Thora Birch
Steve Buscemi
Scarlett Johansson
Regie: Terry Zwigoff
Verleih: Advanced (Filmwelt)
Enid und Rebecca wissen nach ihrem High-School-Abschluss nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen - nur Spießer wie ihre Mitbürger wollen sie nicht werden. Sich über letztere zu belustigen, ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Bei einem solchen Streich entdeckt Enid in dem schüchternen Mittvierziger und Plattensammler Seymour eine verwandte Seele.

Als Vorstadt-"American Beauty" der exaltierten Art liefert Thora Birch eine hinreißende Version des Highschool-Coming-of-Age-Themas in einer beeindruckenden und äußerst komischen Studie über die Einsamkeit des Teenagers, das Erwachen sexueller Bedürfnisse und die wackligen ersten Schritte in einer aus Teenie-Sicht völlig durchgeknallte Erwachsenen-Welt. "Crumb"-Regisseur Terry Zwigoff ist mit der Verfilmung des weithin verehrten Kultcomics von Daniel Clowes denn auch ein fulminanter erster Spielfilm gelungen, der seinen Weg machen wird.
Mit umwerfend komischer Leinwand-Präsenz verleiht Birch ("The Hole") ihrer Heldin so viel Sympathie, dass die Welt nach diesem Film um das Verständnis für Teenager-Probleme reicher ist. Regisseur Terry Zwigoff inszeniert mit Empathie, sein Einfühlungsvermögen in die Welt der Teenies und Weirdos scheint grenzenlos. Denn dem jungen Hupfer auf der Suche nach (s)einem Platz im Leben steht der irgendwie aus dem Rahmen gekippte Plattenfetischist Seymour als erwachsenes Pendant zur Seite - eine Paraderolle für Steve Buscemi, der seinen Underdogs stets einen intelligenten Loser-Charme verleiht, dass man hinfort nur noch die Erfolglosen lieben möchte.
Eröffnet wird der Reigen ums Erwachsenwerden mit einem Knall: einer überdrehten Nightclub-Nummer aus einem Bollywood-Musical von 1965, "Gumnaan", das Enid auf ihrem Schlafzimmer-TV guckt. Einen besseren Opener kann man sich nicht vorstellen, denn bereits nach drei Minuten weiß man, dass dieses Mädchen sicher nicht scharf auf ein Date mit dem netten Jungen von nebenan ist. Ihr ausgefallener Geschmack offenbart sich in drastisch-komischen Aufmachungen wie ihrem Original Siebziger-Punk-Rock-Look. Angesiedelt zwischen Highschool-Abschluss und ersten eigenen Gehversuchen in der Erwachsenenwelt - die durchweg schräg daherkommt - stolpert Enid (Birch) an der Seite ihres Sidekicks Rebecca (Scarlett Johansson) von einer Erfahrung in die nächste, bis sie sich schließlich so hoffnungslos in ihre kompromisslose "Was kostet die Welt"-Attitüde verrannt hat, dass der Zuschauer voll auf das Mitleiden des Regisseurs an den Teenie-Problemen dieser Welt abfährt.
Am Anfang der Geschichte nach der Comicbuch-Serie von Daniel Clowes steht eine wahre Mädchenfreundschaft. Die Unzertrennlichen Enid und Rebecca, die beide nicht aufs College wollen, hecken ihre unspektakulären Zukunftspläne aus. Einen Job finden und eine gemeinsame Wohnung, während sie in gefakten Fünfziger-Jahre-Cafés rumhängen, ihren Schulfreund Josh, der an der Theke eines Selbstbedienungsladens jobbt, quälen oder unschuldige Mitmenschen nerven. All das mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, aber mit der umwerfenden Unschuld des "Denn sie wissen nicht, was sie tun". Nachdem sie den exzentrischen Plattensammler Seymour gedemütigt haben, weil sie für ihn ein Blind Date auf eine Bekanntschaftsanzeige arrangieren, drängt sich Enid als Freundin in sein Leben. Fasziniert von seiner exotischen Sammler- und Musikwelt, die ihr neue Horizonte erschließt, und aus sexuellem Frust begehrt sie den unpassenden Liebhaber, der sich dann prompt in sie verliebt. Die völlige Abwesenheit von Romantik bei diesem ersten Liebesabenteuer, das mit bravouröser Abgeklärtheit bestanden wird, zählt zu den Höhepunkten des Films, den Regisseur Zwigoff mit bestechender Leichtigkeit immer wieder vor dem dramatischen Überkochen bewahrt und mit parabelhaften Comic-Blick auf die komischen Seiten des Lebens zurückführt.
Zwigoff und Buchautor Clowe, die gemeinsam das Drehbuch schrieben, ist es gelungen, die episodenhafte Comic-Serie in eine eigenständige und geschlossene narrative Form zu bringen. Auf wunderbare Art banal sticht "Ghost World", vollgestopft mit Verweisen und Anspielungen, angenehm aus dem bekannten Hollywood-Konfektionismus à la "American Pie" heraus und ist mit Sicherheit die scharfsinnigste und unterhaltsamste Zustandsbeschreibung aus dem verzweifelten amerikanischen Teenie-Alltag seit "Heathers". boe.
Einst fristeten sie zwischen den Pappdeckeln der Groschenheftchen ihr Randgruppen-Dasein, jetzt erstrahlen sie in vollem Hollywood-Glanz auf der großen Leinwand: Comic-Helden machen Träume wahr.
In den 70er-Jahren entdeckte man sie in Hollywood (wieder), in den 80ern brachte man sie als erstmals als A-Filme auf die große Leinwand, in den 90ern spielten sie veritable Geldberge ein, und im neuen Jahrtausend gibt es kein Halten mehr: Eine nie dagewesene Flut von Comic-Verfilmungen bricht über den geneigten Cineasten herein.
Schuld daran sind die dramatische Verjüngung des Massenpublikums, rapide Fortschritte im Effektewesen und das Erwachen des Verlagsgiganten Marvel im Kino-Bereich. Die Palette der Adaptionen reicht vom klassischen Superhelden über diverse Horror- und SF-Motive bis hin zu ernsthaften Dramen à la "Ghost World" und "Road to Perdition".
Auch das "alte Europa", lange Zeit von Bett- und Supermännern bei weitem nicht so beeindruckt wie die Amis, hängt mittlerweile fest am Haken der Trendstrategen.
"Batman" (1989) hat die Messlatte hoch gelegt: Nichts weniger als ein Blockbuster mit zwei bis drei Sequels wird an den Kinokassen erwartet, wenn so ein Superheld an den Start geht. Dafür darf der Spaß dann auch mal deutlich mehr als 100 Millionen Dollar in der Herstellung kosten und muss mit der eigentlichen Vorlage außer der kultigen Garderobe nicht mehr viel zu tun haben. Schließlich entstammen die meisten Superhelden den 50ern bzw. 60ern, müssen nun aber eine reizüberflutete MTV-Kundschaft fesseln. Da genügt es nicht, Bösewichte der Polizei zu übergeben und ein paar Kinnhaken zu verteilen.
Spidey jagt die Fledermaus
Glücklicherweise macht die CGI-Effekttechnologie, entwickelt in den späten 80ern in den Technikerstäben der Herren Cameron ("Terminator") und Lucas ("Star Wars"), inzwischen kleine bis mittlere Wunder möglich.
Vor noch nicht allzu langer Zeit besaßen die Superhelden aus dem amerikanischen DC-Verlag, namentlich "Superman" und "Batman", das Monopol auf große Kinoauftritte. Marvel, dessen Helden im Comicbereich höchste Popularität genossen, vernachlässigte das Filmgeschäft und überließ seine Helden gar B-Filmern zur Verwurstung auf dem Trash-Sektor.
Seit Comic-Adaptionen Geld wie Heu einspielen, hat sich das geändert. In den 90ern durften erste Testballone das Gelände sondieren, und nachdem sowohl "Blade" als auch "X-Men" die Erwartungen mehr als erfüllten, öffnen sich die Schleusen langsam aber sicher für das ganze, große Marvel-Universum:
"Spiderman", "Blade II" und "Daredevil" heißen die aktuellen Kandidaten, "The Hulk" und "X-Men 2" stehen in den Startlöchern, "Hellblazer" mit Nicolas Cage "Die fantastischen Vier" (produziert von Bernd Eichinger!) und ein neuer "Punisher" werfen ihre Schatten voraus.
Das Imperium schlägt zurück
DC bleibt da nicht untätig und kündigt für 2004 einen neuen "Superman" an. Außerdem ganz heiß im Gespräch: "Batman: The Frightening". Wolfgang Petersens "Superman vs. Batman"-Projekt scheint damit - fürs erste - gestorben.
Es müssen nicht immer Superhelden sein. Auch "Men in Black" ist eine Comicverfilmung und in dieser Funktion erfolgreicher als alle Cape-Schwinger der vergangenen Jahre.
Aber auch kleinere Filme und ernsthafte Dramen werden zunehmend von den Sprechblasenbildern animiert.
Comic, ernsthaft!
"From Hell", die Jack the Ripper-Variation von den Hughes-Brüdern mit Johnny Depp in der Hauptrolle, basiert ebenso auf einem Comicbook wie "Unbreakable" mit Bruce Willis, Terry Zwigoffs Mädchendrama "Ghost World" oder "Road to Perdition", der düstere Gangsterfilm von "American Beauty"-Macher Sam Mendes.
Vielleicht verliert ja auf diese Weise auch Deutschland seinen Dünkel gegenüber den Schundheftchen. Schließlich soll es schon europäische Erfolge in dieser Richtung gegeben haben, siehe "Asterix" oder "Der bewegte Mann"!
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