Originaltitel: Face/Off
USA 1997
John Travolta
Nicolas Cage
Joan Allen
Regie: John Woo
Verleih: Buena Vista
FBI-Agent Sean Archer schlüpft in den Körper des Mörders seines Sohnes, Castor Troy, um das Versteck einer Zeitbombe zu finden. Sean fühlt sich nicht sehr wohl in seiner neuen Haut - genau wie Castor, der inzwischen Leben und Gesicht des Familienvaters und Agenten angenommen hat. Ein Katz-und-Maus-Spiel mit vertauschten Identitäten beginnt...

Gerade als der US-Sommer als "Summer of Dumb" (Time Magazine) in die Annalen einzugehen droht, naht Rettung in Gestalt eines Actionfilms, dessen Story, Helden und Explosionen frischer und aufregender sind, als man es nach der Unzahl von überbudgetierten Stuntfesten in diesem Jahr für möglich gehalten hätte. Gleichzeitig markiert der meisterhafte Thriller John Woos Rückkehr zu alter Hongkong-Form. In seinem dritten amerikanischen Film hat er endlich einen Weg gefunden, seinen untrüglichen Sinn für Melodrama, sentimentale Kinomomente und atemberaubend inszenierte Todesballette in eine amerikanische Form zu bringen, ohne seine Talente zu verleugnen. Seinen Stars Nicolas Cage und John Travolta bietet er so eine Plattform für das aufregendste Schauspielduell seit "Auf der Flucht".
Die konventionellen Anforderungen, die das Drehbuch dieses Klassikers von 1993 an Harrison Ford und Tommy Lee Jones stellte, sind allerdings kaum mit "Im Körper/des Feindes" zu vergleichen. Schon die einführenden 15 Minuten warten mit mehr Spektakel, Spannung und unvorhergesehenen Entwicklungen auf als "Speed 2", "Vergessene Welt" und "Batman & Robin" zusammengenommen in ihrer vollen Spieldauer. Unter Zuhilfenahme bekannter Zutaten wie Zeitlupe, flackernder Kerzen, flatternder Tauben in einer Kirche und flatternder Rockschöße im Wind formte Woo sein bekanntes Male-Bonding-Thema zu einem schizophrenen Alptraum mit Overkill-Qualitäten, dessen Bilder und Wendungen vom ersten bis zum letzten Moment fesseln. Es ist eine klassische Geschichte vom Kampf zwischen Gut und Böse.
Doch bei diesem Faceoff, diesem Duell verwischen die zunächst noch klar definierten Grenzen zwischen Good und Bad Guy schon schnell auf delirierende Art und Weise, als ein besessener FBI-Agent (zunächst Travolta) und ein psychopathischer Terrorist (zunächst Cage) buchstäblich die Gesichter tauschen (die von "Augen ohne Gesicht" inspirierte Sequenz ist sagenhaft!) und damit gezwungen sind, die Identität des Erzfeindes anzunehmen und in dessen Leben einzutauchen. Das bedeutet für Travolta und Cage auch, daß sie die Rollen tauschen müssen. Beide nutzen die sich bietende Gelegenheit als einmaligen Showcase. Die Art und Weise, wie sie sich der Schauspieltechnik und des Stils des Kollegen bemächtigen, ist vollkommen, nie albern, gleichzeitig Tribut und Parodie.
Es wird noch komplizierter: Um seine Mission in einem Hochsicherheitsgefängnis erfüllen zu können, wo er sich das Vertrauen des Terroristen-Bruders erschleichen soll, um herauszufinden, wo die beiden eine Zeitbombe plaziert haben, muß die Travolta-Figur in Cages Gestalt so tun, als sei sie Cage. Gleichzeitig schleicht sich die Cage-Figur in Travoltas Gestalt in die Familie und Arbeit des FBI-Mannes ein und muß sich, um den Schein zu wahren, benehmen, als sei er Travolta. Beide Schauspieler spielen, oft ohne erkennbare Übergänge, beide Rollen! Viele Hollywood-Produktionen wären froh, wenn sie ein derartig unterhaltsames Verwirrspiel anzetteln könnten. "Im Körper/des Feindes" gibt sich damit nicht zufrieden. Denn je weiter die beiden Kontrahenten in die Welt des anderen vordringen und sich an das Leben des anderen annähern, desto mehr Sympathie empfinden sie. Wenn der Film schließlich leise anklingen läßt, daß die Männer mit den vertauschten Gesichtern an Stelle des anderen womöglich jeweils bessere Menschen sein könnten, wird der enge Rahmen alltäglicher Actionproduktionen endgültig gesprengt.
Scheinbar mühelos setzt John Woo noch einen drauf: In vier sehr ausgedehnten Actionsequenzen entfesselt er einen Feuerzauber, wie man ihn in Hollywood noch nicht gesehen hat. Aber auch in diesen furiosen Todestänzen gibt sich der Regisseur nicht mit bloßer Zerstörung zufrieden. In einer Szene filmt er einen brutalen Shootout aus der Sicht eines Jungen, der auf seinem Walkman "Over the Rainbow" hört, und verleiht dem ästhetisierten Morden damit eine entfernte Dimension, wie man sie zuletzt bei Leone erleben durfte. Anders als die Werke der zahllosen Werberegisseure, die Hollywood mit Produkten überfluten und wohl die Kraft der Bilder, selten aber ihre Bedeutung kennen, erhält "Im Körper/des Feindes" seine Größe, weil Woo sich auf die klassischen Tugenden seiner Jugendvorbilder Melville, Peckinpah und Hawks besinnt. So präsentiert er mehr als einen Thrill Ride, sondern einen Exkurs in eine längst vergessene Welt, in der nicht Explosionen, sondern Emotionen das Publikum aus dem Sessel rissen. Ein grandioser Film mit großartigen Schauspielern, wagemutig auf der Höhe ihrer Kunst - das beste, was man in diesem Jahr bisher zu sehen bekommen hat. ts.
| Darsteller: | John Travolta | als Sean Archer | |
|---|---|---|---|
| Nicolas Cage | als Castor Troy | ||
| Joan Allen | als Eve Archer | ||
| Alessandro Nivola | als Pollux Troy | ||
| Gina Gershon | als Sasha Hassler | ||
| Dominique Swain | als Jamie Archer | ||
| Nick Cassavetes | als Dietrich Hassler | ||
| Harve Presnell | als Lazzaro | ||
| Colm Feore | als Dr. Malcolm Walsh | ||
| John Carroll Lynch | als Walton | ||
| CCH Pounder | als Hollis Miller | ||
| Robert Wisdom | als Tito | ||
| Margaret Cho | als Wanda | ||
| James Denton | als Buzz | ||
| Matt Ross | als Loomis | ||
| Chris Bauer | als Duboff | ||
| Regie: | John Woo | ||
| Drehbuch: | Mike Werb | ||
| Michael Colleary | |||
| Produzent: | David Permut | ||
| Barrie M. Osborne | |||
| Terence Chang | |||
| Christopher Godsick | |||
| Koproduzent: | Michael Colleary | ||
| Mike Werb | |||
| Jeff Levine | |||
| Ausf. Produzent: | Jonathan D. Krane | ||
| Michael Douglas | |||
| Steven Reuther | |||
| Kamera: | Oliver Wood | ||
| Schnitt: | Christian Wagner | ||
| Steven Kemper | |||
| Musik: | John Powell | ||
| Produktionsdesign: | Neil Spisak | ||
| Steve Arnold | |||
| Kostüme: | Ellen Mirojnick | ||
| Ton: | David Ronne | ||
Beim geplanten WWII-Epos "Flying Tiger Heroes" setzt Action-Regisseur John Woo voll auf die fliegerischen Qualitäten von Tom Cruise.
Seien wir doch mal ehrlich: Während seiner Zeit in Hollywood hat Action-Ikone John Woo drei vernünftige Filme hervorgebracht - "Operation: Broken Arrow", "Im Körper des Feindes" und "Mission: Impossible 2". Beim ganzen Rest seines Schaffens ist er mal mehr, mal weniger hinter seinen kreativen Möglichkeiten zurückgeblieben. Lag's an den Kreativ-Knebeln der Traumfabrik, lag's an einem schöpferischen Tief - wer will das sagen. Fest steht, dass der Regisseur mit dem sicheren Händchen für stilisierte Gewalt zumindest filmisch in seinem Mutterland besser aufgehoben war - und wieder ist.
Jetzt will Woo offenbar das Beste aus beiden Welten kombinieren: Für sein neues Projekt "Flying Tiger Heroes" möchte der Regiestar Tom Cruise mit an Bord holen. "Der Film basiert auf einer wahren Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg. Damals unterstützte eine Gruppe freiwilliger amerikanischer Kampfpiloten Chinas Luftwaffe beim Kampf gegen die Japaner und half, den Krieg zu gewinnen." Clair Chennault hieß der Kommandeur dieser legendären Staffel - noch immer ein gefeierter Volksheld in China. Kein Wunder, dass Valkyrie-Attentäter Cruise auch in dieser Rolle das Nazi-Regime filmisch bekämpfen möchte. "Die ganze Geschichte dreht sich um Freundschaft zwischen China und den USA", erklärte Woo auf einer Pressekonferenz in Peking.
Zwischen Pathos und Freundschaft soll aber auch Platz für Action sein: John Woo verspricht "die spektakulärsten Massenschlachten, die je in einem chinesischen Film zu sehen waren". Und das im teuersten Film, der je in China gedreht wurde. 100 Mio. Dollar sollen bis zum Kinostart den Weg auf die Leinwand finden. Ein guter Teil davon vermutlich für die Gage des heldenhaften Cruise. Sei's gedankt, dass China auch filmisch ein Billiglohnland darstellt. Dann reicht der Rest vielleicht doch noch für einen lohnenden Action-Kracher aus der Kreativschmelze von Orient und Okzident.
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