Filmhandlung und Hintergrund

Volker Schlöndorffs eindringliches Drama über die Anfänge der polnischen Solidarnosc.

An der Leninwerft 1980 müssen die Arbeiter unter katastrophalen, menschenverachtenden Bedingungen schuften. Für Kranführerin Agnieszka Kowalska (Katharina Thalbach) ist das Maß voll, als ein Kollege bei einem fahrlässig verursachten Unfall stirbt. Sie protestiert - und wird entlassen. Aus Solidarität gehen ihre Mitarbeiter unter Leitung von Mateusz (Andrzej Chyra) in den Streik. Die Fabrikleitung setzt auf schweres Geschütz und wiegelt Agnieszkas Sohn Krzystian (Wojciech Solarz) gegen sie auf. Agnieszka lässt sich aber nicht beirren.

Für seine eindringliche Chronik über die Solidarnosc erweitert Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel„) die realen Ereignisse um fiktive. Mit einer passionierten Mutter Courage zeichnet er den Anfang vom Ende des Politregimes in Polen nach.

Kranführerin Agnieszka will die stetigen Gängeleien auf der Leninwerft in Danzig nicht länger hinnehmen und setzt sich engagiert für mehr Gerechtigkeit am Arbeitsplatz ein. Damit provoziert sie ihre Entlassung. Ihre Kollegen wollen diese Entscheidung nicht auf sich sitzen lassen und stellen ihre Solidarität mit der Kollegin unter Beweis, indem sie in Streik gehen. Die Aktion hat weit reichende Folgen.

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Kritikerrezensionen

    1. Altmeister Volker Schlöndorff lässt beim Betrachten von „Strajk – Die Heldin von Danzig“ keinen Zweifel aufkommen, wie sehr ihm sein Thema am Herzen liegt. Und dass er ihm ein Denkmal auch im Sinne der deutsch-polnischen Freundschaft, ja der europäischen Identitätsbildung setzen will. Nicht umsonst zieht seine Hauptdarstellerin Katharina Thalbach in der Schlussszene 25 Jahre nach den Ereignissen fast neckisch die Bilanz: „Die Mauer war gefallen, und Polen gehört nun zu Europa“. Es darf bezweifelt werden, ob die reale polnische Werftarbeiterin den Mauerfall in einen solchen Kontext einreihen würde.

      Und damit ist man mittendrin in den schleichenden Problemen des Films: Sein in ehrenwerter, auch sozialistischer Tradition stehender Gedanke der Völkerfreundschaft existiert, wegen anderer historischer Ereignisse, zwischen Polen und Deutschland eben noch nicht so ideal. Solidarnosc ist zudem Ausdruck einer patriotischen Identitätsfindung gewesen, die sich entscheidend aus dem katholischen Glauben und der Wahl eines Polen zum Papst speiste. Schlöndorffs Film verschweigt das nicht – auch Agnieszka betet und sieht sich auf fast magische Weise durch den Papst in ihrem Kampf bestätigt - , aber man kommt kaum umhin, in den Szenen mit Katharina Thalbach etwas bang an die Gefühle polnischer Zuschauer zu denken.

      Zumal für dieses Publikum der filmische Parforceritt durch die 20 Vorläuferjahre der Solidarnosc zu oberflächlich sein dürfte. Für Westler hingegen mag die Zusammenfassung durchaus sinnvoll sein, wie die Erhöhung der Fleischpreise, die unbezahlten Überstunden, die die Partei forderte, die sich drastisch verschlechternden Lebensbedingungen den Glauben der Menschen an den real existierenden Sozialismus radikal aushöhlten.

      Am Werdegang der Vorzeigearbeiterin Agnieszka hält Schlöndorff exemplarisch fest, dass es bis in die siebziger Jahre hinein in den Ländern des Ostblocks einen solchen Glauben durchaus gab. Doch dann erlebt Agnieszka, wie die Partei ihre Macht usurpiert, die Menschen nicht mehr ernstnimmt: Die Mittagspause soll zum Beispiel nicht länger als eine halbe Stunde dauern, aber dafür ist der Weg auf der Werft zur Kantine zu lang.

      Eine Unglück stuft die Werksleitung als menschliches Versagen ein und verweigert den Hinterbliebenen eine Entschädigung. Agnieszka wird beim Gewerkschaftsfunktionär vorstellig, der auch der Vater ihres Sohnes ist. Die Parteifunktionäre würden sie nur allzu gerne loswerden, doch fürchten sie ihr Ansehen bei den Arbeitern. Lech Walesa kommt auch vor, dargestellt von Andrzej Chyra. Über weite Strecken steht die Knochenarbeit auf der Werft wie in einem Industriefilm im Mittelpunkt, wirkt fast wie ein sozialistisches Denkmal für die Arbeiterklasse. Stahl, Schweiß und Tränen, Kälte und Entbehrung – und dazwischen diese tapfere Frau, die erst von ihrem Sohn richtig lesen lernt.

      Katharina Thalbach kommt auch aus dem Osten, doch spielt sie die Agnieszka mit einer provozierenden Demutshaltung, mit einer Piepsstimme, mit einer sich selbst entschuldigenden Naivität, die um Sympathie beim geneigten Zuschauer heischt: Seht, ich bin ja nur eine sehr kleine, arme Frau! Sozialistische Arbeiterinnen hat man sich irgendwie anders vorgestellt. Eine Frau aus Fleisch und Blut hätte wohl auch ein wenig subversiven Humor besessen, ihrer zum Kitsch geronnenen Stilisierung durch Katharina Thalbach bleibt so viel Lebendigkeit verwehrt.

      Fazit: Volker Schlöndorff verkitscht in guter Absicht die Entstehung der polnischen Solidarnosc.
    2. Strajk - Die Heldin von Danzig: Volker Schlöndorffs eindringliches Drama über die Anfänge der polnischen Solidarnosc.

      Eine einfache Arbeiterin ist in Volker Schlöndorffs geschichtsträchtigem Drama Auslöser für den historischen Streik auf der Danziger Lenin-Werft und das Herz der Solidarnosc-Bewegung.

      Ein Film über Solidarnosc, ein ur-polnisches Thema, ausgerechnet von einem Deutschen inszeniert? Ein ziemliches Wagnis, gegen das die üblichen Bedenkenträger gerne wettern. Aber Volker Schlöndorff schafft es, sich weniger mit Geschichte zu befassen als mit Menschen, die Geschichte machen. Im Vordergrund steht nicht Gewerkschaftsführer und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, sondern eine unbekannte Frau, die Initiatorin und Drehbuchschreiberin Silke Rene Meyer „in einer Fußnote“ entdeckte. Als „Frau auf dem Lautsprecherwagen“ wurde sie 1980 vom SPIEGEL betitelt, es war Anna Walentynowicz, eine tapfere Mutter Courage, die am Rad der politischen Entwicklung drehte, eine stille Heldin, eindringlich dargestellt von Katharina Thalbach . Mit ihren 1,56 m fiel die Vorzeigearbeiterin und Heldin der Arbeit, die den Plan zu 270 Prozent (über)erfüllte, nicht gerade auf. Sie lebte bescheiden, zog ihren Sohn allein groß. Auffallend ihr Gerechtigkeitssinn. Der brachte die Kranführerin dazu, die Werksleitung herauszufordern und sich gegen die Vertuschung eines Unfalls zu wehren, der 21 Todesopfer forderte, ein Engagement, für das sie mit ihrer Entlassung aus der Werft zahlt. Auch wenn Schlöndorff mit der Widerständlerin und gläubigen Katholikin keine lebende Person imitiert, sondern eine Kunstfigur kreiert und auch der Darsteller Andrzej Chyra keine Kopie von Lech Walesa ist, geht er die in Polen immer noch als brisant geltenden Ereignisse von 1960 bis 1980 in dieser Mischung aus Dokumentarischem und Fiktionalem sehr realistisch an. Bei der Verfilmung stützt er sich auf biografische Einzelheiten und Original-Materialien, Videoaufnahmen der Solidarnosc-Geschichte, auf Informationen von Unterzeichnern des Danziger Abkommens, Zeitzeugen. Die deutsch-polnische Koproduktion setzt dieser Frau und all denjenigen ein Denkmal, die 1980 auf die Straße gingen und nicht nur materielle Verbesserungen erkämpften, sondern auch ideelle wie das Streikrecht, das Recht zur Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft und das Recht auf Meinungsfreiheit. mk.
    3. „Wertvoll”

        Geschichte, anschaulich gemacht. Volker Schlöndorff ist und bleibt ein Filmregisseur, dessen Auge stets auch politischen Entwicklungen gilt und dessen Interessen sich von Landesgrenzen nicht einzäunen lassen. Schon „Der junge Törless“ (1965) zum Beispiel spielte im österreichischen Ungarn, „Der Fangschuss“ im Baltikum, „Die Stille vor dem Schuss“ überbrückte Ost- und Westdeutschland. „Strajk“ ist nach „Blechtrommel“ und „Unhold“ schon sein dritter Film in Polen.

        Souverän, mit großem Atem, voller lebensklugem Humor und mit einer klaren Haltung für Gerechtigkeit erzählt Volker Schlöndorff eine „Ballade nach historischen Ereignissen“, die Entstehung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc - aus der Perspektive einer Frau, der Kranführerin Agnieszka. Das ist privat und das ist politisch, in schönster dialektischer Verschränkung.

        Dokumentarisches und Fiktionales mischt sich in „Strajk“. Volker Schlöndorff, Produzent Jürgen Haase und die Drehbuchautoren Sylke Rene Meyer und Andreas Pflüger haben einen wahrhaft archimedischen Punkt gefunden: eine Geschichte, die Geschichte anschaulich und verständlich macht. Auf der Lenin-Werft in Danzig wuchs von den 60er bis zu den 80er Jahren jener Geist, der wesentlich mit dazu beitrug, dass Deutschland heute wiedervereinigt und der Kalte Krieg zu Ende ist. Polen war der Vorreiter für Freiheit und Demokratie im damals so genannten Ostblock.

        Schon die Titelsequenz lässt die cinematographische Kraft dieses Films spüren, die dynamische Musik Jean Michel Jarres gibt dabei, wie öfter noch im Film, den Puls der Filmerzählung vor. Eng am Boden folgt die Kamera einer Linie, metallisch hämmert es auf der Tonspur, der „Boden“ ist eine gigantische Stahlfläche und die Kamera kommt zur Ruhe bei einer vermummten Gestalt, die den Schutzhelm abnimmt. Es ist eine Frau, es ist die Protagonistin des Films, die sorgsam ihre Schweißnaht zieht, obwohl schon Feierabend ist.

        Katharina Thalbach verkörpert die „Heldin von Danzig“, zeigt sie eindringlich als ganz und gar normale Frau stur und starrköpfig, aufrecht und nicht korrumpierbar, aber auch überfordert und schwach. Grandios muss man diese darstellerische Leistung einer couragierten Mutter nennen. Fast 30 Jahre nach der „Blechtrommel“ ist also Katharina Thalbach wieder in Danzig angekommen, schenkt dem bewegenden Film ihr Herz.

        Exzellent ist das Zusammenspiel der deutschen und polnischen Schauspieler. Es scheint, in jedem von ihnen brennt das Feuer, diese Geschichte hier und heute, im zusammenwachsenden Eurpa, zu erzählen. Auch Ausstattung und Kamera tragen zum historischen Flair bei, gedreht wurde auf der Danziger Lenin-Werft.

        Es bereitet Vergnügen, dem Kinoerzähler Schlöndorff zuzuschauen, wie er Tempo und Stil wechselt, Timing für groteske und für seelentiefe Momente beweist. Unzeitgemäß im besten Sinne ist seine Inszenierung, den Klassikern des polnischen Kinos und den Filmen Andrzej Wajda verpflichtet, dabei zugleich modern und eigenständig.

        „Strajk - Die Heldin von Danzig“ wird so zu einer höchst unterhaltsamen filmischen Geschichtsstunde, fürs Kino geeignet - und auch für all die jungen Menschen, die den Freiheitskampf Osteuropas nur aus den Geschichtsbüchern kennen.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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