Was du nicht siehst (2009)

Originaltitel: Was Du nicht siehst
Was du nicht siehst Poster
Nicht mehr im Kino.
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Filmhandlung und Hintergrund

Was du nicht siehst: Beeindruckendes Coming-of-Age-Psychodrama und Spielfilmdebüt über einen Jugendlichen, der im Frankreich-Urlaub auf Irrwege gerät.

Anton fährt mit seiner Mutter Luzia und ihrem neuen Freund Paul zum Bungalow-Urlaub an die französische Atlantikküste. Der Internatsschüler Anton leidet dabei immer noch sehr unter dem Selbstmord seines Vaters und hat ein schwieriges Verhältnis zu den beiden Erwachsenen. Vor Ort lernt er das Herumtreiberpärchen David und Katja kennen, dessen seltsamem, manipulativem Spiel er bald verfällt. Dabei werden nach und nach nicht nur seine seelischen Abgründe schmerzhaft offengelegt.

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Kritiken und Bewertungen

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    Alles andere als ein idyllischer Familienurlaub: Anton (gespielt von Nachwuchstalent Ludwig Trepte) muss sich nach dem Tod seines Vaters in der Bretagne nicht nur dem schwelenden Konflikt mit dem neuen Freund seiner Mutter stellen, sondern sich durch das ungewöhnliche Zusammentreffen mit den Nachbarn David und Katja auch seine Isolation und Passivität eingestehen. In hochgradig ästhetisierenden Bildern, durchsetzt von surrealen Elementen und Anspielungen, wird sein Kampf um Identifikation und Identität geschildert. Es knistert in den angespannten Beziehungsgeflechten. Ein lobenswerter, konsequent umgesetzter Ansatz auf einer ungewöhnlichen Ebene, der den Bezug zu realen Jugendproblematiken an keiner Stelle verliert und zu unterschiedlichen Interpretationen einlädt. Ein gelungenes Konzept höchst eindringlich von einer glänzenden Kamera umgesetzt.

    Jurybegründung:

    Mit betörenden, höchst ästhetisierenden Bildern von teilweise surrealer Anmutung gelingt dem Film ein bemerkenswertes Stück Kino, das man länger nicht in deutschen Filmtheatern gesehen hat. Dank herausragender Kameraführung, licht- und schattenreicher Bildgestaltung, die auch schwierige Gegenlichtaufnahmen nicht scheut, entstanden außergewöhnlich schöne kinogerechte Bilder für die große Leinwand.

    Lange Passagen mit feiner Geräuschkulisse stehen im Wechsel mit Passagen von lärmender Stille. Auf diese Weise unterstreicht die Tonspur subtil eine düstere Geschichte um den jugendlichen Anton, der in einem Ferienhaus an der rauen Atlantikküste im gemeinsamen Urlaub mit der Mutter und deren neuen Freund den Tod des Vaters hinter sich zu lassen versucht. Zwischen allen Beteiligten knistert es unheilvoll und die Spannung ist förmlich mit den Händen zu greifen: Zwischen Anton, der Mutter und deren Freund, der kein Vaterersatz sein kann, zwischen Anton und seinem neuen Freund David, der anscheinend alles an Wildheit und Nonkonformität inne hat, was er selbst gern hätte, noch mehr aber zwischen ihm und Katja, die er begehrt. Und natürlich ist Anton nicht allein mit seinen wirren Gefühlen, hin und hergerissen zwischen Loyalität und Widerstand. Auch die anderen Beteiligten verfolgen eigene Interessen, die nicht im Einklang mit denen der anderen stehen. Nach einer alptraumhaften Odyssee durch die Abgründe seiner eigenen Seele findet sich Anton in einer erschreckenden Realität wieder.

    Von einigen Juroren wurde kritisiert, dass die Inszenierung teilweise zu künstlich sei und allzu häufig vorhersehbaren Mustern entspräche. Drehorte und Ausstattung, sowie die Besetzung der Schauspieler folgten eher einem festgelegten Design und der musikalische Einsatz des Mädchenchors als Vorbote drohenden Unheils sei allzu stereotyp.

    Dem widersprach die Mehrheit der Jury. Sie bewertet die genannten Aspekte als Teil eines konsequent umgesetzten, gelungenen Konzepts. Die Inszenierung überzeugt mit ihren stimmigen Dialogen und der Besetzung, die perfekt auf die jugendliche Zielgruppe ausgerichtet ist.

    Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)

Kritikerrezensionen

  • Meerumtoste Steilküsten, felsengesäumte Sandstrände, alte Atlantikwall-Bunkeranlagen, weite Grasflächen, ein verzaubertes Wäldchen mit sonnendurchfluteten Dunstschwaden, ein verwunschener, fliegenumsurrter, halbverwitterter Hinkelstein, ein Waldsee, in dem ein totes Reh schwimmt – Wolfgang Fischer weiß alles aus der Landschaft der Bretagne zu holen, die Kameramann Martin Gschlacht majestätisch und subtil in Filmbilder zu verwandeln versteht. Hier steht das Gewaltige neben dem Geheimnisvollen, die Offenheit neben dem Intimen, hier kann man sich in der ewigen Natur verlieren.

    Hier lässt Fischer sein Familien-Psychodrama spielen. Hierher fahren Anton, seine Mutter, deren Liebhaber und dessen Hund in Urlaub. Der Ferienbungalow ist ein großes, elegantes Häuschen mit langer Fensterfront, von der die Zimmer abzweigen – das Abgeschlossene ist offen einsehbar, und in den Glasspiegelungen ist man immer auf sich selbst zurückgeworfen. Anton ist ein Läufer, und er ist doch eingesperrt in seiner eigenen kleinen Welt, lebt im Internat ohne Freunde, ist getrennt von der Mutter, vermisst den Vater, der sich umgebracht hatte.

    Hier begegnet Anton dem wilden David und dessen wilder Gefährtin Katja. Die, mit ihrem sphinxhaften Lächeln, bleibt stets mysteriös; er, David, hat ein dreckiges Grinsen drauf, auch einen Zug halb verborgener Aggressivität, und er lässt die Gewaltbereitschaft raus. Beide üben eine heftige, auch erotische Faszination aus: Bei der ersten Begegnung packt David Anton an den Hintern; später fordert Katja ihn auf, ihr ein Sandkorn aus dem Auge zu lecken… Sie spielen Psychospielchen, mit allen und jedem, in ihnen lebt die Anarchie: sie wohnen im leeren Nachbarbungalow, der mit dem längst verlassenen Pool im Garten.

    Viele kleine, feine Beobachtungen enthält Fischers Film. Als Darsteller konnte er einige der talentiertesten Nachwuchskräfte gewinnen: Ludwig Trepte als etwas verstörter Junge, der irgendwo dazugehören will, Alice Dwyer und Frederick Lau als seltsames Paar, das Freundschaft bedeuten könnte. Fischer entwickelt sorgsam seinen Plot, mit langsamen Steigerungen, mit kleinen Höhepunkten des Bizarren, die sich in den Alltag einfügen.

    Doch Fischer hat zuwenig Vertrauen in seinen Film, auch in seine Zuschauer. Wenn es immer um die fehlende Zugehörigkeit, um Einsamkeit, um Unbehagen an der Familie, um das schlimme innere Geheimnis des Menschen geht, darf man den Zuschauer im Erschließen von Zusammenhängen nicht unterschätzen. Dass das Geheimnis des Films weniger umkreist denn direkt angegangen wird: das schadet letztendlich dem Ganzen. Zwar wird es gegen Ende richtig intensiv, wenn wir uns dem inneren Geheimnis nähern; doch dem Konzept der Parallelität von Innen und Außen, von Gefangen und Frei, von Beherrschend und Sensibel, von Offen und Intim kommt man doch zu früh auf die Schliche.
    Freilich: Das Zusammenspiel von Landschaft, Psyche, Charaktere und bewusst gesetzter Inszenierung bewirkt doch eine suspensevolle, abgründige Atmosphäre.

    Fazit: Ein Psychodrama, das in seinen besten Momenten (und davon gibt es nicht wenige) Beklemmung und Verstörung bewirkt – so, wie es sein muss.
  • Geheimnisvolles Coming-of-Age-Psychodrama, das in bestechenden Kinobildern ein abgründiges Märchenland zwischen Liebe und Tod erforscht.

    Mit beeindruckenden Kinobildern begeht der Österreicher Wolfgang Fischer sein Spielfilmdebüt, das die Bretagne als herb-schöne Naturkulisse für einen Psychothriller ums Erwachsenwerden und dunkle Geheimnisse auserkoren hat. Die faszinierende Ästhetik stammt von seinem Landsmann Martin Gschlacht, der ähnlich enigmatische Eindrücke wie in Jessica Hausners “Hotel” liefert. Sein Spiel mit Nebel, Licht und Schatten in den Kiefernwäldern, den verfallenen Bunkeranlagen des Atlantikwalls und an den malerischen Steilküsten liefert Trugbilder psychologischer Untiefen.

    Die beginnen für den fast erwachsenen Spätzünder Anton (seit “Kombat Sechzehn” ein Nachwuchstalent: Ludwig Trepte), als er mit seiner Mutter Luzia (Bibiana Beglau) und ihrem neuen Lebensgefährten Paul (Andreas Patton) zum Bungalow-Urlaub an der bretonischen Küste fährt. Dass der Internatsschüler den Selbstmord seines Vaters kaum verarbeitet hat, gehört zu den vielen Dingen, die man erst später erfährt. Er gerät in den Bann eines Herumtreiberpärchens, das sich im Nachbarhaus eingerichtet hat. Der Halbstarke David (Frederick Lau aus “Die Welle”) ist ein amoralischer Provokateur und Gewalttäter, dem der anhängliche Anton in einen winddurchrauschten Märchenwald folgt. David lebt ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Schwester Katja (Alice Dwyer, “Die Tränen meiner Mutter”), deren sphinxhaftes Aussehen Anton anzieht. Beide treiben ein undurchschaubares Spiel mit dem Jungen, manipulieren ihn, symbolisieren seine Wünsche nach Liebe und Tod, katalysieren sein Heranreifen und leisten einer ödipalen Wende Vorschub, die endgültig seelische Abgründe bloßlegt.

    Choräle und ausgesuchte Sounds vervollständigen die Atmosphäre, die eine raue Spätsommeridylle aufsaugt. Darüber hängt die Ahnung von Bedrohung wie eine dunkle Wolke. Das Schauspiel der Grenzüberschreitungen nutzt die Naturromantik als mythische Landschaft, die Anton als fremde Welt entdeckt. Ängste und ihre Überwindung wabern durch diese archetypische Psycho-Natur, in der offenkundig Carl Gustav Jung, Freud und Nietzsche wohnen. Zwei Dreierbeziehungen oszillieren mit irritierender Intensität: Die der Jungen wirkt wegen der natürlichen Darsteller plastischer, die zwischen Anton und seinen unbeholfenen Eltern leidet an dem steifen Spiel der Erwachsenen. Das kann dieser durchkomponierten Odyssee in die Geisteswelt eines Jugendlichen nichts von ihrer vieldeutigen Wildnis nehmen, wie sie in Hanekes “Caché” und Ozons “Rückkehr ans Meer” schon lauerte. tk.

Darsteller und Crew

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