Almanya - Willkommen in Deutschland Poster

Fakten und Hintergründe zum Film "Almanya - Willkommen in Deutschland"

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Interview mit den Filmemachern

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film wie ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND zu machen?

Yasemin: Wir haben schon früh gemerkt, dass viele Leute es immer sehr lustig fanden, wenn wir ihnen aus unserer Kindheit erzählt haben. Dass Nesrin zum Beispiel Funkenmariechen war, eine katholische Grundschule besuchte und jeden Mittwoch im Gottesdienst voller Inbrunst katholische Kirchenlieder mitsang. Ich hingegen spielte Querflöte in einem Spielmannszug und schrieb meinen Namen immer Jasmin, bis meine Schullehrerin in der zweiten Klasse meine Täuschungsversuche vereitelte und mich darauf aufmerksam machte, dass ich doch Yasemin heiße.

Nesrin: Und da soll sich noch einmal jemand beschweren, wir Türken würden nicht genug Anstrengungen unternehmen, uns zu integrieren. Nein, aber Immigration ist einfach ein sehr spannendes Thema, heute mehr als jemals zuvor. Und ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND erzählt in einer höchst subjektiven Weise, warum wir hier sind, wie alles anfing und was es heißt, fremd zu sein.

Inwieweit ist der Film autobiographisch? Haben Sie tatsächliche Erlebnisse verarbeitet?

Yasemin: In diesem Film haben wir sehr viele Dinge aus unserer Kindheit verarbeitet, z.B. die Sehnsucht nach Weihnachten. Für uns war es jedes Jahr aufs Neue eine Tortur, wenn die deutschen Kinder nach Weihnachten stolz ihre ganzen Geschenke vorführten oder von der Zeremonie, dem tollen Essen etc. erzählten. Wir haben auch tatsächlich unsere Mutter genötigt uns ein Weihnachtsfest auszurichten – und das ging ordentlich in die Hose!

Nesrin: Außerdem hatten wir nichts, was wir dagegen halten konnten. Ich erinnere mich, wie ich in der 2. Klasse gefragt wurde, ob es denn nicht ein vergleichbar großes Fest bei uns „Mohammedanern“ gäbe. Ich dachte kurz nach und erwähnte (glücklich, dass mir überhaupt etwas einfiel) das Opferfest, bei dem massenhaft Lämmer geschlachtet werden und man das Fleisch an Verwandte und Nachbarn verschenkt. Die deutschen Kinder sahen mich ziemlich verstört an und nach dieser Story gab es einige Eltern, die mich zu Nikolaus und Weihnachten aus Mitleid mit beschenkten.

Haben Sie das Drehbuch gemeinsam geschrieben? Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen? Und: Wie schreibt man eigentlich 50 Drehbuch-Fassungen?

Yasemin: Um ehrlich zu sein, war es eine sehr lange, harte Entwicklungsphase, und wenn wir nicht zu zweit gewesen wären, hätte die eine ohne die andere sicherlich aufgegeben. Wir sind mittlerweile ein sehr gut eingespieltes Team, dank 50 Drehbuch-Fassungen! Die konkrete Arbeit sieht ungefähr so aus: Wir erarbeiten die Szenenabfolge und schreiben danach parallel an unterschiedlichen Szenen. Später überarbeiten wir jeweils die Szene der Anderen. Aber wir schreiben nicht immer im Team. Jede von uns hat auch eigene Projekte.

Nesrin: Und Gott sei Dank wussten wir bei der ersten Drehbuch-Fassung noch nicht, wie viele folgen würden! Aber allein die Tatsache, dass wir nie wirklich aufgeben wollten und uns doch immer wieder motivieren konnten, weiter zu schreiben, hat uns gezeigt, dass dieser Stoff unbedingt raus in die Welt musste.

Wie gingen die Dreharbeiten von statten? Haben Sie sich die Regie geteilt? Haben Sie sich strikt an die letzte Drehbuchfassung gehalten?

Yasemin: Die Regie lag in erster Linie in meiner Verantwortung, aber Nesrin war die ganze Zeit mit am Set anwesend und hat natürlich großen Einfluss genommen. Bei der Second Unit hat Nesrin eigenständig Regie geführt, daher ist es uns wichtig, dass man uns als Filmemacher-Duo wahrnimmt. Wir haben uns immer sehr stark am Drehbuch orientiert. Wäre ja auch Wahnsinn, ein Buch so lange zu entwickeln und dann zu sagen: „macht einfach mal“.

Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt? In Deutschland? In der Türkei?

Yasemin: Dreharbeiten sind immer ein großes Abenteuer. Bei ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND hatten wir auch noch die große Herausforderung, zum Teil historisch zu erzählen. Und das sowohl in Deutschland als auch in der Türkei. Das war in vielerlei Hinsicht eine sehr schwierige Aufgabenstellung. Wir hatten für den Stoff, den wir erzählen wollten, nicht wirklich genug Zeit. Finanziell war das Ganze auch eine große Herausforderung. Dazu kam der große Cast und die Tatsache, dass wir unglaublich viele Drehtage mit Kindern hatten. Das sind schon harte Rahmenbedingungen. Außerdem spielt die Hälfte der Geschichte in den 60ern und da gab es noch keine Parabolantennen, wovon es heute in Izmir (wo wir gedreht haben) mindestens eine Billion gibt. Und versuchen Sie mal, eine türkische, fernsehverrückte Familie davon zu überzeugen, dass sie ihre Antenne abbauen muss. Für mehrere Tage!

Nesrin: Wirklich lustig war auch das Sprachenproblem. Ein Teil der Crew war Deutsch, der andere Türkisch. Größtenteils verständigte man sich jedoch auf Englisch, wobei wir Schwestern mit den Türken Türkisch, mit den Deutschen Deutsch redeten. Außer, es waren Türken und Deutsche gleichzeitig anwesend, dann sprachen wir Englisch. Manchmal kam es jedoch vor, dass Yasemin und ich unnötigerweise Englisch miteinander redeten, obwohl niemand sonst in das Gespräch involviert war. Oder, dass die türkische Crew mit türkischen Schauspielern Englisch reden musste, weil diese aus Deutschland waren und nicht mehr wirklich Türkisch konnten. Während der Dreharbeiten in Deutschland kam noch das „Jibberisch“ dazu, was wiederum keiner außer Yasemin und mir verstand und Türken und Deutsche gleichermaßen verwirrte. Es ist erstaunlich, dass sich überhaupt irgendeine Form von Verständigung ergab.

Wie sind Sie auf die fiktive deutsche Kunstsprache gekommen?

Yasemin: Charlie Chaplin, den ich sehr bewundere, benutzt in seinem grandiosen Film „Der große Diktator“ eine Phantasiesprache, „Jibberisch“, um Hinkel (Hitler) zu verkörpern. Wir haben das gleiche Stilmittel benutzt, um den Effekt zu erreichen, dass sich der deutsche Zuschauer genauso fremd und irritiert mit einer neuen Sprache auseinander setzen muss wie unsere türkische Familie.

Nesrin: Besonders schön kommt dieses Element in der Tante-Emma-Laden-Szene zum Tragen, wenn Fatma, nach nur einem Tag in Deutschland, einen ganzen Familieneinkauf erledigen soll und der große Deutsche null versteht, was die gute Frau eigentlich von ihm will.

Wer oder was hat Sie in Ihren formativen Jahren am meisten beeinflusst?

Yasemin: Als Regisseure Charlie Chaplin, Ernst Lubitsch und Jackie Chan. Als Autor bewundere ich Salman Rushdie, den wir ja auch im Film zitieren. Und Musik – aber das ist so ein großes Feld!

Nesrin: Immer so schwierig, sich auf wenige Namen zu beschränken, aber besonders lieb sind mir Regisseure wie Billy Wilder, Luis Buñuel, Woody Allen und die Drehbücher von Charlie Kaufman!

Wurden Sie mehr vom deutschen Kulturkreis geprägt, oder vom türkischen?

Yasemin/Nesrin: Tja, das haben wir uns auch gefragt … und raus kam unser Film!

Erinnern Sie sich noch an Anekdoten während der Dreharbeiten? Bitte erzählen Sie!

Yasemin: Ich werde nie vergessen, wie wir mal in irgendeiner Straße in Izmir gedreht haben und ungelogen ca. 100 Schaulustige um uns herum standen. Straßen zu sperren scheint in der Türkei schier unmöglich zu sein. Mein persönliches Highlight war, als ich, nachdem ich etwas mit den Schauspielern besprochen hatte, zur Combo zurückkehrte und plötzlich ein wildfremder Mann in meinem Regiestuhl saß und ganz konzentriert auf den Monitor schaute.

Nesrin: Also, gemeinsam mit Jesus vor der Video-Combo sitzen und sich seine Szene anschauen, war schon ziemlich skurril! Wir hatten einen unheimlich tollen Darsteller und unsere Make-up Artists haben glanzvolle Leistung an ihm vollbracht. Der Arme sah wirklich aus, wie frisch vom Kreuz abgehängt, aber er war bester Laune und hatte eine schier unendliche Geduld.

Was wünschen Sie sich für Ihren Film?

Nesrin: Es wird momentan viel darüber diskutiert, wie wir in Deutschland mit dem Thema Integration umgehen sollen. Es gibt hitzige Debatten über die wohl eklatanten Folgen einer Gastarbeiterkultur, deren Kinder heute deutsche Senioren niederschlagen, Ehrenmorde begehen oder einfach nur asozial abhängen. Multikulti ist anscheinend tot, und im Vordergrund steht logischerweise das, was NICHT funktioniert. ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND erinnert daran, dass Gastarbeiter damals von der deutschen Regierung gerufen wurden und dass sie maßgeblich zur wirtschaftlichen Stabilität dieses Landes beigetragen haben, dass sie eine Berechtigung haben, hier zu sein.

ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND sagt: Wir sind hier und das ist auch gut so! Welche Resonanz versprechen Sie sich, wenn der Film in die Kinos kommt?

Nesrin: Na, erst einmal natürlich, dass möglichst VIELE Menschen in die Kinos gehen. Dann wäre es nett, wenn sich diese Menschen gut unterhalten fühlen, ja vielleicht sogar berührt sind oder lachen. Vielleicht macht der Film auch nachdenklich …

Yasemin: Wir sind sehr gespannt, wie das Publikum und die Presse auf den Film reagieren werden!

Und was ist die Quintessenz von ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND?

Yasemin: Am 10. September 1964 wurde der Eine-Millionste Gastarbeiter aufs Herzlichste mit viel Brimborium begrüßt, aber wir erzählen die Geschichte des Eine-Million-und-Ersten, einem Mann namens Hüseyin Yilmaz und seiner Familie. Und das über 45 Jahre!

Nesrin: Das wäre eine perfekte Logline. Mir fällt an dieser Stelle aber auch das Zitat von Max Frisch ein „Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen“.

Interview mit den Produzenten

Sie wollten den Film ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND ursprünglich schon vor sieben Jahren machen. Warum hat es so lange gedauert?

Ursula Woerner: Wir wollten das Projekt damals mit anderen Partnern realisieren, was aber am kurzfristigen Rückzug des damaligen Senders in Folge einer Budgetreduzierung scheiterte. Dies war zunächst ein Schock für uns. Andere Projekte schoben sich dazwischen, weswegen ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND für eine Zeit in den Hintergrund trat. Als wir den Stoff dann neu aufgriffen, waren wir sehr froh, diesmal den richtigen Partner – nämlich Tele München und den Concorde Filmverleih – gefunden zu haben. In dieser Konstellation konnten wir den Film in einer sehr konstruktiven Zusammenarbeit nach unseren gemeinsamen Vorstellungen verwirklichen.

War es eigentlich sehr schwer, einen Film mit Migrations-Thema finanziert zu bekommen?

Andreas Richter: Schwierig war weniger der thematische Hintergrund, sondern vielmehr die inhaltliche Herangehensweise – die zunächst ungewöhnliche Dramaturgie, das große Ensemble, der Mangel an Stars. Außerdem ist es keine Romanvorlage, sondern ein Original-Drehbuch. All diese Schwierigkeiten kannten wir aber schon von „Wer früher stirbt ist länger tot”.

Wie hat sich der Stoff denn im Laufe der Jahre verändert?

Annie Brunner: ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND war schon immer eine Familiengeschichte, aber die erzählerischen Hauptfiguren haben im Laufe der Zeit gewechselt: anfangs waren das nur die 22-jährige Canan und ihr Großvater Hüseyin. Die Figur des Cenk, also den kleinen Jungen, gab es ursprünglich nicht. Außerdem ist die Reise in die Türkei dazugekommen, was für uns einen wichtigen Bestandteil der Poesie des Films ausmacht.

Wie sind Sie denn auf die Samdereli-Schwestern aufmerksam geworden?

Woerner: Wir haben Yasemin und Nesrin über die Münchner Filmhochschule HFF kennengelernt. Sie hatten dort den Kurzfilm „Kismet“ gemacht, der sehr witzig war und uns gefiel. Unsere langjährige Herstellungsleiterin Anja Richter kannte Yasemin vom Studium und hat den Kontakt hergestellt.

Richter: Die beiden hatten damals auch schon das Drehbuch zu ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND in Arbeit, was von der Bayerischen Filmförderung (FFF) zwar unterstützt worden war, bei dem man sich letztlich aber noch nicht sicher war, ob daraus ein Film werden könnte. Dies lag vor allem an der damals äußerst unkonventionellen Erzählstruktur des Buches. Für uns hatte die Erzählweise jedoch einen besonderen Reiz, und so stiegen wir in die Drehbucharbeit mit den Samdereli-Schwestern ein. Es folgten dann allerdings noch ca. 50 Drehbuchfassungen.

50 Drehbuchfassungen?!

Richter: (lacht) Ja, natürlich hätten wir das auch gerne einfacher gehabt. Aber das lag natürlich auch an den verschiedenen Entstehungsphasen bis wir das Drehbuch endlich finanziert bekommen hatten. Und bis man dann wirklich anfängt zu drehen, kommt noch schon ganz schön was zusammen. Dazu muss man sagen, dass wir die Drehbucharbeit für sehr wichtig halten und nur drehen, wenn wir hundertprozentig vom Buch überzeugt sind.

Und wie hoch war das Budget?

Richter: Vier Millionen Euro.

Wie verlief das Casting für ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND?

Woerner: Das war ein sehr komplexes Unterfangen, weil wir zum Einen drei Generationen bedienen mussten, zum Anderen zwei bis drei Altersstufen einer jeden Figur zeigen wollten. Daraus ergab sich ein ziemlich großes Ensemble. Wir mussten gewährleisten, dass sich der Zuschauer im Film zurechtfindet und immer genau weiß, wer jeweils wer ist – und auch in welcher Zeit man sich gerade befindet. Aber ich finde, es ist uns gut gelungen, da man auch die einzelnen Kinder den erwachsenen Schauspielern visuell sehr gut zuordnen kann.

Richter: Trotzdem haben wir uns dann eigentlich immer gegen den Typ und für den besseren Schauspieler entschieden. Zum Beispiel haben wir sehr lange nach einer idealen Besetzung des alten Hüseyin gesucht und ihn schließlich in Vedat Erincin gefunden. Allerdings ist Vedat im wirklichen Leben zwanzig Jahre zu jung – nämlich fast im gleichen Alter wie Aykut Kayacik, der seinen ältesten Film-Sohn spielt. Hier glaubwürdig zu bleiben war ein gewisses Risiko. Während der Dreharbeiten führten diese Konstellationen oft zu einer gewissen Komik, wenn beispielsweise Aykut seine „Mutter“ Lilay Huser, real ebenfalls 20 Jahre jünger als im Film, in den Pausen ständig „Maman“ nannte. Jedenfalls hat unsere Maske Großartiges geleistet.

Woerner: Wir haben wegen der verschiedenen Sprachebenen im Film übrigens auch fast alle Schauspieler in Deutschland gecastet. Die Zweisprachigkeit war mitunter auch ein Problem, denn viele der gecasteten älteren türkischen Darsteller konnten nicht ganz so gut deutsch sprechen, wie es die Rolle verlangte, und manche aus der jüngeren, türkischstämmigen Generation sprechen einfach nicht mehr fließend türkisch… Diesen Aspekt haben wir dem von Denis Moschitto verkörperten Ali als Farbe mitgegeben. Es wird von ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND übrigens eine deutsche und eine türkische Fassung geben, die auch beide in Deutschland gezeigt werden. Das hat es, soweit ich weiß, noch nie gegeben.

War es leicht, so etablierte Schauspieler wie zum Beispiel Axel Milberg, Katharina Thalbach, Jule Ronstedt und Walter Sittler für Cameo-Auftritte zu gewinnen?

Richter: Eigentlich ja, sie haben alle sehr gerne mitgemacht. Mit einigen haben wir auch vorher schon Filme gemacht – und allen hat das Buch besonders gefallen.

Erzählen Sie doch bitte etwas über die Logistik des Films.

Richter: Eigentlich wollten wir ja in Nordrhein-Westfalen drehen, konkret in Dortmund. Das hätte sich von der Thematik des Films her natürlich sehr angeboten. Wir waren dort auch schon auf Location-Besichtigung. Dort ließ sich aber die Finanzierung nicht bewerkstelligen. Dann hat der FFF Bayern das Projekt großzügig unterstützt. Also haben wir uns in München umgesehen und dort auch alle Motive gefunden: in Freimann – an der Autobahn gleich hinter den Lärmschutzwällen, gibt es beispielsweise eine Siedlung, in der wir das Deutschland der 60er Jahre noch fast original drehen konnten. Die alte Kongresshalle der Münchener Messe wurde zum Flughafen und der Augsburger Bahnhof ist im Film der Bahnhof Köln-Deutz, an dem der einmillionste Gastarbeiter ankommt. Die türkischen Sequenzen wurden in und um Izmir gedreht, das auch für ein paar Istanbul-Einstellungen diente, die wir dann digital bearbeiteten.

Inwiefern passt denn der Film ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND zum Profil von ROXY FILM?

Brunner: Insofern, als wir nicht einfach einen Bestseller mit einer Handvoll Stars und einem bekannten Regisseur zu einem Paket schnürten, sondern uns mit sehr viel Liebe einem Stoff gewidmet haben, der uns inhaltlich interessierte. In diesem Fall ging es um die Frage nach Identität: Wo gehört man hin? Was macht einen Menschen aus? Zu uns als ROXY FILM gehört es, dass man eben auch an ein solches, nicht ganz einfaches Projekt glaubt und versucht, es publikumsfähig zu machen. ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND ist ja kein kleiner Arthouse-Nischenfilm, sondern ein Film, der – ganz bewusst – mit viel Humor und großen Emotionen ein großes Publikum erreichen will.

Richter: Zu unserem Profil gehört sicher auch, dass wir mit Menschen, mit denen wir schon bei früheren Projekten gute Erfahrungen gemacht haben, immer wieder gerne zusammenarbeiten. Auch diesmal wieder dabei ist Gerd Baumann, der ganz fantastische Musik zum Film geliefert hat. Dann die Cutterin Andrea Mertens, die Kostümbildnerin Steffi Bruhn oder Darius Ghanai, der Verantwortliche für das Artwork – alle erfahrene Kreative, die sich Projekten immer wieder mit großem Idealismus widmen und die wir sehr schätzen. Neu und sehr positiv war für uns die Zusammenarbeit mit Ngo the Chau – übrigens ein Boat-People-Kind, also selbst mit Migrations-Hintergrund, und einer der spannendsten neuen Kameramänner hier in Deutschland. Und nicht zu vergessen der Szenenbildner Alexander Manasse, der bis an die Grenzen der eigenen Gesundheit um das Projekt kämpfte. Es macht einfach mehr Freude mit einem so hervorragenden Team zu arbeiten. Wir bemühen uns in erster Linie, eine Handschrift zu entwickeln, die für Qualität steht.

Ist ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND ein Heimatfilm?

Woerner: (schmunzelt) Wir werden ja gerne – vor allem natürlich seit „Wer früher stirbt ist länger tot” als Heimatfilmer bezeichnet – was immer das heißen soll. Ich habe nichts dagegen, ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND als Heimatfilm zu sehen, denn das Thema „Heimat“ wird dort in verschiedenster Weise dekliniert. Nicht zuletzt steht „Almanya” auch für einen „wirtschaftswunderbaren“ Sehnsuchtsort und erzählt ein Stück Geschichte der Bundesrepublik, in dem sich jeder wiederfinden kann, ob hier geboren, aufgewachsen oder hierher zum Arbeiten gekommen.

Richter: Genre-Bezeichnungen sind mir nicht wichtig. Wir als ROXY FILM setzen nicht auf die scheinbar so wichtigen gängigen Erfolgsfaktoren; wir wollen vielmehr, dass eine Geschichte aus sich heraus die Zuschauer begeistert.

Welche Resonanz versprechen Sie sich vom Publikum?

Richter: (lacht) Natürlich wünschen wir uns erst einmal möglichst viele Zuschauer. Vielleicht wird es erst einmal ein Publikum sein, das sich die Filme sehr genau auswählt, für die es ins Kino geht. Und dann setzen wir sehr auf den Weitersage-Effekt. Testvorführungen haben uns gezeigt, dass die Menschen von dem Film, bei aller komödiantischen Leichtigkeit, auch emotional sehr ergriffen waren. Und das könnte dann ja dazu führen, dass sie ihn weiterempfehlen.

Woerner: Schön wäre, wenn der Film eine Immigrationsdebatte „von unten“ anregen würde. Es gibt ja in Deutschland eine riesige Anzahl sehr gut integrierter Immigranten, die in der überhitzten politischen Diskussion nicht vorkommen. Es sind ja in der Regel die Problemfälle, die die öffentliche Wahrnehmung prägen. Und ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND soll noch einmal daran erinnern, wie in den 60er Jahren der jungen Bundesrepublik Gastarbeiter aus der Türkei, aus Italien, Spanien usw. sehr willkommen waren – und dass wir es zum Teil selbst versäumt haben, eine Vision für die daraus entstehende Gesellschaft zu entwickeln. Der Film entwickelt eine!

Brunner: Außerdem hoffen wir natürlich auch, dass wir mit ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND die türkischen Familien erreichen werden. Denn der Film bietet Anknüpfungspunkte für alle, Jung und Alt, Einwanderer und hier Geborene.

Hintergrund: Die Einwanderungswelle in den 60ern

Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg beklagten einige Unternehmen in der Bundesrepublik Deutschland Arbeitskräftemangel. Grund dafür war u.a. die Kriegszeit, die große Lücken in die Bevölkerung gerissen hatte. Schon Mitte der 50er Jahre wurden die ersten Anwerbeabkommen geschlossen, die sich überwiegend darauf beschränkten, italienische Gastarbeiter in die Bundesrepublik zu holen. Danach folgten Arbeiter aus Spanien und Griechenland.

Ab 1961 warben deutsche Unternehmen auf Grundlage des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Türkei rund 826.000 Männer und Frauen als türkische Gastarbeiter an. Mit diesem Abkommen versprach sich die Türkei auch eine Lösung eigener wirtschaftlicher und sozialer Probleme.

Die Bundesrepublik hingegen hatte ihrerseits großes Interesse an diesen „billigen“ Arbeitskräften, da sie so in der Lage war, in der sogenannten Wirtschaftswunderzeit genügend Arbeitnehmer-Potential zur Verfügung zu haben, um den vielgerühmten Aufschwung tatsächlich bewerkstelligen zu können. Hinzu kam, dass die Nato-Mächte im Zeitalter des kalten Krieges großes Interesse an der Stabilisierung der Türkei und somit an der Nato-Südostflanke hatten.

Die meisten türkischen Arbeitsmigranten wurden von Istanbul in Sonderzügen in die Bundesrepublik gebracht. Während der 60er Jahre bedeutete das eine mindestens 50-stündige Zugfahrt – via Griechenland – nach Deutschland. Erst ab den 70er Jahren war eine schnellere Einreise über Bulgarien möglich. Bis zum Anwerbestopp im Jahre 1973 hatte sich die Zahl der Ausländer in der Bundesrepublik von ca. 1 Million auf über 4 Millionen erhöht.

Insgesamt bewarben sich zwischen 1961 und 1973 über 2,6 Millionen Türken um einen Arbeitsplatz in der Bundesrepublik. Wer die Eignungsprüfung der deutschen Behörden (u.a. gesundheitliche Fitness, berufliche Qualifikation, Lese- und Schreibtests) bestand, konnte einreisen und hier arbeiten. Die meisten türkischen Arbeitskräfte siedelten sich damals im Ruhrgebiet an.

Ein deutlicher Anstieg der türkischen Bevölkerung in der Bundesrepublik erfolgte stetig durch den verstärkten Familiennachzug aus der Türkei und durch Eheschließungen in der Bundesrepublik.

Heute leben Einwanderer aus der Türkei bereits bis zur vierten Generation in Deutschland.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten Ende 2009 in Deutschland insgesamt 6,7 Millionen Ausländer, davon etwa 1,66 Millionen Türken, die damit die größte Gruppe stellen.