Filmhandlung und Hintergrund

Der Trauerschock nach dem Unfalltod der Mutter konfrontiert eine sich entfremdete Restfamilie mit ihren Lebenslügen - der Beginn einer so schwierigen wie bewegenden Aussöhnung.

Ein Verkehrsunfall hat Andrea Dewenter, die gerade erst als Buchautorin reüssierte, das Leben gekostet. Ihr schockierter Mann Christian sah das Unglück mit an und trauert fassungslos, obwohl beide Affären pflegten und sich schon lange nichts mehr zu sagen hatten. Mit der Heimkehr des erwachsenen Sohnes Lars beginnen für ihn und die pubertierende Tochter Elaine ausgesprochen schwierige Tage, in denen sie die Beerdigung organisieren müssen. Feindseligkeiten, Vorwürfe und Wutausbrüche belasten die entfremdete Restfamilie, die sich kaum ihrer Trauer stellen kann.

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Kritikerrezensionen

    1. Eine Frau im Auto, ein Stoß, ein Ruck, ein vor- und zurückschleudern des Körpers: Der tödliche Unfall von Andrea Dewenter ist ein ästhetisches Todesballett, ein Tanz ihres Leibes, in Zeitlupe umschwebt von Glasscherben und Blumenblüten. Pia Strietmann steigt ein mit einem Ende, um dann aber zurückzuschalten zur Vorgeschichte, in der sie die Familie noch einmal als Ganzes zeigt. Daraus ergibt sich organisch das Erzählen vom Danach, nach dem Unfall der Ehefrau und Mutter.

      Wobei die Dewenters nie ein großes Ganzes waren, jeder lebt für sich im gemeinsamen Haus: Die Tochter, pubertär aufsässig, schottet sich ab, ihr älterer Bruder ist eh schon lang aus dem Haus, der Vater ist meist abwesend, geistig zumindest und oft auch körperlich – er hat seit langem eine Affäre. Die Mutter hat einen Roman geschrieben, über den Ausbruch einer Dame im besten Alter aus Alltagstrott und Normalfamilie – eine Fiktion mit dem Titel „Wechselnd bewölkt“, ein Motto, das über dem Familienleben der Dewenters stehen kann.

      Sehr einfühlsam inszeniert Strietmann in ihrem Debüt eine auseinandergefallene Familie, aus der plötzlich die Mitte weggerissen wurde: Jetzt ist das Gleichgewicht weg, das Gravitationszentrum fehlt, und die Einzelelemente – Vater, Tochter, Sohn – prallen ungebremst aufeinander. Der Vater verschwindet erstmal zu seiner Geliebten, die Tochter lässt nichts an sich ran, hängt mit der besten Freundin rum und kann sich jetzt endlich ein Tattoo stechen lassen, was die Mutter immer verboten hatte; der Sohn kehrt aus der Fremde, wo er als Schauspieler an seiner Karriere arbeitet, in die alte Provinzheimat zurück und muss sich um die Bestattungsformalitäten kümmern – ausgerechnet beim alten Freund, den er lange nicht mehr gesehen hat, den er vergessen wollte, der jetzt das Geschäft des Vaters übernommen hat und mit professionellem Mitgefühl Särge präsentiert und Beerdigungen organisiert.

      Wie soll man umgehen mit dem Tod einer wichtigen Person, wenn sich Trauer gar nicht so richtig einstellen will? Wenn sie sich ausdrückt im Wegducken, Verdrängen, im Garnichtrichtigdazugehören? Davon erzählt „Tage die bleiben“, weniger von der Akzeptanz des Todes als überhaupt ersteinmal von der Kenntnisnahme, von der Überwindung des Ichs, um die Traurigkeit zuzulassen. Und Pia Strietmann inszeniert das als ein Auseinanderdriften, das langsam gestoppt wird, das sich verlangsamt und am Ende die Richtung ändert, zu einem langsamen Aufeinanderzutreiben wird.

      Die Umkehr, der Wendepunkt kommt nicht aus den Hinterbliebenen selbst, sondern aus der Begegnung mit anderen: Elaine, die Tochter, kommt nach frustrierenden Nachbarschaftsbesuchen mit allerlei Beileidsfloskeln bei einem an, der einfach nur Musik auflegt; dessen Sohn sie stets gehänselt hatte, der ihr nun aber plötzlich nahe kommt. Lars, der Sohn, begegnet der Geliebten des Vaters, aus seiner Wut wird so etwas wie Verständnis für die eigene Situation. Und der Vater sieht einen wirklich traurigen Mann: Den Liebhaber seiner Ehefrau, der in jammerndem Elend zusammenbricht. Die Akzeptanz der Tatsachen und der anderen Familienmitglieder erwächst nicht zuletzt aus der Begegnung mit der Mutter, deren Roman nun, als Vermächtnis, neue Bedeutung erhält.

      Strietmanns stimmige Inszenierung führt zu hoher emotionaler Dichte, die sich ergeben kann, wenn man ihre Figuren ernst nimmt; und so gerät auch ein knallrotes, ufoähnliches Sargmodell nicht zum Anlass für einen Gag, sondern zu einem Zündpunkt der Reibereien in der Familie. Nur selten wird die gefühlvoll-anteilnehmende Inszenierung von etwas überzogenen Charakterisierungen durchbrochen: Etwa Merle, Elaines Freundin, mit ihrem seltsamen pubertären Studienprojekt, ob ältere oder jüngere Männer öfter abspritzen können.

      Fazit: Einfühlsames, emotionales Drama um eine Familie, die nicht zusammenpasst, aber zusammenhalten muss.
    2. Tage, die bleiben: Der Trauerschock nach dem Unfalltod der Mutter konfrontiert eine sich entfremdete Restfamilie mit ihren Lebenslügen - der Beginn einer so schwierigen wie bewegenden Aussöhnung.

      Der Trauerschock nach dem Unfalltod der Mutter konfrontiert eine sich entfremdete Restfamilie mit ihren Lebenslügen - der Beginn einer so schwierigen wie bewegenden Aussöhnung.

      Die HFF-Absolventin Pia Strietmann kehrt für ihr Spielfilmdebüt in ihre Heimatstadt Münster zurück, um dort die Tradition des deutschen Problemfilms mit tragikomischen Anwandlungen zu durchkreuzen und eine über weite Strecken unsympathische Familie sich letztlich auf anrührende Weise annähern zu lassen. Mit Max Riemelt („Die Welle“) als Rebell und der Neuentdeckung Mathilde Bundschuh als pubertierende Schwester sind zwei sensible Schauspieler im Fokus, deren Rollen spät zur Identifikation einladen.

      In den Tagen nach dem Tod der Mutter verzweifeln die Hinterbliebenen daran, die Beerdigung zu organisieren, Abschied zu nehmen und zueinander zu finden. Beide Elternteile pflegten Affären und führten eine abgestorbene Ehe, von der ein jeder auf seine Art Reißaus nahm. Die ausgeprägten Feindseligkeiten von drei verpfuschten Charakteren, die daran scheitern, zueinander und zu sich selbst zu finden, bestimmen lange Zeit mit übertriebener Ernsthaftigkeit das Bild. Niemand vermag seine Gefühle zu artikulieren, weshalb sich Gespräche auf stockende Floskeln und verbitterte Vorwürfe beschränken, besonders die des arg unkommunikativ gezeichneten Vaters. Derweil kündigt sich vorerst in Nebenrollen - die sexbesessene Freundin der Schwester und ein linkischer Beerdigungsunternehmer - ein grotesker Humor an, der das Ornament der Hilflosigkeit langsam aufbricht, an der sich die kaputte Restfamilie abarbeitet.

      Dieser fassungslos-deprimierenden Trauerphase samt Wutausbrüchen und weiteren Betroffenheiten folgt ein emotional voll und ganz überzeugender Beginn der Aussöhnung mit sich selbst und den Angehörigen. Das Schräge und Komische dient als nie überstrapaziertes Instrument für den Prozess, seine Unglücksinsel zu verlassen. Hoffnung und Neubeginn erwärmen dieses konfliktreiche Drama, das Tod und Weiterleben kompetent vereint.

      tk.
    3. „Wertvoll”

        In nur einem einzigen Moment zerbricht die Welt der Familie Dewenter, als Andrea, Ehefrau, Mutter und frisch gebackene Schriftstellerin, Opfer eines Verkehrsunfalls wird. Nach ihrem plötzlichen Tod bleiben ihr Mann und ihre zwei Kinder schockiert zurück, völlig überfordert mit der Aufgabe, sich um ihre Beerdigung zu kümmern. Zudem offenbart sich in der Aufarbeitung der Trauer auch immer mehr das fragile Familiengebilde und die Lebenslügen. Alle drei müssen nun neu lernen, zueinander zu finden. Trauer und Neuanfang sind die bestimmenden Themen in diesem berührenden Debütfilm von Pia Strietmann. Jede Figur hat ihr Päckchen zu tragen und der Film lässt sich Zeit, um den einzelnen Charakteren und deren Innenwelt auch ihren Raum zu geben. Das intensive Spiel der Darsteller sowie die exzellente Kameraführung bringen dem Zuschauer die Gefühle fast dokumentarisch nahe. Am Ende steht die Hoffnung auf einen Neubeginn und die Versöhnung. Ein klug inszeniertes Drama über den Tod und das Weiterleben.

        Jurybegründung:

        Der Hauptausschuss konnte sehr wohl den Widerspruch und seine Argumentation gegen das vorliegende Gutachten nachvollziehen. Bei so viel einhelligem Lob drängt sich ein anderes Prädikat förmlich auf.

        Auch hatte der Hauptausschuss selbst mit dem gebrauchten Terminus ?pedantisches Deklinieren zu vieler individueller Schicksale‘ sein begriffliches Problem. Trotzdem kam die Jury des Hauptausschusses in ihrer Bewertung und Abstimmung letztlich zum gleichen Prädikat ?wertvoll‘ - wenn auch aus anderen Gründen und Motiven.

        Vorab jedoch ein Lob für eine bemerkenswerte und talentierte Arbeit. Wir sehen die Besonderheit dieses Films in der Konsequenz, mit der der Unfalltod der Mutter als Vehikel der Offenbarung einer desaströsen Familiensituation erzählt wird. Vorhandene, aber z.T. übertünchte und verdrängte Verletzungen und Brüche drängen jetzt nach außen, bringen die äußere Fassade zum Einsturz und decouvrieren den Schein einer ?heilen Welt‘ als Lüge und Frustration.

        Für die Wirkung des Films erscheint uns wesentlich, dass diese Entblätterung nicht mit moralischem Zeigefinger daherkommt, sondern als Inszenierung einer Wanderung durch einen Reigen absurder Situationen. Die Fallhöhe von der gesellschaftlich so sanktionierten ?Würde des Todes‘ ins Aberwitzige ist beträchtlich. So weit, so logisch, anregend und auch konsequent.

        Und dennoch: Weniger zwingend oder gar filmisch konsequent (vielleicht bis zum bitteren oder gar schlimmstmöglichen Ausgang des alltäglichen Dramas) ist die im letzten Viertel des Films bemühte Reparaturarbeit des Films. Jetzt wird die illusionslose Spiegelung der ?normalen Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit‘ beendet und eifrig eine Läuterung betrieben. Die wiedergefundene Dreiheit der Familie mag als schönes Traumbild in Erinnerung bleiben, aber für die Brisanz des Sujets ist es denn eher ein schmerzendes Trennungszeichen. Auch dafür, dass die anfängliche Courage auf der Strecke blieb. Schade.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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