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Fakten und Hintergründe zum Film "Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street"

Kino.de Redaktion |

Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street Poster

Mehr zum Film? Wir haben die wichtigsten Hintergründe und Fakten für Dich gesammelt: detaillierte Inhaltsangaben, Wissenswertes über die Entstehung des Films, ausführliche Produktionsnotizen. Klick rein!

Prolog: Wie „Sweeney Todd“ entstand

„Dass die Geschichte von ,Sweeney Todd‘ schon 150 Jahre überdauert hat, ist der Beweis dafür, wie gut sie ist… sie fesselt die Zuschauer immer aufs Neue. Es geht um die Rache, die auch den Rächer vernichtet“, sagt Stephen Sondheim, der das berühmte Bühnenmusical „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ geschrieben hat, das jetzt als Vorlage zu Tim Burtons Film dient. „So gesehen handelt es sich um eine klassische Tragödie über einen Helden, der im Zuge seiner Rache selbst zugrunde geht.“

„Was macht ,Sweeney‘ zum Klassiker?“, fragt Produzent Walter Parkes. „Ein Grund ist sicher der wohl beste Musical-Soundtrack der letzten 50 Jahre. Aber es geht auch um Mord und Totschlag, um verlorene Liebe: Unsere brutalsten Triebe werden mit den zärtlichsten kombiniert. Aus dem Zusammenprall dieser Elemente entsteht die überwältigende Dynamik.“

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Alle Bilder und Videos zu Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

„Sweeney Todd“ unterscheidet sich von anderen Geschichten durch die solide emotionale Basis der Story. „In ,Sweeney Todd‘ steht und fällt alles mit den Gefühlen“, sagt Drehbuchautor John Logan. „Es geht um große Leidenschaften, denn einem Mann wird schreiendes Unrecht angetan, sodass er Rache schwört. Und beim Umsetzen seiner Rache wird er wahnsinnig. Aber es geht auch um die Frau, die ihn liebt, die sich nach ihm sehnt, aber keinen Kontakt zu ihm bekommt. Und es geht um ein Mädchen, das bei einem brutalen Stiefvater aufwächst und ihr Glück in der Liebe finden will. Diese emotionalen Erzählstränge überschneiden sich in ,Sweeney Todd‘, und weil all das durch die Musik und die Songs noch intensiviert wird, haben wir es mit einer prachtvollen Romanze zu tun. Doch im Grunde handelt es sich um eine leidenschaftliche, sehr düstere Liebesgeschichte.“

Manchmal wird behauptet, es habe Sweeney Todd tatsächlich gegeben: Er habe im London des 18. Jahrhunderts 160 Morde begangen. Aber generell geht man davon aus, dass er eine fiktive Figur ist, die mit der Story „The String of Pearls: A Romance“ des Autors Thomas Peckett Prest bekannt wurde – sie erschien im November 1846 in The People’s Periodical. Die Legende besagt, dass Todd seinen Kunden die Kehle durchschnitt, während er sie rasierte, um sie dann durch einen Schacht in den Keller rutschen zu lassen, wo sie zerhackt und dann zur Füllung für die Fleischpasteten seiner Komplizin verarbeitet wurden: Die verwitwete Bäckerin Mrs. Nellie Lovett verkaufte die Pasteten dann an ihre ahnungslosen Kunden.

Ein Jahr später entstand aus Prests Story ein Stück mit dem Untertitel „The Demon Barber of Fleet Street“. Schon bald konkurrierte der berüchtigte Todd mit einem weiteren notorischen Londoner Serienmörder des 19. Jahrhunderts: Jack the Ripper.

Die Todd-Story hat viele weitere Theaterversionen inspiriert und wurde auch mehrfach fürs Kino und Fernsehen verfilmt, doch erst im Bühnenstück „Sweeney Todd“ des britischen Theaterautors Christopher Bond taucht 1973 das Rache-Komplott zwischen Barker und Turpin auf, das heute fest zur Sweeney-Legende gehört. Der berühmte amerikanische Texter und Komponist Stephen Sondheim, der zu der illustren kleinen Gruppe von Künstlern gehört, die nicht nur den Oscar, sondern auch den Tony, den Emmy, den Grammy und den Pulitzer-Preis gewonnen haben, richtete Bonds Stück 1979 für ein größeres Publikum ein und schrieb mit Hugh Wheeler das berühmte Bühnenmusical „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“.

In der Broadway-Uraufführung am 1. März 1979 spielte Len Cariou den Sweeney Todd und Angela Lansbury die Mrs. Lovett. Etwas wie Sondheims „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ hatte es auf der Bühne noch nie gegeben: Das bluttriefende Gruselstück war musikalisch von dem legendären Soundtrack-Komponisten Bernard Herrmann („Psycho“, „The Birds“/Die Vögel) inspiriert und schockierte das Premierenpublikum, wurde aber schnell als Sondheims Meisterwerk erkannt. Bald darauf wurde es auch in London aufgeführt. Neuinszenierungen am Broadway folgten 1989 und 2005.

„Das Stück ist sehr originell“, berichtet die Filmproduzentin Laurie MacDonald. „Ironisch und düster, aber letztlich sehr tragisch und zu Herzen gehend. Und die wunderbare Musik ist einfach nicht von dieser Welt.“ Wie ihr Produzentenpartner Parkes war sie derart beeindruckt, dass die beiden in ihrer Funktion als Leiter der Produktionsabteilung bei DreamWorks Pictures die Filmrechte von Sondheim erwarben.

„Die Sweeney-Todd-Fans sind eine eingeschworene Gemeinde, die man wirklich fast als fanatisch bezeichnen kann“, fügt Parkes hinzu. „Sie funktionieren als sehr genaues Barometer für die kollektive Stimmung.“

„Ich habe die erste Inszenierung am Broadway mit Angela Lansbury und Len Cariou dreimal gesehen“, erinnert sich Logan. „Das war total neu für mich. Ich war völlig begeistert, und dieses Gefühl habe ich bis heute bewahrt.“

Regisseur Tim Burton hat die ursprüngliche Broadway-Fassung zwar nicht erlebt, aber er schaute sich eine der ersten Aufführungen in London an, als er dort studierte. „Eigentlich mag ich Musicals nicht besonders, aber in diesem Fall war ich begeistert“, erinnert er sich. „Von Stephen Sondheim hatte ich noch nie gehört. Das Plakat sah irgendwie cool und interessant aus. Das Stück wirkt wie ein alter Horrorfilm, bekommt aber durch die Musik einen interessanten Gegenpol, ein ästhetisches Pendant zu den altertümlichen Horror-Bildern. Zudem war es interessant, eine blutige Geschichte auf der Bühne zu erleben. Ich schaute mir das Stück gleich noch einmal an, weil ich so angetan war.“

Eine Verfilmung von „Sweeney Todd“ erschien Sondheim als ein logischer nächster Schritt, weil er sich beim Komponieren der Musik ja teilweise an dem Vorbild Bernard Herrmann orientiert hatte. „Schon als Kind ging ich gern ins Kino“, gibt Sondheim zu. „Besonders Melodramen und Suspense-Filme gefielen mir. Mit 15 Jahren sah ich den Film ,Hangover Square‘, zu dem Bernard Herrmann die Musik geschrieben hatte. Es handelt sich um ein extravagantes Melodram, das zur Zeit Edwards II. spielt: Ein Komponist hört ein bestimmtes Geräusch, dreht durch und ermordet das erste schöne Mädchen, das er zu fassen bekommt. Ich weiß noch, wie begeistert ich von der Musik war, und ich überlegte, dass es doch toll sein müsste, dem Publikum Angst einzujagen. Ich fragte mich, ob das auch funktioniert, wenn die Darsteller singen.“

Erster Akt: „Sweeney Todd“ wird für die Leinw

Nachdem Parkes und MacDonald die Filmrechte zu „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ erworben hatten, engagierten sie ihren langjährigen Mitarbeiter John Logan, der für das Studio bereits den Oscar-preisgekrönten „Gladiator“ (Gladiator) geschrieben hatte. Bevor Logan seine Kinofassung in Angriff nahm, arbeitete er sich sechs Monate lang in Sondheims Partitur ein – „ganz allein, um mich voll und ganz auf dieses Monster einzustellen“, verrät er. „Und ich verglich Chris Bonds Bühnenmelodram mit Hugh Wheelers Libretto zum Musical. Schließlich konnte ich die Musik vorwärts und rückwärts singen. Dann fuhr ich nach New York, wo ich den Stoff mit Stephen durchgearbeitet habe.“

Wenn ein dreistündiges Musical zu einem zweistündigen Film umgeschrieben wird, muss natürlich gekürzt werden. Einige Songs fielen ganz weg, andere wurden gestutzt: „Wir haben einige Strophen weggelassen, andere Stellen aber auch erweitert“, erklärt Logan. „Es war relativ aufwändig, die Kürzungen festzulegen und der Sache eine Form zu geben.“

Auch die Story wurde deutlich verändert: „Wir wollten uns voll und ganz auf Sweeney Todds Schicksal konzentrieren – sekundäre und tertiäre Handlungsstränge fielen weg. Auf der Bühne singt Todds Tochter Johanna sehr viel ausführlicher – sie und Anthony sind eher typische Musical-Figuren, und ich war davon überzeugt, dass wir uns auf Sweeney Todd und Mrs. Lovett konzentrieren mussten, und in gewissem Umfang auch auf Toby. Aber dieses Dreieck sollte unbedingt im Mittelpunkt stehen.“

Stephen Sondheim nahm die Filmversion von „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ zum Anlass, um bestimmte Songzeilen zu ändern. Außerdem schrieb er einige neue Verse, um der veränderten Erzählstruktur Rechnung zu tragen. „Ein Bühnenstück funktioniert anders als ein Kinofilm“, erklärt Sondheim. „Im Theater ist man bereit, einem Sänger zuzuhören, der drei Minuten lang auf der Bühne sitzt und über ein Thema singt. Aber auf der Leinwand kapiert man sehr schnell, was Sache ist – da wird der Song schnell zweieinhalb Minuten zu lang. Das Problem besteht also darin, die Musik in ihrer Geschlossenheit zu erhalten, während man sie einkürzt. John hat allerdings sehr viel von der Musik übernommen, und doch gelingt es ihm, das Filmische der Songs zu betonen.“

Laut Vertrag konnte Sondheim bei der Besetzung von Sweeney Todd und Mrs. Lovett sowie der Wahl des Regisseurs mitbestimmen.

„Er ist eine sehr beeindruckende Persönlichkeit“, sagt Burton über den legendären Komponisten. „Sehr intelligent, sehr leidenschaftlich, ein Genie auf seinem Gebiet. Was mir aber am meisten Respekt und Dankbarkeit abringt – er kann loslassen: Hier geht es nicht um eine Bühneninszenierung, sondern um einen Film. Macht das Beste draus! Ich fühlte mich von ihm sehr unterstützt. Was mich auch beeindruckte und was ich sofort sympathisch fand, als ich ihn kennenlernte: Er erzählte mir, wie er seine Lieder an Bernard Herrmanns Filmmusikstil orientierte. Tatsächlich ist es interessant, den Gesang einmal wegzulassen – dann hört sich das genau wie eine Musik von Bernard Herrmann an. Das haben wir bei den Aufnahmen gemerkt – wirklich verblüffend. Als er mir das erzählte, reagierte ich sofort: ,Das will ich unbedingt inszenieren.‘“

„Er ist der ideale Regisseur für diesen Film“, sagt Sondheim über Burton. „In mancher Hinsicht ist dies sein einfachster, direktester Film, aber man merkt genau, dass er eine Geschichte erzählt, die es ihm angetan hat. In der Story passiert bereits so viel, sodass er nichts dazuerfinden muss. Er hat sich mit großem Enthusiasmus in die Arbeit gestürzt und das Thema – pardon! – direkt an der Gurgel gepackt.“

„Keiner könnte ,Sweeney Todd‘ besser inszenieren als Tim“, bestätigt auch Produzent Richard D. Zanuck. „Zwischen dem Sujet und Tims Stil bestehen unübersehbare Gemeinsamkeiten. Er ist bekannt für seine eigenwilligen, eleganten Bilder, aber im Grunde ist er ein Dramatiker, der uns einfache, menschliche Liebesgeschichten erzählen will. Tim Burton ist auf diese Welt gekommen, um den Film ,Sweeney Todd‘ zu inszenieren.“

Zweiter Akt: Die Besetzung

„,Sweeney Todd‘ hat auf der Bühne viele Erfolge gefeiert, aber bisher hatte das Publikum kaum Gelegenheit, Sweeney gefühlsmäßig nahezukommen“, sagt Produzent Parkes. „Das liegt in der Natur der Bühne: Es gibt keine Nahaufnahmen. Doch weil Tim und vor allem Johnny Depp den Film machen, bekommen wir die Chance, Sweeneys Gefühlsleben hautnah mitzuerleben. Das ist fast eine neue Definition des Stücks.“

In den Theaterversionen wurden Sweeney Todd und Mrs. Lovett meist von Schauspielern dargestellt, die zwischen 50 und 60 Jahren alt waren. Doch Burton wollte die Rollen unbedingt jünger besetzen: „Ich spürte einfach, dass es die Dynamik steigern würde, wenn die Hauptfiguren um die 40 sind und die Kinder wirklich noch Kinder sind – wir nähern uns also der ursprünglichen Geschichte an: Bei uns spielt kein 30-Jähriger einen Teenager. In meinen Augen wird dadurch der Energiepegel filmisch erhöht, während die traditionelle Besetzung auf der Bühne durchaus akzeptabel war.“

„Tim wollte das Potenzial der Romanze besonders betonen: Zwei Menschen, die eine Chance bekommen und sie nicht nutzen“, berichtet Produzent Walter Parkes. „Dazu trägt Helena genauso viel bei wie Johnny. Gegen Ende singt sie eines meiner Lieblingslieder: In ,By the Sea‘ träumt sie davon, was das Leben Sweeney und ihr mit dem kleinen Toby bieten könnte, wenn sie alles hinter sich lassen würden. Das Lied ist sehr anrührend, wunderbar, weil es ganz simpel, direkt und schnörkellos ihr durchaus verständliches Gefühl beschreibt – und das rührt uns umso mehr, weil die dunklen Wolken der Tragödie bereits das Schicksal dieser drei verdüstern.“

„Tief im Innern liebt Mrs. Lovett jenen Mann, der sie praktisch ignoriert“, sagt Bonham Carter. „Er schaut sie nicht mal richtig an, außer wenn sie die geniale Idee entwickelt, wie man seine Leichen entsorgen kann – da nimmt er sie plötzlich wahr. Und sie ist ihm eine gute Partnerin, sie ergänzt ihn, weil er so introvertiert wie sie extrovertiert ist. Sie ist sehr praktisch und meiner Meinung nach auch viel cleverer als er. Vor 15 Jahren war sie Sweeneys Vermieterin, als er noch verheiratet war. Als Sweeney dann aus Australien zurückkehrt und wieder bei ihr auftaucht, bekommt er sein altes Zimmer zurück, das sich über ihrer Bäckerei befindet. Im Grunde hat sie ihn schon immer geliebt. Wobei ich überzeugt bin, dass er sich überhaupt nicht um sie schert. Wie ein Besessener konzentriert er sich auf die Rache für den Tod seiner Frau. Allerdings verschweigt sie ihm eine entscheidende Information…“

„Als wir Sweeney Todd kennenlernen, wirkt er sehr geheimnisvoll“, sagt Logan. „Er spricht kaum, aber man merkt seinem Gesichtsausdruck an, dass etwas auf seiner Seele lastet – er verbirgt etwas. Seine Vergangenheit lässt ihn nicht los, verfolgt ihn buchstäblich. Im Lauf der Handlung erfahren wir, was ihn so traurig macht. Er ist vor Kurzem der Zwangsarbeit in Australien entflohen. Auf einem Floß stach er in See, um nach London zurückzukehren, weil er sich rächen will. Er will mit den Menschen abrechnen, die sein Leben zerstört haben.“

Für Regisseur Tim Burton stand von Anfang an fest, wer seinen Sweeney Todd darstellen musste. „Johnny Depp spielt Sweeney Todd, wie nur Johnny Depp das kann“, sagt Produzent Richard Zanuck. „Er geht bekanntlich sehr gern Risiken ein. Je größer das Risiko, desto attraktiver findet Johnny die Rolle. Er hat seine ganze Karriere auf Filmen und Rollen aufgebaut, die die meisten Schauspieler abgelehnt hatten oder ablehnen würden. Er ist ein Meister der Verstellung. Meisterhaft zeigt er jedesmal eine neue unverwechselbare Leistung. Er verändert sein Äußeres, seine Persönlichkeit, und in diesem Fall wird er die Zuschauer mit seiner Stimme überraschen.“

Depp gilt als einer der besten Schauspieler seiner Generation. Zum Superstar stieg er mit seiner Rolle als Jack Sparrow in dem Welthit „Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl“ (Fluch der Karibik) auf, der ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte. Zwei enorm erfolgreiche Fortsetzungen folgten. „Ich bewundere Johnny für die Wahl seiner Rollen, denn er orientiert sich ausschließlich an seinem persönlichen Maßstab“, sagt Bonham Carter. „Er hat sich nie von Trends oder Formeln oder seinem Aussehen beeinflussen lassen, die seiner Karriere nützen könnten. Komischerweise sind wir uns darin ein wenig ähnlich, denn wir beide halten nichts von unserem Äußeren, wir tarnen uns gern und fliehen vor uns selbst.“

„Sweeney Todd“ ist bereits Depps und Burtons sechster gemeinsamer Film – zuvor drehten sie „Edward Scissorhands“ (Edward mit den Scherenhänden), „Ed Wood“ (Ed Wood), „Sleepy Hollow“ (Sleepy Hollow – Köpfe werden rollen), „Charlie and the Chocolate Factory“ (Charlie und die Schokoladenfabrik) und „Corpse Bride“ (Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche). „Wie in jedem guten Team verständigen sie sich fast ohne Worte – sie können gegenseitig ihre Gedanken lesen“, sagt Zanuck. „Johnny lässt sich von Tim führen, und Tim erwartet von Johnny, dass er die Vorgaben noch ausbaut und auf die Spitze treibt. Sie schätzen einander sehr und würden alles füreinander tun. Das ist echte Freundschaft, und in der Zusammenarbeit sind sie angenehme, lustige und sehr engagierte Kollegen. Beide stehen sie an der Spitze ihrer Zunft. Zusammen garantieren sie also höchste Originalität und Kreativität.“

„Wenn Johnny und ich ein neues Projekt anpacken, versuchen wir immer wieder einen ganz anderen Ansatz zu finden – und ein Film, in dem die ganze Zeit gesungen wird, ist für uns wirklich etwas Neues“, sagt Burton. „So vermeiden wir das Gefühl: ,Also, das wird jetzt ein Selbstgänger. Was kommt als Nächstes?‘ Johnny und ich legen die Messlatte jedesmal ein Stück höher – und dazu ergibt sich auch diesmal die perfekte Gelegenheit.“

Ende 2001 stand Burton als Regisseur von „Sweeney Todd“ noch gar nicht fest, als er Depp in dessen südfranzösischem Domizil besuchte und ihm eine CD mit der Bühnenfassung gab, in der Angela Lansbury zu hören ist. „Er sagte: ,Ich weiß nicht, ob du das schon kennst. Hör’s dir einfach mal an‘“, erinnert sich Depp. „Das tat ich und dachte: ,Wirklich interessant.‘ Fünf oder sechs Jahre später kam dann die Frage: ,Meinst du, dass du singen kannst?‘ Und ich antwortete: ,Weiß ich nicht. Ich probier’s aus.‘“

„Ich weiß, dass er musikalisch ist“, sagt Burton, „weil er ja mit einer Band aufgetreten ist. Aber vor allem sah ich ihn ganz klar als Sweeney Todd vor mir. Und ich wusste, dass er nie mit mir arbeiten würde, bloß um das Projekt zu machen. Mehr brauchte ich nicht zu wissen – ich spürte einfach: Er würde das schaffen. Das hatte ich im Gefühl.“

In den 1980er-Jahren trat Depp in Florida als Gitarrist mit einer Band namens The Kids auf, aber er berichtet, dass er nie einen ganzen Song gesungen hat. „Ich war immer der, der schnell mal die zweite Stimme übernahm“, lacht er. „Das dauerte dann drei Sekunden, und schon war es vorbei, dann verzog ich mich wieder in den Hintergrund und widmete mich meiner Gitarre. Ich habe also noch nie ein Lied gesungen. Daher sagte ich Tim: ,Ich gehe mit einem Kumpel von mir ins Studio und probiere aus, ob ich die Songs singen kann. Und wenn ich das in etwa packe, können wir darüber reden. Oder ich rufe dich einfach an und sage: ,Weißt du was – das wird nichts. Es funktioniert einfach nicht.‘“

Um sein stimmliches Potenzial zu testen, rief Depp seinen früheren Band-Kollegen Bruce Witkin an, der bei The Kids Leadsänger gewesen war und den Bass gespielt hatte. In Witkins Studio in Los Angeles nahm Depp das Lied „My Friends“ auf. „Das war das erste Lied meines Lebens“, erklärt Depp. „Ganz schön abgedreht und zum Gruseln.“ Aber Depp vertraute seinem Freund und wusste, dass er in Bezug auf seine Singstimme eine ehrliche Antwort bekommen würde. Witkin erinnert sich: „Ich sagte in etwa: ,Was willst du zuerst hören – die gute oder die schlechte Nachricht?‘ Darauf er: ,Na, dann die schlechte Nachricht.‘ Und ich antwortete: ,Die schlechte Nachricht ist, dass du das unbedingt machen musst.‘“

„Ich war in meinem Büro und telefonierte gerade“, erinnert sich Zanuck an den Tag, als er Depp erstmals singen hörte. „Tim platzt herein, stellt einen kleinen Kassettenrekorder ab, legt Kopfhörer dazu und verschwindet wieder. Ich lege also den Telefonhörer auf, setze die Kopfhörer auf und höre Johnny erstmals singen. Ich fuhr in Tims Büro – und wir sahen uns einfach nur erleichtert an. Wir grinsten von einem Ohr zum anderen, weil wir merkten, wie wunderbar Johnny Depp singen kann: Er hat es wirklich drauf.“

„Sehr sexy“, beschreibt Bonham Carter Depps Singstimme. „Der Gesang ist sehr sexy, und man kann seine Stimme gut erkennen, was die Sache so spannend macht. Er singt völlig aus dem Bauch heraus, was zu der sehr emotionalen Rolle passt. Das wirkt also sehr nackt und bloß, sehr sexy, sehr bewegend, sehr tapfer und schön, wunderbar beseelt.“

Was auch Burton bestätigt: „Johnny hat ein schönes Timbre. Seine Stimme kommt tief aus seinem Innern, deswegen wirkt sie so überzeugend.“

Depp fand seinen Zugang zu Sweeney Todd über die Erkenntnis, ihn nicht als Killer, sondern als Opfer zu betrachten. „Natürlich ist Sweeney eine sehr düstere Figur“, sagt er. „Aber ich halte ihn für sehr sensibel, überempfindlich, denn er muss ein schreckliches Trauma verarbeiten, er ist furchtbar ungerecht behandelt worden. Deswegen sehe ich ihn vor allem als Opfer. Die Frage ist: Wer Opfer derartiger Machenschaften wird, begeht der auch Morde? Das kann nicht alles sein. Ich sehe ihn als etwas begriffsstutzig. Er ist nicht dumm, aber er begreift sehr langsam. Er hatte ein wunderbares Leben, und plötzlich wird ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. 15 Jahre hat er in der Hölle geschmort. Jetzt gibt es nur einen Grund für seine Rückkehr: Er will die Leute fertigmachen, die ihm das angetan haben.“

„Johnny Depp zeigt eine sehr bemerkenswerte Leistung“, sagt Sondheim. „Sweeneys Rachedurst, die schwelende Wut, seine Agonie treiben die Story voran, und Johnny findet eine erstaunliche Bandbreite innerhalb dieser engen emotionalen Vorgabe. Seine Intensität bewegt sich ständig knapp unterhalb des Siedepunkts und lässt nie nach. Das ist wahrer Zorn.“

„Es ist ihm nicht vergönnt, Glück zu empfinden“, sagt Depp. „Er muss einfach den entscheidenden Schritt tun und sein Vorhaben in die Tat umsetzen: nämlich die Leute abschlachten, die ihm das angetan haben.“

Sweeneys bevorzugte Mordwaffe ist sein Rasiermesser, das Handwerkszeug seines Berufs. Wir erfahren, dass Mrs. Lovett die Messer aufbewahrt hat, während Todd im australischen Gefängnis darbte. „Daran lässt sich ablesen, wie sehr sie ihn liebt, denn sie hätte die Rasiermesser leicht verkaufen können“, sagt Bonham Carter. „Sie sind nämlich viel wert. Aber sie sieht davon ab und behält sie. Wahrscheinlich hofft sie, dass er eines Tages zurückkehrt. Die Rasiermesser sind Teil seiner Selbstverwirklichung.“

Sobald Sweeney sie wieder in den Händen hält, geben sie die Richtung vor und werden das Werkzeug seiner Rache – mit dem Lied „My Friends“ singt er ihnen ein Ständchen. „Die Klingen sind seine Familie“, erklärt Depp. „Er liebt sie wie einen Körperteil, nachdem er keine eigentliche Familie mehr hat.“

„Als Johnny das erste Rasiermesser aufhebt, wirkt das wie eine Liebeserklärung“, bemerkt Logan. „Und als er seine Rasiermesser besingt, drückt er sie an sein Herz – das ist ein Liebeslied. Den ganzen Film über bewahrt er sie in einem besonderen Futteral auf.“

Nur über Mrs. Lovett hält Sweeney weiterhin Kontakt zur Außenwelt. „Sie ist eine der größten dramatischen Figuren im Theater des 20. Jahrhunderts“, sagt Logan. „Sie bildet den Gegenpol zu Sweeney, denn der geht grimmig und sehr verbissen seinen Weg. Mrs. Lovett ist dagegen lebenslustig, energisch, zwinkert sozusagen mit den Augen. Gemeinsam sind die beiden unschlagbar.“

„Um diese Rolle haben sich sehr viele Schauspielerinnen bemüht“, sagt Richard Zanuck. „Sogar einige Spitzenstars waren sich nicht zu schade, die Lieder mit Klavierbegleitung vorzusingen. Insgesamt waren das etwa acht. Wir arrangierten etliche Vorsprechtermine in London, etliche in New York, und andere große Stars kamen nicht ins Studio, sondern nahmen die Songs selbst auf und schickten uns die Bänder.“

Bonham Carter („Harry Potter and the Order of the Phoenix“/Harry Potter und der Orden des Phönix) liebt Sondheims Musical seit ihren Teenagertagen. „Ich weiß noch, wie ich in meinem Zimmer die Noten studierte, die Texte beim Hören mitlas“, sagt sie. „Ich war total süchtig nach der Musik. Ich habe Sondheim immer geliebt. Einfach genial, dass er nicht nur die Musik komponiert, sondern auch die Texte schreibt.“ Aber ihre Begeisterung ging weit über die Songs und Texte hinaus. „Ich wollte schon mit 13 Mrs. Lovett sein“, lacht sie. „Natürlich bin ich damals schon mit der Lovett-Frisur herumgelaufen.“

Doch obwohl sie schon als Mädchen davon träumte, Mrs. Lovett zu spielen, wusste Bonham Carter nicht recht, ob sie der Rolle stimmlich gewachsen ist. „Ich wollte zwar immer in Musicals auftreten, hielt meine Stimme aber außerhalb des Badezimmers für nicht tragfähig“, sagt sie. Deshalb setzte sie sich selbst eine Vorbereitungsfrist von drei Monaten. „Ich nahm Unterricht bei dem wunderbaren Gesangslehrer Ian Adam“, berichtet sie. „Er ist inzwischen verstorben. Er war berühmt dafür, Schauspieler ohne Gesangserfahrung auszubilden. 90 Prozent seiner Arbeit bestand darin, das Selbstvertrauen zu stärken, damit sie sich überwinden, den Mund aufzumachen und Töne hervorzubringen. Von Juni bis September 2006 habe ich jeden Tag geübt, ich studierte praktisch das ganze Stück ein, denn mir lag wirklich sehr viel daran. Meine einzige Chance bestand darin, mein Bestes zu geben und so mit meiner schauspielerischen Darstellung zu überzeugen. Mir war bekannt, dass Sondheim Judi Denchs Leistung in ,A Little Night Music‘ schätzte, weil sie die beste schauspielerische Darstellung zeigte. Deshalb überlegte ich: ,Ich muss die Texte absolut wahrhaftig ausdeuten – sonst habe ich keine Chance.‘“

Obwohl Burton mit Bonham Carter bereits „Planet of the Apes“ (Planet der Affen) und anschließend „Big Fish“ (Big Fish) und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ gedreht hatte, mochte er sich zunächst nicht mit ihrer Besetzung als Mrs. Lovett anfreunden, weil er Komplikationen voraussah – als wesentliches Hindernis empfand er zum Beispiel die Tatsache, dass jedermann denken würde, er hätte sie besetzt, weil er privat mit ihr liiert ist. „Das hat mich sehr nervös gemacht, weil die Rolle sehr anspruchsvoll ist. Und es ging ja nicht nur um mich. Auch Sondheim musste seine Zustimmung geben“, berichtet er. „In einer solchen Rolle muss man wirklich absolut überzeugen.“

„Obwohl sich Tim und Helena sehr nahestehen, hat er sich davon überhaupt nicht beeinflussen lassen“, behauptet Richard Zanuck. „Ich habe noch nie erlebt, dass jemand eine ihm so nahestehende Person derart objektiv beurteilt.“

Ohne Burtons Wahl zu kennen, schaute sich Sondheim die Videos aller Kandidatinnen an und entschied sich ebenfalls für Bonham Carter. „Er sagte: ,Sie ist mit Abstand die Beste“, erinnert sich Zanuck. „Damit meinte er nicht ihre Stimme, denn es befanden sich ausgebildete und erfahrene Sängerinnen unter den Kandidatinnen. Aber in der Kombination von Stimme, Persönlichkeit und Aussehen war sie ganz einfach Mrs. Lovett.“

„Wenn ich ganz ehrlich bin, war das wohl der glücklichste Tag meiner Karriere“, erinnert sich Bonham Carter. „Ich war wie vom Donner gerührt – und, ehrlich gesagt, Tim ebenfalls.“

„Sie ist wirklich tapfer“, sagt Depp. „Denn zweifellos übernimmt sie den schwierigsten Part im ganzen Film und bringt ihre ganze Persönlichkeit ein. Durch sie wirkt Mrs. Lovett fast verletzlich, grausig, komisch und liebenswert. Durch Helena bekommt diese Frau alle möglichen Eigenschaften.“

„Ich empfinde sie als völlig amoralisch, sehr energisch und lebenslustig – sie lässt sich nicht unterkriegen“, sagt Bonham Carter. „Sie ist genauso dynamisch und lebendig, wie Sweeney depressiv und introvertiert ist – sehr umsichtig plant sie, sich ein Mittelschicht-Leben einzurichten. Doch ihr entscheidender Antrieb, das, was Mrs. Lovett ureigentlich ausmacht, ist ihre Liebe zu einem Mann, der sie seinerseits nicht liebt.“

„Sie wünscht sich sicher, dass er weniger Mordgedanken hegen und ihr lieber den Hof machen sollte“, sagt Depp. „Doch er kann niemandem in die Augen schauen, nicht mal der armen Mrs. Lovett.“

„Solche Figuren stimmen uns traurig, sie sind unheimlich, sehr gefühlsbetont, von Wahnvorstellungen geleitet“, erklärt Burton. „Letztlich ergeben sie gerade deswegen so ein wunderbares Paar. Es geht um eine Beziehung.“

Doch Mrs. Lovetts Zuneigung beschränkt sich nicht ausschließlich auf Todd. Denn da ist auch noch Pirellis junger Assistent Toby (Edward Sanders), den sie unter ihre Fittiche nimmt. „Ich glaube, sie hat einen Mutterkomplex“, sagt Bonham Carter. „Sie hält sich für Mutter Lovett, als ob sie Mutter Natur wäre, ihr Beschützerinstinkt macht sich immer wieder bemerkbar – in Bezug auf Sweeney, aber vor allem in Bezug auf Toby. Sie ist eine frustrierte Mutter. Ich stelle mir vor, dass sie vielleicht einst Mutter war und ihr Kind verloren hat. Vielleicht ist sie deswegen durchgedreht. Und weil sie als Mutter frustriert ist, hält sie sich an Toby, der sie sehr verehrt. Er hört ihr zu – im Gegensatz zu Sweeney. Sie ist also sehr einsam. Aber Toby hält sie für eine Lady. Und auch davon träumt sie – sie wollte immer eine feine Dame sein. Toby sieht sie so, wie sie wahrgenommen werden möchte.“

Für die Rolle des Richters Turpin, auf den Sweeney Todd seinen unstillbaren Rachedurst konzentriert, benötigte Burton eine starke schauspielerische Persönlichkeit.

„Der Richter spielt eine Schlüsselrolle“, sagt Zanuck. „Seinetwegen landet Sweeney im Gefängnis, und als Sweeney nach London zurückkehrt, will er mit dem Richter abrechnen. Dazu brauchten wir jemanden, der es mit Johnny aufnehmen kann. Er muss singen können. Und er muss ein echtes Ekelpaket darstellen. Niemand kann mit sparsamen Mitteln so gemein sein wie Alan Rickman.“

„Alan zählt immer schon zu meinen Lieblingsschauspielern, und erst später erfuhr ich, dass er eine wunderbare Singstimme hat“, sagt Burton. „Außerdem ähnelt er auf merkwürdige Weise Vincent Price. Er kann Gefühle auch ohne Worte ausdrücken. Er kann finstere Bösewichte spielen, wobei wir Verständnis für sie entwickeln, denn auf seltsame Art wirkt er auch verletzlich.“

„Ein wirklich erstaunlicher Mensch“, sagt Depp. „Denn er kann unglaublich gruselig wirken, um sich dann in derselben Einstellung umzudrehen und mit lammfrommen Augen wie ein Engel zu erscheinen. Rickman ist ein Phänomen.“

Obwohl Rickman während seiner Ausbildung an der Royal Academy of Dramatic Arts (RADA) in London Gesangsunterricht bekam, hat er vor der Kamera noch nie gesungen. „Auf der Schauspielschule habe ich die Hauptrolle im Abschluss-Musical gesungen, und am Theater gehörte ich mal zum Chor in ,Guys and Dolls‘“, verrät er. „Ich singe zwar gern, habe aber nicht im Traum daran gedacht, dass ich einmal eine derartige Chance bekommen würde. Es ist sicher gut, dass man sich einem solchen Waterloo stellen muss, wenn man es am wenigsten erwartet.“

Der extravagante Barbier Pirelli entdeckt Todds wahre Identität, hat aber selbst einiges zu verbergen – diese Rolle vertraute Burton dem begabten britischen Comedian Sacha Baron Cohen an, der damit erstmals nach seinem Durchbruch mit „Borat: Cultural Leanings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan“ (Borat) wieder auf der Leinwand erscheint. „Barbier Pirelli konkurriert mit Sweeney – es kommt auf offener Straße zu einer heftigen Auseinandersetzung“, erklärt Produzentin Laurie MacDonald. „Er ist eine sehr komische Figur, was Sachas Begabung natürlich entgegenkommt. Doch die Zuschauer werden staunen, wie wunderbar er singen kann und wie überzeugend er sich in diese andere Welt einfügt.“

„Wir engagierten ihn bereits, ohne ,Borat‘ gesehen zu haben und ohne zu wissen, welchen weltweiten Riesenerfolg er damit verbuchen würde“, stellt Zanuck fest. „Er selbst bat uns, vorsprechen zu dürfen. Wir trafen uns in einem Aufnahmestudio. Ich hatte keine Ahnung, wie groß er ist – 1,95 oder 1,97 Meter – und er sieht sehr gut aus. Er erzählte, dass er das Musical sehr mag und dass er als Kind in Chören mitgesungen hat – also baten wir ihn, in die Aufnahmekabine zu treten. Aus ,Sweeney Todd‘ hatte er nichts vorbereitet, dafür sang er uns aber ,Fiddler on the Roof‘ (Anatevka) praktisch komplett vor, und zwar so komisch, dass Tim und ich buchstäblich am Boden lagen und uns die Bäuche hielten. Er ist irre witzig, und obwohl wir Tränen lachten, merkten wir auch, dass der Typ eine wunderbare Stimme hat. Was uns betraf, bekam er die Rolle auf der Stelle. Er ist einfach toll und zeigt im Film eine hervorragende Leistung.“

Depp bestätigt das: „Ich bewundere Sacha schon seit Jahren, seit ,Ali G‘. Als er hereinkam, hat er uns sofort überzeugt. Es ist wirklich ein Vergnügen, ihm zuzuschauen und mit ihm zu arbeiten. Ich erlebe ihn als den neuen Peter Sellers. Unverkennbar hat er eine unglaubliche schauspielerische Begabung.“

Als Richter Turpins ruchloser Helfershelfer Beadle Bamford tritt Timothy Spall auf, einer der renommiertesten britischen Film-, TV- und Bühnenschauspieler, der als Peter Pettigrew in der „Harry Potter“-Serie mitwirkte. Wie Rickman machte Spall seine Ausbildung an der RADA und ist dort sowie auch in Mike Leighs Musical-Komödie „Topsy-Turvy“ (Topsy Turvy – Auf den Kopf gestellt) über Gilbert & Sullivan als Sänger aufgetreten. „Ich spiele einen wirklich ganz üblen Burschen“, sagt Spall über Bamford. „Als eine Art Teilzeitkraft in der Stadtverwaltung hat er sich durch seine Verbindung mit dem Richter eine Machtposition verschafft – Turpin schuldet ihm etwas. Bamford ist sein Bodyguard, sein Henkersknecht. Er ist der Mann fürs Grobe – ob legal oder illegal. Und er schreckt auch vor Brutalitäten nicht zurück – wahrlich kein netter Zeitgenosse.“

Ergänzt wird die Besetzung durch etliche begabte Newcomer, die hier ihr Spielfilmdebüt geben: Der Abiturient Jamie Campbell Bower (Anthony), Jayne Wisener (Johanna), die im zweiten Ausbildungsjahr an der Royal Academy of Music and Drama in Glasgow studiert, und der Schüler Edward Sanders (Toby); außerdem durch die erfahrene Schauspielerin Laura Michelle Kelly, die im Londoner West End in den Musicals „Mamma Mia“, „Mary Poppins“ und „The Lord of the Rings“ (als Galadriel) zu sehen war.

Dritter Akt: Musik und Songs

„Die Musik ist in diesem Film ganz entscheidend“, sagt Zanuck. „Denn die Story wird per Gesang erzählt. Wir legen großen Wert darauf, dass alle Darsteller ihre Lieder selbst singen.“

Doch mit Ausnahme von Laura Michelle Kelly, die die Bettlerin spielt, wirken in „Sweeney Todd“ keine Profi-Sänger mit.

„Stephen Sondheim schreibt die komplizierteste Musik in der Geschichte des Musicals –unsere Darsteller kommen sich vor wie Bergsteiger, die ohne Sauerstoff und ohne Sherpas den Mount Everest bezwingen“, erklärt John Logan.

Um den Schauspielern das Üben zu erleichtern, spielte der Musikproduzent Mike Higham, der mit Burton bereits an „Corpse Bride“ gearbeitete hatte, eine Version der Filmmusik ein, in der die Gesangsstimmen ausgespart sind.

„Es war eine regelrechte Offenbarung, die einzelnen Instrumentengruppen, die Streicher und Bläser fast isoliert zu hören“, erinnert sich Depp, der die meisten seiner Songs als Demos bereits in Los Angeles aufnahm, bevor er sie dann in London in der endgültigen Fassung sang. „Ich hatte keine Ahnung, wie kompliziert das ist. Als ich das Stück auf der Bühne sah, wirkte es nicht so schwierig, und auch auf der CD nicht. Aber wenn man die Musik ohne den Gesang hört, entdeckt man unglaubliche Dissonanzen.“

„Wenn sich die Harmonien ergeben, wirken sie besonders schön, weil sie ganz unerwartet kommen“, sagt Bonham Carter. „Was mir besonders gefällt: Immer transportieren sie Gefühle. Ich singe das wunderbare Wiegenlied ,Wait‘. Es wirkt recht einfach, doch unterschwellig ist es ganz schrecklich. Das Klavier klingt völlig verstört, aber das entspricht natürlich Sweeneys mentaler Verfassung. Viele Themen, die Unruhe und die fehlende Auflösung spiegeln natürlich Sweeneys Verstand, Herz und Gefühl.“

Die Musik wurde an vier Tagen in den Londoner Air Studios mit einem 64-köpfigen Orchester eingespielt – noch nie hat ein derart großes Ensemble Sondheims Score aufgeführt. „Wir fügten 30 Violinen hinzu, einige Hörner und eine Tuba, um einen satteren Sound zu bekommen“, erklärt Higham. „So etwas hat es tatsächlich noch nicht gegeben.“

Stephen Sondheim überwachte die Aufnahmen persönlich – am Dirigentenpult stand sein musikalischer Mitarbeiter Paul Gemignani. „Es war faszinierend, das mitzuerleben und dabei zwischen Tim und Stephen Sondheim zu sitzen“, erinnert sich Zanuck. „Das war Stephens Arena, denn er hört sofort, wenn eine Flöte den Ton nicht genau trifft – ebenso wie Tim aus dem Augenwinkel jeden Statisten auch noch in 30 Metern Entfernung beobachtet.“

Sobald die Orchestermusik aufgenommen war, kamen die Songs an die Reihe. Doch vor den Aufnahmen mussten die Darsteller mit Sondheim proben, der für einige Tage nach London kam, um sie abzuhören. „Das zerrte ganz schön an den Nerven“, erinnert sich Bonham Carter. „Er hatte mich zwar ausgesucht, aber nun musste ich ihm persönlich vorsingen. Zum Glück war er sehr nett.“

Dazu Timothy Spall: „Ich kann zwar singen, aber ein Sänger bin ich deswegen noch nicht. Als ich ihm vorsingen musste, kam ich mir vor, als ob ich ,Hamlet‘ vor Shakespeare rezitieren müsste.“

Natürlich legte Sondheim großen Wert auf die Art der Musikbearbeitung, und genauso konzentrierte er sich auf die Arbeit der Darsteller: „Mir sind singende Schauspieler lieber als spielende Sänger. Darunter mag die Musik manchmal leiden, aber es hält die Story zusammen, und deshalb halte ich das für so wichtig.“

Die Songs wurden zwischen November und Dezember 2006 über einen Zeitraum von sechs Wochen in den Londoner Air Studios und Eden Studios aufgenommen. „Die meisten Songs hatte ich als Demos schon im Studio in Los Angeles aufgenommen“ erklärt Depp. „Und dann in London habe ich sie zur Orchestermusik gesungen. Komischerweise kam mir das alles ganz selbstverständlich vor, denn die Musik ist nun mal meine erste Liebe.“

Doch Bonham Carter muss nicht nur die meisten, sondern auch die kompliziertesten Lieder singen. Mrs. Lovetts Markenzeichen, das Lied „The Worst Pies in London“, fordert sie nicht nur als Sängerin, sondern sie musste beim Singen auch eine komplette Pastete backen. „Der Song ist wunderbar“, berichtet sie. „Sondheim hat ihn als Aushängeschild, als Bravourstück für die Lovett-Darstellerin geschrieben. Aber er ist sehr schwierig – unglaublich schnell und echt genial in der Charakterisierung dieser Figur, wie sie plötzlich das Thema wechselt, völlig quirlig, frenetisch – der Song drückt aus, wie sie denkt. Gleichzeitig demonstriert er, wie sie ihre Bäckerei führt: Die Geschäfte gehen schlecht – sie hat nur Pech. Und während sie all das singt, backt sie eine Pastete, was wirklich anstrengend ist.“

Bonham Carter ging sogar bei einem Pastetenbäcker in die Lehre, der sich mit historischen Backgepflogenheiten auskennt, denn die Bewegungen, die sie beim Backen ausführt, mussten bereits in ihre Gesangsaufnahmen integriert werden. „Im Film muss man die Bewegungen immer ganz exakt wiederholen, damit die Anschlüsse stimmen“, fährt sie fort. „Ich muss mich also stets im Takt der Musik bewegen. Ich habe das Lied inzwischen wohl 500-mal gesungen – schon als Kind, dann beim Casting, bei den Musikaufnahmen und beim Dreh.“

Die Handlung in „Sweeney Todd“ wird also nicht von Dialogen, sondern vorwiegend von Gesang und Musik getragen. Daher ging es bei den Musikaufnahmen nicht nur darum, den musikalischen Anteil richtig hinzubekommen. Am Set sollten die Schauspieler zur vorher aufgenommenen Musik singen; deshalb mussten sie ihre Rollen bereits im Aufnahmestudio spielen und sich dort auch darstellerisch endgültig festlegen – und nicht erst Monate später bei den Dreharbeiten. „Die Arbeitsweise ist völlig anders“, sagt Depp. „Denn sobald der Song aufgenommen ist, hat man sich festgelegt – und das schon Monate vor der Arbeit im Studio. Außerdem muss man sich dann beim Dreh exakt an diese Vorgabe halten und sie dabei noch expandieren und verbessern.“

Die Dreharbeiten begannen am 5. Februar 2007 in den Pinewood Studios bei London, wo Burton bereits „Batman“ und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ gedreht hat. Am Set mussten die Schauspieler lippensynchron zum Playback der Songs agieren, was selbst professionellen Sängern schwerfällt. „Man muss so spielen, als ob man das Lied zum ersten Mal singt – aber dabei müssen wir uns strikt an das halten, was längst festgelegt ist“, berichtet Bonham Carter. „Ich darf keinesfalls so aussehen, als ob ich mich an etwas erinnere oder etwas demonstrieren will – im Gegenteil muss ich mich mit allen Mitteln bemühen, das Lied so lebendig wie möglich zu gestalten. Ich hätte mir wirklich gewünscht, die Lieder live zu singen, aber dadurch leidet die Klangqualität.“

„Ich habe wirklich gestaunt, als ich Helena und Johnny beobachtete“, sagt die Profi-Sängerin Laura Michelle Kelly, die mit „Sweeney Todd“ ihr Spielfilmdebüt gibt. „Ich hätte nie geglaubt, dass sie jetzt erstmals öffentlich singen. Alle waren so selbstsicher. Es hilft, wenn man mit den Liedzeilen Gefühle transportieren kann, statt sie bedeutungslos herunterzusingen. Und ihnen gelang das, als ob sie nie etwas anderes getan hätten. Die meisten Kollegen halten Sondheims Musik für die schwierigste überhaupt, denn er variiert ständig das Tempo und schreibt sehr lyrische Melodien – keine davon ist einfach. Manche Leute müssen jahrelang üben, was diesen beiden ganz wie von selbst gelingt. Allein beim Zuschauen habe ich eine Menge von ihnen gelernt.“

Burton wollte in der Orchestrierung und in den Darstellungen unbedingt alle Anklänge an die Bühnenfassung vermeiden. „Am Broadway sitzt man im Publikum, und der Song endet mit einem Ta-da als Stichwort für den Applaus – aber im Film hat so etwas nichts zu suchen“, beharrt er. „In gewisser Hinsicht drehen wir natürlich quasi einen Stummfilm in dem Sinne, dass der Darstellungsstil etwas übertrieben wirkt, aber andererseits versuchen wir alles Bühnenhafte am Gesang wegzulassen, obwohl wir auch einige derartige Momente beibehalten. Es war sehr merkwürdig, zwischen diesen Polen die richtige Dynamik zu finden. Es gibt die großen Gesten wie in einem Stummfilm oder alten Horrorfilm – aber nicht wie am Broadway.“

„Wir verfilmen hier keine Broadway-Show – dies ist ein Spielfilm“, sagt Logan. „Tim ist total allergisch gegen alles, was zu gefühlig, zu präsentiert oder zu anbiedernd wirkt, beispielsweise wenn Schauspieler übertreiben, damit man sie auch noch im dritten Rang wahrnimmt. Die Musik hat eine gewisse Bandbreite, die dem Darsteller diese Übertreibung erlaubt; die Story ist mit großem Gestus angelegt, bietet überbordende Gefühle und brausendes Orchester. Doch Tim gelingt es ganz hervorragend, die Story wieder auf die Erde zurückzuholen und ganz schnörkellos richtige Menschen zu zeigen, die ein grausiges Schicksal erleiden – er schreckt auch vor erschütternden Gefühlen nicht zurück. Als Theater- und auch als Filmfan muss ich sagen, dass er eine perfekte Leistung zeigt nach dem Motto: ,Wir respektieren und schätzen das Bühnenstück zwar, bewahren es in unserem Herzen, aber hier machen wir vor allem einen Film fürs Kino.“

Vierter Akt: Entwürfe für Sweeneys Welt

Burtons Filme werden immer wieder wegen ihrer verblüffenden Sets und eleganten Optik gefeiert. Die Verantwortung für den Nachbau des Londons von vor 150 Jahren übernahm der zweifache Oscar-Preisträger und Produktionsdesigner Dante Ferretti.

Ferretti ist ein Meister seines Fachs und wurde mit sechs Filmen von Federico Fellini berühmt, bevor er sich auch in Hollywood einen Namen machte. Mehrfach arbeitete er mit Martin Scorsese zusammen: „The Age of Innocence“ (Zeit der Unschuld), „Gangs of New York“ (Gangs of New York) und „The Aviator“ (Aviator). Hinzu kommen Brian De Palmas „The Black Dahlia“ (The Black Dahlia) und Neil Jordans „Interview With the Vampire“ (Interview mit einem Vampir).

„Ich kenne Dantes Arbeiten seit seiner Zeit mit Fellini – es inspiriert mich schon zu wissen, dass er mit Fellini gearbeitet hat“, berichtet Burton. „Da merkt man wirklich, dass man einen Film macht und eben nicht nur irgendeine Routinearbeit abliefert. Er ist ein Künstler. Wenn man an seinem Büro vorbeikommt, sieht man ihn selbst zeichnen. Dazu braucht man eine ganz ausgeprägte Energie. Und wenn ich mir überlege, was er schon alles geleistet hat, finde ich das wirklich spannend.“

Ferretti fühlt sich seinerseits durch Burton an Fellini erinnert – nicht nur, weil auch Burton ein wahrer Künstler ist, der ständig Skizzen zeichnet. „Von Anfang an hat er mich an Fellini erinnert“, sagt der aus Italien stammende Designer. „Denn er ist ebenfalls ungeheuer kreativ, ständig zeichnet er genau wie Fellini kleine Skizzen. Die beiden sind sich sehr ähnlich.“

Burton lag nichts daran, das London des 19. Jahrhunderts für „Sweeney Todd“ historisch korrekt nachzuempfinden. „Wir wollten es damit nicht allzu genau nehmen, weil wir ja eine Art stilisiertes Märchen erzählen“, erklärt er. Er schickte Ferretti eine DVD mit „Son of Frankenstein“ (Frankensteins Sohn), um ihm eine Richtschnur für seine Vorstellungen zu geben.

„Er sagte: ,Mein London soll in etwa so wie in einem alten schwarzweißen Hollywood-Film aussehen‘“, erinnert sich der Produktionsdesigner. „Da gibt es nicht viele Details, das wirkt auch in Farbe wie Schwarzweiß, also nur wenige Farben, sehr flächig. Tim ist ein überaus kreativer Kopf, entwickelt ganz präzise Konzepte. Er ist ein hervorragender Regisseur, und wenn man seine Filme sieht, merkt man, dass er auf den Look größten Wert legt.“

Der unverwechselbare Look des Films wird auch durch die knalligen Farben der Rückblenden geprägt, durch die wir die Vorgeschichten der Figuren oder ihre Träume erleben. „In den Songtexten erfahren wir, wie Sweeney seine Frau verloren hat, die tragischen Umstände, unter denen Richter Turpin sie ihm weggenommen hat“, sagt Produzentin MacDonald. „Aber im Film können wir all das auch zeigen: Wir sehen also, wie Sweeney damals war und wie er sich verändert hat. Diese intensiven Einfügungen bilden einen scharfen Kontrast zu Ferrettis sonst sehr karger Ausstattung – Sweeney damals und Sweeney heute stehen daher quasi nebeneinander.“

Obwohl Burton berühmt wurde durch fantastische Welten, die er auf traditionelle Weise im Studio oder auf dem Außengelände nachbaute, statt sich auf Computertricks zu verlassen, wollte er „Sweeney Todd“ ursprünglich mit der technischen Methode drehen, die auch bei „Sin City“ und „Sky Captain and the World of Tomorrow“ angewendet wurde: mit nur wenigen Sets und Requisiten, die wie die Schauspieler stets vor der Greenscreen gefilmt werden. „Ein Grund dafür sind die Kosten“, erklärt er. „Aber dann dachte ich nochmals darüber nach und überlegte, dass reale Sets nicht nur mir die Arbeit erleichtern, sondern auch den Schauspielern und allen Beteiligten. Letztlich singen die Darsteller doch: Wenn man vor der Greenscreen singt, ist man so weit weg von der Realität, dass mir das wie ein fürchterlicher Albtraum bevorstand. Schon deshalb war es mir so wichtig, auf richtigen Sets zu drehen – wegen der Lieder.“

Produzent Zanuck bezeichnet den Kostenunterschied zwischen real gebauten Sets und der Greenscreen-Methode als minimal. „Wir kalkulierten, dass wir mit dem digitalen Budget praktisch auch Sets bauen konnten, wenn man sie klug digital ergänzt und mit einigen wenigen Greenscreen-Aufnahmen kombiniert“, verrät er. „Außerdem fühlt sich Tim viel wohler so – und das gilt auch für die Schauspieler.“

Ferretti freute sich natürlich darauf, echte Sets bauen zu dürfen – aber natürlich musste er sich dafür mit seinem Team sehr viel intensiver ins Zeug legen. Beim ursprünglichen Greenscreen-Konzept sollte Richter Turpins Haus praktisch nur aus einem Fenster und einer Tür bestehen, die vor der Greenscreen gefilmt worden wären. Nach der traditionellen Methode musste man nun ein komplettes Haus errichten, das an einer von Bäumen gesäumten Straße steht, wobei der Horizont von einem gewaltigen gemalten Transparent gebildet wird. Insgesamt entwarf und überwachte Ferretti über ein Dutzend originalgroßer Sets in den Pinewood Studios. Weil die Vorbereitungszeit nur kurz und das Budget relativ gering waren, kam Ferrettis Genialität auch in diesem Punkt zum Einsatz: Denn er musste nicht nur die vom Drehbuch geforderten Sets bauen, sondern sie auch in den wenigen Studiohallen unterbringen, die ihm in Pinewood zur Verfügung standen. Ferrettis Lösung war nicht nur genial, sondern auch erstaunlich kostengünstig. Er verwendete verschiebbare Wände und austauschbare Ladenfassaden, entwarf Sets, die wiederverwendbar waren, sodass sich der St. Dunstan’s Market, der in Pinewood in der Halle S eingerichtet wurde, leicht in die Fleet Street verwandeln ließ, was der Produktion nicht nur Zeit, sondern auch Geld sparte.

„Wir haben erstmals mit Dante zusammengearbeitet, und er hat unsere Erwartungen sogar noch übertroffen“, sagt Zanuck. „Unser Budget war beschränkt – wir konnten nicht alles bauen, was wir uns vorgestellt hatten. Bestimmte Sets hat er zu anderen Sets umgestaltet, indem er einfach die Struktur veränderte. Die Sets sind ineinander verschachtelt, weil wir uns nicht jede Menge Studiohallen leisten konnten. Was er leistet, ist wirklich hervorragend. Man fühlt sich tatsächlich ins damalige London zurückversetzt, und natürlich erweitern wir die Sets mit digitalen Bildern, sodass der Film später wie eine draußen gedrehte Superproduktion aussieht.“

„Es ist wie ein Wunder: Als Autor schreib ich einfach: INNEN. BÄCKEREI. Und dann erlebt man, was Dante und Tim daraus machen“, erklärt Drehbuchautor Logan. „Ich kenne Dantes Arbeit sehr wohl, denn er hat ,Aviator‘ gemacht. Deswegen war mir klar, dass er auch diese Welt mit seiner Liebe zum Detail gestalten würde. Im Drehbuch schrieb ich, dass der Frisörsalon aussieht, als ob es darin spukt. Und genauso wirkt der Set jetzt auch – Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Es ist wirklich unheimlich, über diese Sets zu gehen, weil sie sehr düster wirken, es gibt seltsame Ecken und Winkel – man weiß nie, wem man hinter der nächsten Ecke begegnet – Sweeney Todd mit dem Rasiermesser, Mrs. Lovett mit einer Pastete oder Jack the Ripper. In diesen Sets lernt man das Fürchten – was durchaus angemessen ist, denn es handelt sich ja um einen Horrorfilm.“

Vor allem die Schauspieler ließen sich von Ferrettis meisterlicher Arbeit inspirieren. „Die Sets begeistern mich“, sagt Bonham Carter. „Ich fand es wunderbar, die Fleet Street entlang zu schlendern. Das Ambiente hilft sehr, denn durch die Umgebung wird die Fantasie beflügelt. Und mein Geschäft mochte ich besonders.“

Als genauso entscheidend empfanden die Schauspieler die Kostüme, die Colleen Atwood entwarf, denn „sie spielen im Film eine weitere Hauptrolle“, wie Burton erklärt. „Colleen weiß das, weil ich schon so oft mit ihr gearbeitet habe. Sie steht den anderen Designern in nichts nach, weil auch sie die Atmosphäre des Ganzen entscheidend beeinflusst. Durch ihre Kostüme gelingt es den Schauspielern, in ihre Rolle einzutauchen – das unterstützt ihre Darstellungen ganz wesentlich.“

Atwoods Aufgabe war bei „Sweeney Todd“ besonders schwierig, weil sie in den meisten Szenen des Films die Farben nur sehr sparsam einsetzen darf. Es gelang ihr aber doch, Burtons Konzept umzusetzen, indem sie die Stoffe und Stilrichtungen variierte. „Sweeney und Mrs. Lovett sind sehr stark“, sagt sie. „Wenn man sich Bilder von alten Frankenstein-, Dracula- oder anderen klassischen Filmmonstern anschaut, wirken sie sehr kraftvoll. Danach haben wir uns in jedem Fall gerichtet: Wenn wir die beiden sehen, sollen sie diesen Bildern nachempfunden sein.“

Im Rahmen dieses Konzepts wollte Burton „Sweeney Todd“ fast wie einen Schwarzweißfilm wirken lassen – Farben spielen fast keine Rolle. „Gleich zu Anfang beschlossen wir, dass der Film fast schwarzweiß aussehen soll“, erklärt Kameramann Dariusz Wolski. „Tim zeigte mir viele alte Horrorfilme. Beide schätzen wir den Film noir und alte Schwarzweißfilme. Das gab die Richtung vor – die Atmosphäre soll sehr düster sein, starke Kontraste enthalten und sehr flächig wirken. Dante baute fast einfarbige, karge Sets. Das habe ich durch die Ausleuchtung noch unterstützt. Wir haben uns immer wieder Fotos vom historischen London angeschaut. Wir bemühen uns, den Film mit der heutigen Technik wie einen Film von damals aussehen zu lassen – eine moderne Methode, um einen altmodischen Look zu kreieren.“

Bei der Endfertigung benutzte der aus Polen stammende Kameramann die digitale Zwischenphase, um den Film noch mehr auszubleichen. „Bei diesem Projekt treiben wir dem Film die Farbe auf mehreren Ebenen aus – durch das Make-up, die Kostüme, die Ausstattung und durch meine Bearbeitung des Filmmaterials“, erklärt Wolski. „Dadurch wirkt der Film fast schwarzweiß. Ausnahmen bilden einige verblichene Farbkleckse hier und dort. Und das Blut.“

Da Sweeney seinen Opfern die Kehle durchschneidet, musste in „Sweeney Todd“ einiges Blut fließen, wobei sich Burtons Film natürlich an der Bühnenfassung orientiert. „Als ich mich erstmals mit Tim traf und wir unsere frühen Erinnerungen an ,Sweeney Todd‘ austauschten, erinnerten wir uns beide an das Blut“, berichtet Logan. „Als die erste Gurgel durchtrennt wird, spritzte das Blut unter dem Schwung des Rasiermessers über die ganze Bühne, wurde von einem Scheinwerferkegel erfasst und erstrahlte in intensivem Rot. In Wirklichkeit ist es ein sehr schmutziges Geschäft, jemandem die Kehle durchzuschneiden, und das sparen wir durchaus nicht aus. Wir verheimlichen nicht schamhaft, was Sweeney Todd treibt, denn um seine Tragödie wirklich zu begreifen, muss man miterleben, wie er sich und andere erniedrigt. Wir müssen verstehen, dass er tatsächlich ein wahnsinniger Mörder ist, der uns trotzdem ans Herz wächst. Genau das ist das Geniale an ,Sweeney Todd‘. Wir hielten es für unabdingbar, die Realität des Bluts nicht auszusparen. Wenn er also eine Kehle durchtrennt, spritzt das Arterienblut die Leute voll.“

„Tim ist mit Horrorfilmen aufgewachsen“, lacht Bonham Carter. „Das war der Höhepunkt seiner Wochenenden. Und Johnny mag sie genauso. Sie haben sich jedenfalls all ihre alten Lieblingsfilme noch mal angeschaut, um sich inspirieren zu lassen. Wir drehen hier einen Horrorfilm. Aber Tim ist ein Schlitzohr: Er verwendet billige Tricks, die er urkomisch findet, und jede Menge Blut, was er ebenfalls urkomisch findet. Der schwarze Humor ist also ständig präsent. Hoffentlich ist der Film nicht nur gruselig, sondern auch sehr komisch und auf seine perverse Art auch sehr unterhaltsam.“

„,Sweeney Todd‘ ist im klassischen dramatischen Sinn eine blutige Tragödie“, sagt Logan abschließend. „Ganz offensichtlich orientiert sich das Stück am Grand Guignol und erweist auch den penny dreadfuls (Schauerromanen) im viktorianischen London seine Reverenz. Dabei ist der Hinweis wichtig, dass das Blut in ,Sweeney Todd‘ nichts mit Sadismus zu tun hat und auch nicht überflüssig ist. Es gehört untrennbar zu der Welt, die diese Figuren bevölkern. Wenn man es ignorieren würde, wäre das unaufrichtig – was weder auf die Story noch auf diesen Filmemacher zutrifft. Tatsächlich werden Leute umgebracht: Die Hauptfigur ist derart von seiner Leidenschaft und seinen Trieben gesteuert, dass er eigenhändig Menschen umbringt und sich dabei Hände und Gesicht mit Blut beschmiert – buchstäblich und auch im übertragenen Sinn klebt Blut an seinen Händen.“

Epilog

Die ersten Zuschauer, die „Sweeney Todd“ zu sehen bekamen, waren die Besucher des Filmfests in Venedig im September 2007, wo Burton für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Dabei zeigte er acht Minuten des Films, darunter auch Depp mit dem Lied „My Friends“. Diese Ausschnitte wurden vom Publikum enthusiastisch aufgenommen.

„Ich bete darum, dass der Film wenigstens halb so vergnüglich, spannend und mitreißend ist wie die Dreharbeiten“, sagt Bonham Carter. „Eigentlich muss er einfach großartig werden. Denn Sondheim und Tim sind das ideale Team, ihre Gefühlswelt deckt sich, sie haben den gleichen schwarzen Humor. Die romantische, zärtliche Musik liegt ihnen – Tim und auch Johnny sind sehr zartfühlend.“

„Immer besteht die Gefahr, dass Puristen sich aufregen, weil es Abweichungen von der Bühnenfassung gibt und einige Musikstücke fehlen“, meint Burton. „Ich versuche mich so genau wie möglich ans Original zu halten, weiß aber trotzdem nicht, wie die Puristen reagieren werden. Doch wie viele Puristen gibt es schon? Ein Film wie dieser ist kaum berechenbar, weil es sich um ein nicht jugendfreies Musical voller Blut handelt – Leute, die sich Broadway-Shows ansehen, schauen sich normalerweise keine Splatterfilme an, und Freunde des Splattergenres sieht man selten am Broadway.“

Freunde des originalen Musicals weist Sondheim darauf hin, dass einiges daraus gekürzt worden ist: „Aber ich empfehle jedermann, die Erinnerung an die Bühnenshow für die Dauer des Kinobesuchs zu vergessen, denn im Gegensatz zu allen mir bekannten Verfilmungen von Bühnenmusicals wird hier versucht, den Stoff komplett in einen Film zu verwandeln. Die Qualität von ,Sweeney Todd‘ besteht gerade in dem Umstand, dass es sich nicht um eine abgefilmte Bühnenshow handelt. Dies ist ein Kinofilm nach einer Bühnenvorlage.“

„Am gespanntesten bin ich auf die Zuschauer, die noch nie von Stephen Sondheim gehört und noch nie im Leben eine Broadway-Show gesehen haben – wie werden sie auf dieses majestätische Werk reagieren?“, fragt sich Logan. „Sie hören eine Musik, die sich deutlich von allem unterscheidet, was ein amerikanischer Komponist je geschrieben hat. Sie erleben eine ihnen unbekannte, sehr originelle Geschichte. Und sie werden begreifen, warum wir, die ,Sweeney Todd‘-Fans, das Stück schon so lange und leidenschaftlich lieben. In gewisser Weise werden sie den Platz von John Logan oder Tim Burton einnehmen, die es zum ersten Mal erleben und eine Leidenschaft entwickeln, die 25 Jahre anhalten wird. Im Grunde ist ,Sweeney Todd‘ ein Horror-Musical. Ein Horrorfilm mit Musikunterstützung. Daneben ist es aber auch eine mitreißende Charakterstudie und eine wunderbar schwarze Komödie. Eine Fingerübung im Grand Guignol. Vor allem aber beste Unterhaltung. Stephen Sondheims Genie und Tim Burtons Genie treffen sich in Sweeney Todds Welt und schaffen etwas Unverwechselbares, das uns bestens unterhält.“

Die Legende von Sweeney Todd

„Bei der Vorbereitung dieser Produktion sagte ich zu den Studiochefs: ,Jungs, ihr wisst ja, dass in diesem Film eine Menge Blut fließt‘“, erinnert sich Regisseur Tim Burton, dem natürlich klar war, dass eine derart irre Story ohne Blut genauso wenig auskommt wie Mrs. Lovetts berüchtigte Pasteten, denn Sweeney Todd ist nun mal eine Horrorfigur, wie sie im Buche steht.

Obwohl manche behaupten, dass es Sweeney Todd nie gegeben hat, haben andere eine detaillierte Chronik über den legendären „dämonischen Barbier“ aus der Fleet Street des 18. Jahrhunderts zusammengetragen. Von den Boulevardzeitungen, die ihn ausschlachteten, über die penny dreadfuls, die ihn ausbeuteten, bis zur Theaterbühne, auf der er unsterblich wurde, bestätigt „Sweeney Todd“ die These: „Wenn die Legende zur Tatsache wird, drucke lieber die Legende“ (ein Zitat aus John Fords „The Man Who Shot Liberty Valance“/Der Mann, der Liberty Valance erschoss).

Sweeney Todd kam angeblich 1748 zur Welt – er war das einzige Kind armer, alkoholkranker Seidenfabrikarbeiter. Damals litt ganz London unter Epidemien, Schmutz, Armut und Korruption, und auch der junge Todd arbeitete bald neben seinen Eltern in den Textilmanufakturen. Mutter und Vater verschwanden unter mysteriösen Umständen, und der 14-jährige Todd wurde wegen eines geringfügigen Delikts verhaftet und ins Newgate-Gefängnis gesteckt. Dieses Urteil wurde damals als milde angesehen, denn die meisten kindlichen Diebe wurde wegen ihrer Vergehen gehenkt.

In der Gesellschaft von Mördern und Gaunern wurde Todd angeblich der Lehrling des Gefängnisbarbiers und Mithäftlings Elmer Plummer. Weil die Barbiere damals auch als Chirurgen arbeiteten (worauf der blutrote Streifen auf dem typischen Pfosten an angelsächsischen Frisörsalons zurückzuführen ist), lernte Todd dieses Handwerk, Grundbegriffe der Anatomie, aber auch, wie man die Taschen der zurückgelehnten Kunden ausraubt. Derlei Fähigkeiten konnte er nach seiner Entlassung gut gebrauchen, doch Gier, Eifersucht und hemmungslose Wut beherrschten den jungen Mann derart, dass er seine Mordserie begann.

Bald darauf eröffnete Todd einen Frisiersalon im Haus 186 Fleet Street neben der Kirche St. Dunstan. Unter der Kirche befanden sich längst vergessene Tunnel und Katakomben, in denen man einst die Gemeindemitglieder bestattet hatte. Im Schaufenster warb Todd für seine Dienstleistungen mit Gefäßen voller Zähne, Haare und Blut. Und im Zentrum seines Ladens befand sich sein genialstes und unheimlichstes Einrichtungsstück: der Rasierstuhl.

Um seine Verbrechen zu tarnen, konstruierte Todd angeblich eine Falltür, die 360 Grad rotieren konnte. Auf beiden Seiten der Klappe brachte er einen Rasierstuhl an, sodass er nur einen Hebel drücken musste, damit das Gewicht des Kunden den Stuhl nach unten klappen ließ – das Opfer stürzte kopfüber in den mehrere Stockwerke tiefen Keller. Gleichzeitig erschien durch die Rotation der Klappe an seiner Stelle der andere Rasierstuhl. Todd eilte dann in den Keller, und falls das Ofer den Sturz überlebt hatte, gab er ihm mit dem Rasiermesser den Rest. Dann filzte Todd den Toten, bemächtigte sich seiner Wertsachen und deponierte die Leiche zwischen den Gerippen unter der Kirche. Das funktionierte eine Zeit lang ganz gut, doch allmählich wurde der Platz für die Leichen knapp.

Inzwischen hatte Todd die geldgierige Witwe Margery Lovett kennengelernt. Die beiden begannen eine Beziehung und wurden Komplizen, sobald Todd Mrs. Lovett eine Bäckerei am Bell Yard eingerichtet hatte, die mit seinem Frisiersalon durch unterirdische Tunnel verbunden war. Als gelernter Chirurg zerteilte Todd die Leichen und lieferte Mrs. Lovett das Fleisch für ihre Pasteten, während er Haut und Knochen in den Kirchenkatakomben entsorgte.

Während Todd seinen Blutrausch auslebte und Mrs. Lovett mit ihrer Bäckerei das Geschäft ihres Lebens machte, begannen die Gänge unter St. Dunstan zu stinken. Die Behörden leiteten eine Untersuchung ein. Natürlich brachte man die vermissten Männer mit den verwesenden Leichen in Verbindung, von denen blutige Fußspuren in den Keller unter Todds Salon führten. Die Öffentlichkeit reagierte mit Entsetzen.

Die Medien und die Schauerromane

Todd wurde ohne Umstände verhaftet, doch als die Beamten am Bell Yard bei Mrs. Lovett auftauchten, erfuhren ihre Pasteten-Kunden von den Morden und merkten, dass sie die Opfer verspeist hatten. Die Menge wollte Lovett sofort lynchen, doch sie wurde umgehend ins Newgate-Gefängnis eingeliefert. Sie gestand ihre und Todds Missetaten und beging dann Selbstmord, während Todd der Prozess gemacht wurde – er wurde schuldig gesprochen und später hingerichtet. Man nimmt an, dass Sweeney Todd insgesamt über 160 Menschen umgebracht hat.

Die Öffentlichkeit stürzte sich auf diese ungeheuren Vorfälle, und die Zeitungsverleger wussten das gewaltige Interesse zu nutzen und ihre Auflage zu steigern. Die Reporter schmückten die Fakten freizügig aus – Sweeney Todd war ein gefundenes Fressen für die Sensationspresse und genau der Stoff, aus dem moderne Legenden gemacht werden. Tatsächlich gibt es aufgrund der zahllosen Varianten keine genaue Beschreibung seiner Person.

Die offensichtliche Beliebtheit dieser realen Kriminalgeschichten ging einher mit der ständig wachsenden Zahl von Kunden, die lesen konnten – so entstanden unschlagbar preiswerte Groschenblätter, die ihre Geschichten in Fortsetzungen präsentierten. Weil es grundsätzlich um drastische Inhalte ging und der Schreibstil wahrlich nicht anspruchsvoll war, nannte man die ursprünglichen penny magazines bald penny bloods und später penny dreadfuls. Der beliebeste Schauerroman war 1846 Thomas Peckett Prests Geschichte „The String of Pearls“ über einen dämonischen Barbier namens Sweeney Todd. Todds Geschichte war bereits Teil der Pop-Kultur, und aufgrund von Prests Story dauerte es nicht lange, bis die blutige Mär zum Bühnenstück umgearbeitet wurde.

Die Tradition des Grand Guignol

„George Dibdin-Pitt zählte zu den beliebtesten Theaterautoren jener Zeit“, erklärt Stephen Sondheim. „Er schrieb über Sweeney Todd ein Bühnenstück, das Ende der 1840er-Jahre einen großen Erfolg verbuchte.“ Die Story stellte sich auf die Begeisterung der Zuschauer für gruselige und makabre Stoffe ein und verblüffte das Publikum als Melodram im Stil des französischen Grand Guignol.

Das Grand-Guignol-Genre bekam seinen Namen von dem Pariser Theatre du Grand Guignol, das Oscar Metenier 1897 gründete. Die Stücke leben von ihren grausigen Geschichten und aufwändigen Spezialeffekten. Inzwischen wirkt diese Form der Unterhaltung altmodisch und nicht mehr zeitgemäß, seit das Horrorgenre im Kino der 1960er-Jahre eine Blüte erlebte. Aber als Pitt „Sweeney Todd“ vor 150 Jahren auf die Bühne brachte, waren die Zuschauer hingerissen. Sein Erfolg zog zahlreiche weitere Fassungen nach sich, doch erst Anfang der 1970er-Jahre schrieb der Theaterautor und Schauspieler Christopher Bond eine Version, in der sich die Story deutlich veränderte. Bond fügte das Rachemotiv und Richter Turpin ein – aus dem einfachen Serienmörder und Dieb Sweeney Todd wurde ein komplizierter, von seiner Vergangenheit verfolgter Mann.

„Ich habe das Stück 1973 auf der Bühne gesehen“, sagt Sondheim. „Melodramen haben mich immer fasziniert – und sofort merkte ich, dass sich dieses Stück sehr gut als Musical eignen würde. Also bat ich Christopher Bond um Erlaubnis und schrieb das Musical.“

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