Ein ganz gewöhnlicher Jude

  1. Ø 5
   2005
Ein ganz gewöhnlicher Jude Poster
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Filmhandlung und Hintergrund

Ein ganz gewöhnlicher Jude: Ein-Personen-Film mit Ben Becker als deutscher Jude der Nachkriegsgeneration.

Irgendwo in Deutschland. Ein wohlmeinender Geschichtslehrer möchte seine Schulklasse mit einem leibhaftigen Juden konfrontieren. Der soll Auskunft geben, wie es sich so anfühlt in Deutschland, 60 Jahre nach dem Holocaust. Doch Emanuel Goldfarb (Ben Becker), Journalist aus Hamburg und Adressat der Bitte, hat nicht die geringste Lust, den Musterjuden zu geben. Voller Zorn verfaßt er eine geharnischte Absage – die zur Bilanz des eigenen Lebens gerät.

Nach Filmen wie „Das Experiment“ und „Der Untergang“ inszeniert Regisseur Oliver Hirschbiegel das gleichnamige Buch von Charles Lewinsky als schnörkellos wuchtiges Ein-Personen-Stück.

Emanuel Goldfarb, ein gestandener Journalist, soll im Auftrag seiner jüdischen Gemeinde in Hamburg vor einer Schulklasse im Geschichtsunterricht die Fragen der jungen Menschen beantworten. Doch Goldfarb hat nicht die geringste Lust, der Bitte nachzukommen und verfasst stattdessen einen aufgebrachten Brief an den Geschichtslehrer.

Der Journalist Emanuel Goldfarb wird eingeladen, vor Schülern im Sozialkundeunterricht über sein Leben als Jude in Deutschland zu referieren. Entrüstet lehnt er ab, doch aufkommende Erinnerungen zwingen ihn förmlich dazu, über das „geschmacklose Thema“ nachzudenken. Ob an der Schreibmaschine oder im Keller, bei einem Glas Rotwein oder in der Küche – Goldfarb beginnt, Bilanz zu ziehen und wird sich bewusst, wie viel er aus seiner Vergangenheit bisher verdrängt, weit von sich geschoben hatte.

Darsteller und Crew

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Kritiken und Bewertungen

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  • „Wertvoll”

    Oliver Hirschbiegels filmischer Nachfolger zum "Untergang" lässt jetzt sozusagen die andere Seite zu Wort kommen. Nach den Tätern nun die Opfer, genauer: deren Nachfahren, noch genauer: einen einzelnen Mann, der als Jude im Deutschland von heute lebt. Mit dem Filmtitel ist eine fortwährende Tautologie bereits angedeutet: Ein ganz gewöhnlicher Jude, das geht (noch) nicht in Deutschland, dazu bedarf es weiterhin der historischen und sozialpsychologischen Forschung, der Aufarbeitung und Aufklärung. Dazu bedarf es des Dialogs vor allem auch der kommenden Generationen, und es bedarf nicht zuletzt - des Verzeihens.

    Diesen Dialog wollen Oliver Hirschbiegel und sein Autor Charles Lewinsky offenkundig anstoßen - und sie verwenden dafür provokante Stilmittel: Der Film ist als Monolog angelegt und spielt als Ein-Personen-Stück fast ausschließlich in der Wohnung eines Mannes namens Emanuel Goldfarb. Ben Becker verkörpert ihn, was der Figur eine kraftvoll-emotionalisierte Dimension, aber auch eine gewisse Larmoyanz verleiht, zumal der Mann auf der Leinwand eine private Krise durchlebt, die er selbst ursächlich immer wieder mit der Rolle der Juden im Deutschland seit Heine und besonders mit der Traumatisierung durch den Holocaust in Verbindung bringt. (...)

    Hirschbiegels Film spiegelt subjektive jüdische Befindlichkeit im zeitgenössischen Deutschland, er gibt keine reflektierte Position wieder - er ist kein Thesenpapier, sondern ein Film. Die Enge der Wohnung, die ständige Nähe der Figur, ihr andauernder Redefluss, all das lässt keine Einfühlung aufkommen. Der Film zwingt den Zuschauer zur kritischen Distanznahme, zur kritischen Abwägung des Gesagten. Dazu kommt, dass Goldfarb das Politische mit dem Privaten vermischt und für alles immer nur die eine Erklärung hat: das ewige Stigma als sozusagen die "Goldfarb-Variationen" des jüdischen Selbsthasses. (...)

    Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

Kritikerrezensionen

  • Großes Solo für Ben Becker in einem virtuosen Monolog über das deutsch-jüdische Verhältnis.

    Im Kino zuletzt in der unterschätzten Gaunerkomödie „Sass“, trumpft Ben Becker in Oliver Hirschbiegels Kammerspiel in einem großen Solo als Journalist Emanuel Goldfarb auf, der über sein Leben als Jude in Deutschland nachdenkt. Eingeladen, vor Schülern im Sozialkundeunterricht davon zu erzählen, will Goldfarb ablehnen, aber die kreisenden Gedanken lassen sich nicht abblocken. Aufkommende Erinnerungen und Assoziationen zwingen ihn, „das geschmacklose Thema“ anzugehen. Vor der Kugelkopfschreibmaschine, beim Rotwein, in der Küche, an der Espresso-Maschine, im Keller und mit Diktafon und Gebetsriemen in der Hand sammelt sich in Goldfarbs Kopf alles, was er verdrängt und bewältigt glaubte.

    So rauscht ein Strom von Gedanken durch Goldfarbs Bewusstsein, der assoziativ ungebremst von der Familiengeschichte zur Politik Israels, von Traditionen zur gescheiterten Ehe, von Macken jüdischer Mütter zum eigenen Selbstmordversuch, vom Gelobten Land zur Verachtung für „Weltverbesserungsmusikanten“ führt. Alles und jedes wird angerissen, einiges beleuchtet, anderes gestreift, wieder anderes belächelt oder ironisiert. Sensibel und zynisch zugleich kommentiert er „Geschichte, die jüdische Krankheit“, zitiert Heinrich Heine („Das Judentum ist keine Religion, es ist ein Unglück.“) und wehrt sich gegen „Moralkeule“ und „Betroffenheitszuschlag“.

    Regisseur Oliver Hirschbiegel scheint nach jedem gestemmten Mammut-Projekt Ruhe in der kleinen Form zu suchen. So folgte auf „Das Experiment“ der Monolog Hannelore Elsners in „Mein letzter Film“, und jetzt auf „Der Untergang“

    der Monolog Beckers. Das Kammerspiel nach dem Buch des Schweizers Charles Lewinsky gehört der Dialoglastigkeit wegen eigentlich aufs Theater, aber da Becker den Juden Goldfarb in einer Mischung aus Trotz, Wut und Dampfablassen, Innenschau und Rundumschlag zum Stand der Dinge virtuos verkörpert und Hirschbiegel die Enge des Raumes szenisch durch raschen Perspektivenwechsel auflockert, ist filmischen Ansprüchen genug getan. Fürs Arthouse-Kino eine Bereicherung. ger.

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