Jean Dujardin
Bérénice Bejo
John Goodman
Regie: Michel Hazanavicius
Verleih: Delphi
George Valentin ist ein großer Star des Stummfilms, doch mit dem Beginn des Tonfilms ist sein Stern im Sinken begriffen. Dafür erlebt die junge Peppy Miller einen berauschenden Karriereschub. Das sind nicht die idealen Voraussetzungen für eine harmonische Liebesbeziehung zwischen den beiden.

Der Publikumsliebling von Cannes: ein Stummfilm ohne Mief, der seine Zuschauer mit entwaffnendem Charme und großer Emotion gewinnt.
Dass es sich bei "The Artist" trotz schwarzweißer Bilder, engstem 1,33:1-Format und eingeblendeten Titelkarten anstatt gesprochener Dialoge nicht um eine angestrengte Fingerübung handelt, die der Ära des Stummfilms mit strengem Bilderwerk huldigen will, dazu reicht ein Blick auf die bisherige Filmographie von Regisseur Michel Hazanavicius. Der Filmemacher gehört nicht zu den führenden französischen Kunstgewerblern, sondern hat mit den beiden Filmen um Agent "0SS 117" - ebenfalls mit "The Artist"-Hauptdarsteller Jean Dujardin als Star - zwei pfiffige (und in Deutschland trotz Synchro von Oliver Kalkofe nur beschränkt erfolgreich als Videopremiere ausgewertete) Parodien auf Spionagefilme der Sechzigerjahre realisiert, die an den französischen Kinokassen abräumten.
Auch "The Artist" ist wieder eine von ganzem Herzen empfundene Verbeugung vor dem Kino der Vergangenheit. Aber auch ein lupenreiner Publikumsfilm, der sich ganz den Gesetzen des Stummfilms unterordnet, es sich aber auch erlaubt, mit ein paar originellen Tricks und Kniffen sich über das Regelwerk hinwegzusetzen und klarzumachen, dass er nicht nur mit der Technik, sondern auch dem Verständnis des 21. Jahrhunderts gemacht wurde. Erzählt wird, ganz nach dem Vorbild von "Singing in the Rain", eine Geschichte aus der Zeit, als der Stummfilm vom Tonfilm abgelöst wurde und seine alten Stars einer neuen Garde junger Schauspieler weichen mussten: Bye-bye, vielsagende Blicke - hallo, perfekt vorgetragene Texte. So erlebt man den offenkundig Douglas Fairbanks jr. nachempfundenen George Valentin zunächst 1927 auf der Höhe seines Ruhms und verfolgt dann seinen Absturz, während das kleine Starlet Peppy Miller (Dujardins Lebensgefährtin Bérenice Bejo mit Karrierepotenzial), das von ihm seine erste Chance erhielt, zum Superstar des Tonfilms avanciert. Wie die beiden sich dennoch ineinander verlieben und einander retten, davon erzählt "The Artist" mit entwaffnendem Charme, Witz und Augenzwinkern.
Hazanavicius hat seine Hausaufgaben gemacht, die Vorbilder minuziös studiert und präsentiert nun sozusagen die auf 100 Minuten komprimierte Essenz des frühen Kinoschaffens. Stets bleibt der Regisseur dem Regelwerk des Stummfilms treu, sieht man von einem kurzen Albtraum Valentins ab, in dem vereinzelte Geräusche zu einem ohrenbetäubenden Crescendo anschwellen und als Vorbote kommenden Unheils wirken. Immer wieder hat der Film hinreißende Ideen, ob er nun die Musik aus Hitchcocks "Vertigo" verwendet, den Ton in einem entscheidenden Moment ganz abdreht oder zum Abschluss die befreienden Klänge klackernder Stepptanzschuhe erklingen lässt. Der Film ist ganz leichte Unterhaltung, die Verbeugung eines Franzosen vor dem ganz alten Hollywood, als es noch Hollywoodland war, und einfach unwiderstehlich - nicht zuletzt, weil er mit dem perfekt dressierten Terrier der Hauptfigur auch noch einen der wunderbarsten Hunde der Filmgeschichte vorzuweisen hat. Auf gut deutsch: ein durchschlagender Erfolg, der über den Festivaleinsatz in Cannes samt hochverdientem Darstellerpreis - hinaus die Herzen des Kinopublikums höher schlagen lassen sollte. ts.
| Darsteller: | Jean Dujardin | als George Valentin | |
|---|---|---|---|
| Bérénice Bejo | als Peppy Miller | ||
| John Goodman | als Produzent Al Zimmer | ||
| James Cromwell | als Clifton | ||
| Penelope Ann Miller | als Doris | ||
| Missi Pyle | als Constance | ||
| Malcolm McDowell | |||
| Beth Grant | als Peppys Dienstmädchen | ||
| Stuart Pankin | als Otto | ||
| Ed Lauter | als Butler | ||
| Joel Murray | als Feuerwehrmann | ||
| Christopher Ashe | als Reginald Sassafras | ||
| Bitsie Tulloch | als Norma | ||
| Calvin Dean | als Mr. Sauveur | ||
| Regie: | Michel Hazanavicius | ||
| Drehbuch: | Michel Hazanavicius | ||
| Produzent: | Thomas Langmann | ||
| Koproduzent: | Emmanuel Montamat | ||
| Ausf. Produzent: | Antoine De Cazotte | ||
| Daniel Delume | |||
| Richard Middleton | |||
| Kamera: | Guillaume Schiffman | ||
| Schnitt: | Michel Hazanavicius | ||
| Anne-Sophie Bion | |||
| Musik: | Ludovic Bource | ||
| Produktionsdesign: | Laurence Bennett | ||
| Gregory S. Hooper | |||
| Kostüme: | Mark Bridges | ||
| Casting: | Heidi Levitt | ||
Ich habe einen Oscar! Ich … ich habe meine Dankesrede vergessen!
Von der Academy mehrfach gewürdigt: Das Stummfilm-Kunstwerk "The Artist" und Meryl Streeps "Die Eiserne Lady". (Foto: ©A.M.P.A.S)
Regisseur Michel Hazanavicius ging es wie den Helden seines Films - er war sprachlos! Sein Filmkunstwerk "The Artist" um eine Liebe in den letzten Tagen des Stummfilms ist von der Academy überraschend mit 5 Oscars zum meistprämierten Film gekürt worden - darunter Preise in allen drei "Königskategorien": Bester Film, Beste Regie und Bester Hauptdarsteller!
Doch der Franzose mit litauischen Vorfahren fand seine Sprache bald wieder, hielt eine überschwängliche Dankesrede und endete mit Worten, so poetisch wie sein Filmkunstwerk: "Im Film geht es um das Leben. Und an manchen Tagen ist das Leben wunderbar. Heute ist solch ein Tag. Danke! Danke!"
Ebenfalls fünf Oscars gingen an Martin Scorseses Verfilmung des Kultkinderbuchs "Hugo Cabret". Allerdings gab's die Goldjungs ausnahmslos in Bereichen, die in Hollywood eher zu den Nebenkategorien gezählt werden: Kamera, Visual Effects (hier stach man etwas überraschend den Blockbuster "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2" aus), Ausstattung, Ton und Tonschnitt. Damit war Martin Scorsese eher einer der Verlierer des Abends.
Ganz anders Academy-Liebling Meryl Streep. Auch sie hatte zu den Oscar-Favoriten gezählt, doch ihr Traum erfüllte sich auch: Streeps fast schon gespenstisch gute Leistung als britische Ex-Premierministerin Margaret Thatcher in "Die Eiserne Lady" brachte ihr bei der siebzehnten (!) Nominierung erwartungsgemäß endlich den dritten Oscar nach "Kramer gegen Kramer" und "Sophies Entscheidung".
Überraschenderweise verlor die Veteranin auf der Bühne des Kodak Theatre nach einem launigen Einstieg in ihre Dankesrede ("Ganz Amerika denkt sich jetzt 'Oh nein, nicht sie schon wieder'"!) komplett die Fassung und brach - unter stehenden Ovationen - in Tränen aus: "Ich werde wahrscheinlich nicht noch einmal hier oben stehen, also danke an Euch alle!" Trotz ihrer überragenden mimischen Leistung dankte Meryl Streep auch ihren Maskenbildnern, die ebenfalls einen Oscar erhielten.
Kollege Jean Dujardin, der als Stummfilmstar in "The Artist" wirklich alle darstellerischen Register zieht, machte es dagegen kurz: "Ich liebe Euer Land!", schmeichelte er französisch-charmant dem Auditorium in Los Angeles, das eher mit George Clooney als Sieger für seine Rolle als überforderter Vater in "The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten" gerechnet hatte. Clooney durfte sich aber zumindest über einen Drehbuch-Oscar für "The Ides of March" freuen.
Eine herbe Enttäuschung war die Oscar-Verleihung sowohl für Steven Spielbergs Kriegspferd-Epos "Gefährten" wie auch "Moneyball" mit Brad Pitt als revolutionärem Baseball-Coach. Trotz sechs Nominierungen gingen beide Filme komplett leer aus -weil in den entsprechenden Kategorien zumeist entweder "Hugo Cabret" oder "The Artist" punkteten.
Auch aus deutscher Sicht boten die 84. Academy Awards keinen Grund zum Feiern. Für den Auslands-Oscar war der deutsche Vorschlag "Pina" gar nicht erst nominiert worden, hier machte erwartungsgemäß erstmals ein iranischer Beitrag das Rennen, "Nader und Simin - Eine Trennung". Aber als beste Doku war Wim Wenders' lyrisches 3D-Juwel um das Schaffen der verstorbenen Choreographie-Legende Pina Bausch nominiert und als Sieg-Kandidat gehandelt worden. Hier machte aber der US-Beitrag "Undefeated" um den Aufstieg eines erfolglosen Football-Teams das Rennen.
Die deutsche Kostümbildnerin Lisy Christl ("Anonymus") musste sich den Oscar-Abonnenten Dante Ferretti und Francesca Lo Schiavo für "Hugo Cabret" geschlagen geben und der deutsche Kurzfilm "Raju" zog gegen "The Shore" um eine Freundschaft im Nordirlandkonflikt den Kürzeren. Zumindest waren aber die deutschen Effektkünstler Alex Henning und Ben Grossmann von der Frankfurter Firma Pixomondo am Visual-FX-Oscar für "Hugo Cabret" beteiligt.
Als ältester Schauspieler aller Zeiten gewann Christopher Plummer einen Oscar als Nebendarsteller in "Beginners". Der 82-Jährige erlebt im Film von Mike Mills zum Erstaunen seines Sohnes (Ewan McGregor) ein spätes Coming Out. Die Dankesrede des Veteranen zählte zu den absoluten Highlights der diesjährigen Academy Awards. Mit Blick auf die Oscar-Statue in seinen Händen begann Christopher Plummer:
"Mann, Du bist nur zwei Jahre älter als ich, wo warst Du nur die ganze Zeit?!?" Dann wandte er sich ans Publikum: "Wisst ihr, schon als ich aus der Gebärmutter meiner Mutter kam, habe ich diese Dankesrede einzuüben begonnen. Zu Eurem Glück ist das jetzt so lange her, dass ich sie inzwischen vergessen habe. Also: Danke!"
Den Preis für die beste weibliche Nebenrolle überreichte Batman Christian Bale an Octavia Spencer, die in "The Help" eine mutige schwarze Haushaltsgehilfin spielt. Die Gewinnerin nutzte die Chance für einen Flirt: "Danke, dass ihr mich neben den heißesten Typen im Raum gestellt habt!" Spencers Dankesrede ersoff dann aber fast komplett in einer Tränenflut, die Halle Berry alle Ehre machte. Die letzten Worte "Danke… Welt!" konnte man nur noch erahnen.
Zum besten Animationsfilm wurde erwartungsgemäß "Rango" gekürt - eine besondere Genugtuung für Regisseur Gore Verbinski, der in Hollywood wegen seiner drei "Fluch der Karibik"-Filme als Popcorn-Filmemacher verschrien gewesen war. Er dankte überschwänglich Johnny Depp, der im Original dem titelgebenden Wildwest-Chamäleon seine Stimme leiht.
Als großes Highlight war eine Performance der legendären Artisten des Cirque du Soleil angekündigt worden - auch, weil mit 50 Künstlern die größte Truppe für einen Einzelauftritt der Truppe bereit stand. Die Hommage an Filmklassiker wie Hitchcocks "Verdacht" oder "King Kong" wirkte aber recht konventionell, trotz hoch in der Kuppel des Kodak Theatre schwebender Trapeze.
Erwartet souverän agierte Moderator Billy Crystal, der nur Notnagel war, nachdem das eigentlich vorgesehene Duo von Moderator Eddie Murphy und Produzent Brett Ratner wegen rassistischer Entgleisungen Ratners gehen musste. So kündigte Crystal den von seiner Krebserkrankung sichtbar erholten Michael Douglas als Präsentator für den Regie-Oscar mit den Worten an: "He occupied Wall Street, long before that was cool - Er besetzte die Wall Street, lange bevor das als cool galt!"
Und Crystal, der schon zum neunten Mal Oscar-Gastgeber war, lieferte den besten Trost für alle Verlierer des Abends, indem er die Bedeutung der Preisverleihung mit den ironischen Worten relativierte: "Nichts lenkt einen besser von den Wirtschaftskrisen in aller Welt ab, als einem Haufen Millionäre dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig goldene Statuen in die Hand drücken…"
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