Filmhandlung und Hintergrund

Das ausgezeichnet gespielte Drama über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist spannend wie ein Krimi und stellt sich mutig gegen den Zeitgeist. Der dramaturgische Kniff, einen Fernsehfilm mit einem Cliffhanger zu beginnen und die Vorgeschichte anschließend in langer Rückblende nachzutragen, wird derzeit geradezu inflationär verwendet. Bei „Meine fremde Freundin“ dient die Methode jedoch nicht der billigen Spannungsverstärkung...

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Kritikerrezensionen

  • Das ausgezeichnet gespielte Drama über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist spannend wie ein Krimi und stellt sich mutig gegen den Zeitgeist.

    Der dramaturgische Kniff, einen Fernsehfilm mit einem Cliffhanger zu beginnen und die Vorgeschichte anschließend in langer Rückblende nachzutragen, wird derzeit geradezu inflationär verwendet. Bei „Meine fremde Freundin“ dient die Methode jedoch nicht der billigen Spannungsverstärkung. Der Einstieg setzt ein Vorzeichen, das die nun folgenden Ereignisse in ganz anderem Licht erscheinen lässt: „Sagen Sie endlich die Wahrheit!“, herrscht ein Mann eine Frau an. Dann reicht der Film nach, wie sich die beiden kennen gelernt haben: Judith Lorenz (Ursula Strauss) erscheint zu ihrem ersten Arbeitstag im Gesundheitsamt von Hannover. Die Kolleginnen und Kollegen nehmen sie freundlich auf, aber einer treibt die Begrüßung entschieden zu weit: Der ohnehin wenig sympathische Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) macht eine anzügliche Bemerkung, der er später offenbar auch eine Tat folgen lässt. Jedenfalls berichtet die völlig aufgelöste Judith ihrer Kollegin Andrea (Valerie Niehaus), er habe sie im Aktenraum vergewaltigt. Die rät ihr, zur Polizei zu gehen, es kommt zum Prozess, Lehmann muss für fünf Jahre ins Gefängnis. Reue zeigt er nicht, im Gegenteil, wie die im Prolog vorweggenommene spätere Begegnung von Täter und Opfer verdeutlicht.

    Ohne diese Einführung gäbe es nicht den Schatten eines Zweifels. Allerdings spart Regisseur Stefan Krohmer die Tat aus; die entsprechende Szene endet damit, dass Lehmann die neue Kollegin bedrängt. Hauptfigur ist ohnehin Andrea, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Auch hier sorgt das Buch geschickt für Voreingenommenheit: Sie mag Lehmann nicht, weshalb der Kollege von vornherein stigmatisiert ist. Dass die männliche Figur etwas überzeichnet ist, soll vermutlich die Fallhöhe vergrößern; im Gefängnis wirkt Lehmann regelrecht gebrochen. Valerie Niehaus wiederum verkörpert Andrea als exakt jenen Menschen, den Judith in ihrer Not braucht: ohne Vorbehalte und voller Solidarität. Die schwierigste Rolle des Trios hat allerdings Ursula Strauss. Während Jaenicke etwaige Anflüge von Empathie für Lehmann konsequent im Keim erstickt, ist Judith eine differenzierte Figur. Was ihr widerfahren ist, weckt Mitgefühl, zumal sie das Unglück geradezu magisch anzuziehen scheint; andererseits zeigt sie immer wieder Verhaltensweisen, die zumindest irritieren.

    Auch wenn der Fall noch mal aufgerollt wird: „Meine fremde Freundin“ ist kein Krimi. Die große Spannung, die Krohmer erzielt, ist anderer Natur; sie resultiert nicht aus der Inszenierung der Ereignisse, die ohnehin überwiegend im Dialog vermittelt werden, sondern aus den Entwicklungen, die die Figuren durchmachen. Krohmer, ein Spezialist für Zwischentöne, hat seine Inszenierung gerade im ersten Akt dem Prinzip des Thrillers nachempfunden: Die Bilder zeigen ganz normale Büroszenen, aber dahinter lauert eine Atmosphäre der permanenten Bedrohung. Ein mutiger Film, der sicher nicht ohne Widerspruch bleiben wird. tpg.

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