Originaltitel: The Gingerbread Man
USA 1997
Kenneth Branagh
Embeth Davidtz
Robert Downey Jr.
Regie: Robert Altman
Verleih: Concorde
Rick Magruder ist ein erfolgreicher Anwalt und ein zwar liebevoller, aber unzuverlässiger Vater, der keine Frau von der Bettkante schubst. Eine One-Night-Bekanntschaft aus einer schwülen Savannah-Nacht, von ihrem psychopathisch veranlagten Vater bedroht, weckt seinen Beschützerinstinkt und reißt ihn in einen Strudel des Verbrechens. Seine Kinder werden entführt und er tötet sogar einen Menschen...

Puristen werden die Welt nicht mehr verstehen. Nach Francis Ford Coppola ("Der Regenmacher") nahm sich binnen eines Vierteljahres mit Robert Altman das zweite unbeugsame amerikanische Regie-Schwergewicht eines Stoffes des ewigen Jura-Dandys John Grisham an, dessen Bestseller-Romane von großer Literatur gemeinhin so weit entfernt sind wie Altmans fiebrige Filme von dem Blockbuster-Kino eines Spielberg oder Lucas. Dennoch ist "The Gingerbread Man", nach einem Originaldrehbuch von Grisham, das Altman so weit bearbeitete, daß man sich auf das Autorenpseudonym Al Hayes einigte, zumindest in der ersten Stunde unverkennbar ein Werk des ewigen Regierebellen. Erst in der zweiten, deutlich schwächeren Hälfte gibt sich Altman den Genregesetzen geschlagen und serviert während eines Hurricanes einen konstruiert wirkenden Showdown, der weder seine Fans noch Anhänger Grishams zufriedenstellen dürfte.
Wie Clint Eastwoods von der Berlinale zurückgezogener "Mitternacht im Garten von Gut und Böse" spielt auch "The Gingerbread Man" in der schwülen Südstaatenidylle von Savannah. Nach einer beeindruckenden Kamerafahrt des Chinesen Changwei Gu (gibt nach Filmen wie "Lebewohl, meine Konkubine" und "Judou" ein brillantes US-Debüt) über die reliefartige Landschaft Georgias taucht Altman auch gleich ein in das gesellschaftliche Leben des Städtchens. In einer fabelhaften Party-Sequenz voll authentischem Lokalkolorit stellt er die Hauptpersonen seiner Noir-Ballade vor: den selbstgefälligen Erfolgsanwalt Magruder (Kenneth Branagh), seine Exfrau Leeanne (Famke Janssen), die das Sorgerecht für die beiden Kinder hat, seine Assistentin Lois (beinahe nicht zu erkennen: Daryl Hannah) und die White-Trash-Bedienung Mallory (Embeth Davidtz), die schon bald in das Leben des Frauenhelden Magruder treten und ihn in einen unheimlichen Fall verwickeln wird. Denn die fahle, fragile Mallory, so erfährt Magruder, fühlt sich von ihrem Vater (Charles Manson läßt grüßen: Robert Duvall) bedroht, und Magruder setzt alles daran, den alten Spinner hinter Gitter zu bringen.
Hervorragend sind diese frühen, fahrigen Momente des Films. Wie man es aus Altmans besten Arbeiten gewohnt ist, setzt er nicht nur unkonventionelle Schnitte ein, um seinen Szenen einen ganz eigenen Rhythmus zu verleihen, sondern bedient sich auch einer mehrschichtigen Tonspur, die hier ausgezeichnet zu der unheimlichen Atmosphäre des Thrillers beiträgt. Höhepunkt der Spannung ist eine gespenstische Sequenz, in der Mallorys Vater in einer Nacht- und Nebelaktion von Freunden aus dem Gefängnis befreit wird.
Anders als in seinen vorangegangenen Thriller-Versuchen (z. B. "Diebe wie wir" von 1973) setzt Altman sein erzählerisches Gespür nicht ein, um die Genreregeln zu demontieren.
Als Magruder nach einer längeren Hatz durch die Sumpfgegenden des Südens Duvall in dem fälschlichen Glauben, der Alte habe seine Kinder entführt, erschießt, deutet Altman kurz an, sein Film könne urplötzlich in ein Drama im Stil von Paul Schraders "Der Gejagte" kippen. Plötzlich wirkt Magruder, von Branagh so bewundernswert glatt und arrogant und doch sympathisch gespielt, nicht mehr wie der aufrechte Held, sondern wie ein größenwahnsinniger Vigilant, der glaubt, das Gesetz an sich reißen zu können, wann immer es ihm gefällt. Anstatt jedoch die Demontage der Hauptfigur durchzuziehen und dem Publikum den Boden unter den Füßen zu entziehen, läßt Altman die Konvention Oberhand gewinnen und bringt den womöglich geradlinigsten Film seiner Karriere als sattsam bekanntes Verschwörungsszenario inklusive Femme fatale zu seinem blutigen Ende. Ein halbherziger Schluß, der wie eine Konzession an die Produktionsfirma wirkt, die gedroht hatte, Altman das Recht am Endschnitt zu entziehen. Läßt man die Mißtöne des Showdowns beiseite, zeigt sich Altman hier weitaus besser gelaunt als in seinem letzten Film "Kansas City". Und das bedeutet, daß John Grisham auf Zelluloid noch nie besser behandelt wurde als bei diesem sexy, verführerischen und spannenden Streifzug durch das finstere Herz des Südens. ts.
| Darsteller: | Kenneth Branagh | als Rick Magruder | |
|---|---|---|---|
| Embeth Davidtz | als Mallory Doss | ||
| Robert Downey Jr. | als Clyde Pell | ||
| Daryl Hannah | als Lois Harlan | ||
| Tom Berenger | als Pete Randle | ||
| Famke Janssen | als Leeanne | ||
| Mae Whitman | als Libby | ||
| Jesse James | als Jeff | ||
| Robert Duvall | als Dixon Doss | ||
| Regie: | Robert Altman | ||
| Drehbuch: | Al Hayes | ||
| Produzent: | Jeremy Tannenbaum | ||
| Ausf. Produzent: | Mark Burg | ||
| Glen A. Tobias | |||
| Todd Baker | |||
| Buchvorlage: | John Grisham | ||
| Kamera: | Gu Changwei | ||
| Schnitt: | Geraldine Peroni | ||
| Musik: | Mark Isham | ||
| Produktionsdesign: | Stephen Altman | ||
| Jack Balance | |||
| Kostüme: | Dona Granata | ||
| Ton: | John Patrick Pritchett | ||
In "Goldeneye" nahm sie Pierce Brosnan in die Beinschere, aktuell verdreht sie Eddie Murphy und Owen Wilson in der Agentenkomödie "I Spy" nicht nur den Kopf. Hollands Hollywood-Export Nr. 1 über Powerfrauen, Augenspiele, Ladendiebstahl und Lakritz.
» Eddie Murphy und Owen Wilson sind in "I Spy" die großen Sprücheklopfer und Witzbolde. Wie war es, neben den beiden die taffe Rachel zu spielen?
FAMKE JANSSEN: Ich bin ja im Film der Mann - ich meine die Frau - fürs Grobe. Einem Film die komische Note zu verleihen, ist wohl generell eher Sache der Jungs. Aber es war schon großartig, zwei derart brillianten Komödianten bei der Arbeit zuzusehen. Nachdem auch die Regisseurin Betty Thomas sehr locker drauf war, hatte ich bei den Dreharbeiten jede Menge Spaß.
» Sie sind für ihren elektrisierenden Blick bekannt: Erst ist ihnen Pierce Brosnan in "Goldeneye" verfallen und jetzt wickeln sie damit Owen Wilson in "I Spy" um den Finger. Haben sie da einen besonderen Trick?
Eigentlich nicht. Wenn man Augenkontakt sucht und Menschen intensiv ansieht, reicht das meistens schon - denn das macht im Alltag kaum jemand. Wenn man sich also wirklich auf das Gegenüber konzentriert, es ganz bewusst und offen fixiert, macht das viele schon ziemlich nervös.
» Der Trick ist also, sich auf den anderen einzulassen?
Klar, das ist für einen Schauspieler das Wichtigste.
» Was ist ihre Lieblingsszene in "I Spy"?
Als Owen mir den Text von "Sexual Healing" vorträgt, während Eddie ihm über einen Knopf im Ohr vorsingt.
Dabei waren wir nicht mal sicher, ob wir die Szene überhaupt drehen sollten, weil Eddie sich nicht an diesen Klassiker heranwagen wollte und Owen nicht tanzen wollte. Aber schon als ich das Drehbuch das erste mal las, war mir klar, dass das die beste Szene im Film wird. Und als ich Eddie dann am Set Marvin Gaye imitieren sah, dachte ich mir nur: "Mein Gott, das wird ein Riesenlacher!"
» Sie spielen häufig sehr entschlossene Frauen. Bietet man ihnen solche Rollen an, weil Sie in "Goldeneye" Xenia Onatopp gespielt haben, oder suchen Sie sich diese Figuren selbst aus?
Powerfrauen zu spielen macht einfach mehr Spaß. Und auch die Leute sehen im Kino gerne Menschen, die ein Ziel vor Augen haben.
Besonders für die weiblichen Zuschauer ist es interessant, wenn eine Frau ihre eigenen Regeln aufstellt und ihre Ziele verfolgt.
Sicher nimmt man mir nach "Goldeneye" einen zerbrechlichen Charakter auch nicht so leicht ab. Aber eine Frau, die keine Ahnung hat, was sie will, und auf der alle nur herumtrampeln, das würde sowieso nicht zu mir passen.
» Rachel kann sich wie Xenia auch körperlich bestens durchsetzen. Mögen Sie das besonders?
Nicht unbedingt. Jean Grey in "X-Men" ist beispielsweise eine Superheldin ohne diese physische Komponente. Ich liebe Filme, die vor allem von ihren Charakteren leben: Menschen, die man als Schauspieler von A bis Z ausloten kann - egal ob wie bei "Love and Sex" in einer Komödie oder wie bei "Sag kein Wort" in einem Drama.
» Ist Rachel in "I Spy" eine Karikatur von Xenia aus "Goldeneye"?
Nein, gar nicht. Ich habe die Rolle angenommen, weil ich Betty Thomas für eine ausgezeichnete Regisseurin halte - sie war ja selbst Schauspielerin und für mich eine echte Inspiration. Ich hatte wirklich nicht vor, mit "I Spy" die Bond-Franchise oder Xenia Onatopp nachträglich zu veräppeln. Immerhin verdanke ich der Rolle einiges.
» Sie sind Holländerin, leben aber in New York. Haben Sie jemals in ihrer Heimat gearbeitet?
Nein, außerdem ist New York für mich meine Heimat. Ich hatte zwar mal ein Angebot von Dick Maas, aber ich habe bisher immer auf Englisch gespielt. Es wäre seltsam gewesen, plötzlich auf Holländisch zu drehen. Ich habe mir meine Karriere halt in den Staaten erarbeitet.
Das heißt aber nicht, dass ich ein Drehbuch ablehnen würde, nur weil es eine europäische Produktion ist. Mein Kriterium ist da ganz einfach: Es muss ein guter Film sein.
» Sie haben Literatur studiert. Was lesen Sie?
Drehbücher - für etwas anderes habe ich kaum Zeit. Aber ich mag Nabokov und Hemingway.
Zur Zeit lese ich das Skript zu "Exposure", mein nächster Film. Es ist ein ganz kleines Independent-Projekt in Amerika, ich wäre schockiert, wenn er in Deutschland gezeigt würde. Es ist ein sehr düsterer Film über eine drogensüchtige, psychisch kranke Ladendiebin - eine große Herausforderung für mich.
» Es heißt, Sie können ganz gut Deutsch. Können Sie sich hier durchschlagen?
Leider nicht mehr. Ich dachte, ich könnte es noch - aber als ich mit meinen Schwestern beim Essen war, wollte ich ein bisschen glänzen und auf Deutsch bestellen. Gut, dass der Kellner von der geduldigen Sorte war, denn ich brauchte Stunden. Das einzige, was ich nämlich noch auf Deutsch sagen kann, ist "Wiener Schnitzel mit Kartoffeln". Blöderweise wollte das aber keiner von uns...
» Sie spielen in großen kommerziellen Filmen wie "X-Men" oder "Goldeneye", aber Sie haben auch schon mit Robert Altman und Woody Allen gearbeitet. Welche Art Filme machen Sie lieber?
"Gingerbread Man", "Celebrity" und "X-Men" haben eins gemeinsam: hervorragende Regisseure, mit denen ich unbedingt mal arbeiten wollte. Dass es im Fall von Bryan Singer halt nicht "Die üblichen Verdächtigen", sondern "X-Men" wurde, ist reiner Zufall. Ich suche mir Rollen häufig nach dem Regisseur aus, manchmal nach dem Drehbuch oder auch, weil ich eine bestimmte Figur spielen will - und, klar, manchmal geht's auch einfach darum, die Miete zu zahlen.
Ich hoffe, dass ich in Zukunft möglichst viele dieser Faktoren kombinieren kann: Der beste Regisseur, ein tolles Drehbuch, eine interessante Figur...
»...und das am besten in einem Blockbuster...
Ja, wenn das alles zusammenkäme, wäre ich im Himmel.
» Was tun Sie, wenn Sie nicht vor der Kamera stehen?
Ich gehe ins Kino. Und ich schreibe. Momentan adaptiere ich einen Roman fürs Kino. Außer dass ich selbst mitspielen werde, wird aber noch nichts verraten...
» Wenn Sie wie in "X-Men" Gedanken lesen könnten, in wessen Kopf würden Sie gerne hinein schauen?
Also zuerst mal würde ich sicher nicht wissen wollen, was die Leute über MICH denken. Aber was im Kopf so mancher Politiker vorgeht, wäre schon mal interessant.
» Verraten Sie, wen Sie da genau meinen?
Lieber nicht.
» Was wird denn mit Jean Grey in "X-Men 2" passieren?
Das ist natürlich alles streng geheim. Nur so viel: Die Dreiecksgeschichte zwischen mir, Cyclops und Wolverine wird intensiver. Und es zeigt sich, dass ich Schwierigkeiten habe, meine Kräfte zu kontrollieren.
» Haben Sie sich auf die Fortsetzung gefreut?
Na ja, wir hatten keine Wahl, weil wir uns alle schon mit dem Vertrag zum ersten Teil für "X-Men 2" verpflichtet hatten - Halle Berry, Patrick Stewart und Hugh Jackman. Ich bin sicher, dass einige lieber auf eine Fortsetzung verzichtet hätten, weil sie jetzt an einem ganz anderen Punkt ihrer Karriere sind, als damals, als sie den Vertrag unterschrieben haben.
» Was haben Sie sich für 2003 vorgenommen?
Weniger Zucker. Ich bin süchtig danach, vor allem nach Lakritz. Das Problem dabei ist, dass ich dann völlig aufgedreht bin. Aber ich hatte schon immer einen sehr hohen Grundumsatz an Nahrung.
Am Set, bei 16 bis 20 Stunden Arbeit am Tag, brauche ich alle 2 Stunden etwas zu essen. Also ist der Catering-Service hauptsächlich mit mir beschäftigt...
» Weniger Zucker, das ist alles?
Nein, ich habe auch beschlossen, mich nicht mehr so viel um die Zukunft zu sorgen und mehr im Hier und Jetzt zu leben.
» Das klingt recht fernöstlich...
Keine Ahnung, ich bin nicht religiös. Für mich hat es vor allem mit Schauspielerei zu tun: Wenn man sich in einen Menschen in einer bestimmten Situation versetzen will, muss man absolut in diesem einen Moment sein, um den es gerade geht. Dass mir das auch privat weiterhilft, ist ein schöner Nebeneffekt.
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