Filmhandlung und Hintergrund

David Cronenbergs Thriller nach Comic-Vorlage, in dem ein vermeintlich ganz normaler Mittelstandsamerikaner von einem Verbrechersyndikat verfolgt wird.

Auf den ersten Blick ist Tom Stall (Viggo Mortensen) ein ganz normaler amerikanischer Durchschnittsbürger: Restaurantbesitzer mit Frau, zwei netten Kindern und Einfamilienhaus draußen in der Provinz. Als aber eines Tages finstere Ganoven in seinen Gastronomiebetrieb dringen und Tom die Schädlinge überraschend professionell abschlachtet, ist es sowohl mit der Ruhe als auch mit einer gewissen Sicherheit vorbei. Die Medien fallen über das Idyll her, und die Familie fragt sich: Hat uns Papa etwa was verschwiegen?

Kanadas Enfant terrible David Cronenberg („Crash„, „Spider„) überrascht Anhänger wie Feinde mit einem künstlerisch veredelten Genrefilm, in dem die Fetzen fliegen wie seit „Kill Bill“ nicht mehr. Es darf sogar gelacht werden.

Die Stalls sind eine Musterfamilie aus dem Mittleren Westen: Tom und Edie sind seit über 20 Jahren verheiratet, haben zwei Kinder. Eines Tages streckt Tom zwei Schwerverbrecher in seinem Restaurant nieder. Er wird zum Medienhelden und bekommt Besuch von Vertretern eines Verbrechersyndikats, die überzeugt sind, dass es sich bei ihm um einen Kompagnon aus der Vergangenheit handelt, mit dem es noch Rechnungen zu begleichen gibt.

Der brave Familienvater Tom Stall betreibt er in der US-Kleinstadt Millbrook den örtlichen Diner. Sein Leben verläuft ruhig - bis er in Notwehr zwei Räuber erschießt. Die Medien feiern ihn als Helden, Ehefrau Edie platzt beinahe vor Stolz. Da taucht der mysteriöse Carl Fogarty im Coffee Shop auf und behauptet in Tom einen gewissen Joey Cusack zu erkennen. Einen Bekannten aus alten Tagen, den er für seine entstellende Gesichtsverletzung verantwortlich macht, und einen skrupellosen Ex-Gangster, mit dem er eine Rechnung offen hat.

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Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

    1. Gleich vorweg: Wäre „A History of Violence“ nicht der neueste Film von David Cronenberg sondern eines Unbekannten, würde er einfach als das laufen, was er ist: ein kleines gutes und solides Krimidrama, ein Film Noir mit Reminiszenzen an andere Klassiker wie Don Siegels „The Killers“. So aber wird man sich versucht fühlen, ihn ins Oeuvre des kanadischen Filmemachers einzusortieren, der mit Horror-SF wie „Shivers“ und „Die Fliege“ aber auch weniger ekligen Genre-Studien wie „Die Unzertrennlichen“ und zuletzt „Spider“ Abgründe der Psyche und vor allem des Körpers aufs profundeste auzuspüren verstand.

      Splattereffekte und das letzte Erforschen von Leib und Fleisch findet man hier jedoch nicht. In „A History of Violence“ explodieren keine Köpfe wie im legendären „Scanners“ oder werden organische Spielstationen ins Rückenmark gestöpselt wie in „eXistenZ“. Trotzdem wirkt Cronenberg, wie noch vielleicht bei „Spider“, keinesfalls altersmilde, wenn es ans Eingemachte geht. Wenn sich Tom alias Mortensen (der Aragorn aus „Herr der Ringe“) selbst verteidigt, brechen lautstark Knochen, werden Nasen ins Hirn gehauen und Genicke gebrochen. Dem Urgestein des Splatter-Films waren die Körperverwüstungen freilich nie Selbstzweck. Und so wirken auch diese explosionsartigen Exzesse der Gewalt schockierend und alles andere als „cool“. Zumindest überwiegend.

      Doch Cronenberg versteht oder versucht mit „A History of Violence“ dem Titel zum Trotz nicht wirklich, etwas zum Phänomen der Gewalt beizutragen. Geschweige denn, dass er seinem Gesamtwerk etwas hinzuzufügen hätte. Dieses hatte sich immer auch dafür interessiert, inwiefern der Mensch durch Körper und Körperlichkeit bestimmt, durch ihn definiert ist, und was diese (Wahrnehmungs-)Grenzen aber auch ihr Überschreiten für Wahnbilder zeitigt. Die Auswirkungen von Brutalität, echtem Ich und falscher Identität auf das Zusammenleben, vor allem in der Familie, wird hier aber nur kurz und oberflächlich behandelt. Insbesondere leidet der Film darunter, dass vor allem Tom eine hohle Figur bleibt. Auch die düstere Stimmung mag sich nicht so recht einstellen. Ein Grund dafür mag sein, dass die Vorlage eine Graphic Novel ist. So beißen sich vor allem beim nachgereichten Showdown die behauptete unstilisierte Dramatik und der übersteigert plakative Ansatz eines Comics.

      Keine Frage, „A History of Violence“ ist klein, fein und souverän in Szene gesetzt. Auch Cronenbergs Hauskomponist Howard Shore hat zwar für „Herr der Ringe“ einen Oscar bekommen, beweist aber hier ein weiteres Mal, dass er für langsame und bedrohliche Klänge noch geeigneter ist. Doch wirklich groß wird der Film nur da, wo er den abgründigen Stellen im und zwischen den Menschen, vor allem zwischen Tom und Edie, auslotet. Nur geschieht das zu wenig um mehr zu ergeben als einen netten Thriller.

      Fazit: David Cronenberg, Spezialist für Sci-Fi-Horror und Psychodramen, bietet mit dieser Verfilmung einer Graphic Novel einem soliden Film Noir, der nichts Neues zum Genre beizusteuern weiß.
    2. A History of Violence: David Cronenbergs Thriller nach Comic-Vorlage, in dem ein vermeintlich ganz normaler Mittelstandsamerikaner von einem Verbrechersyndikat verfolgt wird.

      Auge um Auge: Ein schnörkelloser Rachethriller mit biblischer Konsequenz und der Schärfe eines existenzialistischen Western beschert David Cronenberg den zugänglichsten und besten Film seit den 80er Jahren.

      Der moderne Mensch als Work in Progress, gefangen in einer Zwischenphase der Neuorientierung, im Ringen um die eigene Identität auf dem Weg zur nächsten Evolutionsstufe. David Cronenbergs altbekanntes Motiv, das ihn vom Underground-Horrorfilmer zum progressivsten Regisseur des Erzählkinos werden ließ, findet sich auch in „A History of Violence“ wieder. Anders als seine letzten Arbeiten, sei es „Crash“, „Existenz“ oder „Spider“, ist die Adaption eines obskuren Comicromans von John Wagner und Vince Locke an schnörkelloser Geradlinigkeit kaum zu bieten. Nur 90 Minuten dauert diese Ballade von der ersten bis zur letzten drastischen Explosion der Gewalt, und nicht eine Sekunde ist verschenkt. Obwohl (oder gerade weil) es sich für Cronenberg offenkundig um eine Auftragsarbeit handelt, gelingt es ihm, auf mehreren Ebenen alles einzuflechten, was man sich von einem Film erwarten kann. So ist die Geschichte des zahmen Kleinstadtfamilienvaters Tom, gespielt von „Herr der Ringe“-Held Viggo Mortensen in seiner zweifellos besten Leistung (und brillant unterstützt von Mario Bello als Ehefrau und Ed Harris als Schatten aus der Vergangenheit) in dessen Leben die Gewalt Einzug hält und Familie, Sicherheit, Existenz und schließlich die eigene Identität bedroht, gleichzeitig sehniger B-Thriller, biblisches Rachedrama, Variante der existenziellen Western, wie sie Anthony Mann in den 50er Jahren drehte, eine Kontemplation über Ursache und Wirkung von Gewalt, komplexes Psychogramm der Seele eines Mannes, der nicht das ist, was er selbst zu sein hofft und nicht zuletzt auch eine absolut nicht augenzwinkernde Komödie über tragische Ereignisse. Beinahe aufdringlich hyperreal sind die Bilder, die Cronenberg bei seinem Streifzug durch jene idyllischen Kleinstadtwelt, wie man sie von David Lynch kennt, wo hinter der Apfelkuchen-Fassade Begierden und Obsessionen lauern. So wird hier auch das Leben von Tom Stall auf den Kopf gestellt, als finstere Gestalten in seinem Städtchen auftauchen und insistieren, Tom sei in der Vergangenheit in einem anderen Leben ein höchst brutaler Gangster gewesen, der jetzt seine offenen Rechnungen zu begleichen habe. Es spielt keine große Rolle, ob die Behauptungen stimmen oder nicht, sondern welche Auswirkungen sie auf die Figuren haben. Was „A History of Violence“so aufregend und beunruhigend macht, ist Cronenbergs Erkenntnis, dass die in kurzen Szenen grotesk überzeichnete Gewalt eine befreiende Wirkung auf seinen Helden hat - wie letztlich auch auf den Zuschauer. In diesem Sinne ist der Film ein „Funny Games“, der sein Publikum nicht verachtet: Er ist ein Thriller, der die Wirkung von cineastischer Gewalt versteht und die Bedürfnisse des Publikums einerseits wissend bedient, aber gleichzeitig intelligent konterkariert. ts.
    3. „Wertvoll”

        „A History of Violence“ ist zugleich ein packender Thriller und eine hochintelligente Meditation über Gewalt. Die Darsteller, die Inszenierung und die Dramaturgie überzeugen auf höchstem Niveau: Das ist spannende Unterhaltung mit Tiefgang.

        David Cronenberg hat einen zeitgemäßen film noir gedreht, der schnörkellos und wie aus einem Guss eine spannende und intelligente Geschichte erzählt. Aber die bei diesem Regisseur überraschende Einfachheit ist trügerisch, denn er zeichnet auch ein komplexes Familienporträt, bei dem existenzielle Fragen nach Identität und Moral behandelt werden. Weil Cronenberg die Familienszenen authentisch inszeniert und die vier Darsteller dabei durchgehend glaubwürdig und realistisch agieren, wirken die Gewaltszenen um so schockierender. So wie Tom Stalls früheres Leben wie aus einem anderen Film zu sein scheint, so ändert Cronenberg auch seine Stilmittel in den Szenen, in denen Stall sich mit seinen früheren Partnern auseinandersetzen muss.

        Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

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