Der Brand (2010)

Der Brand Poster
Nicht mehr im Kino.
Userwertung (4)
  1. Ø 5
Kritikerwertung (1)
  1. Ø 3.5

Filmhandlung und Hintergrund

Der Brand: Bitteres, sehr intensives Drama über eine nicht geahndete Vergewaltigung, das mehrfach ausgezeichnet wurde.

Nach einem Tanzabend lässt sich Judith von einer Zufallsbekanntschaft begleiten. Urplötzlich schlägt das stilvolle Flirten des Mannes in Gewalttätigkeit um. Er missbraucht sie und kommt auch noch ungeschoren davon: Der Arzt ist ein angesehener Bürger, die Vergewaltigung kann nicht bewiesen werden; es steht Aussage gegen Aussage. Statt Gerechtigkeit widerfährt Judith sogar eine Gegenklage wegen falscher Verdächtigung. Um zu verhindern, dass der Zorn sie zerfrisst, wird sie selbst aktiv.

Bilder

Kritiken und Bewertungen

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Kritikerrezensionen

  • „Der Brand“ ist Brigitte M. Berteles zweiter Langspielfilm. Ihr Debüt, das gelungene Kriegsheimkehrerdrama „Nacht vor Augen“, lief 2008 auf der Berlinale und weil es beim ersten Mal so effektiv war, arbeitete Bertele auch diesmal wieder mit Drehbuchautorin Johanna Stuttman und SWR-Redakteurin Stefanie Groß zusammen; erneut widmet sich das Damentrio einem brisanten Thema: der Kampf eines Vergewaltigungsopfers mit dem Danach.

    Seit „Irreversibel“ (F, 2002) muss sich mit Sicherheit jede neue Vergewaltigungsszene mit dem Schreckensszenario von Gaspar Noé vergleichen lassen. Bertele entzieht sich klugerweise der Möglichkeit eines direkten Vergleichs, indem sie die Tat selbst ausspart – aber nicht einfallslos durch einen harten Schnitt vor dem Übergriff, sondern indem sie die Figuren aus dem Bild treten lässt. Kameramann Hans Fromm schwenkt auf Judiths umgefallenes Fahrrad und verharrt, die Atmo verschwindet und das einzige hörbare Geräusch verursacht das sich drehende Vorderrad. Zwar bleibt der Zuschauer so von konkreten Bildern verschont, wird aber dennoch mit der Drastik und Grausamkeit des Geschehens konfrontiert - weil er nicht wegguckt und obwohl er nichts sieht, trotzdem vor Augen hat, was in diesem Moment mit Judith passiert.

    Auch im weiteren Verlauf entfernt sich Bertele von der gängigen Auflösung der Standardsituationen eines solchen Dramas. In den meisten Filmen ist das Vergewaltigungsopfer unmittelbar nach der Tat allein – duscht und entsorgt die besudelten Kleidungsstücke. Die Drehbuchautorin nutzt diese Szenen allerdings, um die Beziehung von Judith und Georg zu etablieren. Behutsam zieht er ihr das dreckige rote Kleid aus, hilft ihr in die Wanne und beim Waschen. Maja Schöne und Mark Waschke verkörpern ein Paar, das bei einander angekommen und deren Vertrautheit mit einander in jeder einzelnen Bewegung deutlich spürbar ist. Umso tragischer ist es, dass die Beziehung zu zerbrechen droht.

    Indes ist die Figur des Anwalts ein Stolperstein in der Geschichte. Anfangs brilliert Florian David Fitz einmal mehr in der Rolle des gutaussehenden Arschlochs, doch schon wenig später driftet das Verhalten des Anwalts gewaltig ab und ist nicht mehr nachvollziehbar. So erhalten die schönen Szenen zwischen Fitz und Schöne, in denen es ebenfalls um Nähe und Vertrauen geht, einen unglaubwürdigen Beigeschmack.

    „Der Brand“ verlangt dem Zuschauer einiges ab. Wie für diese Dramen typisch, ist das Martyrium des Opfers nach der Vergewaltigung noch lange nicht vorbei. Bertele geht aber noch einen Schritt weiter – Judiths Fall scheint kein Ende nehmen zu wollen und auch am Schluss ist es dem Zuschauer nicht wirklich vergönnt, befreit aufatmen zu können.

    Fazit: „Der Brand“ ist ein gelungenes Drama. Brigitte M. Bertele geht sehr weit, ohne dabei konkrete Bilder zeigen zu müssen und trotzdem bleibt man als Zuschauer verstört zurück.
  • Es dauert eine Weile, bis sich die Bedeutung des Titels erschließt. Erst spät wird klar, dass Judith, die weibliche Hauptfigur, von innen verzehrt wird. Zunächst versucht sie, den innerlichen Brand mit Eiswürfeln zu bekämpfen, später will sie ihn mit einem Eisbad für immer löschen.

    Linderung jedoch erfolgt erst, als sie ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, denn die juristische Gerechtigkeit wird ihr vorenthalten. Dabei ist der Fall klar: Nach einem ausgelassenen Tanzabend lässt Judith (Maja Schöne) es zu, dass ihr Tanzpartner (Wotan Wilke Möhring), eine Zufallsbekanntschaft, sie ein Stück begleitet. Urplötzlich schlägt sein stilvolles Flirten in Gewalttätigkeit um. Der Mann missbraucht sie, lässt sie am Flussufer liegen und kommt auch noch ungeschoren davon: Ralph Nester ist ein angesehener Bürger, er leitet eine Privatklinik und hat Familie. Da die Vergewaltigung nicht bewiesen werden kann, steht Aussage gegen Aussage. Judiths Anzeige, seiner Darstellung nach die Rache einer sitzen gelassenen Frau, beantwortet er mit einer Gegenklage wegen falscher Verdächtigung.

    Brigitte Maria Bertele inszeniert dieses Drama ruhig und unauffällig, findet aber gerade zu Beginn immer wieder Bilder, die wie eingefroren wirken und Judiths seelische Situation perfekt illustrieren. In einer dieser sorgfältig komponierten Einstellungen nutzt sie einen einfachen, aber wirkungsvollen Spiegeltrick: Judith bekommt Besuch von Georg, ihrem Freund (Mark Waschke), von dem sie sich nach der Vergewaltigung getrennt hat. Ein Spiegelbild verdoppelt seine Präsenz gewissermaßen; aus Zuschauersicht sieht es so aus, als sei Judith von Georg umzingelt (Bildgestaltung: Hans Fromm). Kein Wunder: Nach einer Phase der Empathie möchte er endlich wieder zur Tagesordnung übergehen. Wenn Judith nicht zulassen will, dass das Feuer sie auffrisst, muss sie seine Energie nach außen lenken. Unter einem Vorwand freundet sie sich mit Nesters Frau (Ursina Lardi) an. Aber erst nach einer Explosion der Verzweiflung widerfährt ihr Gerechtigkeit.

    Neben der unerhörten Geschichte (Buch: Johanna Stuttmann) sind es vor allem die Schauspieler, die dafür sorgen, dass man großen Anteil an Judiths Wechselbad der Gefühle nimmt. So bedrückend Judiths Situation auch ist: Schauspielerisch bietet die Hauptrolle Maja Schöne die Gelegenheit, von Niedergeschlagenheit bis zu Verzweiflung und Wut ein denkbar breites emotionales Spektrum auszukosten. Aber auch die Rollen von Waschke und Möhring sind alles andere als eindimensional und mehr als bloß Ergänzungen. Judiths Freund wirkt keineswegs so gefühllos, wie sein Wunsch, sie möge die Ereignisse hinter sich lassen, vermuten lassen könnte. Und der Arzt Nester verbirgt sein zweites Gesicht erfolgreich hinter der Fassade des liebevollen Familienvaters. Selbst der von Judith erst als machtlos, dann gar als Gegner wahrgenommene Anwalt (Florian David Fitz), dessen nüchterne Befragung sie als weitere Demütigung empfindet, darf auch andere Seiten zeigen. tpg.

Darsteller und Crew

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