Domino Effekt

  1. Ø 0
   2014
Domino Effekt Poster
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Filmhandlung und Hintergrund

Domino Effekt: Dokumentation über das schwierige Leben in Abchasien, einer Region im Süden des Kaukasus, die sich selber als unabhängig sieht, von den meisten Ländern aber nicht anerkannt wird.

Darsteller und Crew

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    Natascha ist ehemalige Opernsängerin und stammt aus Russland. Dort lernte sie ihren Mann Rafael kennen und ging mit ihm in sein Heimatland Abchasien zurück. Abchasien liegt im Süden des Kaukasus, bezeichnet sich selbst als unabhängigen Staat, wird aber von großen Teilen der Welt nicht als solcher anerkannt. Als Sportminister arbeitet Rafael für die Regierung und organisiert die Domino-Weltmeisterschaften, die zum ersten Mal in Abchasien stattfinden sollen. Doch während Rafael sich stolz für seine Heimat einsetzt, fühlt sich Natascha fremd und unwohl. Sie will zurück nach Russland. Der Dokumentarfilm von Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski begleitet beide Protagonisten, porträtiert dabei aber nicht nur das Schicksal zweier Individuen, sondern zeigt auch das politische und gesellschaftliche Spannungsfeld, in dem sich beide bewegen. Abchasien als Land zwischen Stolz und Unterdrückung ist eine junge Republik, die um Anerkennung ihrer Eigenständigkeit kämpft. Dass Natascha als Russin sich damit nicht identifizieren kann und Rafael hin- und hergerissen ist zwischen seinem Nationalstolz und der Liebe zu seiner Frau, ist immer spürbar, in den Blicken der beiden, den kurzen Unterhaltungen, der stummen Beobachtung der Kamera. Melancholie, Nostalgie, Schwermut und Sehnsucht schwingt in den einzelnen Sequenzen mit und zeigt die schwierige Lage beider. Rosolowski und Niewiera gelingt der Spagat zwischen einer persönlichen und sehr intimen Liebesgeschichte und dem Porträt einer jungen Republik, die darum kämpft, von der Welt anerkannt zu werden. Ein anregender Film, der neue Perspektiven eröffnet und hochaktuelle Probleme anspricht.

    Jurybegründung:

    Der Film erzählt eine Liebesgeschichte in einem Staat, den es nie wirklich gegeben hat: Rafael ist Sportminister der international nicht anerkannten Republik Abchasien. Natascha ist eine russische Opernsängerin, die für Rafael ihren Mann, ihre Tochter und ihre Karriere in Russland aufgegeben hat. Voller Hoffnung und Enthusiasmus ist sie in den Süd-Kaukasus gekommen, wo sich beide ein neues Leben aufbauen wollen. Nun unterrichtet Natascha Gesang in einem zerstörten Kulturhaus und hofft, dass ihr Talent und ihre Leidenschaft für die Musik ihr Türen und Herzen öffnen werden. Unterdessen übernimmt Rafael die Organisation der ersten internationalen Sportveranstaltung der Republik, der Domino-Weltmeisterschaft, mit der er große Hoffnungen für sein Land verbindet. Als Natascha schwanger wird und auch ihre Tochter zu Besuch kommt, scheint das Glück vollkommen. Aber was ein neuer Anfang werden soll, gestaltet sich zunehmend schwierig. Natascha fühlt, dass das Land und seine Menschen ihr verschlossen bleiben und selbst Rafaels Familie sie ablehnt. Sie möchte am liebsten nach Russland zurückkehren, aber Rafael will seinen Traum von einem unabhängigen Abchasien, für den er so lange gekämpft hat, nicht aufgeben.

    Der Film nimmt den Zuschauer mit auf Entdeckungsreise in ein unbekanntes Land. Die Informationen dazu transportiert er auf sehr knappe und zurückhaltende Weise, und der Zuschauer muss sich beim Betrachten selbst Stück für Stück ein Bild der Lage machen. "Der Kaukasus ist so ein Mittelding zwischen Europa und dem Orient", erklärt Rafael seiner Frau Natasha am Strand des Schwarzen Meeres. Im Wasser rottet ein Schiffswrack vor sich hin, hinter der mit Palmen bestandenen Uferstraße liegen zerschossene Gebäude, die von vergangener sozialistischer Pracht und heftigen Kriegshandlungen zeugen. Archivaufnahmen zeigen Rafael Anfang der 1990er Jahre als Panzerkommandanten im Krieg, in dem sich Abchasien von Georgien lossagte. Russland hat Abchasien 2008 anerkannt und unterstützt das Land, aber auch heute ist die wirtschaftliche Situation schwierig. Immer wieder fällt der Strom aus. Mit dem Sportunterricht scheint es nicht weit her zu sein, nimmt man die Leistungen der jungen Männer als Maßstab, die sich um ein Sportstudium bewerben. Die Stimmung im Land erscheint melancholisch resignativ. Nicht die besten Bedingungen für einen Neubeginn.

    Der Fokus des Films liegt eindeutig auf den beiden Protagonisten und den Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld. Er zeigt, welche Hoffnungen und Konflikte sie haben, und sagt damit auch etwas über das Land aus. Es ist das große Verdienst der Filmemacher, diese beiden besonderen Persönlichkeiten gefunden zu haben und ihnen über einen längeren Zeitraum sehr nahe gekommen zu sein. Die Kamera ist sehr dicht bei ihnen und schafft Momente großer Intensität. Die Protagonisten zeigen selbst in kritischen Momenten keine Scheu, werden aber auch nie diskreditiert. Der Film findet einen sehr schönen Rhythmus, der der Stimmung der Geschichte entspricht.

    Allerdings bleiben einige Situationen unklar. Nataschas Konflikt mit Rafaels Familie ist nicht recht nachvollziehbar, und ihr Stimmungsumschwung von großer Euphorie zu anhaltender Niedergeschlagenheit und Nörgelei kommt ziemlich unvermittelt. Sie fühlt sich abgelehnt und von ihrem Mann vernachlässigt, aber ihr Wehklagen wirkt auch auf den Zuschauer zunehmend zermürbend. Man fragt sich, warum die Partner nicht ernsthaft über ihre Probleme reden und auch Interventionen der russischen Freundin oder der Tochter wirkungslos bleiben. Ist es tatsächlich so, dass jeder in seiner Sicht der Dinge gefangen bleibt, oder wird im Film anhand des Paarkonflikts ein kultureller Unterschied zwischen den beiden konstruiert?
    Man stellt sich die Frage nach "Inszenierungen" und "Auslassungen" im Prozess des dokumentarischen Erzählens. Gibt es Szenen, die nicht gedreht oder gezeigt werden konnten, oder steht das Paar, das uns das Land über weite Strecken des Films nahe gebracht hat, letztendlich hinter der Intention zurück, die Stagnation im postsowjetischen Einflussbereich zu zeigen?

    Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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