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3 ½ Stunden

  

Filmhandlung und Hintergrund

Mitreißende Geschichtsstunde im Interzonenzug nach Ostberlin zur Erinnerung an den Tag des Mauerbaus.

Darsteller und Crew

Kritiken und Bewertungen

4,4
5 Bewertungen
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Kritikerrezensionen

  • 3 ½ Stunden: Mitreißende Geschichtsstunde im Interzonenzug nach Ostberlin zur Erinnerung an den Tag des Mauerbaus.

    Mitreißende Geschichtsstunde im Interzonenzug nach Ostberlin zur Erinnerung an den Tag des Mauerbaus.

    Lebendiger und spannender kann man Zeitgeschichte, die noch heute unser deutsch-deutsches Miteinander prägt, kaum erzählen und erlebbar machen als in diesem ab Minute Eins fesselnden Mix aus Thriller und Drama. Wir schreiben den 13. August 1961, und während der Frühzug in Richtung Zonengrenze aus dem Münchner Hauptbahnhof fährt, schickt man sich in der Sowjetischen Besatzungszone an, in einer die Welt schockierenden Nacht- und Nebelaktion eine unüberwindliche Mauer zu den Westsektoren Nachkriegsdeutschlands zu bauen, die 28 Jahre Bestand haben wird. Fortan wird Linientreue im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat mit Zwang durchgesetzt werden. Der Filmzug nach Berlin (Ost) ist an diesem Tag mit Ost- und Westdeutschen dramaturgisch so geschickt besetzt, dass sich in ihm ein Nukleus der deutschen Nachkriegsgesellschaft befindet, mit all ihren Problemen, Versäumnissen und bis heute uneingelösten Utopien. Was sich vielleicht etwas schematisch anhört, ist so klug und mitreißend geschrieben, gespielt und inszeniert, dass man als Zuschauer ganz atemlos die Zeit verrinnen sieht, während die Menschen an Bord innerhalb weniger Stunden ihr Schicksal und ihren weiteren Lebensweg wählen müssen. So wie der Zug ist auch der Film ständig in Bewegung. Jede Perspektive, jeder persönliche Blick auf das Geschehen verändert sich im Lauf der Fahrt, während nahezu Hitchcock’scher Suspense die Zuschauer nägelkauend verfolgen lässt, wie jeder der bunt zusammengewürfelten Passagiere sich wohl entscheiden mag. Dem nahezu perfekten Buch von Robert Krause und Beate Fraunholz gelingt es nicht nur, faszinierende Charaktere mit dem erforderlichen Tiefgang zu versehen, sondern ihnen gleichzeitig eine Modernität und Heutigkeit zu verleihen, die es dem Zuschauer leicht macht, sich in diese aberwitzige Situation einzufühlen. Das ist auch die Stärke der in allen Rollen bewusst nicht allzu prominent, dafür herausragend besetzten Charakterdarsteller und Nachwuchsschauspieler, die ihren Figuren in kleinen und kleinsten Szenen Glaubwürdigkeit verleihen. An Bord ist eine junge Band, die sich die Fahrt mit ihrer Musik verdienen will und dem Film so ganz ungeahnten Schwung verleiht; ein junger Jude, der dem Holocaust nur knapp entronnen ist; ein Nazi-Kriegsverbrecher, der einer Justiz entkommen ist, die sich im Westen wenig Mühe gibt, die Täter zu verfolgen; eine junge Turnerin, die von ihrer ehrgeizigen Trainerin an ihre Grenzen geführt wird; ein altes Ehepaar aus dem Osten, das mit dem Sohn gebrochen hat, der in den Westen abgehauen ist; zwei schwule Freunde, denen im Osten keine Verfolgung droht, aber ansonsten nur im Westen die persönliche Freiheit winkt; eine junge Lokomotivführerin, die als Frau nur im Osten gleichberechtigt Arbeit finden kann. „Freiheit oder Sozialismus“ ist die Frage, die sich den Reisenden stellt, und die jeder, ob Ingenieur mit Aussicht auf Westanstellung oder seine Ehefrau als privilegierte Tochter eines SED-Bonzen, beantworten wird. Regisseur Ed Herzog, der im Kino mit den Eberhofer-Krimis Erfolge feiert, hat das mit viel Gespür inszeniert. Die Schauspieler sind durch die Bank zu loben, Kamera, Spezialeffekte wie die gesamte produzentische Leistung können nicht genug gerühmt werden. Großes Kino, das seinen Weg wohl „nur“ auf den kleinen Bildschirm findet.

    Ulrich Höcherl.
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