Ein Zwölfjähriger fährt jeden Tag vom Tal hinauf ins verschneite Bergmassiv, um Touristen zu bestehlen. Nicht, um sich irgendwelche PC-Games zu kaufen, sondern um vom Verkauf des Diebesguts banale Dinge wie Milch, Brot und Klopapier zu bezahlen. Er lebt in einem unwirtlichen Hochhaus zusammen mit seiner jungen Mutter, die sich bei ihren Lovern als seine Schwester ausgibt und für deren Unterhalt er sorgt. Seine Sehnsucht nach ein bisschen Zärtlichkeit und Zuneigung bleibt unerwidert.

Die Suche eines Zwölfjährigen nach ein bisschen Zärtlichkeit und Zuneigung in der nicht ganz so heilen Schweizer Bergwelt.
Mit ihrem Spiefilmdebüt "Home" führte Ursula Meier in eine Familie, deren Domizil an der lärmenden Autobahn sich in eine Hölle verwandelt, in ihrem zweiten Werk "L'enfant d' en Haut" sind es die leisen und verzweifelten Töne, die die innere Hölle eines Kindes erahnen lassen, dessen stummer Schrei nach Liebe wie ein Echo an der Felswand verhallt.
Der zwölfjährige Simon fährt jeden Tag mit dem Lift vom Tal nach oben auf den Berg. Nicht um die Pisten herunter zu brettern oder die Sonne zu genießen, sondern um zu klauen. Ob Skihelm oder Skier, Anorak oder Mütze, Schal oder Sandwich - er nimmt alles mit. Und als ihn mal ein Kellner erwischt, sagt er auch warum. Ganz einfach, er verscherbelt das Diebesgut, um die notwendigen Dinge des Alltags zu kaufen - Milch, Klopapier oder Brot. Mit einer jungen Frau, die sich vor ihren diversen Liebhabern als seine Schwester ausgibt, aber in Wirklichkeit seine Mutter ist, wohnt er in einem unwirtlichen Hochhaus. Er trägt Verantwortung und sorgt für sie, er schleppt die Betrunkene nach Hause, er zahlt in einem bitteren Moment sogar in bar für eine paar zärtliche Gesten und dafür, dass er sich in ihrem Bett an sie kuscheln darf. Aber wenn seine Freunde die "Schwester" als Nutte bezeichnen, verteidigt er sie vehement.
Wie Kacey Mottet Klein den coolen Jungen mimt, der mit großen und sehnsuchtsvollen Augen zuguckt, wie eine Mutter ihren Kinder das Gesicht eincremt, das tut fast physisch weh und man leidet mit ihm. Wenn Léa Seydoux auf hohen Absätzen durchs Leben stiefelt und dabei nicht merkt, wie sie eine Kinderseele irreparabel schädigt, ihrem Sohn ins Gesicht schleudert, sie habe ihn eigentlich nicht gewollt, dann ist das so schrecklich und so kalt, das einem fast der Atem stockt. Ohne sich in plakative Bilder zu verlieren, zeigt dieses sensible Drama die Kehrseite der properen Schweiz, wo oben auf glitzernden weißen Berghängen sich die Reichen und Schönen vergnügen, während unten im grauen Tal andere ums Überleben kämpfen. Im emotionalen Stil der Dardenne-Brüder gelingt der französisch-schweizerischen Filmemacherin ein starkes Stück Kino, nicht zuletzt auch wegen der HD Kamera von Agnès Godard, die mal mit der Steadycam hastig ihrem Protagonisten folgt, dann wieder in festen Einstellungen das Alpenpanorama einfängt. Das präsentiert sich schroff und unzugänglich. Metapher für die sozialen Mauern der Gesellschaft. mk.
| Darsteller: | Léa Seydoux | als Louise | |
|---|---|---|---|
| Kacey Mottet Klein | als Simon | ||
| Martin Compston | als Mike | ||
| Gillian Anderson | als die englische Frau | ||
| Jean-François Stévenin | als der Chefkoch | ||
| Yann Trégouët | als Bruno | ||
| Gabin Lefèbvre | als Marcus | ||
| Dilon Ademi | als Dilon | ||
| Magne Havard Brekke | als der gewalttätige Skifahrer | ||
| Johan Libéreau | |||
| Regie: | Ursula Meier | ||
| Drehbuch: | Antoine Jaccoud | ||
| Ursula Meier | |||
| Gilles Taurand | |||
| Produzent: | Ruth Waldburger | ||
| Denis Freyd | |||
| Kamera: | Agnès Godard | ||
| Schnitt: | Nelly Quettier | ||
| Musik: | John Parish | ||
| Produktionsdesign: | Ivan Niclass | ||
| Kostüme: | Anne Van Brée | ||
| Maske: | Danièle Vuarin | ||
| Ton: | Henri Maïkoff | ||
| Casting: | Aurélie Guichard | ||
Strahlende Gewinner bei der Verleihung der begehrten Berlinale-Bären. "Bester Film" wurde eine italienische Produktion, zwei Bären in Silber gingen an deutsche Filmschaffende
62. Berlinale: Regisseur Christian Petzold erhielt einen Silbernen Bären (Foto: Kurt Krieger)
Die 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin sind beendet: Den Goldenen Bären für den besten Film verlieh die Jury um Mike Leigh dem italienischen Beitrag "Cesare deve morire" der Brüder Taviani. "Csak a szél - Just the Wind", eine ungarisch-deutsch-französische Koproduktion, von Benedek Fliegauf erhielt den Großen Preis der Jury.
Der Silberne Bär für die beste Regie wurde Christian Petzold für "Barbara" verliehen. Als bester Schauspieler wurde Mikkel Boe Følsgaard für seine Leistung in "Die Königin und der Leibarzt" geehrt.
Außerdem wurde der Film für das beste Drehbuch prämiert, das von Regisseur Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg stammt. Es handelt sich um eine dänisch-tschechisch-schwedisch-deutsche Koproduktion. Beste Schauspielerin ist Rachel Mwanza für den kanadischen Beitrag "Rebelle".
Der Silberne Bär für herausragende technische Leistung ging an den Kameramann Lutz Reitemeier für seine Arbeit an "Bai lu yuan - White Deer Plain" von Quan'an Wang. Eine lobende Erwähnung der Jury erhielt der Film "L' enfant d'en haut" von Ursula Meier, die überdies mit einem Silbernen Bären verbunden war. Der Alfred Bauer Preis für einen Film, der neue filmische Perspektiven eröffnet, wurde an "Tabu" von Miguel Gomes überreicht, eine Koproduktion von Portugal, Deutschland, Brasilien und Frankreich.
Bereits am Donnerstag war Hollywood-Ikone Meryl Streep für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Ihr neuester Film "Die Eiserne Lady" startet in unseren Kinos am 1. März. Gleich doppelt geehrt wurde Regieneuling Angelina Jolie: Ihr Kriegsdrama "In the Land of Blood and Honey" wurde im Rahmen der Gala "Cinema for Peace" als "wichtigster Film des Jahres" ausgezeichnet, zudem erhielt Angelina Jolie den Ehrenpreis für ihren Kampf gegen Krieg und Völkermord.
Film der Woche: Der Kult geht weiter, die Alien-Jäger blitzdingsen wieder! Will Smith reist in die Sixties, um den jungen Agent Kay (Josh Brolin) zu retten.
Preview der Woche: Schöne Komödie mit "Hannah Montana" Miley Cyrus, die sich in ihren besten Freund verliebt.