Owen Wilson
Rachel McAdams
Marion Cotillard
Regie: Woody Allen
Verleih: Concorde
Das amerikanische Paar Gil und Inez macht Urlaub in der französischen Hauptstadt und genießt die gemeinsame Zeit in der Stadt der Liebe. Als sie einen alten Bekannten, den kulturell beflissenen Intellektuellen Paul, treffen, tut sich vor allem Gil mit der unerwarteten Begleitung nicht leicht. Als eines Abends Inez mit Paul tanzen gehen will, Gil aber keine Lust hat, streift er allein durch Paris und erlebt die Nacht seines Lebens - was natürlich Auswirkungen auf die Beziehung hat.

Woody Allens 42. Regiearbeit würde ein perfektes Double-Feature mit "Purple Rose of Cairo" abgeben: Der Eröffnungsfilm des 64. Festival de Cannes ist eine charmante Fantasie mit Verweisen auf klassische Märchen, die ihren Protagonisten immer nach Mitternacht eine Zeitreise in das Paris der Zwanzigerjahre antreten lässt.
Die Frage, was genau es an Paris sein könnte, dass die Stadt Woody Allen seine romantischsten und zauberhaftesten Filme abringt, ist eine rhetorische. Natürlich: 15 Jahre nach "Alle sagen: Ich liebe dich" ist die Stadt der Liebe wieder Kulisse eines der Filme des auf seiner nunmehr sechs Jahre anhaltenden Europatournee nach London und Barcelona wieder in Frankreich angekommenen Filmemachers. Für Allen ein erstrebenswerter Ort, in dem alle Gesetze von Raum und Zeit aufgehoben und seine Schauspieler von einem ganz besonderen Glanz umhüllt werden. So wie es damals selbstverständlich erschien, dass Goldie Hawn und Steve Martin mitten im Tanz den Boden unter den Füßen verlieren und über der Seine schweben, ist es nun einfach nur konsequent, dass die Stadt der Liebe Owen Wilson immer pünktlich nach Mitternacht auf Zeitreise schickt und in eine Märchenwelt eintauchen lässt , die den tiefsten Wünschen seiner Hauptfigur entsprungen scheint.
Hauptfigur Gil jedenfalls, ein unzufriedener Hollywood-Drehbuchautor, der all seiner Erfolge zum Trotz seine Bestimmung als Schriftsteller sieht, träumt bei einer Parisreise mit seiner Verlobten Ines, Tochter reicher Eltern, davon, es seinen Idolen gleichzutun und einen Neuanfang in der Stadt der Liebe zu wagen, womit er auf Unverständnis bei Ines stößt. Als er sich bei einem Spaziergang verirrt, wird er nach Mitternacht von einem Auto abgeholt und in der Zeit zurück katapultiert. Auf einmal steht er inmitten der Großen der Kunstszene in den Zwanzigerjahren. Hemingway, Picasso, Gertrude Stein, Cole Porter, Dali haben Auftritte - und eine bildschöne Muse namens Adriana, hinreißend gespielt von der umwerfenden Marion Cotillard, die auch Gils Sicht aufs Leben verändert und zu einer Entscheidung drängt, welches Leben in welcher Zeit wirklich seines ist.
Owen Wilson bietet als Allens Alter ego mit seinem Westküsten-Surfer-Zen-Stil eine spannende Interpretation des von Unsicherheiten geplagten Stadtneurotikers, was gerade im Zusammentreffen der Großen der Zwanzigerjahre eine interessante und witzige Mischung abgibt. Woody Allen findet indes Zeit für ein paar Seitenhiebe gegen die Tea Party, Eigenzitate (der Einstieg mit einer Reihe von Postkartenmotiven zu den Klängen eines Dixielandstücks - die Tourismusbehörde hätte sie nicht schöner auswählen können - verweist auf die letzten Einstellungen von "Manhattan") und sogar Recycling eigener Gags, vor allem aber lässt er Paris und mit der Stadt seine Schauspieler erstrahlen und hüllt sie in einen unwiderstehlichen Glanz. Dieser Film ist eine Fantasie, ein Märchen, ein "Chroniken von Narnia" für den lesenden Menschen, in dem sich mir nichts dir nichts Türen zu einer anderen Welt öffnen, aber er ist auch sehr klug im Umgang mit Nostalgie und welche Bedeutung sie im Leben hat. Ein Film, auf den der 75-Jährige stolz sein kann und in dem auch der vielpublizierte Auftritt von Carla Bruni als Fremdenführerin kein Ausreißer nach unten darstellt. ts.
| Darsteller: | Owen Wilson | als Gil | |
|---|---|---|---|
| Rachel McAdams | als Inez | ||
| Marion Cotillard | als Adriana | ||
| Tom Hiddleston | als Mr. Fitzgerald | ||
| Adrien Brody | als Salvador | ||
| Kathy Bates | als Gert | ||
| Michael Sheen | als Paul | ||
| Kurt Fuller | als John | ||
| Mimi Kennedy | als Helen | ||
| Carla Bruni | als Museumsdirektorin | ||
| Regie: | Woody Allen | ||
| Drehbuch: | Woody Allen | ||
| Produzent: | Letty Aronson | ||
| Jaume Roures | |||
| Stephen Tenenbaum | |||
| Ausf. Produzent: | Javier Méndez | ||
| Kamera: | Darius Khondji | ||
| Schnitt: | Alisa Lepselter | ||
| Produktionsdesign: | Anne Seibel | ||
| Kostüme: | Sonia Grande | ||
Völlig überraschend ist der Kritikerliebling "The Artist" bei den Oscar-Nominierungen von Martin Scorseses "Hugo Cabret" um einen Waisen im Pariser Bahnhof überholt worden.
Von der Academy am häufigsten nominiert: "Hugo Cabret" und der 3D-Schwarzweiß-Stummfilm "The Artist" (Foto: Paramount, Delphi)
Hollywood hatte schon die Revolution des Kinos ausgerufen. Schließlich galt - und das in den Zeiten der Megaerfolge von Spektakeln wie "Avatar" & Co. - mit "The Artist" ein kleiner, feiner Stummfilm in Schwarzweiß über die Liebe zweier Schauspieler am Ende der Stummfilmära als Favorit bei den Oscar-Nominierungen.
Nachdem Jungstar Jennifer Lawrence und Academy-Präsident Tom Sherak nun die Nominierungen bekannt gegeben haben, steht das belgisch-französische Kunstwerk mit insgesamt zehn Nominierungen zwar auch ordentlich da, doch ein Altmeister hat den Kritikerliebling noch überholt:
Martin Scorseses in prächtigen Bildern schwelgende 3D-Kinderbuchverfilmung "Hugo Cabret" um einen Waisenjungen, der im Pariser Bahnhof Montparnasse Gare lebt, heimste insgesamt elf Oscar-Nominierungen ein. Die leidlich bekannte Vorliebe der Academy für US-Produktionen gegenüber europäischen mag dabei eine Rolle gespielt haben.
Allerdings ist "Hugo Cabret" zwar in den Hauptkategorien Bester Film und Beste Regie nominiert, ansonsten gab's die Award-Chancen aber eher in den technischen Nebenkategorien wie Visual Effects, Kamera, Schnitt, Ausstattung, Ton, Tonschnitt, Musik und Drehbuchadaption. Dagegen sind mit Jean Dujardin und Bérénice Bejo in "The Artist" auch der Haupt- und die Nebendarstellerin nominiert. Die beiden Filme werden wohl den Oscar für den besten Film unter sich ausmachen.
Dujardin wird sich allerdings sehr wahrscheinlich George Clooney beugen müssen, der als überforderter Vater, der in "The Descendants" erfährt, dass ihn seine im Koma liegende Frau betrogen hat, als Favorit für den Hauptrollen-Oscar gilt. Auch Clooneys Regisseur Alexander Payne ("Sideways") ist nominiert und darf sich darüberhinaus über eine Berücksichtigung als bester Film und insgesamt 5 Oscar-Chancen freuen.
Clooneys Kumpel Brad Pitt ist als Coach, der erstmals Computerstatistiken benutzt, im Baseballdrama "Moneyball" für den Hauptrollenoscar nominiert. Das Sportspektakel gehört mit insgesamt 5 Nominierungen, darunter als bester Film, ebenfalls zu den meistberücksichtigten Werken. Gefährlich könnte George Clooney vermutlich eher noch Gary Oldman werden, der in "Dame, König, As, Spion" einen Maulfwurf im Secret Service aufspüren soll. Lediglich Außenseiterchancen hat Demián Bichir, dessen Nominierung für "A Better Life" bereits eine Riesenüberraschung und -ehre darstellt.
Absolut gesetzt ist Meryl Streep für den weiblichen Hauptrollenoscar. Ihre gespenstisch gute Verkörperung der britischen Permierministerin Margaret Thatcher in "Die Eiserne Lady" brachte ihr bereits die 17. Oscar-Nominierung ein. Da wird es höchste Zeit für den dritten Sieg nach "Kramer gegen Kramer" und "Sophies Entscheidung", wie ganz Hollywood meint.
Ansonsten wäre Rooney Mara als Lisbeth Salander in der US-Neuverfilmung des ersten Teils der schwedischen Kultkrimi-Trilogie "Millennium", "Verblendung", eine starke Herausforderin, ebenso Michelle Williams als Leinwand-Legende Marilyn Monroe in "My Week with Marilyn" und Glenn Close, die sich in "Albert Nobbs" im Dublin des 19. Jahrhundert als Mann verkleidet, um in der Gesellschaft aufzusteigen. Auch Viola Davis glänzte im Südstaatendrama um die ersten afroamerikanischen Haushaltsgehilfinnen in "The Help", das insgesamt sechs Nominierungen erhielt, darunter als bester Film und für Octavia Spencer als beste Nebendarstellerin.
In jener Kategorie gilt wiederum Bérénice Bejo aus "The Artist" als leichte Favoritin. Sie glänzt als eine der ersten Tonfilm-Diven, die ausgerechnet einen alten Stummfilm-Star (Jean Dujardin) liebt, dessen Stern nun am Sinken ist. Octavia Spencer und Jessica Chastain, beide für "The Help" nominiert, werden als starke Herausforderinnen gesehen. Janet McTeer, die in "Albert Nobbs" ebenfalls einen Mann spielt, und Melissa McCarthy in der Komödie "Brautalarm" dürften eher geringe Chancen haben.
Einen glasklaren Favoriten gibt es bei den männlichen Nebendarstellern: Albert Brooks mutet in "Beginners" seinem Filmsohn Ewan McGregor ein spätes schwules Coming out zu - beeindruckend und herzerweichend. Das Nachsehen haben werden daher Max von Sydow als Holocaust-Opfer im 9/11-Drama "Extrem laut und unglaublich nah", Kenneth Branagh als Sir Laurence Olivier in "My Week with Marilyn", Jonah Hill als Sidekick von Coach Brad Pitt in "Moneyball" und Nick Nolte als versoffener Rabenvater in "Warrior".
Unter den Regisseuren dürfte es dagegen extrem spannend werden. Von den fünf Nominierten Michel Hazanavicius ("The Artist"), Alexander Payne ("The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten"), Woody Allen ("Midnight in Paris"), Terrence Malick ("The Tree of Life") und Martin Scorsese ("Hugo Cabret") kann eigentlich jeder gewinnen. Nachdem die Filme der fünf Macher auch allesamt in der Kategorie Bester Film ins Rennen gehen, könnte der gewinnen, dessen Werk auch den Königspreis abräumt. Denn die Regie wird dafür von der Academy traditionell als Schlüsselkategorie angesehen.
Aus deutscher Sicht gab es zwar nicht wie erhofft eine Chance auf den Auslandsoscar für Wim Wenders' "Pina", hier gilt der iranische Beitrag "Nader und Simin - Eine Trennung" als Favorit, der auch für das Drehbuch nominiert wurde. Dafür wurde der bildstarke deutsche Beitrag über die Choreographen-Legende Pina Bausch als beste Doku nominiert und hat hier auch berechtigte Sieg-Chancen.
Mit dem Kurzfilm "Raju" von Max Zähle und Stefan Gieren geht ein weiterer deutscher Kandidat ins Oscarrennen. Der Film wurde im Vorjahr bereits mit dem Studentenoscar ausgezeichnet. Außerdem wurde die deutsche Kostümbildnerin Lisy Christl nominiert für ihre Arbeit an Roland Emmerichs Historiendrama "Anonymus".
Bei den für die Academy immer wichtiger werdenden Animationsfilmen zeichnet sich ein Dreikampf zwischen "Rango", "Der gestiefelte Kater" und "Kung Fu Panda 2" ab. Den Spezialeffekte-Oscar dürften entweder "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2" oder "Planet der Affen: PRevolution" einheimsen.
Wer dann tatsächlich alles einen Goldjungen mit nach Hause nehmen darf, das entscheidet sich in der Nacht von Sonntag, den 26.2., auf Montag, den 27.2., im Kodak Theatre von Los Angeles. Moderieren darf den wichtigsten Abend der Traumfabrik dabei Comedy-Superstar Billy Crystal - und das bereits zum neunten Mal!
Doch Crystal ist nur ein Notnagel, denn eigentlich sollte ein anderer die Filmschaffenden mit coolen Sprüchen begeistern: Eddie Murphy! Aber der sagte ab, weil der als Regisseur der Zeremonie geplante Brett Ratner, mit dem Murphy zuletzt den Komödienhit "Aushilfsgangster" gedreht hat, abgesetzt wurde: Er hatte sich im Vorfeld zu schwulenfeindlichen Witzen hinreißen lassen.
Nun freut sich also Billy Crystal auf die Goldjungs-Gala. Und auch wenn natürlich selbst er noch keine Preisträger kennt und auch wenn sein gespannt erwarteter Eröffnungs-Monolog ebenfalls streng geheim bleibt, so hat er zumindest soviel über seine Pläne für die Verleihung verraten: "Mein großes Thema für den Abend lautet: 'Wie habt Ihr Euch eigentlich ins Kino verliebt?' Schließlich verbindet uns das alle und das müssen wir mal so richtig feiern!"
Was für ein schönes Motto für die Nacht, in der diejenigen geehrt werden, die dieser Liebe immer wieder Nahrung geben...
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