Originaltitel: Tanguy
Frankreich 2001
Sabine Azéma
André Dussollier
Eric Berger
Regie: Étienne Chatiliez
Verleih: Prokino (Fox)
Tanguy ist ein rechter Kotzbrocken hinter der Fassade des weltgewandt-freundlichen Menschen. Während Freundin oder Eine-Nacht-Liebschaften abhauen können, haben seine Eltern einen schwereren Stand: Denn der 29-Jährige denkt gar nicht daran, von zu Hause aus zu ziehen zu räumen - bis Mama und Papa dem missratenen Filius den Krieg erklären.

Ein echter Chatiliez! Sechs Jahre, nachdem er Prüderie und gutbürgerliche Heuchelei mit "Das Glück liegt in der Wiese" satirisch auf die Hörner nahm, hält Etienne Chatiliez, der Regisseur von "Tante Danielle", erneut eine verschmitzte Breitseite gegen allzu bemühte politische Korrektheit bereit. Obwohl die schwarze Komödie über ein Elternpaar, das es nicht länger ertragen kann, dass der 28-jährige Sohn immer noch in der elterlichen Wohnung haust, nicht ganz den Biss und gnadenlosen Fokus der Vorgänger besitzt, ist die Frontalattacke auf spießige Scheinheiligkeit Balsam auf den Seelen derer, die nicht länger unreflektiert das Hohelied auf die Unantastbarkeit des bürgerlichen Familienlebens singen wollen.
Tanguy ist ein rechter Kotzbrocken, auch wenn das erst auf dem zweiten Blick augenfällig wird: Zunächst wirkt der Japan- und China-Student nämlich weltgewandt, freundlich, aufgeschlossen. Schnell lässt Chatiliez den Zuschauer dann allerdings entdecken, dass sich hinter Tanguys schleimiger Unverbindlichkeit ein gnadenloser Egozentriker versteckt, für den nur der eigene Vorteil zählt. Darunter haben alle Mitmenschen zu leiden. Doch während die Freundin oder Eine-Nacht-Liebschaften mühelos Distanz gewinnen können, haben die Eltern dieses Mensch gewordenen Parasiten einen schwereren Stand, zumal der gar nicht daran denkt, sein Domizil in der elterlichen Wohnung zu räumen - bis Mama und Papa ihrem Filius den Krieg erklären. Mit gewohnter Präzision lässt Chatiliez die Auseinandersetzung eskalieren und hat - wie könnte es anders sein? - gerade an den niederträchtigsten Bosheiten seine größte Freude. Nach "Das Glück liegt in der Wiese" bekleidet erneut die wunderbare Sabine Azéma die weibliche Hauptrolle, diesmal jedoch nicht als bornierte Zicke, sondern als bemitleidenswerte Mittvierzigerin mit psychosomatischen körperlichen Reaktionen auf ihr eigen Fleisch und Blut, für die der Guerillakampf gegen den Filius zum befreienden Akt wird. Ihr zur Seite stehen André Dussollier als leidgeprüfter Vater am Ende seiner Nerven und Eric Berger als sehr clever ambivalent angelegte Titelfigur: Gerade weil das Mamasöhnchen sich seiner Unausstehlichkeit nicht bewusst ist und sich selbst eigentlich für einen ganz lockeren, umgänglichen Typen hält, ist das Duell, das nach etlichen Aufs und Abs schließlich vor dem Richter seinen Höhepunkt erlebt, so reizvoll: Chatiliez' Sympathien sind klar verteilt, aber es bereitet ihm eine Heidenfreude, dem Zuschauer ein schlechtes Gewissen einzujagen, wenn er sie mit ihm teilt. Dass "Tanguy" trotz all seiner Vorzüge nicht ganz an die Vorgänger Chatiliez' heranreicht, mag daran liegen, dass ihm erstmals nicht Florence Quentin als Drehbuchautorin zur Seite stand: Gerade im Mittelteil hätte diesem Spaß, der durchaus in der Tradition doppelbödiger Frankokomödien wie "Doktor Popaul" steht, mehr dramatischen Zug oder wenigstens eine geradlinigere Entwicklung gut zu Gesicht gestanden, zumal er visuell allzu beliebig gestaltet ist. Natürlich lässt sich nicht von der Hand zu weisen, dass Etienne Chatiliez' Filme dem Genregros auch dann noch haushoch überlegen sind, wenn sie nicht ganz perfekt sind: Die Lust des Regisseurs, den Finger in Wunden zu legen und gegen den Strom zu schwimmen, lässt seinen Film in Zeiten pubertärer Klamotten mit platten Hauruck-Pointen zum überlegen schimmernden Juwel werden. ts.
Das Frühjahr im Kino? Schnell abhaken. Das war's nicht, weder was Umsätze noch puren Filmgenuss anbetrifft. Zu viel "Rollerball", zu wenig "Mulholland Drive", und kein "Black Hawk Down" weit und breit.
Besserung naht, so darf man als Filmfan hoffen, im Sommer - einst belächelte Stiefsaison, mittlerweile aber mit ähnlich viel Power wie in den USA, wo man seit Jahren die höchsten Umsätze während der Hitzewelle einfährt. Mit Staunen kann man also seine Augen über das Lineup der diesjährigen Sommersaison wandern lassen - und sich erstmal freuen angesichts der Popcorn-Wunder, die auf uns zurollen.
Besonders augenfällig ist selbstverständlich das Duell zwischen "Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger" und "Spider-Man", das mit dem Zweikampf von "Harry Potter" und " Herr der Ringe" im vergangenen (und kommenden) Winter zu vergleichen ist.
"Episode 2" kann auf den eingeführten Namen setzen und vertrauen: "Episode I" kam vor drei Jahren auf acht Mio. Besucher und war erfolgreichster Kinofilm des Jahres 1999. Der neue Film verspricht spektakulärere Action, aufwändigere Bilder und eine komplexere, dramatisch dichtere Handlung, also sollte sich der Erfolg des Vorgängers durchaus toppen lassen.
Auf Spinnenbeinen an die Spitze?
Es sei denn, der drei Wochen später startende "Spider-Man" nimmt dem SF-Epos den Wind aus den Segeln. Ebenfalls für mehr als 100 Mio. Dollar hergestellt, handelt es sich um die von Comicfans seit Jahren herbeigesehnte Verfilmung des beliebtesten aller Marvel-Comics.
Mit Tobey Maguire, Kirsten Dunst und Willem Dafoe brillant besetzt, ist es Sam Raimi tatsächlich gelungen, den Look und das Feeling der Hefte adäquat für die Leinwand zu übersetzen: Hier gibt es nicht nur Effekte en masse, sondern auch eine witzige, berührende Geschichte eines Teenagers, der von einer Null zum Helden wird und schmecken muss, dass mit Ruhm auch die bittere Last der Verantwortung einhergeht.
Back in black
Aber auch die "Men in Black 2" darf man nicht unterschätzen: Vor fünf Jahren war der erste Teil mit 7,3 Mio. Besuchern der zweiterfolgreichste Film 1997 (nach "Titanic"). Nun hat sich das komplette Erfolgsteam von damals (Will Smith, Tommy Lee Jones, Barry Sonnenfeld) erneut eingefunden, um die pfiffige Saga weiter zu erzählen, in der diesmal die Rollen vertauscht sind (Smith muss jetzt Jones anlernen).
Mit "Scooby-Doo" geht noch eine weitere Comicverfilmung an den Start und zielt vor allem auf das Familienpublikum. Die Frage ist lediglich, ob der in den USA kultisch verehrte Cartoon-Hund (unterstützt von dem Jungstar-Kollektiv Matthew Lillard, Freddie Prinze und Sarah Michelle Gellar) hierzulande über den ausreichenden Bekanntheitsgrad verfügt, um in der Endabrechnung unter den ganz großen Rennern der Saison landen zu können - zumal am gleichen Wochenende zwei weitere Hitkandidaten an den Start gehen.
Cartoon Connection
"Spirit - Der wilde Mustang", der zweite Dreamworks-Zeichentrickfilm nach "Der Prinz von Ägypten", wendet sich überdies auch noch an die gleiche Zielgruppe, während "Wir waren Helden" mit Mel Gibson vornehmlich ein erwachsenes Publikum ansprechen sollte. In den USA war der ebenso kompromisslose wie patriotische Kriegsfilm mit einem Einspiel von etwa 75 Mio. Dollar einer der Hits des Frühjahrs.
"Spirit" und "Scooby-Doo" treffen überdies auf den Widerstand von "Lilo & Stitch", Disneys 41. abendfüllender Zeichentrickfilm, der zwar inhaltlich ganz neue Wege geht, aber auf die Power von einer handvoll Elvis-Songs setzen darf, die ganz wunderbar in die Story der Freundschaft eines hawaiianischen Mädchens mit einem garstigen Pokemon-Alien eingebaut wurden.
Blockbuster-Classics
Darüber hinaus setzt der Verleih wie gewohnt auf Blockbuster-Produzent Jerry Bruckheimer, dessen "Bad Company" vom Look und Inhalt an "Der Staatsfeind Nr. 1" erinnert: Anthony Hopkins muss in Windeseile aus dem Straßenpunk Chris Rock einen brauchbaren CIA-Agenten machen, um die Welt zu retten.
Und auch der Drachenfilm " Reign of Fire " mit Matthew McConaughey und Christian Bale hat das Zeug zum Renner des letzten Sommerabschnitts, was auch für John Woos "Windtalkers" oder den vierten Jack-Ryan-Film "Sum of All Fears", diesmal mit Ben Affleck (überdies ab 29. August in dem bemerkenswerten US-Nummer-eins-Film "Spurwechsel") gilt.
Komödien satt
Besonderes Augenmerk sollte man auf "About a Boy" (UIP, 22. August) richten, der männlichen Antwort auf "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück" nach einem Bestseller von Nick Hornby, in der Hugh Grant seine bislang reifste komödiantische Leistung abliefert.
Jugendliche Filmfans werden indes mit der "Zurück in die Zukunft"-Variante "Clockstoppers", dem Sexulk "40 Tage und 40 Nächte" mit Josh Hartnett, dem Grossout-Spaß "Van Wilder" und der neuen Adam-Sandler -Komödie "Mr Deeds" (Columbia TriStar, 25. Juli) bedient.
Die ganze Palette aus Deutschland
Nicht allzu viele deutsche Produktionen stellen sich dem Ansturm der Hollywood-Schwergewichte: Die besten Karten hat vermutlich "Erkan & Stefan und die Mächte der Finsternis", da die beiden Blödelexperten auf einen erfolgreichen ersten Film (1,2 Mio. Besucher) und dank ihrer TV-Sendung "Headnut TV" auf gesteigerte Popularität bauen können.
Mit "Auf Herz und Nieren" meldet sich Thomas Jahn nach mehrjähriger Schaffenspause wieder mit einer markigen Krimikomödie zurück, während Michael Gutmann in der Claussen + Wöbke-Produktion "Herz im Kopf" eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt. Mit "Der Felsen" und "Baader" suchen auch zwei deutsche vieldiskutierte Wettbewerbsbeiträge der Berlinale ihr Glück beim Sommerpublikum.
Preisgekrönt und künstlerisch
Überhaupt stehen die Zeichen gut für attraktives Kunstkino: Berlinale-Publikumsliebling "8 Frauen" hat das Zeug zum Sleeperhit; Etienne Chatiliez versucht, mit "Tanguy - Der Nesthocker" an den Erfolg von "Das Glück liegt in der Wiese" anzuknüpfen, und Robert Altman öffnet endlich die Pforten zu seinem Oscar-nominierten "Gosford Park", in dem er Agatha Christie mit listiger Sozialkritik verknüpft.
Echte Leckerbissen sind neben dem nach zwei Jahren Wartezeit endlich auch bei ins in die Kinos kommenden "Sexy Beast" mit einem sensationellen Ben Kingsley die feine Romanverfilmung "Besessen" mit Gwyneth Paltrow und Adrian Lynes Rückkehr auf " Verhängnisvolle Affäre"-Territorium mit "Untreu", in dem Richard Gere eine, nun ja, verhängnisvolle Affäre seiner Ehefrau auf die Spur kommt. Politisch Interessierte werden bei "Der Stellvertreter" von Costa-Gavras auf ihre Kosten kommen.
Und wer jetzt immer noch nichts gefunden hat, worauf er sich freut, dem sei jetzt schon viel Spaß im Freibad, bei der Radtour, am Strand oder im Biergarten gewünscht.
Thomas Schultze
Französische Schauspielerin und César-Preisträgerin. Mit Temperament, Energie und Improvisationsfreude gehört Sabine Azéma seit ihrem...
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