Filmhandlung und Hintergrund

Quasi-Dokumentarfilm zum wenig beachteten Phänomen der Skateboard-Kultur in der DDR.

Ost-Berlin in den 80er-Jahren: Mit der Skater-Szene bildet sich einmal mehr eine Jugend-Subkultur heraus, die ihr Dasein unter den Argusaugen des DDR-Staates pflegt. Von den ersten, selbst an die Bretter montierten Rollen über den als „Parkur“ genutzten Alexanderplatz bis zum Wiedersehen der Veteranen nach 20 Jahren zeigt die Doku die wichtigsten Stationen der Skateboarder. Das Ehemaligen-Treffen gedenkt einem der Ihren, denn der unter dem Spitznamen „Panik“ bekannte Skater starb in Afghanistan den Soldaten-Tod.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Eigentlich, diese These sei gewagt, ist „This Ain’t California“ gar nicht oder höchstens vordergründig ein Film über das Skateboarden. Sicher, es geht um persönlichen Ausdruck und Freiheitsdrang, es geht um den Rausch der Bewegung, den Mut zur Artistik und sicher auch darum, etwas getan zu haben, das viele andere nicht taten und genügend andere sicher nicht verstanden. Ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter, den Persiel in ein graues eiskaltes Büro steckt und der in seiner verstockten Haltung und Sprache den Duktus der Behörde anscheinend noch immer nicht abgelegt hat, sagt: „Die waren schwer einzuordnen. Sie waren ja keine subversiven Elemente.“

      Nicht immer kann Regisseur Marten Persiel der Versuchung widerstehen, der Selbstmythologisierung der Szene, die im Rückblick ja vielleicht gerne subversiv gewesen wäre, in seiner Inszenierung zu entgehen. Und tatsächlich landet Denis im Gefängnis, kurz bevor die Clique auseinanderbricht. Aber im Prinzip geht es um den Modus der Erinnerung, um das Nostalgische, ja, aber auch um das Brüchige, Unzuverlässige der Rekonstruktion, die jede Dokumentation notwendig durchführen muss, im ihre Geschichte zu erzählen.

      Insofern ist es ein wahrer Kunstgriff, dass Persiel einige ehemalige Protagonisten der Skater-Clique nach Denis‘ Beerdigung , so suggeriert es jedenfalls die Montage, zu einem spontanen Sit-In in einem alten Hinterhof zusammenkommen lässt, wo sie bei Bier und Zigaretten die Vergangenheit heraufbeschwören. Die Menschen machen ihre Erinnerungen lebendig inmitten der graubraunen Wirklichkeit von Rost, Stein und Verfall.

      Es gibt zwar jede Menge Originalaufnahmen auf Super 8, die vieles nachzeichnen von den ersten Geh-, oder besser: Rollversuchen, auf behelfsmäßig zusammengezimmerten Brettern bis hin zum Panorama des Alexanderplatzes, das bunteste Vögel mit wilden Manövern und geschickter Akrobatik beherrschen. Aber über all dem liegen mehrere Stimmen, die sich mal ergänzen, mal widersprechen: Denis‘ bester Kumpel aus Kindertagen und eine Skate-Journalistin aus dem Westen, die sich spontan in der Ostberliner-Clique zuhause fühlte – beide sitzen auch im Heute, im Hinterhof, ums Lagerfeuer – steuern der Großteil der Erzählung bei.

      Und da, wo es keine Bilder vom Damals gibt, hat Sasa Zivkovic animierte Tableaus, kleine Kurzfilme erstellt, die die Aufgabe des Dokumentarischen auf den Punkt bringen: Denn es geht immer um einen Akt der Neuerschaffung, notwendig subjektiv und notwendig trügerisch. Natürlich feiert „This Ain’t California“ mit der großen Emotion, die alle Beteiligten vermitteln, mit seinen faszinierenden Bildern von Sport, Akrobatik, Party und mit dem passend aufdringlichen, fordernden Soundtrack von den Ärzten bis zu Anne Clark eine Jugendbewegung, die bisher noch weitgehend unentdeckt geblieben ist.

      Doch im Wesentlichen legt die mal unterschwellige, mal deutlich spürbare Melancholie dieses Rückblicks nicht Zeugnis ab von der Sehnsucht nach einer besseren Zeit. Sondern von der Schwierigkeit, diese Zeit noch einmal, und sei es nur in Gedanken, zu durchleben. Denis ist tot, Denis, der Paniker, er war Soldat. Wenn wir unsere Freunde nicht mal mehr kennen, wie sicher können wir uns dann über die Vergangenheit sein?

      Fazit: Regisseur Marten Persiel hat für „This Ain’t California“ eine vielstimmige Erzählperspektive gewählt, die nicht nur die Schwierigkeit des Erinnerns, sondern auch die Arbeitsweise des Dokumentaristen klug reflektiert. Doch keine Angst: Fetzige Musik und faszinierende Bilder vom Skaten gibt es trotzdem genügend.
    2. This Ain't California: Quasi-Dokumentarfilm zum wenig beachteten Phänomen der Skateboard-Kultur in der DDR.

      Marten Persiels erster groß angelegter Film über die Jugend-Erinnerungen der Skater zwischen „DDR-Ära“ und „Skater-Rebellen“. Vom Material her kann er dabei auf deren damalige Super-8-Mitschnitte zurückgreifen, die er durch die ein oder andere Animation ergänzen lässt. Zur Abrundung kommt ein schlagkräftiger Soundtrack dazu. Die mit Kalifornien assoziierte Skateboard-Kultur hat ihren Ursprung im Surfen.
    3. „Wertvoll”

        Nico, Tom und Denis waren die besten Freunde in der DDR der 80er Jahre. Eines Tages entdeckten sie das „Rollbrett“ für sich, im Westen bekannt als Skateboard. Bald schon trafen sich am Alexanderplatz jede Menge Skateboarder, die mit ihrem Sport und ihrer Einstellung den klaren Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung demonstrierten. Ein Zeichen für das, was danach kommen sollte. Denis war einer der Anführer. Die Freunde kommen in dieser dokumentarischen Erzählung zusammen und erinnern sich noch einmal. Marten Persiel ist es gelungen eine Geschichte zu erzählem, die den Zuschauer in die jüngste Geschichte Deutschlands vor der Wende noch einmal entführt. Durch Unmengen an Archivmaterial und eine kluge Auswahl an Protagonisten wird die Zeit einer ganzen Generation wieder sicht- und vor allem fühlbar. Der perfekt gewählte Soundtrack mit Hits aus Ost und West unterstützt dies zusätzlich. Ob alte selbstgedrehte Filme, neu inszenierte Stunts oder auch Animationen, immer überträgt sich die lebensbejahende Kraft der Skater auf die Leinwand. Die Spur von Denis verlor sich für die meisten nach der Wende. Doch dieser ihm gewidmete Film lässt seine Zeit und seine Freunde nie vergessen. Mitreißend, mit hohem Tempo und ganz viel Gefühl.

        Jurybegründung:

        Nein, es ist nicht Kalifornien, was wir hier sehen, es ist ein Stück gelebte DDR, wie sie die meisten von uns (im Westen) wohl nicht kennen. Mit rasanten Schnittfolgen steigt der Film in sein Thema ein, begleitet von Musik der 80er Jahre und hier startet er auch. Sein Protagonist, Denis auch genannt Panik, ein begabter junger Sportler, wird von seinem Vater trainiert, soll Schwimmer werden, verweigert sich bei allem Drill und folgt seiner Berufung - Skateboard fahren und ohne Regeln leben. Ihm folgt der Film, zeigt sein Können auf dem Board, schildert die Skater-Bewegung der DDR, die schließlich eingemeindet werden sollte in den Sportlerbetrieb, der im Ausland so erfolgreich war - ließ sich aber nicht fassen, nicht einfangen.

        Der Film baut zusammen mit den Freunden von Denis dessen Leben nach. Dazu bedient er sich strukturierender Elemente, eine durchgängige inszenatorische Idee zeigt das Leben von Denis als Animation, der Film gliedert sich in sieben Kapitel. Als Held der Skater-Szene war Denis der einzige, der es wagte, wirklich gegen den Strom zu schwimmen, er drehte das große Rad. Der Zuschauer erlebt diesen außergewöhnlichen Jungen in vielen Szenen aus privaten Super8-Filmen.

        Dieses private Material prägt auch die Ästhetik des Films, der dadurch wild, rau und auf eine sympathische Art unbearbeitet wirkt. Dazu kommt die Filmmusik, gecoverte Titel der 80er Jahre, die den Bildern zusätzlich einen unwiderstehlichen Charme verleihen. Schlüsselszenen zeigen wie in Prag die erste World Championship der Skateboarder stattfand und die Staatsmacht versuchte, Ost- und Westskater voneinander separiert in getrennten Hotels unterzubringen - aber da war es schon zu spät: die Skater aus Ost-Berlin hatten bereits erlebt, wie es ist, mit anderen Jugendlichen aus der ganzen Welt zusammen zu sein, eine Leidenschaft zu teilen und zu reisen.

        Eine dramaturgische Stärke des Films stellt seine Rahmung dar, in der die Erzählungen von Freunden Etappen aus Denis‘ Leben in all deren Facetten skizzieren. Ihm ist dieser Film gewidmet.

        Der Film versteht sich als Dokumentarfilm, hat manchmal die Anmutung eines fiktionalen Films, verwendet zahlreiches privates Originalmaterial und nimmt es mit dem dokumentarischen Purismus nicht immer zu genau. Trotzdem wirkt er authentisch und überzeugt in seiner Konstruktion und seinem Blick auf die Jugendszene der DDR der 80er. Er spiegelt das Lebensgefühl der Jugend jenseits politischer Statements und offizieller Darstellungen wider. Durch die Kombination unterschiedlicher Filmmaterialien wirkt er mutig, lebendig und innovativ. Die Geschichte der Freunde und ihr Blick auf Denis zeugen von einer ungewöhnlichen Freundschaftsgeschichte, in der sie sich im Laufe der Jahre zwar aus den Augen verloren, aber nun gemeinsam an die wilden Jahre erinnern. All diese Elemente ergeben einen sehenswerten, in seiner Konzeption ungewöhnlich stimmigen Film, der seinem Thema in großartiger Weise gerecht wird.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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