Naseeruddin Shah
Lillete Dubey
Shefali Shetty
Regie: Mira Nair
Verleih: Prokino (Fox)
Bei einer pompösen, gutbürgerlichen Hochzeit in Neu-Delhi treffen nicht nur die verschiedensten Typen, sondern auch Tradition und Moderne mit Macht aufeinander.
Mira Nair, indische Regisseurin und Wahl-New-Yorkerin, orientiert sich bei ihrem "Goldener Löwe"-Gewinner deutlich an Meisterregisseur Robert Altman und verknüpft so schlafwandlerisch sicher wie er diese beißende Gesellschaftssatire mit erstklassiger Leinwandunterhaltung.

Satyajit Ray trifft Robert Altman, so lässt sich Mira Nairs diesjähriger Venedig-Sieger in wenigen Worten recht treffend subsumieren. Nair, hierzulande dem Arthouse-Publikum durch Filme wie "Salaam Bombay!" oder "Mississippi Masala" wohlbekannt, schildert in ihrer in Neu Delhi angesiedelten Tragikomödie die turbulenten Geschehnisse rund um eine Mittelklasse-Hochzeit. Dabei treffen Tradition und Moderne, Hollywood und Bollywood, Gucci und Saris mit geballter Wucht aufeinander, was ebenso spaßige wie ernste Folgen nach sich zieht. Kunst und Kommerz gehen bei diesem "Goldenen Löwen"-Gewinner eine dermaßen wunderbare Ehe ein, dass mit einer lukrativen Kinoauswertung durchaus gerechnet werden darf.
1978 feierte Robert Altman "Eine Hochzeit", die im Ergebnis nichts anderes war als eine satirische Gesellschaftsstudie der gehobenen US-Mittelklasse. 17 Jahre zuvor hatte Satyajit Ray in seinem Episodenfilm "Drei Töchter" einen jungen Mann nach dem Studium in sein Heimatdorf zurückkehren lassen, wo seine Mutter ihn mit einer potentiellen Ehefrau erwartete. Er aber entschied sich, ein anderes Mädchen zu heiraten. Den kritischen Blick auf die Gesellschaft von heute, den hat sich Nair bei Altman "ausgeliehen", den Widerstreit zwischen traditioneller Religion, modernen Lebensformen sowie überkommenen Feudalstrukturen bei ihrem großen Landsmann Ray "abgeguckt". "Monsoon Wedding" erzählt von einer zu Wohlstand gekommenen Punjabi-Sippe im zeitgenössischen Indien und ist gleichzeitig eine Liebeserklärung an Neu Delhi, der Heimatstadt Mira Nairs, die heute in New York City lebt und an der Columbia Film School lehrt.
Vier Tage lang verfolgt die Filmemacherin, nach dem vorzüglichen Drehbuch-Erstling ihrer Assistentin an der Filmschule, Sabrina Dhawan, die Hochzeitsvorbereitungen der sympathisch-chaotischen Familie Verma, deren Verwandte aus allen Ecken der Welt zu diesem (nicht nur) freudigen Anlass anreisen. Dazu verwebt sie geschickt fünf verschiedene Handlungsstränge miteinander. Etwa den der Braut Aditi, die ihrem verheirateten Chef und Geliebten nachtrauert, oder den des geschäftstüchtigen Hochzeitsausrichters P.K. Dubey, der sich hoffnungslos in die reizende Alice, Bedienstete der Vermas, verliebt.
Insgesamt mehr als 60 Sprechrollen hat Nair besetzt, die sie am Ende des Films, wenn der Monsoon - einer Katharsis gleich - aus den Wolken prasselt und jeglichen Schmutz in die Gosse fegt, mit wunderbarer Leichtigkeit alle miteinander in Beziehung gebracht haben wird. Dabei räumt die Regisseurin ihren Darstellern, eine bunte Mischung aus indischen Stars, Laien, Newcomern und Familienmitgliedern, ebensoviel Raum ein wie der Stadt ihrer Jugend. Das Delhi von heute ist zum globalisierten Dorf mutiert, in dem Tradition und Moderne an jeder Ecke zusammenstoßen. Versace und Prada sind selbstverständlich wie Stromausfälle und Verkehrsstaus, der Laptop genauso unvermeidlich wie das Handy und die Sprache ein rasantes Gemisch aus Englisch, Hindi und Punjabi.
Bei allem Spaß und trotz des für eine Komödie nötigen Tempos findet Mira Nair nebenbei auch Zeit, das in Indien noch weit verbreitete "Onkelchen-Phänomen" anzuprangern. Ein riskantes, geradezu unerhörtes Unterfangen, ist sie doch die erste heimische Filmemacherin, die sich mit dem Thema Pädophilie auseinandersetzt und darüber hinaus auch noch eine Lanze für ihre Landsfrauen bricht, die sich allmählich, wenn auch nur unter großen Mühen, vom überkommenen Kastenwesen und dessen Fesseln zu lösen versuchen.
Und schließlich erweist Nair auch dem klassischen Bollywood-Kino, dem ewigen Versuch der in Bombay beheimateten Filmindustrie Hollywood nachzuahmen, eine liebevolle Referenz. So ziehen Wolken unheilschwanger durchs Bild, wird zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit getanzt, verlieren die Verliebten wortwörtlich den Boden unter den Füßen und ist der Soundtrack erfüllt von indischen und westlichen Klängen - von so genannten Ghazals (traditionelle Liebeslieder) über modernen indischen Pop bis hin zu Jazz und Bhangra (Punjabi Folk-Pop). Kurzum: Nair ist hier eine perfekte Synthese aus amerikanischem und indischem Film gelungen, ein grenzüberschreitendes, zutiefst humanes Werk, das ebenso gut unterhält wie zum Nachdenken anregt. So soll Kino sein! geh.
| Darsteller: | Naseeruddin Shah | als Lalit Verma | |
|---|---|---|---|
| Lillete Dubey | als Pimmi Verma | ||
| Shefali Shetty | als Ria Verma | ||
| Vijay Raaz | als P.K. Dubey | ||
| Tilotama Shome | als Alice | ||
| Vasundra Das | als Aditi Verma | ||
| Parvin Dabas | als Hemant Rai | ||
| Kulbushan Kharbanda | als C.L. Chadha | ||
| Kamini Khanna | als Shashi Chadha | ||
| Rajat Kapoor | als Tej Puri | ||
| Neha Dubey | als Ayesha Verma | ||
| Ishaan Nair | als Varun Verma | ||
| Randeep Hooda | als Rahul Chadha | ||
| Roshan Seth | als Mohan Rai | ||
| Soni Razdan | als Saroj Rai | ||
| Sameer Arya | als Vikram Mehta | ||
| Rahul Vohra | als Uday Verma | ||
| Natasha Rastogi | als Sona Verma | ||
| Vimla Bhushan | als Veena Verma | ||
| Ira Pandey | als Vijaya Puri | ||
| Regie: | Mira Nair | ||
| Drehbuch: | Sabrina Dhawan | ||
| Produzent: | Caroline Baron | ||
| Mira Nair | |||
| Ausf. Produzent: | Jonathan Sehring | ||
| Caroline Kaplan | |||
| Kamera: | Declan Quinn | ||
| Schnitt: | Allyson C. Johnson | ||
| Musik: | Mychael Danna | ||
| Produktionsdesign: | Stephanie Carroll | ||
| Sunil Chabra | |||
| Kostüme: | Arjun Bhasin | ||
| Ton: | Henri Morelle | ||
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