Opfer-Pauschalisierung, obgleich nur schwer nachzuvollziehen ist, warum scheinbar durchschnittliche Menschen in brutalsten Sadismus abdriften und Frauen zu enthemmten Folterinnen mutieren. Ein harter und zugleich starker Film, der dem Zuschauer unerbittlich und bis zur letzten Konsequenz mit dem Bösen im Menschen konfrontiert und ihm dabei einiges abverlangt. Zu welcher Uhrzeit ZDF/Das Kleine Fernsehspiel diese gewalttätige Gratwanderung überhaupt ausstrahlen kann, bleibt abzuwarten. mk.
    3. „Wertvoll”

        Tore ist ein „Jesus Freak“. Als Mitglied der gleichnamigen christlichen Gemeinschaft hat er den festen Glauben an Christus und das Gute im Menschen tief verinnerlicht. Eines Tages trifft er auf den Familienvater Benno, der mit seiner Frau und deren Kindern Dennis und Sanny in einer Gartenlaube am Stadtrand lebt. Benno findet Tore und seine Haltung gegenüber der Welt faszinierend und lädt ihn ein, gemeinsam mit der Familie zu leben. Tore ist einverstanden und glaubt, eine neue Familie gefunden zu haben. Doch die Dinge sind nicht immer, wie sie scheinen. Ebenso wie Menschen. Gut und Böse, Täter und Opfer, Glaube und Verrat - es sind existenzielle Gegensätze, die der Debütfilm von Katrin Gebbe hier auf fast schon radikale Weise verhandelt, ohne zu pauschalisieren. Er zeichnet den Charakter Tore als moderne Jesusfigur, die sich geschworen hat, das Leid anderer auf sich zu nehmen. Bis zum Äußersten geht der Film, um zu zeigen, wie unnachgiebig, unmittelbar und unkontrollierbar das Böse im Menschen zuschlagen kann. Dabei verzichtet Gebbe auf explizites Zeigen der Gewalt. Die grausamen Taten Bennos finden weniger im Bild als im Kopf des Betrachters statt. Julius Feldmeier als Tore und Sascha Alexander Gersak als Benno sind unglaublich überzeugend in ihren Rollen und machen in jeder Szene bewusst, dass hier etwas passiert, was nicht mehr aufzuhalten ist. Für keinen Beteiligten. Immer weiter dreht sich die Spirale des Sadismus bis hin zum kompromisslosen und konsequenten Ende. TORE TANZT erklärt das Böse nicht. Aber zeigt, dass es da ist. Selten war der deutsche Film so radikal. So provozierend, mutig und gewaltig.

        Jurybegründung:

        Tore tanzt ist ein kompromissloser Film, der die Zuschauer tief verunsichert. Denn er gibt keine Antworten. So bleibt bis zum Schluss unerklärlich, warum Tore immer wieder zu seinen Peinigern zurückkehrt. Dabei ist es aber auch eine Stärke des Films, dass er seinem Publikum dies zumutet. Denn eine „saubere“ Auflösung wäre dieser Geschichte nicht angemessen. Es bleibt ein Geheimnis, warum Tore sich wissentlich auf diesen Leidensweg begibt und warum er das radikal Böse in seiner Ersatzfamilie weckt. Erzählt wird hier eine moderne Passionsgeschichte. Tore folgt seinem Vorbild Jesus Christus bis zum konsequenten Ende. Er hält die andere Wange hin und liebt seine Feinde. Dem entspricht auch die Einteilung in drei Kapitel, die nach den christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung genannt wurden. Dieser radikale Sinnsucher, den man in verschiedenen Kontexten sowohl einen geistig Kranken wie auch einen Heiligen nennen kann, wird von einer Familie aufgenommen, die in einem Schrebergarten lebt und durch seine Leidensfähigkeit zu immer grausameren Quälereien angestachelt wird. Dabei geht der Film oft an die Grenze des Erträglichen, obwohl oder gerade weil die brutalen Taten nicht spekulativ ausgestellt, sondern stattdessen suggestiv angedeutet werden. Hier zeigt sich das beachtliche Regietalent von Katrin Gebbe, die mit einer bewusst kunstlos eingesetzten Kamera arbeitet und jede Distanzierung durch Stilisierung vermeidet. So kommt man den Charakteren sehr nahe. Umso beeindruckender ist es, wie authentisch und intensiv das gesamte Ensemble der Darsteller spielt. An diesem Film scheiden sich die Geister. Auch in der Jury des Hauptausschusses wurde lange und leidenschaftlich über ihn diskutiert. Aber spricht es nicht für die Kraft eines Filmes, dass er solche starken Reaktionen hervorruft?

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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