Für Links auf dieser Seite erhält kino.de ggf. eine Provision vom Händler, z.B. für mit oder blauer Unterstreichung gekennzeichnete. Mehr Infos.
  1. Kino.de
  2. Filme
  3. Axiom
  4. „Axiom“-Kritik: Die besten Geschichten schreibt der Lügner selbst

„Axiom“-Kritik: Die besten Geschichten schreibt der Lügner selbst

„Axiom“-Kritik: Die besten Geschichten schreibt der Lügner selbst
© Martin Valentin Menke / Bon Voyage Films

Ein Segeltörn, der nicht stattfindet und eine Identität, die langsam verschwimmt. Jöns Jönsson begibt sich mit seinem zweiten Langfilm ins Fahrwasser eines pathologischen Lügners und lotet dessen Grenzen aus. „Axiom“ startet am 30. Juni 2022 in den deutschen Kinos.

Poster

Axiom

Spielzeiten in deiner Nähe

Es ist eine nette Geste, mit der Julius dem neuen Mitarbeiter den Einstieg erleichtern will. Zu Beginn von „Axiom“ spricht der extrovertierte Museumswärter ein großzügiges Angebot aus und schürt Vorfreude auf einen Ausflug mit dem elterlichen Segelboot, zu dem auch drei andere Kolleg*innen eingeladen sind. Am Ziel angekommen, entbrennt schnell der erste Streit um vergessene Rettungswesten. Julius, der mit übertriebenem Unverständnis reagiert, legt schnell mit einem traumatischen Schwenk aus seiner Vergangenheit nach, der seine heftige Reaktion relativieren soll. Die Wogen sind dann zwar geglättet, aufs Boot schaffen es die fünf aber trotzdem nicht…

Der Grund für den verpatzten Segeltörn entzieht sich ausnahmsweise Julius‘ Wirkungsmacht. Es geschieht etwas Ungeplantes, das Julius kurz aus der (körperlichen) Fassung bringt. Im Krankenhaus trifft die Mutter ein und ermahnt ihren Sohn, endlich aufzuhören. Spätestens jetzt wird klar: Der versprochene Ausflug hätte auch ohne Zwischenfall niemals stattfinden können – Julius ist nicht nur selbstbewusster Sympathieträger, stiller Beobachter und interessierter Zuhörer, sondern vor allem ein Geschichtenerzähler, der erfindet, hinzudichtet und sich die Erlebnisse anderer zu eigen macht.

Im Alltag gescheitert

Die, die Julius schon länger kennen, treten ihm mit Misstrauen entgegen, sind genervt und halten lieber Abstand. Dass auf den jungen Mann kein Verlass ist, wird beim Einblick ins WG-Leben deutlich, das eigentlich keines ist, weil Julius sich längst in die Außenseiterrolle katapultiert hat. Mit den ausbleibenden Mietzahlungen schwinden auch die Sympathien. Nur seine Freundin Marie (großartig: Ricarda Seifried), deren Existenz ausnahmsweise keine erdachte ist, kennt Julius noch nicht lange genug, lauscht begeistert seinen Erzählungen über vermeintlich Erlebtes und schwärmt vor ihrer Familie von den beruflichen Meilensteinen ihres Freundes, denn bei Marie ist Julius kein Museumswärter, sondern erfolgreicher Architekt und Weltenbummler mit problematischer Kindheit.

Das sorgfältig gesponnene Netz aus Lügen erfordert hohe Flexibilität und stellt Julius ständig vor neue Herausforderungen, in denen er seine erdachte Identität immer wieder rekonstruieren muss. Die seltsame Sogkraft, die den Film antreibt, liegt nicht nur in Moritz von Treuenfels‘ glaubhafter Verkörperung eines notorischen Lügners begründet, sondern auch darin, dass Jönsson die Möglichkeiten seiner Hauptfigur nicht endlos werden lässt und sich daraus ein neues Spannungsfeld ergibt: Mit dem eigenen Lügenkonstrukt konfrontiert, bleibt Julius oftmals nur die Flucht in eine neue Umgebung und andere Identität, die dann auch nur so lange funktioniert, bis jemand erneut auf Ungereimtheiten stößt. Julius‘ Spiel mit der eigenen Identität bleibt auch deswegen glaubhaft, weil sie eben nicht grenzenlos ist und dadurch nicht Gefahr läuft, ins Absurde zu verkommen.

Philosoph und Geschichtensammler

Die Geschichten, die Julius von anderen aufschnappt und sich geschickt zu eigen macht, sind beiläufige, die er dann aber voller Inbrunst reproduziert und zu herrlichen Anekdoten werden lässt. Dass die von Julius initiierten philosophischen Abhandlungen über Glauben und Wahrheit auch seine eigenen Verhaltensmuster thematisieren und Julius‘ Weltbild reflektieren, weiß Jönsson als kluge Zäsuren in seinen Film einzubetten, ohne das natürliche Spiel seiner Protagonist*innen ins Wanken zu bringen.

Hervorragend besetzt, erkundet „Axiom“ die Bedeutung von Identität, Handlungsnormen und Sozialprestige. Spannend wird es vor allem dann, wenn Julius‘ problematische Verhaltensmuster als solche offenbart werden und er sich vermeintlich mit seinen eigenen Mechanismen konfrontiert sieht. Spätestens wenn sich Julius‘ Freundin seiner Lieblingsgeschichte über einen nackten Mann auf der Straße bedient und auf seine Nachfrage hin die profanste aller Antworten gibt, muss auch Julius erkennen, dass sein erträumtes Ideal Bruchstellen aufweist, die sein komplexes Konstrukt jederzeit zum Einsturz bringen können. Es bleibt ihm nur der Aufbruch in unbekannte Gewässer, immer auf der Suche nach den besten Geschichten.