Staudamm

  1. Ø 0
   2013
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Staudamm Poster
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Filmhandlung und Hintergrund

Staudamm: Drama um die Folgen eines Schul-Amoklaufs, geschildert aus der Sicht eines vor Ort recherchierenden jungen Anwalts.

Der an seinem Leben und anderen Menschen reichlich desinteressierte Roman jobbt für einen Staatsanwalt, dem er polizeiliche Unterlagen als Audiodatei einliest. Sein aktueller Wochenendauftrag betrifft einen Schulamoklauf im Allgäu, bei dem ein Schüler 17 Menschen erschossen hat. Noch fehlende Akten muss der Münchner direkt aus der Ortschaft in den bayerischen Bergen abholen, wo er einige Tage mit Warten verbringt und die Schülerin Laura kennenlernt, die das Massaker überlebte. Beide freunden sich an, wodurch Roman erschreckende Details über die Tat erfährt.

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Kritikerrezensionen

  • Für seinen zweiten Spielfilm "Staudamm" zum Thema "Amoklauf an Schulen" wählte Thomas Sieben ("Distanz") einen unterschiedlichen Ansatz als seine Vorgänger. Wo Uwe Boll im ambitionierten, aber teils klischeehaften "Heart of America", Gus van Saint im dichten "Elephant" oder Denis Villeneuve im stilisierten, puzzleartigen "Polytechnique" Vorbereitung und Tat selbst in den Mittelpunkt stellten, interessiert sich Sieben für die Nachwirkungen des schrecklichen Geschehens sowie die Reaktionen von Medien und Gesellschaft. Zu den Vorbildern des jungen Filmemacher zählt Atom Egoyans "The Sweet Hereafter" über die Traumatisierung der Bevölkerung nach einem furchtbaren Unfall.

    Lediglich durch die Aussagen der Überlebenden und die Fakten in den Prozessakten werden die blutigen Vorgänge ansatzweise rekonstruiert. Häufig kontrastiert die Inszenierung die schockierenden Statements aus dem Off mit der Schönheit und Stille der bayrischen Landschaft. Zugleich wirkt das Provinzdorf häufig wie ausgestorben und verwaist, als liege die Schockstarre noch immer über dem Ort. Stärker noch konzentrieren sich Sieben und sein Co-Autor Christian Lyra aber auf den untilgbaren Stachel im Leben der Menschen, die mit dem Amoklauf konfrontiert wurden. Schon in "Distanz" beschäftigten sich beide mit den Ursachen von Gewalt. Am Ende von "Staudamm" verorten sie im Tagebuch des Täters dessen Motive, wofür Textcollagen realer Amokläufer verwendet wurden. Letztlich handelt es sich aber keineswegs um eine spontane Tat, sondern um einen lange vorbereiten Massenmord.

    Der ruhig inszenierte Film eignet sich ganz die Sicht des Protagonisten an, der streckenweise recht unsensibel mit bestimmten Situationen umgeht. Während er zu Beginn seine Freundin etwas ruppig abserviert, stößt der junge Mann später seine neue Bekannte Laura unfreiwillig vor den Kopf, als sie ihn ertappt, wie er am Tatort die Position des Attentäters übernimmt. Zwischen langsamer Annäherung und abrupter Distanz verfolgt Thomas Sieben die Resozialisierung der beiden unterschiedlichen Charaktere, denen es letztlich gelingt, sich gegenseitig aus ihrer Lethargie zu befreien.

    Allerdings kommt Siebens eindringlicher Blick auf Schmerz und Fassungslosigkeit der Überlebenden nicht völlig ohne Schwächen aus. Die Attacken auf Romans Recherchen verbreiten eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, verlaufen jedoch letztlich im Sande. Lauras erste Kontaktaufnahme zu dem Fremden aus München wirkt ebenso konstruiert wie die fehlende Unterschrift als Ursache für Romans erzwungenen Aufenthalt in der Provinz. Dass die stille Geschichte trotzdem funktioniert, liegt zugleich am zurückgenommenen Spiel der beiden Hauptdarsteller Friedrich Mücke ("Tatort Erfurt") und Liv Lisa Fries ("Und morgen Mittag bin ich tot"), die den Film letztlich tragen.

    Fazit: "Staudamm" vermag mit einer ruhigen Inszenierung, den intensiven Leistungen der Hauptdarsteller sowie einer Konzentration auf die Psyche von Täter und Überlebenden den Stereotypen eines Amokläuferfilms zu entgehen.
  • Sensible Annäherung an einen Amoklauf: Eine heilsame und lange nachwirkende Begegnung mit dem Grauen.

    Wie man ganz ohne Betroffenheit und simple Erklärungsmuster die seelischen Verletzungen nach einem Schulamoklauf mit 17 Toten offenlegt und sanft kuriert, haben Thomas Sieben („Distanz“) und Produzent wie Ko-Autor Christian Lyra („Jasmin“) mit einem unkonventionellen, in nüchterner Stille sich ein großes Maß an Empathie erarbeitenden Ansatz vollbracht. Was als Kammerspiel beginnt, weitet sich aus zum Zwei-Personenstück vor herbstlichem Alpenpanorama während eines Wintereinbruchs; anspruchsvolles Kopfkino, das durch Einfühlsamkeit und eine zarte Romanze berührt.

    Die findet zwischen Roman (Friedrich Mücke aus „Friendship!“ und einigen „Tatort“-Folgen) und Laura (Liv Lisa Fries aus „Die Welle“ – beeindruckt wieder einmal) statt. Der Münchner, der für einen Staatsanwalt (Dominic Raacke) jobbt, indem er polizeiliche Unterlagen für ihn einspricht, muss für den aktuellen Fall, einen Amoklauf an einem Allgäuer Gymnasium, fehlende Akten von den örtlichen Behörden abholen. Als er dafür in die bayerischen Berge fährt, vertröstet man ihn dort Tag um Tag, wodurch der an seinem Leben und anderen Menschen bislang desinteressierte Mittzwanziger die Schülerin Laura kennenlernt, die das Massaker überlebt hat.

    Über Bande nähert sich Sieben einer unfassbaren Tat an, zunächst durch einzelne sachlich-nüchterne Berichte, die Roman einliest, wobei er auch auf jene über Laura stößt. Durch die unbedachte Perspektive eines Fremden schleicht sich das Grauen an, zeigt eine traumatisierte junge Frau, die sich nach Normalität sehnt und als Bewältigungsstrategie das leer stehenden Schulgebäude immer wieder fotografiert. Ihre Schädigung registriert Sieben sensibel, beide Figuren heilen sich gegenseitig, ganz ohne Psychologisierungen und Didaktik. Dieser Verzicht auf Dramatisierung wirkt durch seine subtile Art ungemein intensiv, handelt von äußerlicher Harmlosigkeit, die etwas unbegreiflich Grausames verdeckt. Dorf und Tatort, Winnenden und Erfurt ähnlich, schlummern in friedlicher Unschuld. Aber wenn Laura Roman das (auf Aufzeichnungen aus Columbine beruhende) Manifest des nicht sonderlich als Außenseiter verschrienen Täters gibt, wo er mit Menschheit und Gesellschaft abrechnet, bringt einen die Banalität des Bösen ins Wanken. Eine intellektuelle Studie, die Emotionen weckt und als Diskussionsgrundlage hervorragt. tk.

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