Hirngespinster (2013)

Hirngespinster Poster
Nicht mehr im Kino.
Userwertung (4)
  1. Ø 4.8
Kritikerwertung (1)
  1. Ø 2.5

Filmhandlung und Hintergrund

Hirngespinster: Coming-of-Age- und Familiendrama um den Sohn eines Schizophrenen zwischen Pflichtgefühl und Selbtsverwirklichung.

Architekt Hans Dallinger verlor wegen Anfällen von Verfolgungswahn seine lukrative Firma. Nun bringt die anlässlich einer Bewerbung für ein Großprojekt wieder ausbrechende Psychose seine Familie in große Not. Kurzzeitige Einweisungen in die Psychiatrie machen seine Frau, die kleine Tochter und den 23-jährigen Sohn Simon zu Außenseitern in ihrer Kleinstadt. Simons Hoffnungen, eine Beziehung einzugehen und ein Studium zu beginnen, zerschlagen sich, weil er weder den gefährlichen Vater noch die bedrohte Schwester allein lassen will.

Videos und Bilder

Auf DVD & Blu-ray (1)

Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • Das Langfilmdebüt "Hirngespinster" von Regisseur und Drehbuchautor Christian Bach ist richtig schwere Kost. Denn es geht darin um einen jungen Mann, der in einer Familie mit einem an Schizophrenie erkrankten Vater festhängt. Das bedrückende Drama schildert detailliert, wie der Zustand und das Verhalten des Vaters das Leben der Angehörigen bestimmt. Der Film legt dabei Wert auf einen realitätsnahen, gedämpften Ton, der große Emotionen meidet. Obwohl sich Bach also sehr ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, wirkt die Geschichte mit ihrem kreisenden Verlauf auch frustrierend.

    Eigentlich geht es in erster Linie um Simon. Aber der junge Mann ist es seit langem gewöhnt, sich zurückzunehmen und für die kleine Schwester, die berufstätige Mutter, den mit sich selbst beschäftigten Vater da zu sein. Mit ungläubigem Blick verfolgt er jeden Tag aus Neue, was in seinem Elternhaus passiert – denn die Situation ist unberechenbar. Simons antrainierte Zurückhaltung, seine Scheu, über seinen Vater zu reden und seine Unfähigkeit, sich jemals richtig zu freuen, erschweren ihm die Beziehung mit der neuen Freundin Verena. Seine Selbstbeherrschung wirkt auf Dauer aber auch unglaubwürdig. Das gilt erst recht für seine Mutter: Mit stoischer Ruhe hält sie die Fassade einer normalen Familie aufrecht und zwingt ihrer kleinen Tochter ein Zuhause auf, in dem kein entspanntes gemeinsames Abendessen möglich ist. Ihre Motivation bleibt unverständlich, gerade weil der Film die Emotionen der Angehörigen so herunterdimmt.

    Tobias Moretti spielt Hans mit ungekämmtem Haar und stechendem Blick aus großen Augen. Obwohl er wenig redet, brodelt es in ihm: Seine Gefühle äußert dieser in sich gekehrte Mann nur eruptiv. Weil er jedoch keine Einsicht in seinen Zustand hat, gerät auch die Darstellung der Schizophrenie in diesem Film ziemlich bedrohlich. Das dient der Entstigmatisierung von Betroffenen nicht wirklich. Vor allem aber glaubt man sich wegen der emotionalen Zurückhaltung bei der Charakterzeichnung eher in einem Fernsehfilm, als in einem richtigen Kinodrama.

    Fazit: Christian Bachs Drama "Hirngespinster" schildert die bedrückende Atmosphäre in der Familie eines schizophrenen Mannes und die schwierige Beziehung zu seinem Sohn mit betonter Sachlichkeit, aber auf Kosten der Spannung und der Charakterzeichnung.
  • Tobias Moretti behindert als psychisch Kranker die Selbstverwirklichung seines pflichtbewussten Sohns.

    Wie es sich mit einem schizophrenen Vater lebt, der partout keine Einsicht in seine Krankheit entwickeln will, aber dafür auf Nachbarn und die Polizei mit der Axt losgeht, vergegenwärtigt Christian Bachs selbstverfasster Erstling, der die Leidensgeschichte einer Familie erzählt. Besonders ein in körperlicher wie schauspielerischer Topform befindlicher Tobias Moretti (“Das finstere Tal“), dessen durchdringender Blick als Psychotiker durch Mark und Bein geht, sowie Nachwuchsschauspieler Jonas Nay (“Dear Courtney“) als sein zwischen Loyalität und Erwachsenwerden zerrissener Filmsohn Simon bringen die paradoxen Emotionen in dem konzentrierten, aber auch untertourigen Film auf den Punkt. Der Bayerische Filmpreis für Beider darstellerische Leistung ist redlich verdient.

    Während die Mutter aus Liebe und Hilflosigkeit dazu schweigt und er die kleine Schwester vor tristen Wahrheiten zu beschützen versucht, vergisst Simon selbst zu leben. Anstatt auszuziehen, fährt der gut aussehende Einzelgänger den Schulbus und verzichtet darauf, sich von den beklemmenden Verhältnissen zu lösen, die ihn am Weiterkommen hindern. Sein verzögertes Coming of Age ist die Perspektive des Dramas, das die vielfältigen Folgen ausbreitet, wenn die Familie in ihrer Kleinstadt sozial ins Abseits gerät. Als Simon Verena trifft, eine junge Studentin im Wartesemester, würgen die paranoiden Anfälle seines Vaters die aufkeimende Liebe ab. Ferner hat Simon allen Grund zur Sorge, genetisch von der gleichen Krankheit gefährdet zu sein, die seinen Vater, einst ein Stararchitekt, so ruiniert. Simons Hin- und Hergerissensein, seine Wut auf andere, die ungerechten Vorwürfe des Vaters, der jede Hilfe rigoros verweigert, all das löst mehr Frust und Überforderung aus, als ein 23-Jähriger bewältigen kann.

    Realistisch und ohne je ins Spekulative zu wechseln zeichnet Bach diese Rolle als Geisel eines Rücksichtslosen nach, der mit Folien Spionagesatelliten abwehren will, aber ebenso einer ist, mit dem Verbundenheit besteht. Auch daraus speist sich die berechtigte Hoffnung, dass man nicht für immer an jemand gefesselt ist, der sich und seine Nächsten gefährdet. tk.

Darsteller und Crew

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