Originaltitel: This Must Be the Place
Italien/Frankreich/Irland 2011
Sean Penn
Frances McDormand
Judd Hirsch
Regie: Paolo Sorrentino
Verleih: DCM
Rockmusik hat Cheyenne reich gemacht, aber auch gelangweilt und zynisch. Nachdem er sich vom Musikgeschäft verabschiedet hat, macht er sich auf die Suche nach dem einstigen Peiniger seines nunmehr im Sterben liegenden Vaters, dem Nazi-Kriegsverbrecher Alois Lange, der sich in den USA versteckt halten soll. Für Cheyenne beginnt eine Reise ins Hinterland der Vereinigten Staaten, die ihn nachhaltig verändert, bis er dem Todesengel aus Auschwitz gegenübersteht.

Roadmovie über einen ehemaligen Rockstar, der sich auf eine Reise durch die USA begibt, um den einstigen Peiniger seines Vaters aufzuspüren.
Mit seinem ersten englischsprachigen Kinoprojekt verneigt sich der Italiener Paolo Sorrentino, dem mit seinem "Il Divo" vor drei Jahren in Cannes der große Schritt ins internationale Rampenlicht gelang, vor dem Kino (und der Musik) seiner Jugend: Die Roadmovies von Jonathan Demme ("Gefährliche Freundin"), Wim Wenders ("Paris, Texas") und David Byrne ("True Stories") mit ihren skurrilen Figuren und ihrem wehmütigen Blick auf ein unbehaustes Amerika jenseits der Metropolen standen Pate für diesen ungewöhnlichen Film.
In bestechenden, expressiven Bildern breitet Sorrentino seine Geschichte aus, über den depressiven Rockstar Cheyenne, der sich 20 Jahre nach seinem Abschied aus dem Rampenlicht von Dublin aus aufmacht, um im Hinterland nach dem greisen Mann zu fahnden, der seinen Vater einst folterte. Anders als man es von einem Roadmovie erwarten würde, erzählt "Cheyenne" weniger vom Aufbruch, sondern von einer Reise nach innen: Die Suche nach den Wurzeln des Vaters hilft dem kauzigen Helden hier, sich selbst zu finden und endlich wieder einen Schritt nach vorn zu wagen im Leben. Zunächst ist es ein Schock, Sean Penn, Inbegriff des kernigen Mannsbildes nach Bruce-Springsteen-Zuschnitt, in seinem Kostüm zu sehen, als 50-jähriger Mann, der immer noch aussieht, wie es Robert Smith von The Cure in den Achtzigerjahren tat: ein Goth mit toupiertem, schwarzem Haar und kieksender Fistelstimme. Man fragt sich, ob das funktionieren kann. Kann es: Mehr und mehr erweist sich diese aus der Zeit gefallene Vogelscheuche als idealer Führer in die ungewöhnliche, überbunte Filmwelt Sorrentinos, in der alles ganz anders ist, als man es gemeinhin erwarten würde - außer dass das Ergebnis so emotional und nachhaltig ist, wie man es sich von blitzsauberem Erzählkino erhoffen darf.
ts.
| Darsteller: | Sean Penn | als Cheyenne | |
|---|---|---|---|
| Frances McDormand | als Jane | ||
| Judd Hirsch | als Mordecai Midler | ||
| Eve Hewson | als Mary | ||
| Kerry Condon | als Rachel | ||
| Harry Dean Stanton | als Robert Plath | ||
| Joyce van Patten | als Dorothy Shore | ||
| David Byrne | als David Byrne | ||
| Olwen Fouere | als Marys Mutter | ||
| Shea Whigham | als Ernie Ray | ||
| Liron Levo | als Richard | ||
| Simon Delaney | als Jeffery | ||
| Heinz Lieven | als Alois Lange | ||
| Seth Adkins | als Jimmy | ||
| Bern Cohen | als Rabbi Cohen | ||
| Sam Keeley | als Desmond | ||
| Johnny Ward | als Steven | ||
| Peter Carey | als Angestellter bei Saks | ||
| Regie: | Paolo Sorrentino | ||
| Drehbuch: | Paolo Sorrentino | ||
| Umberto Contarello | |||
| Produzent: | Francesca Cima | ||
| Nicola Giuliano | |||
| Andrea Occhipinti | |||
| Koproduzent: | Laurent Pétin | ||
| Michèle Pétin | |||
| Ed Guiney | |||
| Andrew Lowe | |||
| Ausf. Produzent: | Ron Bozman | ||
| Viola Prestieri | |||
| Kamera: | Luca Bigazzi | ||
| Schnitt: | Cristiano Travaglioli | ||
| Musik: | David Byrne | ||
| Will Oldham | |||
| Produktionsdesign: | Stefania Cella | ||
| Kostüme: | Karen Patch | ||
| Ton: | William Sarokin | ||
| Ray Cross | |||
| Casting: | Laura Rosenthal | ||
| Carrie Ray | |||
| Maureen Hughes | |||
Das 64. Festival de Cannes war ein wahrhaft großes Fest für den Film. Und obwohl gelitten, gestorben, gedemütigt und geweint wurde, schließlich sogar die Welt unterging und in Pressekonferenzen Unsinn verzapft wurde - was zurückbleibt von zehn Tagen voller Filme ist das Gefühl, Bedeutendes miterlebt zu haben. Bei etwas dabei gewesen zu sein, was zählt. Nicht nur bei den Filmen auf der Leinwand, sondern auch in den Momenten am Rande.
Unvergessen: Jean-Paul Belmondo in Godards Meisterwerk "Außer Atem" (Foto: Neue Visionen)
Er kam auf Krücken, erklomm am Arm seiner jungen, attraktiven Frau nur mühsam die wenigen Stufen zur Bühne, aber er hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren: Jean-Paul Belmondo, Action-Star und Charakterkopf, nahm die Herzen im Sturm, wurde gefeiert wie ein Held. "Bébel", wie ihn die Franzosen liebevoll nennen, wurde mit einer Goldenen Palme für sein Lebenswerk geehrt.
Während der Aufführung einer neuen Doku über das Rauhbein mit dem weichen Kern gab es immer wieder bewegenden Szenenapplaus, wenn der Star, der auch die gefährlichsten Stunts selbst machte, an einem Hubschrauber hängend über ganz Venedig fliegt oder aus der Luft auf einem fahrenden Boot landet. Kaum zu glauben, dass dieser nach einem Schlaganfall vor zehn Jahren gebrechliche alte Mann diese Kunststücke vollbrachte.
Aber nicht nur für sie lieben und verehren ihn seine Landsleute noch heute: Er war das Gesicht der Nouvelle Vague, entdeckt von Jean-Luc Godard, der ihn und die gesamte neue, mächtige Welle mit Filmen wie "Außer Atem" und "Elf Uhr nachts" ins Bewusstsein des Weltkinos spülte, ehe er, in freundschaftlicher Rivalität mit Alain Delon, die Kinokassen klingeln ließ. Sein Publikum bescherte der Ikone des französischen Kinos, der sich in den letzten Jahren hauptsächlich dem Theater widmete, einen enthusiastischen Empfang.
Ebenso Bernardo Bertolucci, Meister großer Skandalfilme ("Der letzte Tango in Paris", 1972) und Epen ("1900", 1976), der im Rahmen der Eröffnungsgala ebenfalls für sein Lebenswerk geehrt wurde. Einige Tage später stellte er in der Reihe "Cannes Classics" "Der große Irrtum" von 1970 vor. Er kam im Rollstuhl, doch seine Worte und Gedanken sind ebenso hellwach wie einst. Die scharfsinnige Analyse von politischem Opportunismus, Faschismus und unterdrückter Sexualität geht heute noch genauso unter die Haut wie vor 40 Jahren. Echte Meisterwerke sind eben wirklich zeitlos. Leider scheint sich der Oscar-Preisträger ("Der letzte Kaiser") nach seinem letzten Film "Die Träumer" von 2003 zur Ruhe gesetzt zu haben.
Noch weiter zurück ging es bei den "Cannes Classics" mit Georges Méliès' "Die Reise zum Mond". Der 16-minütige Farbfilm von 1902, der lange als vermisst galt, wurde 1993 wieder aufgefunden und jüngst restauriert. Jetzt war er erstmals in den damals verwendeten, überraschend leuchtenden Farben zu sehen, mit einem neuen Soundtrack der französischen Popband Air.
Und dann sorgte am Ende doch ein ganz aktueller, eigentlich unspektakulärer Film für Furore, in einem Brot nach Cannes geschmuggelt: Mit "This is not a Film" beweist der iranische Filmemacher Jafar Panahi, vom Regime mit langjähriger Haft und 20jährigem Berufsverbot belegt, dass selbst brutalste Unterdrückung nicht mundtot machen muss.
Der "Nicht-Film" zeigt, wie Panahi in seiner Teheraner Wohnung, abgeschlossen von der Außenwelt, mit seiner Anwältin und Freunden telefoniert und im Wohnzimmer sein letztes Drehbuch nachstellt. Vorlesen und schauspielern ist nicht verboten - und wo es keinen Film gibt, wird auch gegen keine Auflage verstoßen. Doch irgendwann bricht er entmutigt ab: Filme sollte man inszenieren, nicht vorlesen - was hat das für einen Sinn? Das geht unter die Haut. Sein Akt großen Mutes, der die Aufmerksamkeit der Welt von der Sonne Cannes' an einen dunklen Ort richtete, wird in Erinnerung bleiben.
Den stärksten Eindruck hinterließen auf jeden Fall Terrence Malicks Palmen-Gewinner "The Tree of Life" und "Melancholia". Ersterer stellt sich mit aller filmischen Wucht und optischen Opulenz den Fragen nach dem Wunder des Lebens, der Suche des Menschen nach Einheit mit sich selbst und mit der Natur.
Als dunkles Gegenstück quasi kann Lars von Triers ("Antichrist") großartiger, aufwühlender "Melancholia" (Start: 6. Oktober) gelesen werden, mit den eindringlichsten Bildern des Festivals, die man so schnell nicht vergessen wird, und einem wuchtigen Prolog, untermalt von Wagners "Tristan und Isolde"-Ouvertüre. Unvergesslich auch die Bilder vom Golfplatz, der das Anwesen umgibt, auf dem die Schwestern Justine (Darsteller-Preis für Kirsten Dunst) und Claire (Trier-Muse Charlotte Gainsbourg aus "Antichrist") der Weltuntergang ereilt. Auf den Grüns versinkt man knietief im Morast, und spätestens am 19. Loch (beim Golfsport gibt es nur 18) weiß man dann, dass es kein gutes Ende mit der Erde nehmen wird ...
Kurios, aber fantastisch: Sean Penn im italienischen Beitrag "This Must Be the Place" von Paolo Sorrentino: als stark überschminkter, auf Goth getrimmter alternder Rockstar rechnet er auf auf einer wahnwitzigen Odyssee durch die Vereinigten Staaten mit einem Kriegsverbrecher ab, der einst seinen Vater quälte, und kann so auch seine eigenen Dämonen bändigen. So hat man Sean Penn noch nie gesehen, so behält man ihn gern im Gedächtnis.
Nach kleinen Rollen in TV-Filmen und im Theater debütierte Penn 1981 in "Die Kadetten von Bunker Hill" an der Seite von Tom Cruise. Der Durchbruch...
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