Filmhandlung und Hintergrund

Ein Drama über Karl Marx zur besten Sendezeit: für Arte sicher nicht ungewöhnlich; für das ZDF schon eher. Das Porträt ist zwar im Auftrag der Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft entstanden, und selbstredend spielt das politische Denken des Gesellschaftstheoretikers eine große Rolle, doch der erzählerische Ansatz ist ein anderer. Auf der Suche nach einer Verbindung zwischen dem Leben des vor 200 Jahren...

Darsteller und Crew

Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • Ein Drama über Karl Marx zur besten Sendezeit: für Arte sicher nicht ungewöhnlich; für das ZDF schon eher.

    Das Porträt ist zwar im Auftrag der Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft entstanden, und selbstredend spielt das politische Denken des Gesellschaftstheoretikers eine große Rolle, doch der erzählerische Ansatz ist ein anderer. Auf der Suche nach einer Verbindung zwischen dem Leben des vor 200 Jahren geborenen Marx im 19. Jahrhundert und dem heutigen TV-Publikum hat der Autor und ZDF-Redakteur Peter Hartl eine Schnittmenge gefunden, an die jeder Zuschauer anknüpfen kann: die Familie. Der Film zeigt Marx, den Philosophen und Visionär, der seiner Zeit weit voraus war und auf fast schon prophetische Weise davor gewarnt hat, was ein entfesselter Kapitalismus anrichten würde, aus Sicht seiner Tochter. Ganz neu ist die Idee nicht, große Persönlichkeiten auf diese Weise als Menschen „zum Anfassen“ und mit kleinen Fehlern zu porträtieren, aber Hartl nutzt den Ansatz nicht zum Denkmalsturz: Eleanor (Sarah Hostettler) hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Vermächtnis des Vaters zu pflegen, den sie trotz seiner Widersprüche – „ein egomanischer Sturkopf, der doch die Menschen liebte“ – verehrt.

    Genauso interessant wie der erzählerische Ansatz ist die ästhetische Umsetzung. Christian Twente, der für das ZDF auf ähnliche Weise auch schon Uli Hoeneß porträtiert hat, schildert Leben und Wirken des Philosophen mit vielen Rückblenden, die auf sehr reizvolle Weise gestaltet sind: Grobkörnig, farbentsättigt und mit ihren Bildsprüngen wirken sie wie Fragmente abgenutzter Filmkopien aus den Sechzigerjahren und erinnern auf diese Weise an Ausschnitte aus alten Italo-Western. Es wird kein Zufall sein, dass Twente den Darsteller des jungen Marx (Oliver Posener) entsprechend ausstaffieren ließ. Und doch wäre „Karl Marx – Der deutsche Prophet“ wohl nicht mehr als ein überwiegend aus Spielszenen bestehendes braves Dokudrama mit kurzen Einschüben verschiedener Historiker, die aufs Stichwort biografische oder zeitgeschichtliche Hintergrundinformationen liefern, wenn den Verantwortlichen nicht ein echter Besetzungscoup gelungen wäre. Für große Rollen braucht man große Darsteller, und es gibt hierzulande nicht mehr viele, die auch nur annähernd den Status von Mario Adorf besitzen. Seine Mitwirkung krönt nicht nur diesen Film, sondern auch sein eigenes Lebenswerk. Adorf ist mittlerweile 87, Marx wird vermutlich eine seiner letzten großen Arbeiten sein. Rein biografisch ist er deutlich zu alt für die Rolle – Marx ist 1883 im Alter von knapp 65 Jahren gestorben -, aber Adorf sieht ihm dank einer stundenlangen täglichen Maskenprozedur zum Verwechseln ähnlich.

    Die Biografen und Historiker sprechen naturgemäß überwiegend über Marx‘ Leben, sein Wirken, seine Zeit; und über seine Tochter. Deutlich zu kurz kommt dagegen der Bezug zur Gegenwart. Dabei illustriert der Film diesen Brückenschlag auf überaus anschauliche Weise mit einigen Schnittfolgen, die die Geschichte der Industrialisierung von der Mechanisierung der Webstühle bis zu heutigen vollautomatischen Fertigungsstraßen plakativ zusammenfassen. Gerade angesichts der dokumentarischen Bilder von Protesten gegen das internationale Finanzwesen und die von Marx prognostizierte Globalisierung stellt sich die Frage, warum sich der Film nicht viel stärker mit Marx‘ Werk aus heutiger Sicht auseinandergesetzt hat. Eine fundiertere Debatte über Marx‘ Werk etwa im Hinblick auf den entfesselten Turbokapitalismus oder den Neoliberalismus wäre zwar ein gänzlich anderer Film geworden, aber für die Gegenwart relevanter als die rührenden Familienszenen. tpg.

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