Filmhandlung und Hintergrund

Sensibles Porträt des umstrittenen, aber wegweisenden Sexualforschers Alfred C. Kinsey.

Aufgewachsen in der beklemmenden Obhut eines bigotten Predigervaters (John Lithgow), macht Zoologe Alfred Kinsey (Liam Neeson) von der biologischen Fakultät in Indiana in den späten 40ern spätestens während der Hochzeitsnacht die Entdeckung, dass es mit der amerikanischen Sexualaufklärung nicht zum besten steht. Gemeinsam mit ein paar interessierten Kollegen, ermutigt von seiner freizügigen Frau (Laura Linney) und ausgestattet mit dem Segen des Dekans (Oliver Platt) macht er sich auf, in tausenden von Interviews alles Wissenswerte über die moderne Libido zusammenzutragen. Amerikas Konservative sind nicht begeistert.

Und das nicht nur gestern. Bill Condons durchaus zurückgenommenes, von überragenden Darstellerleistungen getragenes Portrait des amerikanischen Sexualrevolutionärs und Propagandisten der freien Liebe erregte die Gemüter in Bush-Country kaum weniger als Nipplegate.

Als Kind leidet Alfred C. Kinsey unter seinem bigotten, freudlosen Vater. Als Erwachsener befreit er sich, entdeckt als akademische Koryphäe in Insektenkunde ein neues Forschungsgebiet und wird mit einer Studie zum sexuellen Verhalten des Mannes weltberühmt. Doch dann erhebt sich das konservative Lager gegen ihn, muss er sein Plädoyer für die freie Liebe mit Beziehungschaos und Ehekrise bezahlen.

Probleme beim ersten Geschlechtsverkehr führen die Kinseys zum Arzt, der ihnen erklärt, dass solche Schwierigkeiten nicht ungewöhnlich seien - nur würde darüber nicht laut geredet. Kinsey kommt ins Grübeln, bietet fortan Eheberatungskurse an und entwickelt einen dicken Interviewkatalog, um Informationen über das Beischlafverhalten der Amerikaner zu sammeln. Finanziert von der Rockefeller-Stiftung, bereist der Wissenschaftler die USA, stellt 18.000 Akten über sexuelle Verhaltensweisen zusammen, die schließlich in Buchform erscheinen.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Der Film erzählt Auszüge aus dem Leben des Sexualwissenschaftlers Dr. Alfred Kinsey. Dabei reiht er eine Anzahl langer Rückblenden aneinander, die den Zuschauer zunächst mit der Kindheit Kinseys, dann mit der Zeit seiner Heirat und zuletzt mit seiner Leidenschaft für die wissenschaftliche Sexual-Aufklärung vertraut macht. Die leicht angegilbten Leinwandbilder stehen in diesem Zusammenhang nicht nur für eine vergangene Zeit, sondern auch für alte Moralvorstellungen und darauf aufgebaute Lehrmeinungen.

      Geradezu tragikomisch wirken die Menschen, wenn sie sich diese Lehrmeinungen einzubläuen versuchen, ohne jedoch ihre natürlichen Triebe abstellen zu können. Der Verlust von 30 ml Samenflüssigkeit gleiche dem Verlust von 1 Liter Blut oder Oralsex führe bei Frauen zu Unfruchtbarkeit. Allein der Gedanke an derlei Hirnrissigkeiten lässt die Zuschauer mit den Köpfen schütteln.

      Und dennoch. Leben wir heute wirklich in einer aufgeklärteren Zeit als die Menschen in diesem Film? Die Tatsache, dass es bei Erscheinen des Films in den USA aufgebrachte Stimmen gab, welche die Diskussion über Kinsey als Person und Sex als Wissenschaft verteufelten, beweist doch, dass Kinsey seiner Zeit mehr als voraus war.

      Glaubt man dem Inhalt des Films, dann war es sein Ziel, Missverständnisse wissenschaftlich zu widerlegen und die Wahrheit über tatsächliche sexuelle Begebenheiten ans Licht zu bringen. So stellte er nach seinen Masseninterviews für sein Buch „Das sexuelle Verhalten des Mannes“ fest, dass etwa die Hälfte aller Männer Affären hat, ganze 37 Prozent homosexuelle Erfahrungen gemacht haben und 92 Prozent masturbieren. Bei diesen Zahlen stellt sich zwangsläufig die Frage, ob so viel versammelte Sünde überhaupt noch als Sünde bezeichnet werden kann.

      In seiner geradezu fanatisch verkündeten eigenen Meinung ähnelt er stark seinem Vater. Dieser, geradezu ein Moralapostel, predigt sogar gegen Reißverschlüsse und Telefone, da sie seiner Ansicht nach die sexuellen Triebe der Menschen anheizen. Ebenso extrem wie sein Vater eine eigene Sexualität verleugnet, lebt Kinsey sie aus.

      Die offene Sexualität erprobt er in seiner eigenen kleinen Gesellschaft, bestehend aus Mitarbeitern und Ehefrauen, was nicht nur zu Partnertäuschen führt, sondern auch zu Eifersucht und Ehekrach. Diese Szenen wirken manchmal geradezu absurd-komisch, zeigen jedoch deutlich das größte Problem, dem sich Kinsey stellen muss.

      Er bleibt in seinen Untersuchungen auf physische Aktionen beschränkt, denn alles andere wäre nicht mit wissenschaftlichen Methoden messbar, würde also jeglicher Beweiskraft entbehren und seine Glaubwürdigkeit gefährden. Damit läuft er allerdings auch Gefahr, die Gefühle gänzlich außer Acht zu lassen und die Menschen vor den Kopf zu stoßen.

      Doch auch aufgrund dieses Beiseiteschiebens der Gefühle gleitet der Film nie in Schlüpfrigkeiten ab. Was unter anderem auch dazu führt, dass seine Affäre mit seinem Assistenten nicht wie ein leidenschaftlicher Seitensprung, sondern vielmehr wie ein wissenschaftliches Experiment erscheint.

      Doch sexuelle Offenheit kann auch störend wirken, wenn sie zu exzessiv betrieben wird. Kinsey setzt sich nicht nur über moralische Bedenken hinweg, auch gesellschaftlichen Zwängen will er sich widersetzen. Dabei steht aber plötzlich die Frage im Raum, ob es diese Zwänge nicht auch deshalb gibt, um zu verhindern, sich gegenseitig zu verletzen. Eine Antwort auf diese Frage wurde bis heute nicht gefunden.

      Die Männer der Gesellschaft wollen nicht hören, dass ihre Großmütter masturbieren und ihre Töchter mit Frauen schlafen. Und das scheint sich so grundlegend bis heute nicht geändert zu haben. Warum sonst wird der zweite Kinsey-Report über das sexuelle Verhalten der Frauen nur so wenig beleuchtet? Geradezu wie ein Alibi wirkt es da, wenn gegen Ende des Films eine Frau ihre intime Lebensbeichte ablegt und erklärt, erst Kinseys Arbeit habe sie glücklich machen können, da sie nun zu ihrer lesbischen Liebe stehen kann.

      Im Mittelpunkt des Films steht aber nur teilweise die revolutionäre Arbeit des berühmten Sexualforschers. Wichtig ist vor allem auch die Darstellung des Menschen Alfred Kinsey. Liam Neeson nimmt sich dieser Rolle mit großem Talent an. Ist er zunächst der schüchterne und unerfahrene Gallwespensammler, wird aus ihm bald der leidenschaftlich entbrannte, neugierige Wissenschaftler. Ein Ende findet die Verwandlung in der Darstellung des von Barbituraten abhängigen und ausgebrannten alten Mannes, der keine finanzielle Unterstützung mehr findet und am Ende seiner wissenschaftlichen Karriere angelangt ist.

      „Kinsey“ ist ein solides Biopic über einen Mann, der zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens etwas zu sagen hatte. Und ganz nebenbei beglückt der Film seine Zuschauer mit einer schönen Moral: Liebt euch und seid glücklich, egal wie. Hauptsache niemand wird zu irgendetwas gezwungen und niemand wird verletzt. Klingt doch nett.

      Fazit: Solides und stellenweise sehr unterhaltsames Biopic über einen revolutionären Sexualwissenschaftler
    2. Kinsey: Sensibles Porträt des umstrittenen, aber wegweisenden Sexualforschers Alfred C. Kinsey.

      Obwohl oder vielleicht gerade weil „Das sexuelle Verhalten des Mannes“ sich häufig auf eine Minutenaffäre reduziert, war es Alfred C. Kinsey die gleichnamige Marathon-Studie wert. Sie und vor allem der Pionier, der sie im repressiven Klima der Vierzigerjahre veröffentlichte, stehen im Mittelpunkt eines Films, der sensibel und mutig den Weg eines nicht unumstrittenen Wissenschaftlers nachzeichnet. Kinsey öffnete Amerika und dem verklemmten Rest der Welt die Augen, war Wegbereiter der sexuellen Revolution und bietet auch im neuen Jahrtausend Reizthemen genug, um nach dem Kinobesuch zu diskutieren, ob seit Kinseys Studie wirklich über 50 Jahre vergangen sind oder die Zeit in mancher Hinsicht stehen geblieben ist.

      Obwohl der neue Film von Bill Condon wie sein Vorgänger „Gods and Monsters“ mit einem kleinen Budget unter dem Event-Radar Hollywoods blieb, erregte er bereits Aufmerksamkeit, wurde für drei Golden Globes nominiert, darunter auch als Bestes Drama. Ebenfalls vorgeschlagen wurden Liam Neeson und Laura Linney, die als Alfred und Clara Kinsey die Inkompatibilität von Verstand und Gefühl deutlich machen. Das schlägt sich vor allem im Konzept der freien Liebe nieder, das als Befreiung von Zwängen eine theoretische Sehnsucht ist, in der Praxis aber an emotionalen Empfindlichkeiten scheitert. Das gilt für Kinseys Ehe wie auch für die Beziehungen seiner Mitarbeiter. Diese Unvereinbarkeit ist genauso Teil der menschlichen Natur wie das Lustempfinden selbst, formuliert der Film eine seiner Thesen, ist dabei aber nicht akademisch-spröde, sondern zeigt oft auch Humor.

      Kinseys Interviewstrategie, die mit einem ausgefeilten Fragenkatalog sexuelles Verhalten wertfrei durchleuchtete, von den biographischen Hintergründen bis hin zu den Details der Ausübung, integriert Condon in sein Drehbuch. Der Forscher selbst wird Gegenstand der Untersuchung, womit der Zuschauer die prägenden Ereignisse seines Lebens kennen lernt. Die Kindheit unter einem bigotten Vater. Die frühen sexuellen Wünsche, die verdrängt oder bei Auslebung mit Selbstvorwürfen bestraft wurden. Die Abnabelung durch berufliche Neuorientierung. Die akademische Karriere als Zoologe, der spät in der menschlichen Natur ein weitaus bedeutenderes, von der Wissenschaft total vernachlässigtes Forschungsgebiet entdeckte. Die Ehe mit Clara McMillen, eine Affäre mit Mitarbeiter Clyde Martin (Peter Sarsgaard), mit dem später auch seine Frau experimentierte. Das Beziehungschaos im Kinsey-Umfeld, das die freie Liebe anrichtete. Die überraschend positive Reaktion über den ersten Kinsey-Report und der vernichtende konservative Konter, als Kinsey Amerika auch die Frau als sexuelles Wesen mit eigenen Wünschen vorstellt. Das alles ist Gegenstand einer Biographie, die sich nicht frecher gibt, als es die Zeit, in der sie spielt, oder auch die Kontrollinstanz der MPAA erlaubt.

      Mit guten Dialogen sorgt Condon für verbale Eleganz, mit dosiertem Humor für Entspannung, mit Einfallsreichtum für Auswege aus einem beschränkten Budget (ein Highlight: die mit Köpfen übersäte „sprechende“ Landkarte). Die kontroversen Aspekte von Kinseys Untersuchung, die etwa im Dienst der Wissenschaft auch Extremfälle wie Pädophilie einbezog, werden teilweise angesprochen, aber nicht vertieft. Condon geht es um Versöhnung mit einem oft missverstandenem Pionier, nicht um Diskussion seiner wissenschaftlichen Fragwürdigkeiten. Am Ende lässt er in einem „Vertigo“-Zitat (selbst ein Film über eine sexuelle Normabweichung) Kinseys Frau hinter mächtigen Sequoias verschwinden. Die Natur definiert und dominiert den Menschen, nicht umgekehrt. Ein schöneres Bild lässt sich für ein solches Fazit nicht finden. kob.

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