Sabine, Familienrichterin in Wien, reist anlässlich eines Klassentreffens in ihren Heimatort. Ausgerechnet an diesem Abend verschwindet die Tochter ihrer Jugendliebe Leonhard. Während ein Großaufgebot nach dem Kind sucht, keimt in Sabine ein furchtbarer Verdacht: Das Mädchen bekommt Nachhilfeunterricht vom pensionierten Oberstudienrat Körbler. Der konnte schon damals seine Finger nicht bei sich behalten. Und er war der Letzte, der das Kind gesehen hat.

Bislang waren die Koproduktionen von MDR und ORF für den Mittwochssendeplatz im "Ersten" häufiger verkappte Freitagsfilme: mehr oder minder gut gelungene Rührstücke, wechselweise romantisch und melodramatisch. "Die Mutprobe" ist ein völlig anderes Werk: dank eines Drehbuchs (Ivo Schneider), das sich unter völligem Verzicht auf jegliche Spekulativität zum bedrückenden Kern der Handlung vorarbeitet; dank einer Inszenierung (Holger Barthel), die mit dem bedrückenden Sujet sensibel und behutsam umgeht; und dank der Hauptdarsteller, deren kontrolliertes Spiel diesem Rahmen in jeder Hinsicht angemessen ist.
Die auf dem gleichnamigen Roman von Lisa Lercher basierende Geschichte beginnt wie ein Beitrag zu dem Frauenfilm-Subgenre "Rückkehr in die Heimat": Sabine (Elisabeth Lanz), Familienrichterin in Wien, reist anlässlich eines Klassentreffens in das Städtchen, in dem sie aufgewachsen ist. Ausgerechnet an diesem Abend verschwindet die Tochter ihrer Jugendliebe Leonhard (Heio von Stetten). Während Polizei, Feuerwehr und schließlich auch das Militär nach dem Mädchen suchen, keimt in Sabine ein furchtbarer Verdacht: Wie sie selbst und ihre beste Freundin, die sich später umgebracht hat, so bekommt auch Leos Tochter Nachhilfeunterricht vom pensionierten Oberstudienrat Körbler (Peter Weck). Der war und ist bekannt dafür, dass er seine Finger nicht bei sich behalten kann. Außerdem hat er immer gern freizügige Fotos von den Mädchen gemacht. Und Körbler war der letzte, der das Kind gesehen hat.
Geschickt und vor allem subtil baut das Drehbuch die Spannung auf. Dass der von Weck mit sichtlichem Genuss gegen seine Großvater-Rollen verkörperte Lehrer in dieser Geschichte der Schurke ist, ahnt man zwar früh, doch das tut der dramaturgischen Spannung keinen Abbruch. Viel fesselnder ist ohnehin die Frage, wie Sabine dem Alten sein schmutziges Handwerk legen kann, denn es gibt keinerlei Beweise für sein widerliches Treiben. Bei ihren einstigen Leidensgenossinnen stößt sie auf eine Mauer des Schweigens, obwohl praktisch alle Frauen dem pädophilen Körbler als Kinder ausgeliefert waren. Und schließlich wird auch klar, warum der Oberstudienrat bei seinen Mitbürgern so einen enormen Respekt genießt: Er hat versprochen, das beträchtliche Vermögen seiner durch einen Schlaganfall seit vielen Jahren an den Rollstuhl gefesselten Frau nach ihrem Tod der Gemeinde zur Verfügung zu stellen. Der Bürgermeister hat längst entsprechend hochfliegende Pläne und sorgt durch eine geschickte Strategie aus Geben und Nehmen dafür, dass niemand aus der Reihe tanzt.
Die Konstellation der Figuren ist natürlich eine andere, aber gerade die Zuspitzung der Handlung rückt die sich mehr und mehr verdichtende Geschichte in die Nähe des Dürrenmatt-Stücks "Der Besuch der alten Dame". Die Österreicherin Elisabeth Lanz, viel zu oft in Filmen mit wenig Anspruch besetzt, verkörpert die mühsam hinter gesitteter Fassade unterdrückte Wut der Richterin, die seit Jahrzehnten unter ihren traumatischen Kindheitserlebnissen leidet, sehr berührend. Ähnlich intensiv spielt Heio von Stetten die zunehmende Verzweiflung des Vaters, der zwischenzeitlich sogar selbst in Verdacht gerät. Den Rest des Ensembles hat Regisseur Barthel mit hierzulande weitgehend unbekannten, aber ausgezeichneten Schauspielern besetzt. Auch die akzentuierte Musik (Yullwin Mak) und die ähnlich sparsame Bildgestaltung (Hermann Dunzendorfer) haben großen Anteil an der Qualität dieses Dramas. tpg.
| Darsteller: | Elisabeth Lanz | als Sabine | |
|---|---|---|---|
| Heio von Stetten | als Leonhard | ||
| Simon Schwarz | als Ferdinand | ||
| Cornelius Obonya | als Meier | ||
| Prof. Peter Weck | als Dr. Körbler | ||
| Julia Cencig | als Melanie | ||
| Vasiliki Roussi | als Sofia | ||
| Christopher Schärf | als Gerhard Holler | ||
| Max Schmiedl | als Niki | ||
| Stefanie Dvorak | als Mia | ||
| Regie: | Holger Barthel | ||
| Drehbuch: | Ivo Schneider | ||
| Produzent: | Dieter Pochlatko | ||
| Buchvorlage: | Lisa Lercher | ||
| Kamera: | Hermann Dunzendorfer | ||
| Musik: | Yullwin Mak | ||
| Produktionsdesign: | Hannes Salat | ||
| Kostüme: | Elisabeth Binder | ||
| Ton: | Heinz Ebner | ||
Nach dem Vampirfilm "Wir sind die Nacht" inszenierte Dennis Gansel mit "Die vierte Macht" einen Polit-Thriller fürs Kino und schätzt sich glücklich als einer der wenigen Regisseure in Deutschland überhaupt Genre-Filme machen zu dürfen.
Moritz Bleibtreu gerät in Dennis Gansels Thriller "Die vierte Macht" in die tödlichen Wirren der russischen Politik (Foto: Kurt Krieger)
Wie war es, in Englisch zu drehen und inwieweit hat es sich auf den Verkauf ausgewirkt?
DENNIS GANSEL: Es lag auf der Hand, "Die vierte Macht" in Englisch zu drehen nachdem nur Moritz Bleibtreu einen Deutschen spielte. Ich hatte am Anfang zwar ein bisschen Angst davor, nicht in meiner Muttersprache zu drehen, aber es war erstaunlich einfach. Wir hatten Sprachcoaches vor Ort - für Russisch und Englisch - und außerdem konnte ich mich zur Not mit dem Hauptdarsteller ja auf Deutsch verständigen.
Wie sind Sie an die internationalen Schauspieler herangekommen?
Über das Buch. Und bei Schauspielern wie Rade Serbedzija, die viel beschäftigt sind, hatten wir einfach Glück, dass sie neben der Lust auch die Zeit hatten. Bei Stoffen wie diesen stößt man bei Schauspielern auf größtes Interesse.
Warum haben Sie in Kiew statt in Moskau gedreht?
Moskau ist einfach zu teuer. Die großzügige Unterstützung durch die Förderer hat uns ermöglicht auf hohem Niveau in Deutschland zu drehen. Hätte mir jemand 30 Mio. Euro Budget in die Hand gedrückt, hätte ich auch in Russland gedreht. So hatten wir nur drei Tage in Moskau, und einen Tag davon hat uns Moritz geschenkt.
Wie sind die Drehbedingungen in der Ukraine?
Ähnlich wie in Deutschland. Aber bekommt man es mit der ukrainischen Mafia zu tun, dann verteuert sich plötzlich ein Drehort um das Zehnfache. Sonst kann ich fast nur Positives berichten. Die Crews sind unglaublich gut, die Menschen offen und lebenslustig. Schade, dass die Chancen der orangenen Revolution so vertan wurden.
Wie in "Wir sind die Nacht" gibt es einige tolle Locations, wie etwa den Nachtclub.
Der Club war das Motiv, bei dem es die gerade genannten Probleme gab. Wir drehten die Szenen schließlich in einer leer stehenden Kirche in Friedrichshain. Produktionsdesigner Matthias Müsse und sein Team haben sich selbst übertroffen. Ihr Budget musste vor Dreh noch mal stark gekürzt werden und trotzdem haben sie Berlin als Moskau überzeugend hinbekommen.
Musste im Schnitt viel gekürzt werden?
Wir hatten erst 150 Minuten. Auf der DVD wird also viel mehr zu sehen sein. Es ging vor allem darum, einen Unterhaltungsfilm zu machen und die Spannung zu halten. So haben wir etwa am Detailreichtum bei der Schilderung der Mechanismen des internationalen Terrorismus gespart und beim Anfang gekürzt.
Einen Genrefilm zu machen, ist in Deutschland ein Wagnis. Auch Ihr "Wir sind die Nacht" blieb unter den Erwartungen.
"Wir sind die Nacht" war ein Flop. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich überlege, wie viel Arbeit wir hineingesteckt haben und wenn man auf der anderen Seite sieht, welch Chance man gehabt hätte wäre das Timing nicht so unglücklich gewesen. Der Stoff war ja deutlich älter als "Twilight". Es muss doch im deutschen Kino noch etwas anderes geben außer Komödien! Umso glücklicher war ich, als Nina Maag und UFA Cinema "Die vierte Macht" machen wollten. Ich wünsche mir eine Kinotradition wie in Frankreich, wo es von der Klamotte über den Thriller bis zu "The Artist" alles gibt. In Deutschland ist das nicht so. Ich gehöre zu den wenigen Glücklichen, die überhaupt Genrefilme fürs Kino drehen dürfen. Tolle Thrillerideen scheitern oft schon bei der Drehbuchförderung. Für einen Film wie "Die vierte Macht" muss man marketingtechnisch viel mehr machen als z.B. für eine Schweighöfer-Komödie. Da gibt es ja bereits ein Grundpublikum, was perfekt beworben wird. Bei Thrillern fängt man bei null an.
Welches Filmprojekt gehen Sie in diesem Jahr an?
Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Die Verfilmung von Todd Strassers "Give a Boy a Gun" treiben wir voran. Es gibt auch noch andere Ideen und Projekte. Eines davon sollte sich im Laufe des Frühjahrs konkretisieren. Ich würde jedenfalls ungern dieses Jahr pausieren.
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