Filmhandlung und Hintergrund

Wie raffiniert die Geschichte dieses Films ist, zeigt sich erst im Nachhinein. Zunächst ist „Das Urteil“ ein Krimi wie andere auch: Beim Tanzen rückt ein Mann einer jungen Frau zu nah auf die Pelle, ein anderer greift beschützend ein; am nächsten Tag ist die Frau tot. Ein Jahr später gelingt dem zwischenzeitlich als Vergewaltiger und Mörder verurteilten Mann die Flucht. Er entführt Kommissarin Ellen Lucas (Ulrike...

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Kritikerrezensionen

  • Wie raffiniert die Geschichte dieses Films ist, zeigt sich erst im Nachhinein. Zunächst ist „Das Urteil“ ein Krimi wie andere auch: Beim Tanzen rückt ein Mann einer jungen Frau zu nah auf die Pelle, ein anderer greift beschützend ein; am nächsten Tag ist die Frau tot. Ein Jahr später gelingt dem zwischenzeitlich als Vergewaltiger und Mörder verurteilten Mann die Flucht. Er entführt Kommissarin Ellen Lucas (Ulrike Kriener), die damals die Ermittlungen geleitet und vor Gericht gegen ihn ausgesagt hat. Sie soll den Fall neu aufrollen und seine Unschuld beweisen.

    Der Reiz des Films besteht zunächst in der Kombination von Gegenwartszenen und Rückblenden, die den Ablauf aus Sicht der Kommissarin schildern. Damals hat nichts auf eine mögliche Unschuld des Mannes hingedeutet, im Gegenteil, und die Bilder scheinen dies zu bestätigen. Der Filmtitel bezieht sich daher auch auf die Haltung des Zuschauers, denn die geschickte Konstruktion von Buch (Peter Probst) und Regie (Nils Willsbrandt) lässt keinen Zweifel zu: Während einer Feier im psychologischen Institut der Universität Regensburg hat Dozent Stach (Florian Teichtmeister) die Studentin ermordet. Für Lucas gab es ohnehin keinen Grund, an seiner Schuld zu zweifeln. Nun jedoch beginnt sie, die belastenden Umstände zu hinterfragen, allen voran die Aussage der jungen Hauptbelastungszeugin (Lena Kalisch), die drei Monate nach der Tat detaillierte Beobachtungen schilderte, obwohl sie zunächst nichts Brauchbares zur Aufklärung beisteuern konnte. Und so entwickelt diese Geschichte, die anfangs wie ein gewöhnlicher Krimi wirkt, nach und nach eine eigene Faszination, weil es letztlich darum geht, wie sich das Gedächtnis eines Menschen manipulieren lässt.

    Handwerklich ist „Das Urteil“ ohnehin gelungen. Interessant ist schon allein die Farbgebung der zwielichtigen Rückblenden, mal grauschwarz, mal blauschwarz, aber konsequent um jeden potenziell lebensfrohen Farbtupfer bereinigt. Die große Stärke liegt jedoch in der vorzüglichen Führung der Schauspieler. Gerade die als Ellen Lucas stets eher unterkühlt agierende Ulrike Kriener vermittelt auf subtile Weise, wie die unumstößliche Haltung der Kommissarin erste Risse bekommt, als Stach sie entführt und am Schauplatz des einstigen Geschehens von seiner Unschuld überzeugen will. Willbrandt verzichtet darauf, diese Szene mit vordergründiger Spannung aufzuladen; ihre Intensität entsteht als Folge des schauspielerischen Kräftemessens. Spätestens jetzt erweist sich auch die Besetzung des Gegenspielers als ausgezeichnete Wahl, zumal der Wiener Florian Teichtmeister, den ZDF-Zuschauern durch seine Rolle als Rollstuhlkommissar in der Krimireihe „Die Toten von Salzburg“ bekannt, nicht zur Riege der üblichen Verdächtigendarsteller zählt.

    Autor Probst hat zwar dafür gesorgt, dass die Geschichte dank verschiedener Nebenschauplätze eine gewisse Komplexität erhält, aber sehenswert ist „Das Urteil“ vor allem wegen des Komplotts, dem Lucas schließlich auf die Spur kommt. Dessen Raffinesse lässt auch die eine oder andere Ungereimtheit verschmerzen (woher weiß Stach, wo die Polizei seine Frau und seine Tochter versteckt hat?). Abgesehen davon haben Krimis, in denen die Ermittler eigene alte Fälle neu aufrollen, dank der doppelten Ebene ohnehin einen ganz eigenen Reiz; vor allem, wenn sich die Handlung wie in diesem Fall in eine völlig andere Richtung entwickelt. tpg.

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