Das Kabinett des Dr. Parnassus (2009)

Originaltitel: The Imaginarium of Doctor Parnassus
Das Kabinett des Dr. Parnassus Poster
Nicht mehr im Kino.
Userwertung (1)
  1. Ø 5
Kritikerwertung (2)
  1. Ø 4.3

Filmhandlung und Hintergrund

Das Kabinett des Dr. Parnassus: Überbordende Fantasy-Extravaganz von Terry Gilliam über einen unsterblichen Mann, der sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat, ihm nun aber ein Schnippchen schlagen will. Letzter Film mit Heath Ledger, der während des Drehs verstarb.

Doctor Parnassus, mehrere tausend Jahre alt, bereist die Welt mit seinem Imaginarium, um den Menschen ihre Träume und Fantasien vorführen zu können. Doch Parnassus trägt ein dunkles Geheimnis in sich: Seine Unsterblichkeit verdankt er einem Pakt mit dem Teufel, Mr. Nick. Später überredet ein verliebter Parnassus den Teufel, den Handel umzuwandeln: Jetzt will er wieder jung sein, um seine Liebe gewinnen zu können. Dafür verspricht er, dass sein Erstgeborenes an seinem 16. Geburtstag in den Besitz von Mr. Nick übergeht. Als er anreist, um Parnassus’ Tochter Valentina einzufordern, lässt er sich auf einen weiteren Pakt ein.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • Uh, ja, die Story ist kompliziert; Märchen- und Sagenstoffe von Unsterblichkeit und Teufelsbünden vermischen sich mit einer Vater-Tochter-Missbeziehung, dazu kommt ein junger Drifter mit zweifelhafter Vergangenheit, der ewige Kampf zwischen Gut und Böse ist zudem noch verbunden mit einem esoterischen Mythos von einer ewigen Geschichte, die das Universum zusammenhält, und all das ist verknüpft mit selbstreflexiven Film-Allegorien und Wunderland-Symbolen wie einen Zauberspiegel, der Reisen ins eigene Ich gestatten, woselbst freilich der Teufel lauert…

    Vollkommen überladen ist der Film, ebenso wie Parnassus’ mehrstöckiges, pferdegezogenes Wandertheatergefährt voll unübersichtlicher innerer Räumlichkeiten, kleinen Kammern, vollgestopften Winkeln, das bei jeder Fahrt um jede Kurve fast zusammenbricht – aber eben nur fast. Schicht auf Schicht an Bedeutungen und Handlungen hat Gilliam übereinandergehäuft. Und macht das was aus? Nein. Es steigert nur die Lust aufs nächste Mal: denn man muss diesen Film mindestens zweimal sehen, und erkennt dann beim zweitenmal nochmals mehr Zusammenhänge.

    Man tut das gerne, denn Terry Gilliam (ohnehin einer der ganz Großen) weiß auch genau, wie er seine Zuschauer packen kann. Nämlich zuvörderst mit seiner visuellen Kraft, die unschlagbar ist. „The Imaginarium of Dr. Parnassus“ enthält Bilder, wie sie noch kein Mensch je zuvor gesehen hat, die man auch nie wieder sehen wird, von diesem oder irgendeinem anderen Künstler. Die Bild-Wunderwelten im Inneren des Imaginariums (also im Inneren der Filmfiguren) sind unglaublich, unbeschreiblich, wunderschön: pure Magie. Und sie sind nicht etwa nur vereinzelt gesetzt, oder immer wieder dieselben: sie sind abgestimmt auf die Figuren, die sie jeweils erfahren – und sie bedeuten Glück, für die Figuren im Film wie für den Zuschauer im Kinosaal.

    Diese Bildwelten bettet Gilliam ein in sein aufeinandergehäuftes Handlungsgeflecht, wo sich Figurenpsychologisches, Mythisches, Philosophisches, Theologisches, Esoterisches, Metaphysisches überlagern – darin ist „The Imaginarium of Dr. Parnassus“ Darren Arronowskys ebenfalls vielschichtig-überladenen Film „The Fountain“ nicht unähnlich – nur dass sich „Imaginarium“ nicht wie „Fountain“ auf eine einfache Formel bringen lässt („der Tod gehört zum Leben dazu“, o.s.ä.).

    Bei Gilliam spielt sich Grundsätzliches zwischen Gut und Böse ebenso ab wie Ambivalentes. Denn Tony will ja nur das Gute und schafft doch das Böse, weil er allzu opportunistisch, allzu selbstbezogen ist, weil er jeder Festlegung aus dem Weg geht; und Parnassus selbst, der seine Tochter beschützen will, lässt ihr andererseits keine freie Wahl im Leben. Ausgerechnet er, der in seinem Imaginarium die Menschen zur einen, großen Entscheidung in ihrem Leben heranführen will…

    Gilliam durchsetzt all das noch zusätzlich mit einem durchgängigen, luftig-leichten Hauch von Komik, und er erzählt ganz locker von Parnassus und Co. Tatsächlich wäre der einzige wirkliche Makel des Films in der reinen Figurenhandlung zu finden, in der Dynamik zwischen Papa Parnassus und Tochter Valentina und Bühnenhelfer Anton und Tony, dem Neuen – das ist die Handlungsebene, aus der andere, „normale“ Filme gemacht werden, die nicht noch tausend weitere Ebenen beinhalten. Dieser Plot wirkt etwas unausgegoren – ironischerweise bei einem Film, der zu einem guten Teil vom Geschichtenerzählen selbst handelt.

    Aber andererseits macht das gar nichts aus. Weil ein wenig Holpern zum Erzählhandwerk dazugehört, und weil das Glück, das der Film bewirkt, ganz woanders steckt, im Visuellen, im Vielschichtigen.

    Vielleicht ist dieses plotdramaturgische Stolpern auch der Tatsache geschuldet, dass Heath Ledger während der Dreharbeiten verstorben ist und sich deshalb manche Nuancen nicht voll entfalten konnten.

    Ledger bietet hier eine große Leistung: er spielt die Ambivalenz, das Uneindeutige, das Unerforschliche. Denn der Zuschauer weiß seinen Tony erst ganz allmählich einzuschätzen: als eine Figur, die gar nicht einzuschätzen ist. Beinahe alle Szenen mit Ledger, die außerhalb der Imaginariumswelten spielen, wurden abgedreht; für die Special-Effects-Arbeiten stand er nicht mehr zur Verfügung. Und der Film wäre beinahe mit ihm gestorben.

    Doch Freunde halfen aus: Nun sind Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell mit von der Partie, sie spielen Tony, wenn er durch den Spiegel ins Wunderland tritt, als Neuinkarnationen bestimmter Aspekte von Tonys Persönlichkeit. Und dieser Trick, eine Figur von vier Darstellern spielen zu lassen, funktioniert wunderbar, als sei der Film nie anders gedacht gewesen. Tatsächlich mussten die Dialoge des Drehbuchs praktisch nicht geändert, nur eine Szene von der wirklichen Welt in eine Imaginariumsphantasie verschoben werden. Das ist das Gute, wenn man einen Zauberspiegel hat. Und einen Regisseur mit unvorstellbarer Vorstellungskraft.

    Fazit: Ein Film, den man nicht vergessen wird.
  • Ein würdiges und wildes Denkmal: Terry Gilliam lässt seinen Star Heath Ledger in seiner allerletzten Rolle glänzen in einer Freakshow, deren Fertigstellung durch den Einsatz von Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell erst möglich wurde.

    Terry Gilliam, Ur-Monty-Python und seit den Achtzigerjahren einer der fantasievollsten Filmemacher mit unverkennbar eigener Vision, ist Gegenwind bei seinen Projekten gewohnt. Bücher lassen sich füllen über seine Kämpfe mit Studios, Budgets und den Gewalten der Natur. “Brazil” wurde vom Studio verhunzt und konnte nur durch Unterstützung der Filmkritik gerettet werden, “Münchhausen” war ein außer Kontrolle geratenes Desaster, “The Man Who Killed Don Quichote” musste nach Verletzung des Hauptdarstellers und verheerenden Unwettern abgesagt werden, “Brothers Grimm” erwies sich als Dauerkampf mit den Weinstein-Brüdern und zehrte so sehr an den Nerven Gilliams, dass er sich mit seinem düstersten und bittersten Film, “Tideland”, von der traumatischen Erfahrung befreien musste.

    “The Imaginarium of Doctor Parnassus” war zunächst als Neuanfang gedacht, ein ganz purer Gilliam-Film mit Elementen aus “Time Bandits”, “Brazil”, “Münchhausen” und “König der Fischer”, einer jener morbiden Freiflüge der Fantasie, voller Romantik und Traummotiven, wie sie außer ihm bestenfalls noch Tim Burton bewerkstelligen kann – und entpuppte sich als sein bislang schlimmster Albtraum, als im Januar 2008 mitten während der Dreharbeiten sein Star Heath Ledger, der für Gilliam bereits in “Brothers Grimm” gespielt hatte, verstarb und das Projekt lange Zeit auf der Kippe stand. Ohne angesichts der Tragödie zynisch klingen zu wollen: Vom Pech verfolgt zu sein, kann sich als Glücksfall erweisen. Je schlimmer die Umstände, desto mehr wird Gilliams Kreativität entfacht. Und hier übertrifft er sich selbst: Unterstützt von Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell, die in der Not eine helfende Hand reichten, konnte der Regisseur seinen Film dank eines verwegenen Handlungskniffs retten: Dreimal steigt die Hauptfigur Tony, der von der fahrenden Truppe des Doctor Parnassus mit einem Strick um den Hals von einer Londoner Brücke hängend gerettet wird und sich aufgrund seiner Gedächtnislücken den Gauklern anschließt, durch einen Spiegel auf der Bühne, jedes Mal taucht er auf der anderen Seite als einer der anderen Schauspieler in einem neuen grotesken Universum auf, das “Alice im Wunderland” alle Ehre bereiten würde. Der Effekt ist verblüffend, die Illusion perfekt, zum einen weil es gelungen ist, Depp, Law und Farrell ungemein ähnlich sehen zu lassen, zum anderen weil offenkundig genug Material mit Ledger gedreht worden war, um die Geschichte in unserer Welt auch tatsächlich funktionieren zu lassen. Nur kleinere Holperer lassen sich konstatieren, doch sie fügen sich insgesamt homogen ins Gesamtbild dieses wilden Films, der sich keine Sekunde um Realität und Logik schert, aber einen mit seinen intensiven Bildern sofort gefangen nimmt.

    Um einen Faustischen Pakt geht es zwischen dem tausendjährigen Parnassus und dem Mr. Nick genannten Teufel, den Tom Waits spielt, als sei er einer seiner torkelnden Songs aus dem “Rain Dogs”-Album, um ewiges Leben und um die Rettung von Parnassus Tochter Valentina, von Supermodel Lily Cole als nahe Verwandte der Figur von Sarah Polley in “Münchhausen” dargestellt: Um sie nicht an ihrem 16. Geburtstag an den spielsüchtigen Nick zu verlieren, muss der Wunderzauberer fünf Seelen gewinnen, die sich auf seine alternative Welt jenseits des Spiegels einlassen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, mit Tony als Joker, und Gilliam gestaltet es als gnadenlos überzeichnete Freakshow, mit gewohnt schrägen Kamerawinkeln und verzerrten Bildern, um dem Zuschauer bisweilen buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzureißen. Egal wie monströs der Film mit seiner Besessenheit mit Verfall, Schmutz und Vergänglichkeit auch ist, er ist immer faszinierend, zum einen wegen dem charismatischen und bisweilen gotterbärmlich aussehenden Ledger, aber auch weil es eine so bittere, wehmütige und beständig verzweifelte Ballade geworden ist, als würde der ewige Don Quichote des Kinos selbst langsam so müde werden, wie es der von Christopher Plummer mit unendlicher Wehmut gespielte Titelheld längst ist. Vielleicht bedarf es ja auch nur eines Deals mit dem Leibhaftigen, um das Imaginarium des Doktor Gilliam noch lange lebendig zu halten. ts.
  • Selbst wenn Heath Ledgers Abschied als Hauptargument aufgetischt wird: “Parnassus” gehört eigentlich seinem Regisseur, der hier so wild am Rad dreht wie schon lange nicht mehr.
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