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Zhena Chaykovskogo: Subversives Drama über die zum Scheitern verdammte Ehe von Anonina Miliukova mit dem Komponisten Tschaikowski.

Handlung und Hintergrund

Als Antonina Miliukova 1877 erstmals die Musik von Piotr Iljitsch Tschaikowski hört, ist es um sie geschehen. In zunehmend stürmischen Briefen setzt sie den Komponisten unter Druck, er müsse in ihre Liebe zu ihm einwilligen. Schließlich gibt Tschaikowski ihrem Drängen nach und heiratet Antonina, auch um seine Homosexualität verbergen zu können. Die Ehe ist ein Desaster. Er gibt ihr Schuld an seiner Schaffenskrise, sie driftet ab in den Wahnsinn.

Besetzung und Crew

Regisseur
  • Kirill Serebrennikow
Darsteller
  • Ekaterina Ermishina,
  • Odin Lund Biron,
  • Nikita Elenew

Bilder

Kritikerrezensionen

  • Tchaikovsky's Wife: Subversives Drama über die zum Scheitern verdammte Ehe von Anonina Miliukova mit dem Komponisten Tschaikowski.

    Subversives Drama über die zum Scheitern verdammte Ehe von Anonina Miliukova mit dem Komponisten Tschaikowski.

    Kirill Serebrennikov wurde nach „Leto“ und „Petrovs‘ Flu“ zum dritten Mal in den Wettbewerb von Cannes geladen und war mit „Tchaikovski’s Wife“ erstmals persönlich vor Ort. Als Dissisdent musste er Hausarrest, Gefängnis und Reiseverbot erleben und durfte erst Ende März 2022 Russland verlassen. Sein neuer Film ist ganz anders als der vor Wut schäumende „Petrov’s Flu“ aus dem Jahr 2021, aber doch unverkennbar ein Werk desselben Künstlers: formal innovativ, subversiv und streckenweise köstlich pervers, ein Film, der keine Tabus kennt und dem nichts heilig, auch nicht Piotr Iljitsch Tschaikowski, der vielleicht größte russische Komponist, vor dessen Werk Serebrennikov sich verbeugt, den er aber auch als höchst fehlbaren Menschen zeigt. Die tragische Ehe Tschaikowskis mit Antonina Miliukova wurde bereits vor mehr als 50 Jahren thematisiert, von dem britischen Enfant terrible Ken Russell, in „Tschaikowski - Genie und Wahnsinn“ (Originaltitel: „The Music Lovers„), der heute vielleicht nur noch einer verschwindend geringen Anzahl von Filmliebhabern ein Begriff ist, damals aber für gehöriges Aufsehen sorgte, weil er es wagte anzudeuten, Tschaikowski könne schwul gewesen sein und habe nur geheiratet, die Gerüchteküche zum Verstummen zu bringen - und sei dabei an eine Nymphomanin geraten.

    Die Antonina Miliukova in Serebrennikovs Film ist keine Nymphomanin, sie ist eine eher unscheinbare Frau mit limitiertem Intellekt, aber einem unerschütterlichen Willen, die sich nicht von ihrem Ziel abbringen lässt und in ihrem Glauben stärker ist als Geld, Drohungen, Beleidigungen und von Männern geschmiedeten Plänen, sie wieder loszuwerden: Als sie 1877 erstmals die Musik Tschaikowskis hört, verliebt sie sich in den Komponisten und entscheidet für sich, seine Frau zu werden, was immer es auch kosten möge, und beginnt ihm Briefe zu schreiben. Dass er ihrem Drängen nachgibt, erscheint bizarr: Es ist völlig unklar, was er in ihr gesehen haben kann. Vielleicht fühlt er sich geschmeichelt, vielleicht ist es die Aussicht, dass sie Vermögen in die Ehe mitbringen könnte, vielleicht ist es tatsächlich, um von seiner Homosexualität abzulenken, damals in Russland vielleicht nicht ganz so rigide abgelehnt wie heute, aber doch nichts, was man in der Öffentlichkeit leben könnte.

    Die Ehe ist von Anfang ein Desaster, sexuell wird sie nie vollzogen, Tschaikowski ist offenkundig angewidert von seiner Lebensgefährtin, geht ihr aus dem Weg, äußert sich abfällig über sie, leidet an Magenkrämpfen und kann nicht arbeiten. Sie lässt sich die offenkundigen Anfeindungen klaglos über sich ergehen, ist auch nicht verwundert oder vielleicht alarmiert, warum er sich fast immer in Gruppen junger Männer aufhält, die sich Blicke zuwerfen und wild feixen. Man wird Zeuge der abartigsten Beziehungskomödie, festgehalten in langen Einstellungen, fast ausschließlich mit Naturlicht, das gleißend durch die Fenster fällt, oder mit Kerzenlicht erhellt, die sich so selbstverständlich wie Wasser durch Räume und Gänge bewegen, dass man kaum innehält und sich die eigentlich berechtigte Frage stellt, wie man das geschafft haben mag. Schon das Zuschauen ist die Hölle - wie mag es da der Frau ergehen?

    Nicht gut. Der Zusammenbruch des geistigen Zustands von Antonina führt zu immer wilderen Tableaus, die so gespenstisch sind, dass einem als Zuschauer nie so ganz klar wird, was sich in ihrer Fantasie abspielt und was real sein könnte. In einer wirklich atemberaubenden Szene werden ihr mehrere attraktive junge Männer zugeführt, die sich vor ihr entkleiden, Zirkuskunststücke machen und deren maskuline Attribute sie zupackend überprüfen darf. Gleichzeitig erlebt man mit, wie ihre Existenz abdriftet, ihre Beziehung zu ihrem Anwalt, die drei Kinder hervorbringt, eine weitere Sackgasse ist. Und schließlich schenkt Kirill Serebrennikov seiner sich aufopfernden Hauptdarstellerin Alyona Mikhailova eine letzte Szene, die so virtuos ist und einmalig, dass man sich nicht vorstellen kann, wie sie erdacht wurde, geschweige denn, wie man sie umgesetzt hat - ein buchstäblicher Todestanz zwischen den Gespenstern eines aufgebrauchten Lebens, der einem unter die Haut geht.

    Thomas Schultze.
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