
Dieser Film war überfällig: Hartmut Schoens großartig gespieltes Drama gibt den namenlosen Opfern des RAF-Terrors Gesicht und Stimme.
Hauptfigur der Geschichte ist die Witwe eines Polizisten, der 1970 bei einer Routinekontrolle von einem Mitglied der Roten Armee Fraktion erschossen worden ist. Dass Matthias Koeberlin diese Rolle übernommen hat, obwohl die Figur nach dem Prolog nur noch in kurzen Rückblenden zu sehen ist, spricht nicht nur für Schoens Ausnahmestellung. Die Besetzung ist auch ein erster Beleg dafür, wie durchdacht dieser Film ist: Dank Koeberlin bleibt das Opfer bis zum Schluss präsent. Auslöser der Handlung ist ein Journalist (Felix Eitner), der gut vierzig Jahre nach dem Mord einen Artikel über die Witwe schreiben will. Prompt wird Erika Welves erneut mit den Schatten einer Vergangenheit konfrontiert, die sie nie verarbeitet hat. Im Grunde gibt es nur eine Schauspielerin, die diese Rolle in ihrer ganzen Tragik spielen kann. Senta Bergers Verkörperung ist vor allem deshalb so berührend, weil diese Frau endlich aus ihrer vierzigjährigen Katatonie erwacht und ihr selbstgewähltes Mausoleum verlässt. Dank Bildgestaltung (Bernhard Keller) und Ausstattung (Tim Pannen) lösen die Szenen in der düsteren Wohnung, in der sich seit vier Jahrzehnten nichts verändert hat, regelrechte Beklemmungen aus. Leidtragende dieses inneren Exils ist Erikas Tochter (Christina Große), die im überlebensgroßen Schatten des toten Vaters fast verkümmert ist.
Schoen erzählt das Erwachen der Erika Welves in mehreren Akten. Analog zum Konzept der Heldenreise konfrontiert er sie auf der Suche nach dem Mörder mit Menschen, die in den Fall verwickelt waren und sich fast monologisch rechtfertigen: Antons Freund und Kollege (Manfred Zapatka), der seine Aussage zurückziehen musste; ein früherer Bundesanwalt (Burghart Klaußner); und schließlich die Mutter (Ellen Schwiers) des Terroristen. Quantitativ alles überschaubare Rollen, aber so fulminant verkörpert, dass man von episodischen Hauptrollen sprechen möchte.
Die verblüffendste Figur spielt jedoch Matthias Brandt. In seiner gewohnt sparsamen und doch unerhört wirkungsvollen Art verkörpert er den verwitweten Elektriker Karl, der als einziger versteht, was in Erika nach dem Verlust der Liebes ihres Lebens vorgegangen ist. Selbstlos bietet er sich als Begleiter auf der Reise in die Vergangenheit an. Neben vielen Details, die man oft fast übersieht, zeigt spätestens diese Figur, wie klug dieser Film konzipiert ist. Schoen hat seinen vielen herausragenden Filmen einen weiteren hinzugefügt. tpg.
| Darsteller: | Senta Berger | als Erika Welves | |
|---|---|---|---|
| Matthias Brandt | als Karl Wenzelburger | ||
| Felix Eitner | als Max Beiler | ||
| Christina Große | als Jenny Welves | ||
| Matthias Koeberlin | als Anton Welves | ||
| Manfred Zapatka | als Matthias Brühl | ||
| Burghart Klaußner | als Friedrich Gehlmann | ||
| Ellen Schwiers | als Frau Schulz | ||
| Ingo Biermann | als Hans-Peter Schulz | ||
| Bernhard Leute | als Stefan | ||
| Eva Krautwig | als Erika Welves, jung | ||
| Pauline Höhne | |||
| Regie: | Hartmut Schoen | ||
| Drehbuch: | Hartmut Schoen | ||
| Produzent: | Ulrich Lenze | ||
| Kamera: | Bernhard Keller | ||
| Schnitt: | Vessela Martschewski | ||
| Musik: | Matthias Frey | ||
| Produktionsdesign: | Tim Pannen | ||
| Kostüme: | Annegret Stößel | ||
| Maske: | Barbara Spenner | ||
| Frauke Horn | |||
| Ton: | Andreas Wölki | ||
| Casting: | Susanne Ritter | ||
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