Sibel Kekilli
Nizam Schiller
Derya Alabora
Regie: Feo Aladag
Verleih: Majestic (Fox)
Die 25-jährige Türkin Umay steht mit ihrem Sohn Cem in Berlin vor der Haustür ihrer Eltern. Sie hat das Leben mit ihrem Ehemann in Istanbul nicht mehr ausgehalten. Zurückhaltend wird sie aufgenommen. Schon bald trifft die Familie die Entscheidung, Cem wieder zum Vater zu schicken. Nur so kann die Ehre wieder hergestellt werden. Umay reagiert panisch: Niemand soll ihr ihr Kind wegnehmen. So flieht sie wieder. Sie verliebt sich erneut und sucht nach einiger Zeit die erneute Annäherung an die Familie.

Sibel Kekilli will in Feo Aladags Regiedebüt als junge Türkin nur ihr eigenes Leben leben und zahlt für die Familienehre einen hohen Preis.
Die so genannten Ehrenmorde waren noch vor wenigen Jahren ein kaum diskutiertes dunkles Kapitel. Weltweit schätzt man 5000 Ehreverbrechen. Die Morde an jungen Frauen islamisch geprägter Herkunft in Deutschland durch ihre Brüder, weil sie keine Zwangsheirat wollten, keine Jungfrau mehr waren oder nur den westlichen Lebensstil für sich in Anspruch nahmen, galten in der Multikulti-Euphorie oft als "interne soziokulturelle" Angelegenheit der Parallelgesellschaft. Feo Aladag greift dieses heikle Thema auf, nicht als politisches Statement, sondern als eindringliches Familienporträt.
Da ist Umay, die im Vorort von Istanbul unter den Gewaltausbrüchen ihres Mannes leidet und mit ihrem kleinen Sohn Cem "nach Hause" flieht, zu ihren nichts ahnenden Eltern nach Berlin. Als der Vater die Wahrheit erfährt, soll sie zurück in die Türkei, eine Frau gehört zu ihrem Mann. Der düpierte Gatte will die "deutschländer Hure" nicht mehr, sondern nur den Filius. Aber den gibt Umay nicht her. Sie sucht Hilfe in einem Frauenhaus und beschämt durch ihr Verhalten die Familie. Trotz allen Zwistes versucht die Tochter, immer wieder Kontakt zum Vater und zur Mutter aufzunehmen, vergeblich. Was zählt, ist die Familienehre. Und die kann nur durch den Tod wieder hergestellt werden. Den jüngsten Bruder trifft das Los.
Ohne pauschalisierende Schwarzweißmalerei oder moralische Verurteilung zeichnet das in Dramatik und Menschlichkeit gelungene Kinodebüt die Zwänge und Konflikte einer patriarchalisch orientierten Gesellschaft. So liebt der Vater sein verstoßenes Kind, fühlt sich aber den Traditionen verpflichtet und dem Ruf der Familie. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück, sogar die Hochzeit der jüngeren Schwester steht auf der Kippe, die Brüder müssen sich verspotten lassen. Der Film geht in seiner Universalität weit über eine deutsch-türkische Migrantengeschichte hinaus und versucht die Grenzen von Intoleranz zu überwinden, in einer Welt verkrusteter Strukturen und Vorurteile. Im Kampf um eine diffuse Ehre gibt es nur Verlierer, die Täter sind keine Monster, sondern in sich Zerrissene. Authentizität bringt der Umgang mit beiden Sprachen, türkisch und deutsch. Die Kamera von Judith Kaufmann richtet sich ruhig auf Gesichter, die trotz harter Worte auch von Verzweiflung erzählen, gibt den Protagonisten Raum, aber auch Nähe zum Zuschauer. Sibel Kekilli beweist in einer außergewöhnlichen Performance, dass ihre Leistung in "Gegen die Wand" kein Zufallstreffer war. Die aus der Schauspielerei kommende Feo Aladag (neben der Regie ist sie auch für Produktion und Drehbuch verantwortlich) findet die richtigen Zwischentöne für dieses Drama um Ehrverbrechen, verpasste Chancen und verletzte Seelen. mk.
| Darsteller: | Sibel Kekilli | als Umay | |
|---|---|---|---|
| Nizam Schiller | als Cem | ||
| Derya Alabora | als Halyme | ||
| Settar Tanriogen | als Kader | ||
| Serhad Can | als Acar | ||
| Almila Bagriacik | als Rana | ||
| Tamer Yigit | als Mehmet | ||
| Alwara Höfels | als Atife | ||
| Florian Lukas | als Stipe | ||
| Blanca Apilanez Fernandez | als Carmen | ||
| Mustafa Jouni | als Mete | ||
| Edin Hasanovic | |||
| Aram Arami | |||
| Seckin Orhan | |||
| Regie: | Feo Aladag | ||
| Drehbuch: | Feo Aladag | ||
| Produzent: | Feo Aladag | ||
| Züli Aladag | |||
| Kamera: | Judith Kaufmann | ||
| Schnitt: | Andrea Mertens | ||
| Produktionsdesign: | Silke Buhr | ||
| Kostüme: | Gioia Raspé | ||
| Maske: | Monika Münnich | ||
| Casting: | Ulrike Müller | ||
| Harika Uygur | |||
Mit "Gegen die Wand" sorgte Sibel Kekili für viel Aufmerksamkeit in Deutschland. Bald könnte sie bei Milliarden Menschen in aller Welt berühmt sein.
"Die Fremde": von Deutschland eingereicht, um für den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film nominiert zu werden (Foto: Majestic (Fox))
Denn Sibel Kekillis Glanzleistung als Türkin, die vor ihrer einengenden Ehe in Istanbul nach Berlin flieht, könnte für einen Auslands-Oscar sorgen: Das Drama "Die Fremde" wird Deutschlands Vorschlag in der begehrten Kategorie! Eine unabhängige Fachjury, die den deutschen Beitrag im Wettbewerb um den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film auswählt, hat sich für Feo Aladags bereits vielfach ausgezeichnetes Drama um eine Grenzgängerin zwischen zwei Kulturen entschieden.
"'Die Fremde' ist ein außerordentlich gut geschriebener, stimmig inszenierter und berührender Film mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen. Der Film behandelt auf höchst dramatische und subtile Weise den Kampf einer jungen deutsch-türkischen Mutter um ihre Selbstbestimmung in zwei Wertesystemen", heißt es in der Begründung. Der Film lief Mitte März in den deutschen Kinos.
Auch Österreich und die Schweiz haben ihren Kandidaten auserkoren, Tizza Covis und Rainer Frimmels Drama über eine Wanderzirkusfamilie, "La Pivellina", und Stephanie Chuats und Veronique Reymonds Drama um die Beziehung eines alten Mannes zu seiner Krankenschwester, "La petite chambre". Besonders spannend: Alle drei Filme aus dem deutschsprachigen Raum stammen von Erstlingsregisseuren.
Unter allen nationalen Einreichungen nominiert die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences am 25. Januar 2011 jene fünf Filme, die an der Endauswahl des Wettbewerbs um den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film teilnehmen. Der Sieger aus den fünf Nominierten wird dann bei der glamourösen Verleihung der Goldjungen am 27. Februar 2011 im Kodak Theatre zu Los Angeles gekürt.
Die in Heilbronn als Tochter türkischer Eltern geborene Sibel Kekilli gab 2004 mit der weiblichen Hauptrolle in Fatih Akins "Gegen die Wand"...
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