Nutzer regen sich über Werbung bei Netflix auf – was völlig übertrieben ist (Meinung)

Andreas Engelhardt  

Netflix hat offensichtlich den größten überhaupt möglichen Frevel begangen. Nein, die Preise für ein Abo wurden nicht über Nacht verdoppelt, keine Sorge. Vielmehr hat der Streaming-Dienst es doch tatsächlich gewagt, Werbung zu schalten. Zahlreiche Nutzer regen sich jetzt auf, wobei die mögliche Neuerung bei genauer Betrachtung kaum derart schlimm wirkt, wie sie gerade gemacht wird.

Als die Nachricht die Runde machte, dass Netflix Werbung zwischen einzelnen Episoden zeigt, folgten die ersten wütenden Kommentare wie aufs Stichwort. Nutzer kritisieren die Formate, die ihnen in der Werbung vorgeschlagen werden, den Streaming-Dienst selbst und drohen mit Kündigungen ihres Abos.

Es wirkt, als habe Netflix die Nutzer mit seiner möglichen Neuerung schwer getroffen, dabei ist die Änderung wohl kaum derart gravierend. Das Schlagwort „Werbung“ mag suggerieren, dass uns zwischen Folgen von „Stranger Things“, „Orange Is the New Black“ und Co. jetzt Clips über den freundlichen Marken-Discounter von nebenan und sein ungesalzenes Streichfett erwarten.

 

Werbung bei Netflix: Was genau ist passiert?

In Wahrheit schlägt Netflix lediglich seine eigenen Inhalte vor und diese kurzen Clips kann der Nutzer jederzeit überspringen. Anfangs funktionierte dies noch nicht bei allen, der Streaming-Dienst hat das Problem jedoch mittlerweile behoben. Entsprechend benutzerfreundlich ist die Neuerung im Vergleich zu anderen Streaming-Diensten, wo einen immer vor jedem neuen Inhalt ein meist halbminütiges Werbevideo erwartet, das man nicht überspringen kann.

Wer stundenlang eine einzelne Serie hintereinander bingen möchte, wird sich von den Clips vermutlich gestört fühlen. Sie unterbrechen die immersive Erfahrung, keine Frage. Die wirkliche Beeinträchtigung im Seherlebnis hält sich aber wohl doch in Grenzen. Oder regt sich jemand fünf Minuten später in der neuen Folge tatsächlich noch darüber auf, dass er eben einmal klicken musste, um eine Werbung für ein anderes Netflix-Format überspringen zu müssen?

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„Aber ich zahle doch schon!“

Ein gerne gemachter Vorwurf lautet darüber hinaus: „Warum soll ich mir Werbung ansehen, wenn ich schon Geld für diesen Streaming-Dienst zahle?“. Erst einmal: Netflix schaltet eben keine Werbung für andere Produkte, entsprechend erhalten sie nicht direkt Geld. Insgesamt sollte man aber wohl einmal den Abo-Preis, der teilweise weniger als ein einziger Kinobesuch kostet, den Ausgaben von Netflix gegenüberstellen. Im Jahr 2018 wollte Netflix laut eigenen Aussagen 8 Milliarden US-Dollar in neue Filme und Serien investieren, angeblich sollen es sogar 12 bis 13 Milliarden US-Dollar sein.

Ungefähr so viel Geld wird Netflix 2018 vermutlich einnehmen, im ersten Quartal lag der Umsatz bei 3,7 Milliarden US-Dollar. Dieser Umsatz wird also mehr oder weniger in neue Inhalte investiert, zusätzlich kommen Ausgaben für Serien und Filme von anderen Anbietern, für die Netflix die Rechte einkaufen muss. Ganz zu schweigen von den Ausgaben für die Angestellten, die vermutlich nicht umsonst arbeiten möchten.

Wenn Netflix dann Werbung für eigene Inhalte schalten möchte, um Nutzer länger auf der Seite zu halten, sollte dies für den derzeit annehmbaren Preis eines Abonnements verschmerzbar sein. Forderungen, die Werbung wegzulassen und dafür die monatlichen Kosten zu erhöhen, sind zwar eine Lösung, allerdings eine ziemlich egoistische.

Auch wenn die Kosten im Verhältnis zum Angebot überschaubar sind, müssen die 10,99 Euro für das Standard-Paket auch erst einmal gezahlt werden. Diese Ausgaben direkt um beispielsweise fünf Euro zu erhöhen, mag für viele kein Problem sein, schränkt andere finanziell aber doch merklich ein. Entsprechend sollten wir alle einen Klick zwischen einzelnen Folgen tolerieren können. Zumal die Netflix-Werbung aktuell nur ein Test ist und euch vielleicht eine Serie in den Werbungen vorgeschlagen wird, die euch am Ende tatsächlich gefällt. Aber dann wäre die ganze Aufregung wieder fehlgeleitet und wer möchte das schon?

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