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Polizeiruf 110: Heimatliebe

Filmhandlung und Hintergrund

Grenzgeschichten haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie können sich nicht nur mit Klischees und Vorurteilen hüben wie drüben auseinandersetzen, sondern auch die gemeinsame Historie beleuchten. „Heimatliebe“, ein „Polizeiruf“ des RBB, erzählt so eine Geschichte, aber das wird erst später deutlich; zunächst geht es um einen herrenlosen Finger und einen brennenden Stall. Wem der Finger gehört, bleibt erst mal offen...

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Kritikerrezensionen

  • Grenzgeschichten haben einen unschätzbaren Vorteil: Sie können sich nicht nur mit Klischees und Vorurteilen hüben wie drüben auseinandersetzen, sondern auch die gemeinsame Historie beleuchten. „Heimatliebe“, ein „Polizeiruf“ des RBB, erzählt so eine Geschichte, aber das wird erst später deutlich; zunächst geht es um einen herrenlosen Finger und einen brennenden Stall. Wem der Finger gehört, bleibt erst mal offen, aber der Stall gehört dem polnischen Landwirt Sekula, und weil in Folge der Brandstiftung sein Vieh verendet ist, steht er nun vor dem Ruin. Seine deutsche Frau Jenny (Anna König) wüsste einen Ausweg, doch der kommt für den Bauern nicht in Frage: Westeuropäische Agrarkonzerne kaufen in der fruchtbaren Gegend Land in großem Stil. Sekula würde ein ausgezeichnetes Geschäft machen, doch er beharrt darauf, die Tradition seiner Familie fortzuführen. Als er eines Nachts zusammengeschlagen wird und durch einen Tritt gegen den Kopf stirbt, hat Jenny freie Bahn, was sie in den Augen des Duos Lenski und Raczek (Maria Simon, Lucas Gregorowicz) von der deutsch-polnischen Ermittlungsstelle prompt verdächtig macht.

    Dieser Teil der Handlung klingt nach klassischem Sonntagskrimi: Mord aus Habgier. Aber da ist ja noch die Sache mit dem Finger. Außerdem kommt eine weitere Ebene ins Spiel: Während sich Raczek in Polen tummelt, muss Lenski ins brandenburgische Falkenhain. Dort hält der vierschrötige Eigenbrötler Jaschke (Waldemar Kobus) einen Gerichtsvollzieher gefangen, der sein Auto pfänden wollte: Jaschke weigert sich, Steuern zu zahlen, denn er betrachtet sich als Einwohner der preußischen Provinz Brandenburg. „Ein harmloser Spinner“, der Sehnsucht nach dem Kaiserreich habe, versichert Bürgermeister Seedow, der die Kommissarin von früher kennt, weil er einst in ihre Mutter verliebt war. Der Mann ist ein Spross von altem Provinzadel und wird von Hanns Zischler gespielt, weshalb es nicht weiter überrascht, dass er bei der Verknüpfung des polnischen und des brandenburgischen Handlungsstrangs seine Finger im Spiel hat.

    „Heimatliebe“ ist der erste Fernsehfilm von Christian Bach (Buch und Regie), der vor einigen Jahren mit dem sehenswerten Familiendrama „Hirngespinster“ (2014) sein außerordentliches Talent offenbart hat. Mit seinem seelenruhig inszenierten „Polizeiruf“, bei dem allein die Musik (Sebastian Pille, Martin Rott) im Hintergrund für Spannung sorgt, wendet sich Bach einem völlig anderen Thema zu. Hintergrund sind nationalistische Bewegungen auf beiden Seiten der Grenze, wobei zunächst die Motive der Polen im Zentrum stehen, weil sie mit ihrem historischen Trauma konfrontiert werden: Vor 80 Jahren kamen die Deutschen mit Panzern, heute ist ihre Waffe das Geld.

    Nicht nur deshalb sind die polnisch-deutschen Ressentiments ein wichtiger Bestandteil der Geschichte. Sie äußern sich auch in diversen Streitigkeiten der Familie Sekula: Tomasz (Joshio Marlon), der 15jährige Sohn des Landwirts, ist Alleinerbe und weigert sich zum Unmut seiner Stiefmutter, einem Verkauf des Hofs zuzustimmen. Sein Onkel Andrzej (Marcin Pietowski) spielt dabei eine besonders unrühmliche Rolle. Einige Zuschauer werden womöglich die Lektüre der Untertitel mühsam finden, weil gerade zu Beginn viel Polnisch gesprochen wird, was aber sehr zur Authentizität des Films beiträgt. Außerdem lässt sich auf diese Weise gut nachvollziehen, wie sich Lenski fühlt, wenn sie jenseits der Grenze ermitteln muss, da sich zum Beispiel Andrzej Sekula aus Prinzip weigert, mit der „Nazi-Schlampe“ deutsch zu sprechen. tpg.
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