Der böse Onkel

  1. Ø 0
   2011
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Filmhandlung und Hintergrund

Der böse Onkel: Urs Odermatt verfilmt sein gleichnamiges Theaterstück: Tiraden auf einen Mann, der seine Schülerin missbraucht haben soll.

Armin arbeitet als Sportlehrer am örtlichen Mädchengymnasium. Dort herrschen Zustände jenseits von Political Correctness: Sexuelle Belästigung steht an der Tagesordnung, doch die pubertierenden Opfer kümmert das selbst herzlich wenig – für sie ist der Lustmolch eher ein Grund zur Belustigung. Das soll sich ändern, als die alleinerziehende Trix Brunner mit ihrer Tochter ins ländliche Idyll zieht und von den alltäglichen Übergriffen erfährt. Als sie etwas gegen Armin unternehmen will, erlebt sie von den Einwohnern jedoch nur Anfeindungen.

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Kritikerrezensionen

  • Dieser Film ist eine Art Angriff der Bilder und Töne auf den Zuschauer. Viele Dialoge; eine Menge Realitäts- und Irrealitätsebenen; assoziative Schnitte; Satzfetzen, Bildfragmente, die wie Puzzleteile sich zusammenfügen; schnelle Szenen-, Figuren-, Handlungsfolgen; und dazwischen kurze Clips aus einem Making of-Level, in denen das Spiel als Spiel, als Dreharbeiten zum Film selbst enttarnt wird. Kurz: Rasantes Regietheater mit filmischen Mitteln.

    Urs Odermatt hat hier sein gleichnamiges Theaterstück verfilmt, als bunte, vielschichtige, vielfältige Collage; mit geringem Budget: keine 50.000 Euro hatte die Produktion zur Verfügung, keine Förderung, kein Fernsehsender standen dahinter – was für den Regisseur erstmals in seiner Karriere völlige Freiheit bedeutete: Dieser Film ist genauso, wie Urs Odermatt ihn haben wollte.

    Allein das ist aller Ehren wert; und sich dem Film auszusetzen, ist ebenfalls durchaus lohnend. Zumindest eine lange Zeitlang verfolgen wir gerne den schlimmen Geschehnissen irgendwo in eines Kleinstädtchens im Schweizer Kanton Aargau: wo eine Mutter gegen den Sportlehrer kämpft, der seine Schülerinnen betatscht, und der von der Gemeinschaft der Bürger geschützt wird, weil er einst, vor Jahrzehnten, Landesmeister im Turmspringen war und damit das einzige Aushängeschild des Ortes ist.

    Was hier also mit so viel visueller Fantasie, mit so vielen witzigen, absurden, treffenden, betroffenmachenden Einfällen bebildert wird, ist also eigentlich ein recht altes Thema: Sexueller Missbrauch Schutzbefohlener, der gute Einzelne gegen die bigotte Masse, die Wahrheit gegen das Leugnen. Das Formale aber durchbricht das Formelhafte des Themas, mit vielerlei Brechungen, Unterbrechungen, Brechtschen Verfremdungen. Züge und Flüsse spielen eine leitmotivische Rolle – vielleicht nur als Metapher für die vorwärtsdrängende, kraftvolle Macht dieses Films: in dem der böse Lehrer in der Dusche seines Schwimmbades nackt ein E-Gitarrensolo hinlegt, in der immer wieder lange Hass-Monologe u.a. auf Mütter und Babies heruntergerattert werden, in dem auch mal vor einem Supermarkt das Tanzbein geschwungen wird, in dem der Tod von Butzi, einem Papagei, seinen schwulen Besitzer in den Selbstmord treibt – aber nicht bei Heimat-Volksmusik im Radio –, in der der böse Onkel ein tolles Spiel mit seinen Schülerinnen treibt: nackt müssen sie sich in der Turnhalle das Handtuch vom Leib reißen; und in dem die Bürgermeisterin rasiert ist.

    Ja: Das macht Spaß, weil Odermatt eine weite Kluft auftut zwischen den formal-stilistischen Spielereien, die so leicht erscheinen, und dem schweren Thema, das sie schildern. Und an diesem Thema scheitert der Film letztlich – denn was an kreativer Kraft zunächst fasziniert, kann sich im weiteren Verlauf nicht mehr steigern, dafür nimmt dann das Schicksal der Betroffenen im Film überhand.

    Alle Figuren erscheinen im permanenten Hysterie-Zustand, aggressives Schreien ist der normale Umgangston – was akzeptabel wäre in einem Schlingensief-Film, der eine ohnehin wahnsinnige Welt beschreibt. Doch Odermatt will ja etwas aussagen, will die Mutter im Mittelpunkt haben, die die Wahrheit verficht und damit letztlich als Identifikationsangebot dienen soll – auch wenn sie übertreibt, wenn sie in Selbstgerechtigkeit und Sturheit verharrt. Die Mutter wird mehrdeutig gezeichnet, sie ist besserwisserisch, vorlaut, verbittert, offensiv, selbstgerecht für die gerechte Sache, für das Gute und Richtige. Sie ist so ambivalent, dass sie sich in ihren eigenen Widersprüchen verliert, sie feindet alle an, selbst ihre Verbündeten – die im übrigen nicht weniger aggressiv zurückkeifen.

    Wohingegen dem Film selbst ein gewisses Maß an mehr Ambivalenz gutgetan hätte. Eine gewisse schillernde Spannung tut sich in wenigen Momenten auf, in denen der Sportlehrer, der Beklagte, als Mensch dargestellt ist, in denen sich gar leise Zweifel einschleichen, ob denn die Anklage tatsächlich Hand und Fuß hat, oder ob sie nur der Hysterie entspringt; oder in den Szenen mit der Perspektive der Tochter, die hilflos der rasend rachsüchtigen Mutter entgegensteht und darunter leidet… Momente, die der Film ungenutzt verstreichen lässt, so dass er letztlich eben doch nur einen Fall von gerechter Anklage und ungerechter Verteidigung behandelt. Schade, dass es beim Film immer auch um den Inhalt geht und nicht nur um die Form.

    Fazit: Ein rasender, vielschichtiger, fulminanter, turbulenter, grotesk witziger Film um sexuellen Missbrauch und das Schweigen – der in seiner einfallsreich collagenartigen Form seinem etwas angestaubten Thema weit voraus ist.
  • Ausgezeichnet mit dem „New Vision Award“ für den innovativsten Film beim Internationalen Wettbewerb des 11. Rome Independent Film Festival, überzeugt der Low-Budget-Film von Urs Odermatt mit dem Mut, sich gänzlich von Normen, Konventionen und Etiketten frei zu machen. Gleichzeitig heizt er auf eine provokante, ungewohnte Art die Diskussion über sexuellen Missbrauch an und klagt das Stillschweigen des Umfelds an. Grotesk, witzig und zuweilen hochgradig verstörend.

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